Plädoyer für eine offene Gesellschaft

Leeuwarden, Kulturhauptstadt 2018

Text und Fotos: Ulrich Traub

Die bekanntesten Kinder dieser Großstadt sind eine vermeintliche Spionin, die 1917 von den Franzosen hingerichtet worden ist, und ein Maler optischer Täuschungen, mit dem sich die Kunstgeschichte immer schwergetan hat. Wenn man nun die Namen Mata Hari und Maurits Cornelis Escher liest, werden jedoch die wenigsten wissen, wie der Geburtsort der Beiden heißt.

Niederlande - Leeuwarden, europäische Kulturhauptstadt 2018

Leeuwarden, Hauptstadt der niederländischen Provinz Friesland im Nordwesten des Landes, steht bislang nicht unbedingt im Fokus der Touristen und Kulturreisenden. Zu abseits die Lage, zu gering die überregionale Bedeutung der Kulturangebote. Und doch darf sich Leeuwarden Europäische Kulturhauptstadt 2018 nennen (neben Valletta auf Malta). Denn dieser Titel wird nicht aufgrund einer Vielzahl von Museen und Theatern vergeben, sondern für den Entwurf eines thematisch ausgerichteten Kulturprogramms. Und der konnte die internationale Expertenjury, die im Auftrag der EU über die Vergabe entscheidet, überzeugen. So kam es, dass Leeuwarden mit dem begehrten Titel werben kann und nicht die als chancenreicher eingestuften Konkurrenten Eindhoven und Maastricht.

Niederlande - Leeuwarden - Zentrum der Stadt: Die ehemalige Waage von 1590 ist heute ein Café

Zentrum der Stadt: Die ehemalige Waage von 1590 ist heute ein Café

„Iepen Mienskip“ lautet das Thema des Programms. Das ist Friesisch und bedeutet offene, aber auch eigenwillige Gesellschaft. Die Wahl der Regionalsprache ist mehr als ein selbstbewusst gewähltes Symbol. Die gesamte Provinz ist zur Spielstätte der Kulturhauptstadt erklärt worden und die Bevölkerung war aufgerufen, sich in organisatorischen und künstlerischen Belangen zu beteiligen. Internationales Staraufgebot ist ebenso Mangelware wie repräsentative Neubauprojekte, wie man sie aus anderen Kulturhauptstädten kennt. Selbst die als Höhepunkte angekündigten Veranstaltungen nehmen sich eher bescheiden aus. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich der Besuch nicht lohnt.

Niederlande - Leeuwarden - Einführung ins Friesische: Das neue Fries Museum, das die Dimensionen der alten Stadt, sprengt, informiert über Land und Leute

Einführung ins Friesische: Das neue Fries Museum, das die Dimensionen der alten Stadt, sprengt, informiert über Land und Leute

Auf nach Friesland – und als Erstes ins Fries Museum. Sieh an, Mata Hari ist schon da (und M.C. Escher wird ihr später folgen). Eine Ausstellung erinnert an das Leben der 1876 geborenen Leeuwardenerin und die Legenden, die sich darum ranken (bis 2. April). Ein Pflichtbesuch ist die Einführung ins Friesische in der Dauerausstellung. Sie erzählt von Königen und von Kühen, vom Segeln und vom Schlittschuhlaufen. Man lernt: Friesland ist mehr als nur plattes Land am Meer.

Niederlande - Leeuwarden - Hauswand in Leeuwarden: Die ehemalige Spionin Mata Hari ist allgegenwärtig – gleiches gilt für die Fahrräder

Hauswand in Leeuwarden: Die ehemalige Spionin Mata Hari ist allgegenwärtig – gleiches gilt für die Fahrräder

Das 2013 eröffnete Museum liegt am Wilhelminaplein. Hier ist das kaum 100.000 Einwohner große Leeuwarden ganz Metropole. Vis-à-vis vom Museumskomplex, der die Dimensionen der eher kleinteilig gebauten, von Grachten durchzogenen Stadt zu sprengen scheint, steht der historische Justizpalast, der seine Tempelfront dem Platz zuwendet. Aus dem Hintergrund grüßt ein 115 Meter hoher Büroturm, der am Museumshafen steht. Alt und Neu in teils heftiger Konfrontation – dieses bauliche Merkmal vieler niederländischer Städte findet man auch in der friesischen Metropole.

