Mit dem Fahrrad durch die Südpfalz

 

Vom Riesling zum Zander

Pamina Rheinpark-Guide Michael Walter kann ein Lied davon singen: „Vom Riesling zum Zander“ heißt es. Und er legt noch eins drauf: „Ja so en guude Palzwoi, der laaft ääm in de Hals noi, der laaft ääm durch die dorschdisch Kehl, do werd mer froh un kreizfidel“. Von regionalen Köstlichkeiten wie Fleischknöpfen aus Rindfleisch, Schweinebauch und Kräutern mit Meerrettichsoße weiß er ebenfalls zu berichten. Auch sie werden übrigens besungen. Mit Blick auf den Rhein stoßen wir an. Früher habe der Strom immer wieder sein Bett gewechselt, erklärt er. Damals fuhren hier Flusskriegsschiffe wie die „Lusoria Rhenana“, originalgetreuer Nachbau eines römischen Patrouillenboots, das im Setzfeldsee vor Anker liegt. „Im 19. Jahrhundert aber wurde der Strom von Gottfried Tulla begradigt.“

Südpfalz Essen und Trinken - Picknick am Rhein mit Essen/Trinken aus der „Leimersheimer Rheinschänke“, rechts Pamina Rheinparkguide Michael Walter

Picknick am Rhein mit Essen/Trinken aus der „Leimersheimer Rheinschänke“, rechts Pamina Rheinparkguide Michael Walter

Geschichten vom Rhein gibt es viele: Im „Haus am Strom“ erläutert Altbürgermeister Heid: „Neupotz heißt so, weil der alte Ort Potz im Mittelalter in den Fluten versunken ist.“ Seitdem wurde viel für den Hochwasserschutz getan, Polder und Deiche wurden errichtet. Auf einem in den Boden eingelassenen Foto sind sie zu sehen. „Das Landschaftsschutzgebiet mit den Rheinauen und der Altrheinbogen sind so schön, des kammer net bezahle!“, schwärmt Mundartdichter Hofmann.

Südpfalz Essen und Trinken - Haus Leben am Strom in Neupotz (links Emil Heid, ehemaliger Ortsbürgermeister und Geschichtenquell)

Haus Leben am Strom in Neupotz (links Emil Heid, ehemaliger Ortsbürgermeister und Geschichtenquell)

Wie wahr: An einem Altarm entdecken wir kleine, romantische Fischerhütten, die Netze baumeln über dem Wasser im Wind. Vögel zwitschern ein Konzert. Wir biegen ab und landen in Kandel beim besten Rhabarberkuchen meines Lebens. Dem „Café Schaaf“ eilt sein Ruhm voraus, und so darf es in meinem Reiseplan nicht fehlen. „Viele Radfahrer kommen hier vorbei und probieren unsere Kuchen“, sagt Eigentümerin Silvia Meyer, „wir liegen ja genau am Kraut-und-Rüben-Radweg!“ Richtig, aber für manche Köstlichkeiten würde ich auch einen Umweg in Kauf nehmen - wie z.B. zum Hofmarkt Zapf, wo gerade der leckere Spargel gestochen wird.

 

Weinprobe mit Unterlage

Nur fünf Kilometer weiter überrascht der „Schossberghof“, eine Bio-Landwirtschaft mit Hofladen. Solawi, "solidarische Landwirtschaft", heißt das erfolgreiche Konzept, das seit dem Ende der achtziger Jahre auch in Deutschland mit einer wachsenden Zahl von Höfen vertreten ist. „Die Mitglieder zahlen einen Beitrag, helfen aber auch beim Ernten oder Verpacken“, erklärt Marion Groß. „Dafür bekommen die Solawisten dann von allem, was gerade reif ist, einen Anteil.“ Vom Hofladen nehmen wir uns ein Picknick mit: köstliches Brot, verschiedene Käsesorten.

Südpfalz Essen und Trinken - Schoßberghof, Marion und Michael Groß

Schoßberghof, Marion Groß

Eine Unterlage werden wir brauchen, denn zwölf Kilometer weiter holt uns eine „Radfahrer-Weinprobe“ aus dem Sattel: „Dreimal 0,1 Liter: Riesling, Grauburgunder und Rosé!“, schlägt Sabine Bohlender vom Weingut Rosenhof vor. „Radfahrer können und wollen ja unterwegs nicht so viel Alkoholisches trinken, und so bieten wir es auf diese Art an.“ Gute Idee! Danach können wir entspannt bis nach Kandel rollen. Im Restaurant „Kochs“ lernen wir Mario Koch kennen. Seine Leidenschaft ist das Wild, das er unter dem Label „Wilde Pfalz“ vermarktet. Auf der Speisekarte steht dann auch Reh aus eigener Jagd, und man kann Produkte wie die hausgemachten Wildteigtaschen erstehen. Wir reden lange und trinken noch ein Glas… Dann falle ich in einen tiefen Schlaf und träume von Begegnungen mit Hirschen auf Radwegen.

