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Ausstellungsorte in St. Gallen: Textilmuseum

St. Gallen
Textilmuseum

MODE CIRCUS KNIE
Kostüme aus 100 Jahren im Textilmuseum
bis 19. Januar 2020


Fabrikanten und Manipulanten
laufend

Mode Circus Knie

Die Ausstellung „Mode Circus Knie“ präsentiert Kostüme aus der Zeit vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute. Die prächtigen Gewänder aus dem Bestand der Familie Knie – gleichermaßen funktionale Arbeitskleidung wie modisches Statement – lassen dabei 100 Jahre Zirkusgeschichte Revue passieren.

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Ohne glitzernde Kostüme, ohne Kleider mit und ohne Straußenfedern, ohne farbige Bolerojäckchen ist die Welt des Zirkus ebenso wenig denkbar wie ohne atemberaubende Akrobatik, beeindruckende Pferdedressuren oder Clownerien am Rande der Manege. Doch mit dem Cirque du Soleil und Zirkus Roncalli wird insoweit Zirkusgeschichte geschrieben, als beide auf Tierdressuren verzichten und auch Circus Knie hat inzwischen seine Dickhäuter an den Zoo in Rapperswil abgegeben.

Die frühen Jahren des Circus Knie waren Jahre, als man noch Vorstellungen unter freiem Himmel gab, wie einige historische Aufnahmen in der Schau bezeugen. Man tingelte noch von Dorfplatz zu Dorfplatz. Erst 1919 leistete man sich das erste Chapiteau. Die prächtigen Kostüme der Artisten waren wesentliches Element der Dramaturgie, verliehen und verleihen sie doch Clown, Magier, Dompteur und all den anderen ihren unverwechselbaren Charakter.

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Die Inszenierung der Ausstellung lässt Zirkusatmosphäre aufkommen, auch wenn keine Zirkuskapelle aufspielt und kein Zirkusdirektor die einzelnen Nummern ansagt. An den Wänden des Treppenaufgangs hängen Plakate, die auf Vorstellungen des Zirkus Knie hinweisen. An den Treppengeländern baumeln farbige Zaumzeuge, die bei der Pferde- und Elefantendressur zum Einsatz kamen.

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Betreten wir den ersten Ausstellungssaal – an den Wänden finden sich „vergilbte“ Reprofotos von Zirkusvorstellungen – dann meint man, man sei in einem Zirkuszelt und die Artisten, Clowns, Hochseilakrobaten und Jongleure seien bereit, die Show zu beginnen, auch der sogenannte weiße Clown, der unschwer an seinem Kostüm auszumachen ist. Wir entdecken aber auch einen Torero und einen „indischen Magier“, so scheint es. Nicht immer konnten die Kostüme einer Zeit und einer bestimmten Rolle zu geordnet werden. Im bunten Glitzerlicht der Manege sind sie dennoch ein Hingucker.

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Nein, auf einem Hochseil balanciert niemand, so wie einst Eugen Knie 1937. Die Zeiten, als 2500 Zuschauer in eine Zirkusvorstellung kamen, sind auch passé. Doch gut, dass diese Ausstellung im Textilmuseum daran erinnert, jenseits der farbenprächtigen Kostüme, die zur Schau gestellt werden. Seide und Samt wurden für einige verarbeitet. Hier und da entdeckt man einen sogenannten Kummerbund – goldfarben oder tiefrot. Viele der Ausstellungsstücke sind dem Atelier Vicaire in Paris zu verdanken. Bis 1990 bezog Zirkus Knie seine Kostüme ausschließlich von diesem Kostümatelier.

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Zwischen gespannten Seilen haben die Kostüme der Akrobaten, zu erkennen an den funktionalen, kurzen Hosenkostümen, ihren Platz gefunden. Teilweise erinnern diese Kostüme an Trachten mit floralem Schmuck, so auch das schwarze Kostüm mit Fransen an den Beinen sowie bunten gestickten Blumen. Ein Gilet, ein armloses Obergewand, und Hose eines Seiltänzers sind zu sehen, verziert mit Knopf- und „Blattdekors“. Zierelemente aus Metall und Glas findet sich in einem anderen Kostüm eines Seiltänzers.

