Venedig aus der Ferne
Text und Fotos: Nadine Kühn
Jeder kennt Venedig – die Lagunenstadt mit den kleinen Brücken, den vielen Kanälen und ihrem „aqua alta“. Weniger bekannt sind die vielen kleinen Inseln rund um die Lagune, die mit ihrem Charme durchaus mit der großen Schwester mithalten können.

Besonders in der herbstlichen Nachsaison bietet die obere Adria ihren Besuchern ein ganz besonderes Flair. Nach dem sommerlichen Ansturm auf Seufzerbrücke und Markusplatz kehrt Ruhe und Gelassenheit zurück. Ein kurzer Blick über den Tellerrand Venedigs hinaus offenbart zudem ungeahnte Reisefreuden.

Häuser am Kanal in Chioggia
Fernab des Trubels bietet Chioggia ein ähnliches Bild wie Venedig – nur eben sehr viel kleiner! Das altmodisch anmutende Städtchen ist geprägt von kleinen Brücken und träge dahin fließenden Kanälen, die von vielen Booten gesäumt werden. Eilig scheint es hier keiner zu haben. Nur auf dem Fischmarkt im Herzen des Städtchens geht es hoch her. Lautstark und mit wilder Gestik wird um den niedrigsten Preis für ein Kilo frische, schwarz glänzende Miesmuscheln gefeilscht. Staunend bleiben Kinder vor einem geöffneten Haikopf mit furchteinflößenden Zähnen stehen.

Auf dem Fischmarkt in Chioggia
Am etwas außerhalb liegenden Strand, der Sotto Marina, an dem auch die großen Hotelkomplexe beheimatet sind, werden die inzwischen verwaisten Liegestühle abgeräumt. Kein Grund zur Panik, denn das Wasser ist noch immer angenehm warm und lädt zum Baden ein. Nur Brigitte, unsere Reiseleiterin, schüttelt ob soviel Begeisterung den Kopf. „Kein Einheimischer würde sich bei diesen Temperaturen ins Wasser wagen – viel zu kalt!“, lässt sie uns wissen.
Wer eher Ruhe und Natur als Ausgleich zum venezianischen Stadtleben sucht, ist in Caorle richtig. Der weltberühmte Autor Ernest Hemingway, der in der weitläufigen Lagune auf Entenjagd ging, beschreibt diese wunderschöne Landschaft in seinem Werk „Über den Fluss und in die Wälder“. Wer auf Hemingways Spuren wandeln will, der kann bei einem Ausflug in das weitverzweigte Kanalnetz noch das Herrenhaus des venezianischen Barons Raimondo Franchetti bewundern, der Hemingway beherbergte. Wer die Gegend aus dem Blickwinkel verschiedener Literaten erleben möchte, der sollte beim Tourismusbüro nach der Broschüre „Literarischer Streifzug durch das östliche Venedig“ fragen.

Turm in Caorle
Doch auch ohne literarische Untermalung ist eine Bootstour im Schilf der Lagune ein Abenteuer. Außer dem Tuckern des Bootsmotors und dem empörten Gezwitscher der Wasservögel ist im Schilf kaum ein Laut zu hören. Carlo, der das Boot steuert, zeigt uns versteckte Brutplätze im undurchdringlich wirkenden Ästegewirr und weist auf Fische hin, die als schwarze Schatten unter dem Boot erkennbar sind. „In diesem Schilf sind schon viele Kinder entstanden!“, erklärt er uns in einem italienisch-englischem Sprachengemisch und fügt verschmitzt grinsend hinzu: „Auch meine“.

Casoni
Eine Besonderheit der Gegend sind die schilfgedeckten Häuser, Casoni genannt. In diesen Hütten dicht an der Küste verbrachten früher Fischer die Fischfangmonate. Und auch heute halten noch einige von ihnen an dieser Tradition fest. Flavio, ein Fischer der in Caorle auch ein Restaurant führt, hat in seiner Hütte den frischen Fang zubereitet. Beim Betreten des Casonis fällt der Blick zunächst auf die riesige Feuerstelle im hinteren Teil der Hütte. Hier brutzeln schon diverse Fische auf dem Grill und verbreiten einen herrlichen Duft. In einem Topf auf dem improvisierten Gasherd erwarten uns Miesmuscheln in Tomatensauce. Dass diese auf einfachen Plastiktellern gereicht werden stört niemanden. Gegessen wir mit den Fingern und sowohl die Muscheln als auch die kleinen Makrelen und Tintenfische vom Grill munden auf diese Art noch einmal so gut.

Verzierungen an der Strandpromenade in Caorle
Nach dem reichlichen Essen lädt die sandige Buch der Lagune mit ihrem seichten Wasser zum Baden oder zu langen Strandspaziergängen ein. Überall liegen Muschelschalen herum und bilden im Sand interessante Muster. Wer Kinder hat, der wird ohne ein halbes Kilo Muscheln kaum nach Hause fahren und sollte Platz im Koffer reservieren.
Bevor es mit dem Boot wieder zurück zum Hafen geht, steuert Carlo auf das offene Meer hinaus. Manchmal kann man hier Delfine sehen, erzählt er. Von nun an schauen sämtliche Augenpaare wie gebannt aufs Wasser.
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