Werther

Nicht nur auf den Spuren von Peter August Böckstiegel unterwegs

Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

Vor den Toren Bielefelds und nicht weit vom Hermannsweg entfernt, der durch den Teutoburger Wald führt, liegt das westfälische Städtchen Werther. Bekanntester Sohn der Stadt ist der expressionistische Maler Peter August Böckstiegel, der allerdings längst nicht so bekannt ist wie die Mitglieder der Künstlervereinigung „Die Brücke“, aber dennoch als Teil der klassischen Moderne anzusehen ist. Böckstiegel, dessen Eltern hart arbeitende Bauern waren und in Arrode lebten, sprach von Werther stets von einem Dorf. Bis heute ist der dörfliche Charakter des Städtchens – so auch rund um die St. Jacobi-Kirche – und in den erhaltenen Ackerbürgerhäusern noch erlebbar. Sogenannte Erinnerungsorte mit Text- und Bildbausteinen zur Geschichte Werthers findet man verteilt über das Städtchen. Den Spuren des Malers Peter August Böckstiegels kann man im Übrigen von Werther aus bis zum modernen Peter-August-Böckstiegel-Museum folgen. Insgesamt 17 Stationen zeichnen das Leben und Schaffen dieses deutschen Malers nach, der seine künstlerische Ausbildung an der Dresdner Kunstakademie erhielt. Böckstiegels Vorbild war der niederländische Expressionist Vincent van Gogh. Auch dieser hat wie Böckstiegel das Landleben und die einfachen Bauern in vielen Gemälden auf die Leinwand gebannt.

Werther: P.A. Böckstiegel-Museum Arrode

Peter-August-Böckstiegel-Museum

Auf 300 Jahre Stadtrecht blickt Werther zurück. In den letzten Jahren zeigt sich die Stadt durchaus der Kunst zugetan, nicht allein wegen des „Findlings auf der Wiese“, dem bereits erwähnten Museum Peter August Böckstiegel, sondern auch wegen des Skulpturenpfads. Auf diesem kann man Kunst im öffentlichen Raum erleben. Regelmäßig werden die Skulpturen im Rahmen des jährlich wiederkehrenden Kunst-Events namens „Skulpturenpfad Werther“ ergänzt.

Werther Haus Werther: Sylvia Middel: Sachbuch - Anleitung zum  Fliegen

Sylvia Middel: Sachbuch - Anleitung zum Fliegen

Ankäufe erweitern den Bestand nach und nach, sodass am Haus Werther nicht nur Sylvia Middels „Sachbuch – Anleitung zum Fliegen“, sondern auch das dreiteilige Kunstwerk „Asyl“ von Friedrich Richter zu sehen ist. Unweit der sogenannten Gräfte am Haus Werther steht eine Holzfigur mit wehenden Haaren. „Gegenwind“ nannte Sergej Poweliza seine Arbeit.

Werther: Vor Haus Werther "Asyl" von Friedrich Richter

Vor Haus Werther: "Asyl" von Friedrich Richter

Auch in dem Grünzug zwischen Rathaus und Haus Werther stößt man auf Kunst im öffentlichen Raum: „1000 Jahre Werther – Spuren der Geschichte“ verarbeitete Friedrich Richter in elf Betongusstafeln. Diese zeigen eingravierte Symbolik, die für das jeweilige Jahrhundert steht. Warum es für zehn Jahrhunderte allerdings elf Tafeln gibt, weiß nur der Künstler. Ulf Strippelmann hingegen hat aus Holz und Glas seine „Wandelläufer“ geschaffen, schlanke, aufragende Körper mit gläsernen Köpfen, die im Schatten einer Baumgruppe stehen. Unweit vom Rathaus stoßen wir auf eine weitere Arbeit aus Holz. „X-Man“ nannte Nils El Grube seine sehr bewegt erscheinende Sperrholzfigur. Nur Schritte von der Schule entfernt, treffen wir auf Jochen Eilerts „Tetris“, inspiriert von dem gleichnamigen Computerspiel.

