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Per Fahrrad und Fähren über Meer und Schären

Eine Radreise von Turku nach Stockholm

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Diese Radroute führt entlang des alten Postwegs über die Scandinavian Islands, das sind der Archipelago von Turku, die Åland-Inseln und die Stockholmer Schären. Der riesige finnisch-schwedische Schärengarten mit seinen rund 60.000 Inseln setzt auf nachhaltigen Tourismus und vermarktet sich grenzübergreifend. Radfahrern kommt die Route längs des alten Postwegs mit den Fahrradfähren gerade Recht.

Finnland - Typische Holzhäuser in Naantali
Typische Holzhäuser in Naantali

Turku (1), die fünftgrößte und älteste Stadt Finnlands, liegt an der Mündung des Aurajoki in die Ostsee und ist voller Menschen. Die erstmals 1229 urkundlich erwähnte Stadt gilt als Wiege der finnischen Kultur und auch das Nationalheiligtum, der gewaltige Dom zu Turku, steht hier. „Turku on fire“ ist das Motto der Kulturhauptstadt 2011. Feuer und Flamme bin ich auch für die Radroute, die zunächst nach Naantali (2) führt. Die sonnenscheinreichste finnische Stadt ist ein Kleinod an der Westküste mit einer historischen Altstadt voll alter Holzhäuschen, in denen Läden und gemütliche Kneipen zuhauf zu finden sind. Das Ganze wirkt wie eigens um den Yachthafen drapiert. Die Kleinsten tollen in der Muminwelt umher, die nilpferdartige Figuren von Tove Jansson in allen Formen und Farben zeigt. In Richtung des vorgelagerten Schärenmeers mit über 20.000 Inseln geht es vorbei an Kultaranta (3), dem Sommersitz der finnischen Präsidentin. „Sie macht dort gerade Ferien“, erklärt mir eine finnische Radfahrerin, „und empfängt Medwedew“. Der Garten kann besichtigt werden. Über die Brücke von Merimasku mit Blick auf die gigantische Meerenge gelange ich zum kleinen Fährhafen Teersalo (4). Kleine Boote dümpeln im Wasser, zwei Kneipen machen sich gegenseitig die Touristen streitig. Sonst passiert hier nicht viel. Man starrt aufs Meer hinaus und wartet auf die Fähre nach Hakkenpää. Die geht erst um drei, also ist Zeit für eine ausgiebige Mittagspause in einem der Holzhäuschen mit Blick auf Meer, Schiffe und Wellen. Es wird maritim, Möwen fiepen, Wind kühlt die erhitzte Haut.

Elchwarnung auf Taivassalo

Finnland - Schild: Achtung, Elche!

Auf Taivassalo (5) tauchen die ersten „Achtung, Elch!“-Schilder auf, und sogar die Bushaltestellen sehen aus wie kleine Mökki, wie kleine hölzerne Häuschen. Ein Kioski lockt ab und an vom Rad, doch allzu dicht gesät sind sie nicht. An diesem hier geht Eis in rauen Mengen weg, er liegt an einer idyllischen Badestelle mit Holzplanken. „W-Lan!“ verheißt außerdem ein Schild.

Finnland - auf Taivassalo
Auf Taivassalo

Im Gasthaus Roosa in Kustavi (6) kann man sogar in der Holzhütte eines ehemaligen Dorfgefängnisses übernachten. Die Durchreiche fürs Essen ist noch intakt. „Neulich hat hier ein junges Paar auf Hochzeitsreise übernachtet“, erzählt die nette Besitzerin, Tuija Virtanen, „die fanden das romantisch.“ Im angeschlossenen, liebevoll gestalteten Lokal kann man hervorragend schlemmen. „Kiitos“, murmele ich, danke auf Finnisch. Eine kleine Kabelfähre noch, dann wieder eine größere hinüber nach Brändö (7) und die dritte nach Jurmo (8) folgt auf dem Fuß. Die Fahne Ålands flattert nun im Wind, denn der Ostseearchipel Åland ist erreicht. Genau zwischen Finnland und Schweden gelegen umfasst er um die 6.500 Inseln. Die autonome zu Finnland gehörige Region ist eine Besonderheit. Man spricht Schwedisch,“tack“ muss es nunmehr heißen und nicht mehr „kiitos“. Außenpolitisch wird Åland jedoch von Finnland verwaltet. Das Gebiet ist autonom, demilitarisiert, hat eine eigene Flagge und gibt Briefmarken heraus. Auch eigene Fahrzeugkennzeichen sind zu erkennen.

Finnland - Leif Lundberg von Jurmo Tourismus mit kostenlosen Leihrädern auf Jurmo
Leif Lundberg von Jurmo Tourismus
mit kostenlosen Leihrädern auf Jurmo

Åländischer Pfannkuchen

Den Abstecher nach Jurmo sollte man nicht verpassen. Im Café hinter dem Fährhafen gibt es den leckersten Åländischen Pfannkuchen mit Pflaumenmus. Leihräder stehen am Hafen bereit, um über das kleine Eiland zu radeln. „Die sind kostenlos, und absperren müssen wir sie nicht!“, lacht Leif Lundberg von Jurmo-Tourismus. „Hier wird nicht geklaut.“ Dies ist etwas, was fast während der gesamten Reise angenehm auffällt: Man braucht sich um Rad oder Gepäck keine Sorgen zu machen.

