Ein Jazzkeller im Kaiserschloss

Die westpolnische Stadt Posen ist ein Eldorado für Kunstinteressierte

Text und Fotos: Rainer Heubeck

 

Posen in Polen - Detail am Marktplatz

Im ehemaligen Kaiserschloss, es ist das letzte, das Wilhelm II. erbauen ließ, findet sich heute unter anderem ein Kunst- und Kulturzentrum, ein Animationstheater und ein Jazzkeller. Die ehemalige Hugger-Brauerei, ebenfalls im Stadtzentrum gelegen, ist zum architektonisch gelungenen Shopping- und Begegnungszentrum mutiert, in ihr finden sich über 200 Geschäfte, mehr als zwanzig Restaurants und Cafés, aber auch Galerien und Ausstellungsräume. Selbst zum besten mittelgroßen Shoppingzentrum Europas wurde „Stary Browar“ bereits gekürt. Keine Frage – die westpolnische Stadt Posen (Poznań) ist eine der modernsten Städte Polens geworden.

Posen - Marktplatz

Auf dem Marktplatz

Am Marktplatz im Stadtzentrum pflegt man dennoch die Tradition, dort schieben sich täglich um die Mittagszeit zwei Ziegenböcke aus einer Öffnung am mittleren Rathausturm. Der Legende nach, so berichtet Reiseführerin Katarzyna Tymek, hat im Jahr 1550 ein Küchenjunge namens Pietrek einen Rehkeulenbraten verbrennen lassen, der zur festlichen Einweihung der neuen Turmuhr kredenzt werden sollte. Als Ersatz holte er kurzerhand zwei Ziegenböcke von einer nahe gelegenen Wiese. Diese entkamen aus der Rathausküche und flüchteten auf den Turm, wo sie in ihrer Aufregung gegeneinander kämpften. Das Schauspiel begeisterte den Woiwoden und den Bürgermeister – weshalb es schon kurz darauf als Figurenspiel an der neuen Rathausuhr nachgestellt wurde.

Posen in Polen - Ziegen an der Rathausturmuhr am Marktplatz

Ziegen an der Rathausturmuhr

Heute begegnet man den Ziegen in Posen nicht nur an der Rathausturmuhr, sondern auch vor dem Stadtamt, das im ehemaligen Jesuitenkolleg untergebracht worden ist. Dort wurde im Jahr 2002 eine Plastik aufgestellt, die zwei Ziegenböcke darstellt – und die so manchen Touristen dazu bringt, sich als Cowboy auf einem Ziegenrücken zu inszenieren.

Posen in Polen - Ziegenplastik am Stadtamt

Ziegen-Plastik am Stadtamt

Reiseführerin Katarzyna Tymek, die mit uns auf den Alten Markt gekommen ist, hat sich inzwischen vor allem auf Besucher aus dem deutschsprachigen Raum spezialisiert. Nicht ohne Grund – denn da Posen weniger als 300 Kilometer östlich von Berlin liegt, stellen Reisende aus Deutschland die mit Abstand größte Gruppe aller ausländischen Gäste in der Stadt. Einer Stadt, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs stark zerstört wurde – sowohl das altehrwürdige Rathaus, es zählt zu den schönsten Renaissancebauten nördlich der Alpen, wie auch die Krämerhäuser, die sich links davon aneinanderreihen und durch einen Laubengang verbunden sind, wurden nach dem Krieg völlig neu aufgebaut, ebenso wie ein Großteil der Bürgerhäuser rund um den Alten Markt.

Posen in Polen - Rathaus am Markt

Schöner Anblick: das Renaissance-Rathaus am Marktplatz

Gleich neben den Krämerhäusern mit ihren bunten Fassaden findet sich ein Gebäude, das wie ein kastenförmiger weißer Würfel aussieht, und das, ebenso wie das nahezu identische Nachbargebäude, wie ein architektonischer Fremdkörper wirkt. Das „Arsenal“ stammt aus den 50er Jahren, es dient als Städtische Kunstgalerie und gilt mittlerweile als Baudenkmal.

Posen in Polen - Arsenal am Marktplatz

Heute residiert die Städtische Kunstgalerie im "Arsenal"

Etwas versteckt, fast hinter dem Rathaus, stoßen wir auf die Statue einer Frau im wallenden Rock, die in der rechten und linken Hand jeweils einen großen leeren Wasserkrug hält. Die „Bambergerin“ oder Bamberka, die 1915 aufgestellt wurde, soll daran erinnern, dass die Region im 18. Jahrhundert, als es nach dem Großen Nordischen Krieg an Bauern und Feldarbeitern mangelte, rund 500 katholische Einwanderer aus Franken angeworben hatte. Ein kleines Museum erzählt deren Geschichte und jedes Jahr im August wird in Poznań das Fest der Bamberger gefeiert.

Posen in Polen - die Bambergerin, Statue am Marktplatz

Die Bamberka hinter dem Rathaus

Doch die Tradition kann nicht darüber hinwegtäuschen: Die Messestadt an der Warthe ist eine moderne Stadt, eine Studentenstadt und eines der wirtschaftlichen Kraftzentren Polens. Und seit der Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2012 findet sich Posen auch auf der touristischen Landkarte – denn durch die EM, bei der mehrere Spiele im Stadion von Lech Poznań, das mittlerweile INEA Stadion heißt, ausgetragen wurden, rückte die Stadt international stärker ins Blickfeld. Posen, davon ist Jan Mazurczak von der Poznań Tourism Organisation überzeugt, eignet sich sogar ideal für Städtereisen. Gerade am Wochenende und in den Sommerferien sind die Hotels hier besonders günstig. Schließlich steigen an diesen Tagen deutlich weniger Geschäftsreisende ab.

Posen in Polen - Kaiserschloss

Teil des Kaiserschlosses

Das Kaiserschloss, in dessen Garten ein der Alhambra nachempfundener Löwenbrunnen steht, ist dabei keineswegs der einzige Anziehungspunkt – auch wenn eine interessante Ausstellung vor dem Schloss daran erinnert, dass die Universitätsmathematiker, die hier untergebracht waren, mitgeholfen hatten, den Enigma-Code der Nazis zu knacken und damit den Zweiten Weltkrieg möglicherweise deutlich verkürzen konnten. Künftig soll ein eigenes Museum an die findigen Kryptoanalytiker Marian Rejewski, Jerzy Różycki und Henryk Zygalski und ihre bedeutsame Leistung erinnern.

Posen in Polen - Löwenbrunnen im Garten des Kaiserschlosses

Löwenbrunnen im Schlossgarten

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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