Dharavi- das heimliche Herz

 

Text: Karola Körber
Fotos: Reality Tours

Langsam entfaltet sich das glamouröse Mumbai vor einem. Die Skyline aus modernen Hochhäusern und Firmenkomplexen reiht sich glänzend und glitzernd wie eine Perlenkette am Meer entlang auf. Die Kette der Königin, wird das Antlitz von Mumbai auch genannt, es erinnert an New York. In Mumbai sind die Bollywood Stars und Indiens Geldadel zuhause, aber die Vorzeigestadt hat ein Geheimnis, das sie tief in ihrer Mitte verbirgt: Im Herzen der Stadt, nur zehn Minuten vom Zentrum entfernt, liegt einer der größten Slums der Welt, berühmt geworden durch den Hollywoodfilm Slumdog Millionär: Dharavi, die Schattenstadt.

Indien - über den Dächern von Dharavis Plastikrecyclingstätte

Über den Dächern von Dharavis Plastikrecyclingstätte © Reality Tours

Ich will wissen, wie die Menschen hier leben, nur wenige Meter entfernt von den Bollywood-Stars und den Geldfürsten. Mein Reiseleiter Chetan, genannt „Champ“, lebte selbst sieben Jahre in Dharavi. Heute ist er 27, studiert und führt nebenher Touristen durch den Slum. „Reality Tours“ heißt die Agentur, die das anbietet. Wer für das Unternehmen arbeiten will, muss selbst einmal in Dharavi gewohnt haben.

Tiefschwarzes, zähflüssiges Wasser gurgelt zu unseren Füßen. Müll treibt vorbei, die glitschen Wasserrohre die am Boden verlaufen machen es einem schwer Halt zu finden. Es ist schon sehr heiß am frühen Morgen, die Luft steht in den engen Gassen und lässt den Schweiß in Bächen herunterrinnen, alles schreit nach Müßiggang. Dharavi aber ist geschäftig und brummt wie ein Bienenstock. Wohin man schaut wird gehämmert, geschraubt und geschweißt. Es riecht nach verbranntem Plastik, der Ruß treibt einem die Tränen in die Augen. Willkommen im heimlichen Herzen Mumbais.

Indien - Mumbai - enge Gasse in Dharavi

Enge Gasse in Dharavi © Reality Tours

Dharavi ist einer von etwa 2000 Slums in Mumbai. Mehr als eine Million Menschen leben hier, dicht gedrängt auf zwei Quadratkilometern. Das Land, auf dem Dharavi steht, gehört der Regierung, erklärt Champ. Die meisten Behausungen in Dharavi aber sind illegal erbaut worden. Ein Stück Land im Herzen Mumbais was nicht sein darf, per Definition macht das Dharavi zum Slum. Dharavi ist eingeklemmt zwischen Bahnstrecken, die am südlichen Ende schmal zusammenlaufen. Im Norden wird es vom restlichen Mumbai bedrängt. „Von oben betrachtet sieht Dharavi dadurch sogar aus wie ein Herz“, sagt Champ nicht ohne Stolz. Er will „seinen Slum“ fremden Menschen zeigen, damit sie Dharavi mit anderen Augen sehen. Der Film „Slumdog Millionär“ hat Dharavi über die Grenzen Indiens hinaus berühmt gemacht, aber Chetan und die meisten Bewohner Dharavis mögen ihn nicht. Er zeigt nur die ärmsten Ecken. Zudem wurden die meisten Szenen auch nicht im Slum, sondern im Studio gedreht. „Das Dharavi im Film ist nicht das echte Dharavi“, sagt Chetan.

