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Tour 3:Durch die südliche Altstadt

Der Rundweg führt vom Altstädter Ring aus auf dem legendären Krönungsweg durch die enge Karlsgasse bis zu den Altstädter Brückentürmen. Danach ein Bummel durch die Gassen der südlichen Altstadt, vorbei an Bethlehemskapelle und Karolinum.


Karte Tour 3: Durch die südliche Altstadt

(1) Kleiner Ring (2) Zum Goldenen Tiger (3) Clam-Gallas-Palais (4 )Neues Rathaus(5) Clementinum (6) St. Clemenskirche (7) St. Salvatorkirche (8) Kreuzherrenkirche (9) Smetana-Museum (10) Betlehemskapelle (11) Haus der Herren von Kunstat und Podebrad (12) St. Martin an der Mauer (13) St. Galluskirche (14) Karolinum (15) Tyl-Theater

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Unmittelbar hinter dem Altstädter Rathaus liegt der Malé námestí, der intime "Kleine Ring" (1). Als mittelalterlicher Obstmarkt zählt er zu den ältesten Plätzen der Stadt. 1353 eröffnete hier ein gewisser Agostino aus Florenz die erste Apotheke Prags im Richter-Haus (Richeruv dum, Nr. 11). Auch die Häuser Im Paradies (Nr. 14), Zur Goldenen Lilie (Nr. 12), 1698 von Christoph Dientzenhofer erbaut, und Zur Goldenen Krone (Nr. 13) beherbergten Apotheken. Der kleine Renaissancebrunnen in der Platzmitte mit dem kunstvoll geschmiedeten Gitter stammt aus dem Jahre 1560, der vergoldete böhmische Löwe und der Engel wurden erst später hinzugefügt.

Auffällig ist die ornamentale Bemalung des Hauses Zu den drei weißen Rosen (Nr. 3), auch Rott-Haus genannt nach dem Besitzer einer Eisenwarenhandlung im Erdgeschoß. Es zeigt Szenen aus Handwerk und Landleben Ende des 19. Jhs. nach Vorlagen von Milolás Ales. In diesen Mauern wurde 1488 die erste tschechische Bibel gedruckt.

Dem Hauptstrom der Touristen folgend, der sich zielsicher gen Karlsbrücke bewegt, biegt man nun in die Karlova, die kleine Karlsgasse ab. Einst Hauptverbindung zwischen Altstadt und linkem Moldauufer und Teil des Krönungsweges über die Karlsbrücke zur Burg hinauf, ist die enge, kopfsteingepflasterte Gasse heute ganz auf den Tourismus ausgerichtet. Im Sommer kann es schon einmal passieren, dass Staus auftreten, doch trotz der vielen Geschäfte mit CDs, Spielzeug und Antiquitäten bleibt der historische Altstadtcharakter gewahrt.

Von der Ecke Karlova / Husova, wo eine leicht bekleidete Dame von der hölzernen Wand blickt, ist es nur ein kurzes Stück nach links in die Husova. Im Haus Nr. 17, Zum Goldenen Tiger (2) (U zlatého tygra), am Hauszeichen leicht zu erkennen, hat sich eine traditionelle Bierkneipe eingerichtet, wo sich im 19. Jh. noch ein berühmtes literarisches Café befunden hatte. Im Goldenen Tiger hatte der Schriftsteller Bohumil Hrabal seinen Stammplatz, auch die einstigen Präsidenten Václav Havel und Bill Clinton kamen schon einmal auf ein Bier vorbei.

Das Clam-Gallas-Palais (3) (Husova 20) zählt zu den monumentalsten Werken barocker Palastarchitektur in Prag. Einer der höchsten Staatsbeamten des Landes, der kaiserliche Botschafter und Vizekönig Neapels, Johann Wenzel Graf Gallas, hatte nach und nach eine Reihe von Bürgerhäusern aufgekauft, um sie durch einen seiner Stellung entsprechenden repräsentativen Palast ersetzten zu lassen. Der Wiener Architekt Bernhard Fischer von Erlach erarbeitete die Pläne des 1713 - 1729 errichteten Palastes, von Matthias Bernhard Braun stammen die bildhauerischen Arbeiten, darunter auch die mächtigen Atlantenpaare an beiden Portalen. Um dem wuchtigen Komplex die nötige Wirkung zu verschaffen, sollten eigentlich auch noch umliegende Häuser verschwinden, ein Plan, der glücklicherweise nicht mehr in die Tat umgesetzt wurde. Die Innenräume mit ihren aufwändigen Ausschmückungen und das schöne Treppenhaus sind nur während temporär stattfindender Ausstellungen und Konzerten der Öffentlichkeit zugänglich. Eine Markierung an der Hauswand neben dem rechten Atlantenpaar zeigt den Wasserstand der Moldau am 29.3.1845 an. Das bereits aus dem Mittelalter bekannte Problem der Überschwemmungen war also auch im 19. Jh. noch nicht gelöst.