Finnland - Åländischer Pfannkuchen mit Pflaumenmus
Åländischer Pfannkuchen mit Pflaumenmus

Wasser und Reifen – Über tausend Inseln musst du radeln

Auf Brandö geht es 23 Kilometer nach Torsholma (9), wo eine weitere für Radfahrer kostenlose Fähre wartet und nach Hummelvik (10) auf Vårdö führt. Es ist schon normal geworden, sich über Wasser und auf Reifen fortzubewegen in ständigem Wechsel. Schären, Klippen, Wald, Seen. Über tausend Inseln musst du radeln und dazwischen tausend Fahrradfähren benutzen. Manchmal steht ein dunkelrotbraunes, schwedenrotes Holzhaus mit weißen Fensterrahmen darauf und leuchtet in der Abendsonne, irgendwo mit Blick in den Sonnenuntergang eine hölzerne Hollywoodschaukel, eine Leiter führt vom runden rötlichen Granitfelsen aus ins Wasser, ein Boot ist vertäut. Langsam schlagen die Wellen gegen seinen Bug. „Mein Mann und ich machen hier vier Wochen Urlaub mit dem Boot“, erzählt eine Schwedin. Skärgårdsliv nennt sich das, und meint das gesellige und genießerische Leben in den Schären.

Schweden - Schloss Kastelholm
Schloss Kastelholm

Vorbei an einem bunt geschmückten Mittsommernachtsbaum und den Ruinen von Bomarsund führt der Weg direkt zum mittelalterlichen Schloss Kastelholm (11), dem einzigen Ålands, erstmals 1388 erwähnt. In der Ausstellung im Inneren ist u. a. eine Kinder-Ritterrüstung zu sehen, die im 16. Jahrhundert zu Ausbildungszwecken von 10-12-Jährigen genutzt wurde und stramme 14 kg wiegt. Gleich nebenan liegt das Freilichtmuseum Jan Kårlsgaden, das einen Einblick in das Landleben ab Ende des 19 Jahrhunderts gibt: Bauernhäuser, Ställe, Mühlen, eine Rauchsauna und ein Mittsommernachtsbaum. Wer mag, klettert nur ein Stück weiter runter vom Rad und hinauf zum Café Uffe På Berget mit herrlichem Blick über den Fjärsund.

Schweden - Freilichtmuseum Jan Karlsgården
Im Freilichtmuseum Jan Karlsgården

Ländlich geht es weiter bis Eckerö (12). Dort, im ehemaligen Post und Zollhaus ist heute ein Mini-Museum untergebracht, in dem ein Holzboot aus dem 19. Jahrhundert steht, mit dem die Post auf dem Postweg befördert wurde. Die so genannten Postrottemänner fuhren in Holzbooten übers Meer, zuletzt im Winter 1894/95. Einer der letzten, Mats Mattson, Eskilmatte genannt, meinte: „Wir segeln oder wir fahren, manchmal ziehen wir mit sechs Mann, wenn das Eis nicht hält, kriechen wir, denn die Post muss durch.“ Im angeschlossenen „Café Lugn og Ro“ (Ruhe und Stille) lässt sich trefflich bei Schokoladenspezialitäten über die Informationen sinnieren. Der Wind weht übers Land. Keiner spricht viel. Das alte Fischerdorf Käringsund (13) liegt um die Ecke, wo man auch nur für eine Nacht einen Bungalow mieten kann. Die Aussicht aufs Ålandische Meer ist weit. Darüber geht es morgen nach Grislehamn (14) in Schweden.

Schweden - Alte Postrotte im Museum im Post- und Zollhaus in Eckerö
Alte Postrotte im Museum im Post- und Zollhaus in Eckerö

Aufs schwedische Festland - Nach Stockholm!

Auf nach Schweden also, nach Grislehamn. Auffallend öfter radelt man nun an den ebenfalls ochsenblutfarben gestrichenen Holzhäusern vorbei. Hier auf dem schwedischen Festland scheint die Gegend dichter besiedelt zu sein. Den Fluss Väddoviken entlang geht es durch leicht welliges Land mit Wiesen, Kornfeldern und kleinen Wäldchen. Diese ländliche Region heißt Roslagen und erstreckt sich bis vor Stockholm. Im idyllischen mittelalterlichen Norrtälje (15) lohnt mindestens eine Übernachtung, um links und rechts des Flusses in netten Cafés einzukehren oder abends auf dem Restaurantschiff S/S Norrtelje, einem Dampfschiff, zu speisen.

Schweden - In Stockholm
In Stockholm

Die letzte Etappe führt nach Kapellskär (16) und wieder aufs Schiff durch die Schären bis an den Strömkajen in Stockholm (17). „The Capital of Scandinavia“ sei sie, steht eitel auf einem Schild zu lesen, und ist durchzogen von Radwegen. Leihräder stehen an allen Ecken und Enden bereit. Es pulst, die schwedische Hauptstadt ist voller Touristen. Zig Stände in der Drottninggatan bieten Pølser an, schlaff, weich und fett. Vom Aussehen her gehen sie als Wiener Würstchen durch, die Semmel dazu ist weich und süßlich. Das dunkle schwedische Brot schmeckt ebenfalls süß, die Butter dazu salzig. Massen schieben sich Richtung Gamla Stan, Altstadt. Ich lasse mich treiben. Eine Fahrt mit Wasser unterm Kiel und Asphalt unterm Reifen geht hier zu Ende, auf Schiffen und Fahrrädern über Schären und Meer.



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