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In einem weiteren Saal sieht man einen „Laufsteg“, auf dem die „Zirkusartisten“ Ausstellung genommen haben, ob mit einem Mantel aus Straußenfedern oder in Bolero-Jäckchen mit langem Rock. Es sind durchweg Kostüme aus der Zeit 1965 bis 1969. Dass man ein Kostüm findet, das sich an das Outfit von ABBA anlehnt, scheint kein Zufall zu sein. Auch ein weißer Body mit Jäckchen gehörte einst zum Outfit einer Zirkusdarstellerin. In einer dunkellila gefärbten 3/4-Hose und einer Weste mit Rhombusmustern traten einst Mary-José und Geraldine Knie bei ihrer Pferdedressur auf. Wer den Turban mit langer Kunstfeder trug, ist nicht mehr zu rekonstruieren.

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In den letzten Jahrzehnten hat sich die heute am Moulin Rouge beschäftigte Mine Barral-Vergez um die Ausstattung des Zirkus Knie gekümmert. Sie betrieb das Atelier MBV, das 1971 gegründet wurde. Barral-Vergez entwarf aber auch Mode für Julette Greco, Barbara, Charles Aznavour und Nana Mouskouri. Schwarz und Rot waren die dominanten Kostümfarben. Insgesamt wirken die gezeigten Kostüme streng und an Uniformen erinnernd. In die „Fussstapfen“ von Barall-Vergez trat dann der Kostümdesigner Roberto Rosello, der auch für den Cirque d‘Hiver tätig ist. Dieser ist der einzig verbliebene von ehemals 18 stationären Pariser Zirkusbauten.

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Text: © Ferdinand Dupuis-Panther Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

 

Fabrikanten und Manipulanten

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Geschichte der OstschweizerTextilwirtschaft und ihren Protagonisten. Ort der Ausstellung ist der sogenannte Palazzo Rosso, seit 1886 als Textilmuseum und Textilbibliothek genutzt, in der Tausende von Musterbüchern, Entwürfen, Modefotografien und Textilien aufbewahrt werden.

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Der Ausstellungstitel mag irritieren. Nun gut, der Begriff fabrizieren und Fabrikant bezieht sich auf das Herstellen eines Gutes, einer Ware, aber manipulieren hat doch im Kontext eines Fertigungsprozesses keinen Platz, oder? Manipulanten sind, das erhellt die Schau gleich zu Beginn, diejenigen, die Rohstoffe aufkaufen und weitergeben, damit Dritte im Lohnauftrag daraus etwas produzieren.

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Beim Rundgang werden in einer thematischen Struktur, die Agenten des Herstellungsprozesses von Textilien, im vorliegenden Fall von Stickereien, vorgestellt: Arbeiter, Entwerfer, Erfinder, Unternehmer und eben auch Manipulanten in der Ostschweizer Textilproduktion.

Die wechselvolle, oft auch schwierige Geschichte der Textilbranche in der Ostschweiz illustriert unter anderem ein „Zeitstrahl“, der wesentliche Etappen der Geschichte der Stickereien vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart nachzeichnet. Veranschaulicht wird dies vor allem durch Fotografien, Archivmaterial und Medien sowie textile Exponate. Dazu gehört auch eine Galerie von Kleidern vom Biedermeier bis heute. Dabei erhellt sich dann auch der Begriff St. Galler Spitze.

Einen Textilfabrikanten namens Otto Adler und einen Arzt und Eidgenössischen Fabrikinspektor namens Fridolin Schuler, der sich in der Geschichte der Textilindustrie in Fragen des Arbeitsschutzes Verdienste erworben hat, lässt man in jeweils einer Hörstation zu Wort kommen. Zeugnisse von Arbeitern fehlen allerdings. Sie bleiben die Namenlosen, die teilweise in Heimarbeit, teilweise in Fabrikarbeit zum Boom der Textilindustrie der Schweiz beigetragen haben.