Niederlande - Leeuwarden - Hier wird keiner mehr inhaftiert: Das ehemalige Gefängnis Blokhuispoort fungiert als Zentrum der Kulturhauptstadt (zu sehen ist eine kleine Präsentation im Innenhof)

Hier wird keiner mehr inhaftiert: Das ehemalige Gefängnis Blokhuispoort fungiert als Zentrum der Kulturhauptstadt (zu sehen ist eine kleine Präsentation im Innenhof)

Am Rande der Altstadt, in der Blokhuispoort aus dem 16. Jahrhundert, liegt die Zentrale der Kulturhauptstadt mit Infozentrum, Café sowie Ausstellungs- und Projekträumen. In dem Kulturkomplex war bis 2007 das Gefängnis. Das neue Hostel erinnert daran, man schläft in Zellen. Opulenter nächtigten die Damen und Herren des Hauses Oranien-Nassau. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts residierten sie in Leeuwarden als Statthalter für die nördlichen Provinzen. Ihre Paläste bereichern noch an vielen Stellen das Stadtbild, allerdings mit höchst unterschiedlicher Nutzung.

Niederlande - Leeuwarden - Wo früher eine Prinzessin Hof hielt und später der Maler M.C. Escher das Licht der Welt erblickte: das Nationale Keramikmuseum

Wo früher eine Prinzessin Hof hielt und später der Maler M.C. Escher das Licht der Welt erblickte: das Nationale Keramikmuseum

Während das Nationale Keramikmuseum im Prinzessinnenpalast seine Schätze zeigt, so ist aus dem Sitz des Statthalters ein Hotel geworden. In einem der ältesten Gebäude, der Kanselarij aus dem 16. Jahrhundert, in dem der Hof von Friesland zusammentrat, wird der Blick in die Zukunft gerichtet. „Places of Hope“ stellt Pioniere und Projekte nachhaltiger Lebensformen zur Diskussion.

Niederlande - Leeuwarden - Nicht nur für Kinder: Im ehemaligen Waisenhaus aus dem 17. Jahrhundert hat das Naturmuseum seinen Sitz

Nicht nur für Kinder: Im ehemaligen Waisenhaus aus dem 17. Jahrhundert hat das Naturmuseum seinen Sitz

Das postmoderne Theater der Stadt, De Harmonie, ist ebenso Austragungsstätte der Kulturhauptstadt wie das Naturmuseum, das im alten Stadtwaisenhaus seinen Sitz hat, und die Jakobinerkirche, wo die Nassauer ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Heute gibt es in dem Gotteshaus einen mobilen Altar, der weggerollt werden kann, damit Konzerte stattfinden können. Einnahmen sind nötig, um die Existenz der Kirche zu sichern. Auch das ehemalige jüdische Viertel und der heutige Multikulti-Stadtteil Vorstreek und seine Bewohner werden ins Programm einbezogen.

Niederlande - Leeuwarden - Grablege der Nassauer: Die Jakobinerkirche ist das älteste Gotteshaus Leeuwardens

Grablege der Nassauer: Die Jakobinerkirche ist das älteste Gotteshaus Leeuwardens

Wer den Kalender der Kulturhauptstadt überfliegt, dem wird auffallen, dass sehr viele Veranstaltungen im Freien stattfinden. Was wohl nicht zuletzt dem Leitgedanken 'offene Gesellschaft' geschuldet ist und dem Anliegen, auf die noch vielfältige Landschaftsstruktur Frieslands aufmerksam zu machen. Vom Wattenmeer und den westfriesischen Inseln bis in die Wälder an der Grenze zur Provinz Drenthe werden vor allem Musik- und Kunstprojekte realisiert.