Werther Skulpturenpfad: Friedrich Richter "1000 Jahre Werther - Spuren der Geschichte"

Werther Skulpturenpfad: Friedrich Richter "1000 Jahre Werther - Spuren der Geschichte"

Neben dem Skulpturenpfad ist aber auch der Weg von Erinnerungsort zu Erinnerungsort von Interesse. Dieser Rundgang beginnt in Sichtweite der St.-Jacobi-Kirche in der Alten Bielefelder Straße. Die alte Brücke über dem Schwarzbach ist verschwunden. Auch die Schmiede von Gottlieb Tiede musste einem Neubau Platz machen. Fußnote der Geschichte ist außerdem die Schankwirtschaft von Georg Wöhrmann. Jüdisches Leben ist in Werther nicht nur mit der Zerstörung der Synagoge ausgelöscht worden, sondern auch mit dem Neubau des Gemeindehauses. Dafür musste das Wohnhaus der Viehändlerfamilie Sachs 1959 weichen. Julius Sachs, Sohn des Viehhändlers Feodor Sachs, lebte bis zu seiner Deportation und Ermordung in Auschwitz im Jahr 1943 in Sichtweite zur evangelischen Kirche. Die heutige Kirche, die romanisch geprägt ist, geht in Teilen auf das 13. und 14. Jahrhundert zurück. Im 19. Jahrhundert erhielt sie allerdings ein neugotisches Querschiff.

Werther St. Jacobi-Kirche um 1200

St. Jacobi-Kirche um 1200

In unmittelbarer Nähe steht das ehemalige Haus des Kaufmanns Johann Friedrich Bolenius, in dem nachfolgend August Storck, der Gründer der August Storck Werthersche Zuckerwaren Fabrik, wohnte und arbeitete. Weniger ausladend ist nur wenige Schritte weiter ein Handwerkerhaus in Fachwerkarchitektur zu erblicken. Es geht auf das ausgehende 17. Jahrhundert zurück und beheimatete einst einen Glaser-, Schneider- und Elektromeister. Doch auch das ist heute nur ein Eintrag im Geschichtsbuch der Stadt. Aus der Rosenstraße kommend biegen wir dann in die Ravensburger Straße ein. Sehr beeindruckend ist dort das mit rötlich-braunem Fachwerk errichtete zweigeschossige Handelshaus, in dem einst auch eine Lohgerberei und eine Lederfabrik betrieben wurden.

Werther Ravensburger Str. 14 Handelshaus 1696

Ravensburger Str. 14: Handelshaus von 1696

Beim weiteren Rundgang durch Werther gelangen wir an den Erinnerungsort „Hotel Rentsch“. Ein historisches Foto auf einer Infostele zeigt die Straßenszenerie um 1900. Von Autos fehlte damals jede Spur. Das Beherbergungsgewerbe des Hotels war nur ein Unternehmenszweig, wurde doch in einem Hofgebäude Schnaps destilliert, vergnügten sich die Gäste zudem im Saalgebäude beim Kegeln. Zudem wurde gegenüber 1884 eine Zigarrenfabrik errichtet. Diese ist wie das Hotel längst verschwunden. Auch an die Synagoge vor Ort erinnert nur noch eine Betonstele mit Inschriftenplatte, die an den Bau der Synagoge im Jahr 1840 und deren Zerstörung 1938 erinnert. Sehr summarisch wird davon gesprochen, dass die jüdischen Bürger vertrieben, verschleppt und ermordet wurden. Gab es keine Überlebenden? Und wo finden sich die Namen derer, die in Konzentrationslagern oder auf dem Transport dorthin umgebracht wurden?

Werther Ravensburger Strasse: Erinnerungsort Jüd. Synagoge

Ravensburger Strasse: Erinnerungsort Jüdische Synagoge

 

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