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Das Auf und Ab der Textilindustrie

Zwischen 1200 und 1700 war die Blütezeit der Leinenherstellung. Der Rohstoff Flachs gedeihte bestens in der Bodensee-Region. Das in St. Gallen und Umgebung hergestellte Leinentuch wurde im 13. Jahrhundert bis nach Russland und in die Türkei exportiert, so ist beim Ausstellungsbesuch zu erfahren. Um 1600 betrug die Jahresproduktion 2 Mio. Meter Stoff. Manschetten gehörte u. a. zu den Waren, die man produzierte. Ein Fragment aus der Zeit, gefertigt aus einem Leinen-Baumwollgemisch und mit „Ahornnasenmotiven“ versehen, zeigt man dem Besucher.

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Als Baumwolle in Nordafrika in der Erzeugung immer billiger wurde, verdrängte dieser Rohstoff das Leinen. Anfänglich versuchte man noch ein Gemisch aus Leinen und Baumwolle, Barchent genannt, gewinnbringend auf dem Markt zu platzieren. Fachlich handelt es sich um Mischgewebe aus Baumwoll-Schuss auf Leinen-Kette. Alsbald allerdings wurde nur noch Mousseline nachgefragt, sehr feine Baumwolle. In St. Gallen richtete man sich darauf ein. Im hiesigen Kloster stellte man um 1800 die ersten mechanischen Spinnmaschinen auf, um Baumwolle verarbeiten zu können. Schon einige Jahre zuvor hatten Kaufleute aus St. Gallen Aufträge erteilt, Mousseline zu besticken.

Mit der Erfindung der Schifflistickmaschine wurde das Gewerbe grundlegend revolutioniert. 1865 waren 600 solcher Maschinen in Betrieb. Im ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs gab es einen regelrechten Boom in der Textilbranche. Von den sogenannten goldenen Jahren konnte man durchaus sprechen. Der Prozess der Arbeitsteilung schritt voran. Die einen versponnen, die anderen webten, die Dritten bestickten und die Vierten waren für die Nachbehandlung verantwortlich. Das Textilgewerbe war überaus erfolgreich. St. Gallen hatte Weltruf. Beinahe vergessen ist der Tatbestand, dass auch Kinderarbeit mit im Spiel war, denn 1909 waren 15% der Schulkinder im Kanton St. Gallen in dem Gewerbe tätig.

1922 bis 1935 verzeichnete man die Jahre der Krise und des Niedergangs der Branche. Und heute? Heute existieren immer noch Unternehmen vor Ort, die sich behaupten können, dank gewandelter Technologie.

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Aus dem Leben der Arbeiter

Spinde dienen als Ausstellungselemente, um Besuchern zu ermöglichen, Stoffe in die Hand zu nehmen und so neben dem visuellen auch ein haptisches Ausstellungserlebnis zu haben. Zudem dienen Spinde auch dazu, Ausstellungsfläche für historische Fotoaufnahmen zum Themenkomplex „Arbeiter“ zu sein. So sieht man eine Stickerin im Appenzellerland, die in Heimarbeit ihrer Tätigkeit nachgeht. Man erblickt einen Stickkeller in Unterrhein und sieht eine Handfädlerin bei der Arbeit. Zu den historischen Fabriken zählt die Feldmühle AG, deren Gebäude man ebenso sieht wie eine Weberin der Firma Baerlocher & Co. Einen Teil dieser Fotodokumente verdanken wir Hans Peter Klauser (* 31. Juli 1910 in Herisau; † 13. Januar 1989 in Zürich).