Das Neue Rathaus am Marienplatz, Prag

Das Neue Rathaus am Marienplatz
Foto: Che [CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons

Bevor es weiter durch die Karlsgasse geht, lohnt ein kurzer Abstecher am Palais vorbei zum Mariánské namestí, dem Marienplatz, den ganz unterschiedliche Gebäude rahmen. Dem Clam-Gallas-Palais gegenüber steht der neoklassizistische Bau der Städtischen Bibliothek, gegenüber einem der Eingänge des Clementinums das Neue Rathaus (4), ein später Jugendstilbau, in den Jahren 1909 - 1912 nach Plänen von Oskar Polívka errichtet. Zwei überlebensgroße Statuen von Ladislav Saloun an den Fassadenecken stellen legendäre Gestalten der tschechischen Geschichte dar: Auf der rechten Seite der sagenumwobene Rabbi Löw, Schöpfer des Golem, links der "Eiserne Ritter". Dieser soll aus Eifersucht die Tochter eines Waffenschmieds getötet haben, und seither warte er hier auf Erlösung durch ein unschuldiges Mädchen. Reliefs und Figurengruppen an Balkon und Sims sind Werke von Josef Maratka und Stanislav Sucharda. Den kleinen Brunnen an der Südseite des Marienplatzes, im Volksmund "Terezka" genannt, schmückt eine Allegorie der Moldau von Wenzel Prachner aus dem Jahr 1812.

Zurück zur Karlsgasse. Dort, wo die Seminárská in die Karlova einmündet, zieht das mit reichem Stuck verzierte Renaissance-Haus Zum Goldenen Brunnen die Aufmerksamkeit auf sich. Aus Dankbarkeit für das Überleben der Pest ließ sein Besitzer an der Fassade die vier Pestheiligen anbringen, in dem goldenen Stern unterhalb des Fensters steht die Jungfrau Maria von Bunzlau.

Die beiden folgenden Häuser sind Schauplätze von "Premieren": Im Haus Zum blauen Hecht (Nr. 20) präsentierte 1907 das erste Prager Kino seine bewegten Bilder, im benachbarten Haus Zur goldenen Schlange (Nr. 18) wurde zum ersten Mal heißer Kaffee ausgeschenkt, allerdings bereits fast 200 Jahre früher - im Jahr 1714.

Bevor der riesige Komplex auf der anderen Straßenseite die Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt, ist noch ein weiteres Gebäude erwähnenswert. Im kleinen Häuschen Nr. 4 mit seinen Sgraffito-Resten wohnte von 1607-1612 der Astronom Johannes Kepler, dem bedeutende Entdeckungen zur Umlaufbahn der Planeten zu verdanken sind. Im Hof des Hauses blieb sogar noch der Turm erhalten, der ihm als Observatorium diente.

Die Kirchen und Gebäude an der Nordseite der Karlsgasse lassen kaum ahnen, welch riesiges Areal sich dahinter verbirgt. Das Clementinum (5) umfasst eine Fläche von zwei Hektar - nach der Burg der zweitgrößte Gebäudekomplex der Stadt. Kaiser Ferdinand I. (1526-1564) hatte im Zuge der Rekatholisierung des Landes im Jahr 1556 Jesuiten in die Stadt geholt: Unter Führung des damals weithin bekannten Abtes Peter Canisius, den man auch den "Zweiten Apostel Deutschlands" nannte, sollte die Gegenreformation in Gang gesetzt werden. Neben sehr handgreiflichen Methoden wie z.B. der Verbrennung von 30 000 utraquistischen Büchern trat die symbolische Demonstration der wiedergewonnenen Herrschaft der katholischen Kirche. Über 30 Häuser, mehrere Gärten und Kirchen wurden zwischen 1653 und 1723 abgerissen, um den Bauten des Clementinums Platz zu machen. Eine neue Universität - die als zu reformatorisch angesehene Karlsuniversität wurde eingegliedert -, Bibliotheken, Schulen und eine Druckerei sollten helfen, hussitisches Gedankengut aus den Köpfen der Bürger zu verbannen. Im Zuge der allgemeinen Säkularisierung wurde jedoch 1773 auch der Jesuitenorden aufgehoben.