Niederlande - Leeuwarden - Bald Weltkulturerbe? Einige der alten Siedlerhäuser der Landwirtschaftskolonie Frederiksoord bilden heute ein Museum

Bald Weltkulturerbe? Einige der alten Siedlerhäuser der Landwirtschaftskolonie Frederiksoord bilden heute ein Museum

Landschaftskunst wird die Küste an mehreren Orten verändern. Auf einem Bauernhof im Dorf Húns soll gezeigt werden, wie biologischer Anbau und Kunst zusammenfinden können, während man in der früheren Kolonie Frederiksoord die Gründung der „Gesellschaft für Wohltätigkeit“ vor 200 Jahren feiert. Sie hatte seinerzeit mit landwirtschaftlichen Maßnahmen erfolgreich die Armut bekämpft. Die Kolonie soll 2018 in die Weltkulturerbeliste aufgenommen werden. In Drachten, einem der Zentren der De Stijl- wie auch der Dada-Bewegung, wird im Museum Dr8888 nach den Folgen dieser Kunst-Avantgarden geforscht. Theo van Doesburg und Kurt Schwitters hatten Freunde in dem friesischen Städtchen. Eine Wohnung nach Van Doesburg-Entwürfen kann im Rahmen von Stadtführungen besichtigt werden.

Eine besondere Rolle kommt den friesischen Dörfern zu. Veranstaltungen sollen nicht nur das Publikum dorthin locken, sondern auch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bevölkerung stärken. Tatsächlich sind viele Dörfer und ihre alten Kirchen sehenswert, nicht nur bekannte Örtchen wie Hindeloopen am IJsselmeer oder das idyllische IJlst bei Sneek. Ein roter Faden ist das Thema Wasser, naheliegend bei so viel Meer und Seen, Kanälen und Grachten. Bei der Wasserparade in Leeuwarden widmen sich Künstler dem Thema. Und auf dem dortigen Wassercampus wird eine futuristische Bar Gäste empfangen. Hier darf dann genetzwerkt werden, schließlich ist die Uni-Stadt europäischer Marktführer in Sachen Wassertechnologie.

Niederlande -  Leeuwarden - Früher Teil der Stadtbefestigung, heute Wahrzeichen: Das Wassertor in Sneek von 1613, das einzige seiner Art in den Niederlanden. Die friesische Fahne (mit Herzchen), flattert von einem Schiffsbug ins Bild.

Früher Teil der Stadtbefestigung, heute Wahrzeichen: Das Wassertor in Sneek von 1613, das einzige seiner Art in den Niederlanden. Die friesische Fahne (mit Herzchen), flattert von einem Schiffsbug ins Bild.

Friesland ist bekannt für den Schlittschuh-Marathon der Elf-Städte-Tour, der über zugefrorene Wasserläufe führt, was allerdings seit 1997 nicht mehr der Fall war. Nun bekommen all diese Städte einen von internationalen Künstlern wie Stephan Balkenhol, Mark Dion oder Jaume Plensa entworfenen Brunnen. Eine Liebeserklärung an das Wasser und ein Bekenntnis zur „Iepen Mienskip“, denn die Bevölkerung hat am Auswahlprozess und an der Standortsuche teilgenommen.

Niederlande - Der schiefe Turm von Leeuwarden: Der 1529 erbaute und später abgesackte Turm sollte eigentlich eine Kirche zieren

Der schiefe Turm von Leeuwarden: Der 1529 erbaute und später abgesackte Turm sollte eigentlich eine Kirche zieren

Informationen

Leeuwarden-Fryslân 2018
Blokhuisplein 40,
8911 LJ Leeuwarden
Tel.: 0031/58/7512018
www.2018.nl

Merk Fryslân
Zuidergrachtswal 2
8933 AD Leeuwarden
Tel.: 0031/58/2330740
www.friesland.nl/de

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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