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Auf den Spuren der Havelis

Unterwegs in Rajasthan (Indien) 

Text und Fotos: Markus Howest

 

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Rajasthan ist berühmt für seine prächtigen Paläste und Wehranlagen der Maharadschas. Weniger bekannt sind die Havelis. Manche der schmuckvollen Kaufmannshäuser gleichen Ruinen, andere erstrahlen im frisch restaurierten Glanz.

Indien - Reiseleiter Vipin Agarwal
Reiseleiter Vipin Agarwal

Von links rattert ein Tuc Tuc, von rechts ächzt ein Rikschafahrer, von vorne knattert ein LKW und dröhnt sein schrilles Horn. In der Mitte der holprigen Straße sitzt eine Kuh und kaut – sie weiß, wie heilig sie ist. Ein Dauer-Hupkonzert in den unterschiedlichsten Klangfarben begleitet den Besucher auf seinem Weg durch die Stadt. Ein „Angriff auf die Sinne“ nennt Reiseleiter Vipin Agarwal den Spaziergang durch die Straßen von Jodhpur (1), einer Millionenstadt im Nordwesten Rajastans. „Sie heißt auch die blaue Stadt“, verrät der Maharadscha-Experte. Blau? Mit ihren blau gefärbten Häuser unterscheide sie sich von anderen Städten wie der weißen Stadt Udaipur, der „Pink City“ Jaipur oder dem goldfarbenen Jaisalmer.

Wie sie lebten und welchen Ritualen die Maharadschas huldigten – das demonstrieren die Besuche in den gigantischen Palastanlagen. Doch was den Maharadschas ihre Paläste, war den Kaufleuten ihre Havelis, jene Häuser aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in denen die Kaufleute lebten und ihre Besucher empfingen. Anders als die Paläste verfallen und verrotten die Havelis heute, auch wenn einige wenige ihrer Besitzer sie hingebungsvoll restaurieren und pflegen. „Schon wegen der hohen Kosten bleibt dies aber eher die Ausnahme“, bedauert Vipin, der ein Herz für die Havelis hat.

Indien - Restaurierter Haveliinnenhof in Navalgarh
Restaurierter Haveliinnenhof in Navalgarh

Wie es wirklich um die Kulturschätze steht, verdeutlicht die Stadt Navalgarh (2) in der Shekawati-Region. Hier stehen sie: Prachtvolle schöne Bauwerke mit üppigen Innenhöfen und unzähligen Säulen und Fresken mit Tier- und Kolonialmotiven, an denen der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlassen hat. „Die Einwohner sind sich des besonderen Kulturschatzes ihres Ortes oft nicht bewusst“, erklärt Vipin. Und tatsächlich liegt eine gewisse Lethargie über dem Ort. Männer sitzen auf den Zufahrtsrampen der Havelis, wo einst die Kamelherden nach langer Reise ankamen. Sie lesen Zeitung oder beobachten teilnahmslos das Geschehen auf der Straße. Andere sitzen dösend rund um einen Brunnen, der mit seinen vier Türmen inmitten des Ortes emporragt. „Er zeigte den Karawanen, die aus der Wüste kamen, den Weg zur Wasserstelle“, weiß Vipin über das markante Bauwerk zu berichten, das sich wie eine Trutzburg dem Verfall entgegenstellt.

Indien - Wasserstelle in Navalgarh
Wasserstelle in Navalgarh

Einst seien die Havelis zu einem niedrigen Preis in die Hände von Käufern gelangt, auf Dauer fehlte ihnen aber das Geld für die aufwändigen Sanierungen, fasst Vipin in perfektem Deutsch das Dilemma zusammen. Auch Denkmalschutzorganisationen hätten bisher wenig erreicht. Einen Lichtblick gibt es aber doch: In dem ehemaligen Haveli und heutigen Museum von Navalgarh sieht der Besucher die typischen Trachten der Kaufleute, macht sich ein Bild vom täglichen Leben in den Havelis, und erfährt wie die Aufgaben zwischen Mann und Frau verteilt waren.

Indien - Havelimuseum Navalgarh
Havelimuseum Navalgarh

Auch in Fatehpur (3), dem nächsten Ort einer Rajasthan-Rundreise, lassen Havelis den Glanz vergangener Tage nur noch erahnen: Bei manchen ragt gerade mal die Fassade mit ihren verblassten Malereien hervor, dahinter nur Geröll und eingestürzte Mauern. Auch hier das gleiche Bild: Die Bewohner leben mit dem Verfall und wundern sich, dass Besucher die weite Reise nicht scheuen die verfallenen Häusern zu besichtigen. Immerhin: Ein Haveli ist zum Hindutempel mutiert, Opfergaben der Gläubigen könnten sein Leben verlängern.

Indien - Fünfteiliger Havelikomplex in Jaiselmar
Fünfteiliger Havelikomplex in Jaiselmar

Überleben können die Havelis am besten in der goldenen Wüstenstadt Jaisalmer (4), das wegen seiner gold schimmernden Sandsteinbauten so genannt wird. Vielleicht liegt es daran, vermutet Vipin, „dass Indira Gandhi einst per Hubschrauber über der Weltkulturerbestadt kreiste und aus der Luft einen großen fünfteiligen Gebäudekomplex in den Gassen der Stadt entdeckte.“ Selbst aus der Höhe habe sie den maroden Zustand des Havelis erkannt – sie war beeindruckt und besorgt zugleich. Anschließend machte sie die Havelis zur Chefsache: „Sie leitete die Restaurierung ein und sicherte dem indischen Staat Anteile “, berichtet Vipin.

Indien - Nathmal Ki Haveli in Jaisalmer
Nathmal Ki Haveli

Damit nicht genug. Die Wüstenstadt wartet, wohl auch dank der Gandhi-Initiative, mit weiteren Glanztaten einzelner auf. Etwa die liebevolle Eigenarbeit von Navneet Vyas: Er verwandelte sein Haveli in das Hotel Suray. Mit zusätzlichen Holzträgern hält er die Statik des Gebäudes aufrecht. Über Spenden finanziert er weitere Maßnahmen. Oder das Beispiel des Diwan Nathmal Ki Haveli, dessen heutiger Besitzer ein Urenkel des einstigen Premiers aus der Kolonialzeit (1885) ist: Nand Kishor Mehta finanziert sein Haveli mit hochwertigen Handarbeiten und Antiquitäten im hauseigenen Shop. „Die Substanz ist gut erhalten“, schwärmt der Besitzer, der mit seiner Familie selbst in dem Haus lebt. Stolz zeigt der geschäftstüchtige Haveli-Liebhaber die Geschenke und Andenken der einstigen Könige und Politiker, die der Urgroßvater in seinem Haus auszustellen pflegte. Darunter auch ein Porzellanrelief von König Ludwig dem II. aus Bayern. Ihm lag ja ohnehin als leidenschaftlicher Schlossbauherr an gediegenen Bauwerken. „Sicher hätte er noch eine Idee für die ein oder andere Erweiterung des Havelis gehabt“, meint Vipin schmunzelnd. Nun lebt der Märchenkönig fort in einem Haveli nahe der Wüste, und mit ihm die Granden der damaligen Politik - von King Edward bis Queen Victoria. 

Indien - Porzellanrelief von Ludwig II
Porzellanrelief von Ludwig II.



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