Der Komplex des Clementinums umschließt fünf Höfe und drei Kirchen: Die St. Clemenskirche (6) , 1711-1715 nach Plänen des Architekten Frantisek Maximilián Kanka erstellt, dient heute der griechisch-orthodoxen Glaubensgemeinschaft als Gotteshaus. Die direkt damit verbundene Welsche Kapelle ließ Rudolf II. 1590-1600 als einen der ersten Barockbauten der Stadt errichten. Die einstige jesuitische Hauptkirche Böhmens, die St. Salvatorkirche (7), reicht bis an den Kreuzherrenplatz. 1578 in Angriff genommen, fanden die Arbeiten erst im Laufe des 18. Jhs. ihren Abschluss. Zumindest dem Portalvorbau aus der Zeit um 1650 sollte man Aufmerksamkeit schenken: Ihn zieren Plastiken von Johann Georg Bendl (ca. 1630-80) - Christus und Maria, die Evangelisten und lateinischen Kirchenväter sowie Jesuitenheilige. Auch die zwölf Apostelfiguren im Inneren der Kirche schuf er. Heute ist im Clementinum die Staatsbibliothek mit über 6 Mio. Bänden und einer großen Zahl wertvoller Handschriften untergebracht. Der sehenswerteste Raum, die prunkvoll ausgestattete Spiegelkapelle, 1724 nach Plänen von Maximilián Kanka errichtet, dient häufig als Aufführungsort klassischer Konzerte, zu diesen Anlässen kann man sie dann besichtigen. Zwar sind auch der Mozartsaal mit seinen Rokokomalereien sowie der Mathematische Saal mit einer Globen- und Tischuhrensammlung sehenswert, doch leider nur an wenigen Tagen des Jahres zugänglich.

Kreuzherrenkirche, Prag

Kreuzherrenkirche
Foto: Prazak, via Wikimedia Commons

Als zweite Kirche des Kreuzherrenplatzes schließt die Kreuzherrenkirche (8) (St. Franziskuskirche) den Platz nach Norden hin ab. Bereits im 12. Jh. befand sich an dieser Stelle das Kloster der "Kreuzherren mit dem roten Stern", des einzigen geistlichen Ritterordens Böhmens. Der Platz war klug gewählt, befand sich doch hier der Brückenkopf der Judithbrücke, der ersten steinernen Brücke über die Moldau. Die geistlichen Herren waren an diesem handelspolitischen Knotenpunkt mit Zoll- und Überwachungsfunktionen betraut. Von der ehemaligen Heilig-Geist-Kirche des Klosters sind nur noch Fundamentreste erhalten, ein Neubau des Gotteshauses erfolgte 1679-1689 nach Plänen von Jean Baptist Mathey (1630-1695). Er schuf eine der harmonischsten Prager Barockkirchen. Schon die weithin sichtbare Kuppel macht ein Anliegen der Auftraggeber deutlich: dem Komplex des gegenüber liegenden Clementinums - und damit den Jesuiten - ein würdiges Projekt entgegen zu setzen. In Inneren verdient vor allem das "Jüngste Gericht", ein Kuppelgemälde von Wenzel Lorenz Reiner Beachtung. Das umgebaute ehemalige Klostergebäude schließt sich zur Moldau hin an.

Mitten auf dem einst intimen, heute aufgrund des starken Autoverkehrs eher rastlosen Platz erhebt sich eine Bronzestatue Karls IV. Die 1848 anlässlich des 500. Gründungsjubiläums der Karlsuniversität errichtete Figur scheint fast freundlich auf die vorbeiziehenden Menschenmassen herab zu blicken.

Wenige Schritte entfernt, in der Novotného Lávka, steht der Altstädter Wasserturm. Bereits 1489 errichtet, wurde er in den folgenden Jahrhunderten mehrmals umgebaut. Prag gilt als die erste Stadt Europas, die schon im 15. Jh. Flusswasser in derartige Hochbehälter pumpte und damit eine moderne Trinkwasserversorgung ermöglichte.