Indien  - Dharavi bei Mumbai - Männer beim Recyceln von Plastik

Männer beim Recyceln von Plastik © Reality Tours

So wie das Industrieviertel, der geschäftige Bienenstock Dharavis, in dessen Mitte wir stehen. Mit dem Armutsbild des Hollywoodfilms hat das nicht viel zu tun. Keine Lethargie, keine bettelnden Kinder, sondern geschäftiges Treiben in den kleinen Gassen. Immer wieder kommen uns Männer mit riesigen Säcken voller Plastikmüll auf dem Kopf entgegen, sie bewegen sich zielsicher wie Seilakrobaten auf den wackeligen Bodenplatten. Etwa 10.000 verschiedene Mini- Fabriken und Werkstätten gibt es hier, sie alle produzieren für die Stadt, für Indien, einige exportieren sogar ins Ausland. Die größte Industrie ist das Kunststoff-Recycling. In Dharavi wird der gesamte Plastikmüll Mumbais zu winzigen Kügelchen, sogenannten Pellets verarbeitet. Auf die Art werden täglich 10 Tonnen recycelt, um daraus Computerteile und Handyhüllen entstehen zu lassen. In kleinen Baracken, die zu Werkstätten umfunktioniert sind, werden Lenkräder, Autoteile und komplette Ventilatoren auseinandergenommen und in wiederverwertbare Einzelteile zerlegt. Die Männer schlafen meist auch in den Werkstätten, zu weit wäre der Weg durch Dharavis Labyrinth zu ihrer Arbeit. Auch Frauen und Kinder schuften in Dharavis Industrieviertel. Ohne sie wäre Mumbai verloren, es wäre nicht die glänzende, reiche Metropole, denn allein in Dharavi werden jährlich etwa 700 Millionen Euro umgesetzt. Mumbais Luxushotels, Restaurants, Bekleidungsgeschäfte - sie alle lassen in Dharavi waschen, backen, kochen, produzieren. Mumbais Herz, es schlägt immer schneller.

Indien - Dharavi bei Mumbai - Werkstätte im Industrieviertel

Werkstätte im Industrieviertel © Reality Tours

"Chello", ruft Chetan, auf geht‘s. Die Reise geht weiter in Dharavis Wohnviertel. Der Untergrund wird rutschiger, man muss schon von Betonplatte zu Betonplatte springen, um nicht mit den Füßen im Abwasser zu stehen. Die Gassen werden schmaler, die Häuser schlucken das Licht. Der beißende Rauchgeruch des Industrieviertels weicht dem dumpfen Geruch von Abwasser. „Bitte habt Respekt vor den Menschen die hier leben, haltet euch nicht die Nase zu“, ermahnt uns Chetan, bevor er in eine Gasse abtaucht und von völliger Dunkelheit geschluckt wird. Wir tasten unseren Weg hinterher, Dharavi verschluckt uns. Rechts und links schauen neugierige Augen aus kleinen Betonhütten, in denen sich ganze Familien ein winziges Zimmer teilen. Ohne Toilette, ohne fließendes Wasser. 1500 Menschen teilen sich hier eine Toilette, erzählt Champ. In meinem Kopf tauchen die Hollywoodbilder kurz auf. Hinter der nächsten Biegung weitet sich die Gasse plötzlich zu einem großen Platz. In der Mitte backen Frauen Papads, hauchdünne, knusprige Brote für eine Bäckerei in der Stadt. Aus einigen Behausungen weht uns der Geruch von Essen entgegen, Chilis und Koriander liegen am Straßenrand und werden bündelweise zum Verkauf angeboten. Frauen hängen farbenfrohe Saris auf, es pulsiert, die Farben der Kleider und der bunt bemalten Häuser explodieren. In einem kleinen Tempel klingelt der Priester ein Glöckchen zum religiösen Ritual. Wir sind im hinduistischen Viertel. Was für Menschen in Dharavi leben, will ich wissen. „Menschen wie ich“, lacht Chetan. Nämlich nicht nur die Ärmsten der Armen, sondern Angestellte, Anwälte, Lehrer, sogar Banker – oft bereits in der dritten Generation. In Dharavi, heißt es, haben die Bewohner den Slum mit ihren eigenen Händen erbaut.

