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Wenn Esel streiken

Zum ältesten Palio Italiens nach Ferrara

Text und Fotos: Ulrich Traub

Wer bei der Nennung des Namens dieser italienischen Stadt an eine noble Auto-marke denkt, liegt völlig falsch. Ferrara ist eine Hochburg der Fahrräder, so etwas wie das Amsterdam der Emilia-Romagna. Die Drahtesel bestimmen den Rhythmus der traditionsreichen Stadt – bis auf eine Ausnahme. Im Mai steht Ferrara im Zeichen des Palio, dem historischen Wettkampf, bei dem die Stadtviertel im friedlichen Wettkampf ihre Kräfte messen.

Italien - Ferrara - Höhepunkt des ältesten Palio: das Pferderennen. In den Farben der acht Stadtviertel reiten die Jockeys ihre sattellosen Pferde

Höhepunkt des ältesten Palio: das Pferderennen. In den Farben der acht Stadtviertel reiten die Jockeys ihre sattellosen Pferde

Palio, gibt es den nicht auch in Siena? Richtig, doch der in Ferrara ist der älteste in Italien. Seine Wurzeln liegen im Jahr 1259. Seinerzeit wurde der Sieg über einen Feind gefeiert. „Die Este haben zwei Jahrhunderte später unseren Palio zu dem gemacht, was er noch heute ist – viel mehr als nur ein Pferderennen“, erzählt Daniele Cirelli. „Die Wettkämpfe, bei denen jeder mitmachen konnte, und die dazu gehörenden Feste fanden zu Ehren der Stadtregenten und zur Unterhaltung der Bewohner statt.“ Das reiche Fürstengeschlecht der Este, das Ferrara auch städtebaulich geprägt hat, gehörte zur Zeit der Renaissance zu den einflussreichsten Familien Italiens.

„Ich bin, seitdem ich denken kann, im Palio aktiv“, erklärt Cirelli. „Es stärkt den Zusammenhalt der Bewohner im Viertel.“ Seine Heimat ist Santo Spirito. Am Vorabend wird in den einzelnen Stadtteilen bis tief in die Nacht gefeiert. Dann werden die Aktiven vorgestellt und „Schlachtengesänge“ angestimmt. Und es werden traditionell Cappellacci gereicht, Teigtaschen mit Kürbis und Parmesan gefüllt, eine Spezialiät Ferraras. „Wir rechnen uns gute Chancen beim Palio aus“, gibt sich Daniele Cirelli zuversichtlich, „wir haben dieses Jahr einen starken Jockey.“

Italien - Ferrara - Vor der Parade zeigen die Fahnenschwinger der einzelnen Stadtteile am Castello ihr Können

Vor der Parade zeigen die Fahnenschwinger der einzelnen Stadtteile am Castello ihr Können

Am Tag des Wettkampfes ist das historische Zentrum, das die Unesco schon seit 1995 als beispielhafte Stadt der Renaissance zum Weltkulturerbe zählt, Aufmarschierfeld der Abordnungen der acht Rioni und Borghi, wie die Viertel hier genannt werden. T-Shirts, kurze Röcke und Jeans wurden gegen lange Gewänder und bunte Beinkleider getauscht. Der Zug nimmt Aufstellung im Innenhof des burgähnlichen Castello Estense. Der Sitz der Este, ausgestattet mit Graben, Ziehbrücken und Wehrtürmen, erzählt noch von der Furcht der Familie vor der eigenen Bevölkerung.

Italien - Ferrara - Die Abordnung des Rione Santo Spirito formiert sich im Innenhof des Castellos

Die Abordnung des Rione Santo Spirito formiert sich im Innenhof des Castellos

Begleitet werden die farbenfrohen Gruppen mit Rittern und Hofdamen von Fahnenschwingern und Musikern. Schaulustige, von denen viele Tücher in den Farben ihres Stadtviertels tragen, verfolgen die Parade. Über eine breite Prachtstraße, die von zahlreichen Renaissance-Palazzi gesäumt wird, unter denen der „Diamantenpalast“, der seinen Namen den 8.500 spitzen Marmorsteinen auf der Fassade verdankt, der auffälligste ist (heute Museum für Moderne Kunst), erreicht der Zug die Piazza Ariostea. Auf dem historischen Platz befindet sich das sandige, 333 Meter runde Oval, in dem der Palio stattfindet.

Italien - Ferrara - Der so genannte Diamantenpalast verdankt seinen Namen den 8.500 Marmorsteinen an seiner Fassade

Der so genannte Diamantenpalast verdankt seinen Namen den 8.500 Marmorsteinen an seiner Fassade

Auf einem Podest in der Mitte der Arena thronen die Vertreter der Oberschicht im festlichen Ornat. Die Zuschauertribünen sind fest in der Hand der Fangruppen. Vier Palii, aufwändig ornamentierte, fahnenähnliche Stoffbilder für die Sieger, die dem Wettkampf seinen Namen gegeben haben, werden präsentiert. Und dann ertönen auch schon die Fanfaren für das erste Rennen. Alle Aktiven treten in den Farben des Viertels an. In zwei Rennen laufen erst Jungen und Mädchen um die Wette. Dann kommt ein Höhepunkt, das Esel-Rennen. Es dauert etwas, bis sich die störrischen Vierbeiner damit arrangiert haben, einen Jockey durch die Arena tragen zu müssen. Auch die richtige Richtung einzuschlagen, bereitet Schwierigkeiten. Ein Reiter muss entnervt sein Rennen abbrechen – was ganz nach dem Geschmack der gegnerischen Fans ist.