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Man hat nicht nur Monogrammschablonen für Monogrammtaschentücher ausgestellt, sondern auch Krawatten mit vorgedruckten Stickmustern aus der Zeit von 1860 bis 1900. Zu sehen sind außerdem auch Originale und Imitate von Spitze wie Venise-Spitze oder Chantilly-Spitze sowie die entsprechende Stickereien, die das Original nachahmten.

Eine Erfindung macht Furore: Helenca

Bei Otto Adler & Co. wurde Baumwolle für Ätzstickerei verwendet. Dabei ging es darum den Stickgrund wegzuätzen, derweilen die Stickerei erhalten blieb und somit auch die Blumenmusterungen, die man überwiegend motivisch findet. Vegetabiles entdeckt man hingegen in einem ausgestellten Kragen der mittels Schifflistickmaschine gefertigt wurde.

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Experimentierfreudig war man in der Textilindustrie der Ostschweiz, was ohne Erfinder und deren Kreativität nicht denkbar gewesen wäre. So konnte die Firma Heberlein & Co. aus Wattwil einen gekräuselten Nylongarnfaden verwenden, um in den 1960er und 1970er Jahren „Helenca-Mode“ auf den Markt zu bringen, ob eine braune Skihose namens Derbystar oder einen schwarzen Badeanzug.

Floraler Chic

Letzter Chic in den 1950er Jahren war ein Abendkleid aus Tüll, Lamee und Schnürstickerei. Nicht minder der letzte Schrei scheint das ausgestellte Abendkleid von 1964 gewesen zu sein, das aus Seide gefertigt wurde und Blumenmotive zeigt, unter anderem Rosen und Dahlien. Aus den 1960er Jahren stammt auch das rostrote Abendkleid mit Mantel, eine Fertigung der UNION AG/Création Haller aus Baumwolle und Kunstseide.

Wir erfahren in der Ausstellung auch von Leopold Iklé, der in Hamburg geboren wurde, aber sich in St. Gallen niederließ. Ihm ist eine der wichtigsten Sammlungen von Stickereimustern zu verdanken, die nach seinem Tod 1923 versteigert wurde. Dabei hatte Iklé nicht nur historische Exponate aufgekauft, sondern auch Muster der Konkurrenz, was überaus üblich war. Zu sehen ist in der Schau unter anderem ein Musterbuch des Unternehmens Iklé Frères mit Maschinenstickereien aus der Zeit 1878 bis 1880.

In einem kurzen „Kapitel“ wird auch das Thema Schienenverkehr aufgegriffen und mit historischen Aufnahmen „untermalt“. Die Verbindung in die Welt war für die Textilfabrikanten überaus wichtig, sodass sie auch den Eisenbahnbau vorantrieben.

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Modefotografie als Marketingform

Wesentliches Moment der Vermarktung war die Modefotografie. Das unterstreichen Aufnahmen von Haute Couture, die 1912 auf einer Pferderennbahn bei Paris entstanden. Zu sehen ist obendrein die Fotodokumentation einer Modeschau aus den 1950er Jahren, auch dies ein Element von Marketing. Die Firma Baerlocher & Co. gab obendrein den Auftrag eine Fotoreihe zu konzipieren, um den Mantel „Admiral“ an den Mann und die Frau zu bringen.

Übrigens, ganz entscheidend für die Entwicklung von Modelinien waren die Erfindungen der Kettenstickmaschine Mitte des 19. Jahrhunderts und einer Maschine zum maschinellen Aufnähen von Pailletten im Jahr 1983.

Was die Ausstellung ausspart, ist die Frage nach dem Quo vadis angesichts der Billigproduktionsstätten in Asien, ob Bangladesh oder anderswo.
Übrigens: Wer mehr in die Materie eintauchen will, findet am Eingag zum Ausstellungsraum entsprechende „Themenblätter“!!

Text: Ferdinand Dupuis-Panther Fotos: Jürgen Zürcher

Informationen
Textilmuseum St. Gallen
www.textilmuseum.ch


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