Indien - Mumbai - Dharavis Wohnviertel (hinduistisches Viertel)

Im hinduistischen Viertel in Dharavi © Reality Tours

Doch ihr Zuhause ist bedroht: Dharavi ist begehrtes und umstrittenes Land, Mumbai gilt als die reichste Stadt Indiens. Nirgends sind die Immobilienpreise höher als hier, freie Wohnfläche im Zentrum ist nahezu nicht vorhanden, erst recht kein Bauland. Dharavi, im Zentrum Mumbais gelegen, macht das zu einer wahren Immobilien-Goldmine. Die illegalen Behausungen können jederzeit abgerissen werden. Die Stadtverwaltung unternimmt seit vielen Jahren einiges, um den Slum zu „verschönern“ und neues Bauland zu gewinnen. Sie erlaubte unter anderem privaten Investoren, Land in Dharavi zu erwerben, um dort Apartmenthäuser zu errichten – unter der Bedingung, dass einige Appartements den Bewohnern Dharavis überlassen werden. Die können sich die Mieten allerdings nicht leisten. Viele haben dagegen rebelliert, gebracht hat es nur wenig.

Auch die mehrstöckigen Sozialwohnungen, die von der Regierung gebaut wurden um die Bewohner an den Außenrändern Dharavis mietfrei umzusiedeln, mit Anschluss an Strom- und Wasserversorgung und funktionierendem Abwassersytem, sind für viele Bewohner keine Lösung: Die Appartements sind zwar mietfrei, die laufenden Kosten aber zu teuer. „Das ist so, als ob man diesen Menschen einen BMW schenkt. Sie fahren ihn so lange, bis der Tank leer ist und haben dann kein Geld mehr ihn aufzufüllen.“ Chetans Augen blinzeln zynisch. Der Plan ist auch deshalb gescheitert, weil der industrielle Teil Dharavis nicht mit mehrstöckigen Appartementkomplexen vereinbar ist. Wie sollen in einem dritten Stock Plastik recycelt, Lederwerkstätten, oder Bäckereien Platz haben? Die Bewohner können es sich auch nicht leisten, jeden Tag kilometerweit von ihrem Appartement in die Werkstatt zu fahren. Die Industrie, das Herz Mumbais, es würde aus dem Takt kommen und all das, was sich über Jahrzehnte aufgebaut hat, wäre verloren. Der Plan der Regierung geht an der Realität der Bewohner Dharavis vorbei. Chetan lächelt traurig. „Die Menschen hier wollen nicht weg. Sie wollen in Dharavi bleiben“.

Indien - Mumbai - Mann im Industrieviertel von Dharavi

Mann im Industrieviertel von Dharavi © Reality Tours

Wir überqueren die Hauptstraße und nähern uns dem Ende der Tour. Chetan zeigt das Töpferviertel immer zum Schluss, für ihn ist es ein Höhepunkt. Er ist auf dieses Viertel besonders stolz, weil es das älteste und auch eines der reichsten Viertel Dharavis ist. Die lockeren Bodenplatten sind einem sauberen, festen Untergrund aus Sand gewichen, überall trocknen Tonkrüge und –schüsseln. Anstelle der winzigen Betonbaracken stehen hier mehrstöckige Häuser mit bunt bemalten Fensterläden und schmiedeeisernen Toren. Der Ton und der Sandboden tauchen das Viertel in ein blasses Ocker, es riecht angenehm nach Rauch aus den Brennöfen. Einige der Häuser hier sind legal erbaut worden. Ihre Bewohner müssen nicht befürchten, dass sie jeden Tag abgerissen werden könnten. Chetan hatte Recht: Dharavi ist nicht nur Slumdog Millionär. Es ist reich und arm, laut und leise, bunt wie die Saris der Frauen, grau wie die Betonbaracken der Werkstätten und ockerfarben wie Sand und Ton. Dharavi ist ein Mikrokosmos. Dharavi ist Indien. Dharavi ist Heimat. Die Menschen aus der Schattenstadt lassen sich nicht vertreiben. So wie Chetan. Er zog weg, um wiederzukommen. Er lächelt, in einer ausladenden Geste lässt er seine Hand über das ockerfarbene Töpferviertel schweifen als würde es ihm gehören: „Das hätten sie mal im Film zeigen sollen“.

 

Touranbieter: http://realitytoursandtravel.com

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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