Im ehemaligen Wasserwerk gleich nebenan ist das Bedrich-Smetana-Museum (9) untergebracht, in dem Dokumente über Leben und Werk dieses Begründers der neuzeitlichen tschechischen Musik (1824-1884) ausgestellt werden. Vor dem Neorenaissancebau, dessen Sgraffiti von Mikolás Ales und F. Zenisek den Kampf gegen die Schweden auf der Karlsbrücke darstellen, erinnert ein Denkmal an diesen großen Musiker. Von hier aus eröffnet sich einer der reizvollsten Anblick der Karlsbrücke vor dem Panorama von Kleinseite und Burg.

Von der Uferstrasse Smetanovo nábrezí (Smetana-Kai) führt uns die kleine Gasse Anenská zum Anenské námestí, dem Annenplatz mit Annenkirche und Annenkloster. Die Legende erzählt, dass die hussitischen Verbände das Kloster einst verschont hätten, nachdem ihr Anführer Jan Zizka seine eigene Tante hier als Nonne antraf.

Das Theater am Geländer hat sein Domizil im Haus Zum grünen Hut auf der anderen Seite des Platzes. Präsident Vaclav Havel arbeitete an diesem Theater in den 60er Jahren acht Jahre lang. Das Palais Pachta (Nr. 4) im Stil des Rokoko kann mit einer namhaften Gästeliste aus einem anderen Genre aufwarten: Wolfgang Amadeus Mozart war hier einst ebenso Gast wie Ludwig von Beethoven.

Über die nach Süden abzweigende Gasse Stríbrná geht es in die Náprstkova, der man nach links folgen muss. Vorbei am Haus mit dem Hirschen (Nr. 8) und einem benachbarten Jugendstilhaus (Nr. 10) mit mächtigen Halbrelieffiguren öffnet sich der von schönen Bürgerhäusern gesäumte Bethlehemsplatz (Betlémské mámestí). Er wird im Westen von einem Gebäudekomplex begrenzt, der um 1600 aus dem Zusammenschluss mehrerer Häuser entstand. Dieses Haus U Halánku beherbergt das Náprstek-Museum, eine Filiale des Nationalmuseums. Die Sammlungen des Ehepaars Náprstek, das von Reisen in entfernte Winkel der Erde so manche Rarität mitbrachte, bilden den Grundstock dieses Museums, das Ausstellungsstücke afrikanischer, asiatischer und amerikanischer Kulturen umfasst.

Doch die meisten Touristen, die den einst idyllischen Platz bevölkern, besuchen die Bethlehemskapelle (10) (Betlémská kaple). Der schlichte gotische Bau, erst Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts nach alten Plänen und Zeichnungen wieder neu aufgebaut, ist schon von seinem Aufbau her Programm. Ende des 14. Jhs. als ein Zentrum der kirchlichen Reformbewegung errichtet, in dem erstmals nicht mehr Latein, sondern Tschechisch die Sprache der Predigten sein sollte, rückt hier der Altar als Zentrum des Ritus in den Hintergrund, während die Kanzel eine bedeutendere Stellung innerhalb des schlichten Gotteshauses einnimmt. Berühmtheit erlangte die Kirche durch ihren Prediger Jan Hus, der von 1402 bis 1412 hier wirkte. Mehr als 100 Jahre später, 1521, stand mit dem deutschen Bauernführer Thomas Münzer ein weiterer "Ketzer" auf der Kanzel. Nach der Schlacht am Weißen Berg wurde das Gotteshaus den Jesuiten zugesprochen, im 18. Jh. riss man es schließlich ab, um den Platz profan zu nutzen. Bei der Rekonstruktion des ursprünglichen Baus - auch ein großer Brunnen mitten in der Kirche blieb erhalten - entdeckten Restauratoren an den Wänden Reste von Inschriften, die Traktaten von Jan Hus und Jakoubek ze Stríbra, seinem Nachfolger im Predigeramt, entstammen. Die vervollständigten Inschriften ergänzten junge Künstler durch Wandgemälde im Stil mittelalterlicher Buchmalereien. Das anschließende Predigerhaus konnte ebenfalls wieder aufgebaut werden. Manchmal gelangen in der Bethlehemskapelle klassische Konzerte zur Aufführung.

An der Bethlehemskapelle vorbei erreicht man nach wenigen Schritten die Husova, in die nach links ein kurzer Abstecher führt.