Italien - Ferrara - Störrische Esel: Nicht jeder Vierbeiner will so wie sein Reiter

Störrische Esel: Nicht jeder Vierbeiner will so wie sein Reiter

Danach betreten die Jockeys und Pferde des Hauptrennens unter Begeisterungsstürmen das Oval. Die Hymnen der Viertel werden angestimmt. Die Spannung steigt. Vor dem Start ist es mucksmäuschenstill, danach will man die ohne Sattel reitenden Jockeys zum Sieg brüllen. Und kurz darauf ist alles vorbei, der Palio entschieden. Nur drei Runden müssen Pferd und Reiter absolvieren. Daniele Cirelli, der das goldgrüne Gewand seines Viertels trägt, hat leider nicht Recht behalten. Santo Spirito landete auf den Plätzen. „Aber mehr als der Sieg zählt, dass die Tradition gewonnen hat.“ Und während der Gewinner des Palio auf den Schultern seiner Mannschaft durch die Arena getragen wird, rüsten sich die Geschlagenen zum Aufbruch. Gesungen wird trotzdem. „Nächstes Jahr sind wir dran“, gibt sich Daniele schon wieder siegessicher.

Italien - Ferrara - Eine Abordnung in Renaissancegewändern schreitet mit dem Palio, dem Stofftuch für den Sieger des Pferderennens, zur Ehrung

Eine Abordnung in Renaissancegewändern schreitet mit dem Palio, dem Stofftuch für den Sieger des Pferderennens, zur Ehrung

Ferrara ist jedoch nicht nur die Stadt des ältesten Palio. Auch die 40 Kirchen im historischen, von Mauern bewachten Zentrum sind rekordverdächtig. Vor dem Palio sind die Kirchhöfe die Hauptquartiere der Teilnehmer. Hier kann man nicht selten die letzten Vorbereitungen erleben. Die Prunkgewänder, in denen man ganz schön ins Schwitzen kommen kann, werden angelegt. Die Männer stoßen aufgeregt schon mal ins Horn, während den Frauen die Haare hochgesteckt werden, wie es zur Zeit der Renaissance üblich war.

Italien - Ferrara - Mittelpunkt der Altstadt, die romanisch-gotische Kathedrale. Hier wird Anfang Mai eine Messe für die Teilnehmer des Palio gelesen

Mittelpunkt der Altstadt, die romanisch-gotische Kathedrale. Hier wird Anfang Mai eine Messe für die Teilnehmer des Palio gelesen

Die Kirchen wetteifern angeführt von der romanisch-gotischen Kathedrale, deren Fassade mit ihrem reichen Schmuck zu intensiven Betrachtungen auffordert, mit den vielen Palazzi. Museen und die Universität haben in den alten Gemäuern ihr Zuhause gefunden. Der Palazzo Schifanoia ist für Palio-Freunde ein besonderes Ziel. Wer aufmerksam die Wandmalereien im „Saal der Monate“ betrachtet, wird nicht schlecht staunen. Honorige Männer reiten da auf Eseln, andere üben sich im Wettlauf – unter den Augen der Este-Familie. Der Freskenzyklus aus dem 15. Jahrhundert ist einer der berühmtesten der Renaissance und das älteste Zeugnis des Palio von Ferrara. So eng können Gegenwart und Vergangenheit verbunden sein.

Italien - Ferrara - Nach dem Wettkampf schmückt die Fahne des Viertels, das das Pferderennen gewonnn hat, die Fassade des historischen Rathauses

Nach dem Wettkampf schmückt die Fahne des Viertels, das das Pferderennen gewonnn hat, die Fassade des historischen Rathauses

An der Rathausfassade flattern in den Tagen nach dem Palio die Fahnen der Viertel, die in den vier Wettkämpfen siegreich waren. Davor holpern die Radler aus den Gassen des Mittelalters zu den Corsi der Renaissance. Nebenan in der ältesten Weinbar der Welt, die seit dem 15. Jahrhundert im Schatten der Kathedrale liegt, treffen sich Jung und Alt. Das historische Ferrara ist auch das moderne. Und der ein oder andere denkt bestimmt schon wieder an den nächsten Palio.

Reiseinformationen

Information
Italienische Zentrale für Tourismus: 069/237434,
www.ferraraterraeacqua.it
www.paliodiferrara.it
www.emiliaromagnaturismo.it, www.visitemiliaromagna.de

Unterkunft
„Dolce Mela“, Bed & Breakfast im Mittelalterviertel Ferraras, www.dolcemela.it

 

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