Die St. Aegidiuskirche (Kostel Sv. Jiljí), 1339-1371 an der Stelle eines romanischen Kirchleins errichtet, ist ein weiterer zeitweise von Hussiten genutzter Sakralbau. Ab 1420 diente er den Utraquisten als Gotteshaus. Der gotische Bau vom Typus einer Hallenkirche, in der Mittel- und Seitenschiffe die gleiche Höhe haben, wurde Anfang des 18. Jhs. barockisiert. Die Deckenfresken von Lorenz Wenzel Reiner, der hier seine letzte Ruhestätte fand, sind leider aufgrund des spärlichen Lichtes kaum zu erkennen.

In der Retezová Nr. 2 lädt ein kleines Café zu einer Pause ein, eine Galerie vertreibt Werke junger Prager Künstler - eine Idylle abseits der touristischen Hauptstrecken. Als eines der wenigen architektonischen Zeugnisse aus romanischer Zeit können hier jedoch auch Reste eines palastartigen Gebäudes aus dem 12. Jh. besichtigt werden. Ein Saal, dessen Gewölbe von einem Mittelpfeiler getragen wird, sowie zwei Nebenräume sind der Öffentlichkeit zugänglich. Zusammen mit Haus Nr. 3 entstand über diesen Räumen später das Haus der Herren von Kunstát und Podebrad (11) , in den Georg von Podebrad bis zu seiner Wahl zum böhmischen König 1458 residierte.

Wieder zurück in der Husova, geht es links in die Skorepka bis zur Martinská, wo ein kurzer Abstecher zur Kirche St. Martin an der Mauer (12) führt. Wie ihr Name verrät, stand sie einst unmittelbar an der Mauer des Altstädter Befestigungsrings. Hier erhielten Gläubige im Jahre 1414 zum ersten Mal das Abendmahl in beiderlei Gestalt (sub utraque specie, also Hostie und Wein). Der Wein war zuvor, wie in der katholischen Kirche noch heute, den Priestern vorbehalten gewesen. Der Kelch, aus dem die Gläubigen nun den Wein erhielten, avancierte schließlich zum Symbol der Hussitenbewegung. Heute feiert die Gemeinde der Böhmischen Brüder, eine protestantische Glaubensgemeinschaft, hier wieder ihre Gottesdienste. Eine Gedenktafel an der Nordwand erinnert an die beiden Bildhauer Johannes und Michael Brokoff, die auf dem ehemaligen Friedhof des Gotteshauses begraben wurden.

Die Martinská mündet in den Uhelny trh, den ehemaligen Kohlenmarkt. Von hier bis zum Ovocny trh, dem Obstmarkt, reichte die im 13. Jh. erbaute "Gallusstadt". König Wenzel I. hatte das Terrain vorwiegend deutschen Kolonisten übergeben, die anfangs sogar ihre eigene Rechtsordnung beibehalten durften. Zwischen Rytírská und Havelská erstreckte sich ein riesiges Marktgelände, der Neumarkt der ehemaligen Gallusstadt. Die kleine Gasse U Katcích erinnert noch an die Verkaufsstände (Kotzen), die sie einst säumten. Die Bebauung änderte sich im Laufe der Jahrhunderte völlig, nur der gotische Laubengang und einige ältere Häuser in der Havelská blieben erhalten - sehenswert vor allem die Häuser Nr. 3 (Zur goldenen Waage) und das Rolandhaus Nr. 5. Der Gemüse-, Obst- und Blumenmarkt, der heute hier abgehalten wird, stellt noch eine bescheidene Erinnerung an das mittelalterliche Treiben dar.

Eine Gedenktafel am Haus Zu den drei Goldenen Löwen (Kohlenmarkt Nr. 1), das Ende des 18. Jhs. dem Musikerehepaar Dusek gehörte, erinnert daran, dass hier im Jahre 1787 Wolfgang Amadeus Mozart und seine Gattin Konstanze weilten. Mozart arbeitete an seiner Oper "Don Giovanni", der Librettist wohnte - so will es zumindest die Legende - im gegenüber liegenden Platteis-Haus, so dass sich beide von Fenster zu Fenster verständigen konnten.

Als Ende des letzten Jahrhunderts das Marktgeschehen verstärkt in feste Bauten verlegt wurde, entstadt die Altstädter Markthalle in der Rytírská Nr. 10. Während im Keller Lager, Kühlanlagen und sogar ein eigener Generator untergebracht waren, fanden im Erdgeschoss über 300 private Verkaufsstände Raum, auch Händler aus dem Umland durften ihre Waren feilbieten. Die alte Eisenkonstruktion und ein aufwändig gestalteter Eingang mit Säulen, Karyatiden und Malereien zeugen noch vom ursprünglichen Glanz.

An der Ecke Rytirská / Melantrichova fällt der mit zahlreichen Figuren geschmückte mächtige Neorenaissancebau der ehemaligen Prager Städtischen Sparkasse ins Auge. Die Melantrichova zählt zu den ältesten Prager Gassen und hat als Teil der Fußgängerzone ihr mittelalterliches Gesicht ein wenig bewahren können.

Am Ende der Havelská erhebt sich die St. Galluskirche (13), eine der vier Altstädter Pfarrkirchen und im 14. Jh. eines der Zentren der Reformationsbestrebungen. Die gotische, später barock umgebaute Kirche ist leider häufig geschlossen. Wer sie offen vorfindet, sollte sich zumindest das bekannteste Kunstwerk des Gotteshauses, die 1720 entstandene Kalvariengruppe mit den vier Evangelisten von Ferdinand Maximilian Brokoff in der Nordkapelle ansehen. Der Sakralbau birgt auch die Gruft Karel Skrétas (1610-1674), einer der ersten böhmischen Barockmaler. Vor allem abends, wenn die Kirchenfassade angestrahlt wird, erzeugt ihr reicher Figurenschmuck im Spiel von Licht und Schatten theatralische Effekte.

Von der Kirche sind es nur wenige Schritte zu einem besonders geschichtsträchtigen Gebäude: dem Karolinum (14). 1348 hatte Kaiser Karl IV. die erste Universität Mitteleuropas ins Leben gerufen. Sein Sohn Wenzel schenkte der noch jungen Hochschule 1383 das Rotlev-Haus als erstes eigenes Gebäude, von dem aber nach mehrfachen Umbauten nur noch Reste erhalten sind. Da in der großen Aula noch heute Festveranstaltungen der Karlsuniversität stattfinden, kann man das Karolinum als ältestes heute noch genutztes Universitätsgebäude Europas bezeichnen. Jan Hus stand der Universität zeitweise als Rektor vor, was sie verstärkt in die Auseinandersetzungen des 14. / 15. Jhs. brachte. Im Jahre 1409 stand sie gar im Zentrum der Kämpfe zwischen den Konfessionen, als Wenzel IV. das "Kuttenberger Dekret" erließ. Dies sicherte den Angehörigen der böhmischen Nation - den Tschechen und Deutschen der böhmischen Kronländer - drei von vier Stimmen der Selbstverwaltung. Die anderen Nationalitäten, Bayern, Sachsen und Polen, mussten sich mit zusammen einer Stimme begnügen. Aus Protest zogen über 1000 Magister und Studenten aus der Universität aus und gingen in andere Städte. Ihren Platz nahmen bald andere Protestanten ein, so dass Prag sich einen Ruf als Hochburg der Reformer erwarb. Die Übernahme der Universität durch die Jesuiten setzte dieser Tradition jedoch für lange Zeit ein Ende.

Sichtbarstes Überbleibsel der gotischen Architektur ist der Erker der Kapelle zu den hll. Kosmas und Damian zum Obstmarkt hin. Um 1370 entstanden, erinnert er in seiner filigranen Ausführung an den Erker des Altstädter Rathauses.

Mit berühmten Namen kann das benachbarte Tyl-Theater (15) aufwarten: Das ehemalige Nosttiz-Theater, benannt nach seinem Bauherren Graf Nostitz, eröffnete 1783 mit Lessings "Emilia Galotti". Doch als der wichtigste Tag in der Geschichte des Hauses gilt der 29. Oktober 1787. Über die Aufführung dieses Abends schrieben Prager Zeitungen: "Kenner und Tonkünstler sagen, dass zu Prag ihres Gleichen noch nicht aufgeführt worden". Gegenstand dieser Lobeshymne war die Uraufführung von Mozarts "Don Giovanni", dessen "Hochzeit des Figaro" ein Jahr vorher bereits Begeisterung beim Prager Publikum ausgelöst hatte. Von 1813 bis 1816 stand Carl Maria von Weber dem Haus als Operndirektor vor. Seinen heutigen Namen trägt das Theater - zwischenzeitlich hieß es bis 1945 Ständetheater - nach dem tschechischen Schriftsteller Josef Kajetán Tyl (1808-1856), dessen Lied Kde domov muj? ("Wo ist meine Heimat?") später zur tschechischen Nationalhymne wurde.

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