Südpfalz Essen und Trinken - Rosenhof, Sabine Bohlender, Weinprobe

Rosenhof, Sabine Bohlender, Weinprobe

In Herxheim besuchen wir das sehenswerte Museum mit Abteilungen zur Steinzeit, Archäologie, Geschichte und Totenschädelkult und Informationen über Sesshaftwerdung und Ackerbau. „Als man sesshaft geworden war, aß man aus Keramiktöpfen, sammelte Beeren, baute Getreide an, hatte Vieh, jagte Wild und würzte es mit Salz und Kräutern“, erklärt Museumsführerin und Archäologin Andrea Skametz.

Ein paar Hundert Meter weiter stößt man aufs „Café Theobald“ mit eigenem Eislabor. „Mango und Kokos sind meine Lieblingssorten“, sagt Konditormeister und Besitzer Florian Theobald. Auch verführerische Kuchen sind in der Vitrine zu sehen: Mousse-Torte und diverse Obstkuchen, American Cheesecake mit Himbeeren und Apfeltarte mit selbst touriertem Blätterteig. Alles ohne Konservierungsstoffe aus regionalen und saisonalen Produkten hergestellt, das Brot mit selbst kultiviertem Sauerteig aus besten Rohstoffen. Das Mehl kommt vielleicht auch aus der Bischoff Mühle, unserem nächsten Ziel.

Südpfalz Essen und Trinken - Bischoffmühle mit Mühlenladen

Bischoffmühle mit Mühlenladen

Mit Mandelbrot und Theos Bauernbrot, benannt nach dem Großvater des Besitzers, der das Rezept entwickelt hatte, machen wir Brotzeit. Seit 1748 ist die Mühle in Familienbesitz. „Eventuell existiert sie aber schon seit dem 15. Jahrhundert!“, betont Johannes Frey und dass es heutzutage nicht mehr viele Mühlenläden gebe wie den seinen. Das hier zu erstehende Mehl aus regionalem Getreide stammt von Landwirten aus maximal 30 Kilometern Entfernung: Weizen, Roggen und Dinkel. Pro Jahr werden 15.000 Tonnen Getreide verarbeitet, zerkleinert, abgesiebt und portioniert als Mehl, Gries oder Schrot.

 

Hügelland

Hügeliger wird es nun. Links und rechts ziehen sich Reben die Hänge hinauf. Auf die Kleine Kalmit, Naturschutzgebiet und zur schönsten Weinsicht 2020 in der Pfalz geadelt, strampeln wir dank Akku locker hinauf. Was für ein Blick! Das Picknick, das wir uns „unten“ vom Weingut Stentz in Mörzheim mitgenommen haben, schmeckt hier oben nochmal so gut.

Eine Probe im Wein- und Sektgut Wilhelmshof muss noch sein. „Wir machen die Hälfte unserer Weine zu Sekt. Das ist vor 50 Jahren durch das Hobby meiner Eltern entstanden, die dann auch in der Champagne hospitiert haben“, erzählt Barbara Roth. Inzwischen werden auf zehn Hektar Riesling, Weiß-, Spät- und Grauburgunder für Sekt angebaut, der nach der Méthode Champenoise hergestellt wird, und zehn Hektar für den Wein. „Alles ernten wir von Hand, da wir nur so auslesen und die Trauben selektieren können, die für den Wein optimal sind. Der Rest fällt auf den Boden und wird zu Humus.“ Hinab geht‘s in den Rüttelkeller, wo sie uns die schweißtreibende Arbeit vorführt. „Beim Sekt gibt es übrigens sieben Geschmacksrichtungen, beim Wein nur vier!“, erfahren wir - und verstehen so langsam, warum das Thema Sekt hier buchstäblich auf fruchtbaren Boden gefallen ist.

Südpfalz Essen und Trinken - Radfahren Richtung Mörzheim, Weinreben und -berge

Radfahren Richtung Mörzheim, Weinreben und -berge

Die Nase weist den Weg: Zum Café Parezzo mit Kaffeerösterei in der Landauer Marktstraße findet man, ohne die Adresse zu kennen, zielsicher vom Duft geleitet. 21 Sorten werden geröstet, die meisten davon sind direkt vom Kaffeebauern bezogen und fair gehandelt. Vor 16 Jahren hat Parez Wared hier aus Liebhaberei zum Kaffee mit einem kleinen Geschäft angefangen und immer wieder vergrößert. Alles rund um den Kaffee ist im Angebot, auch Kaffeemaschinen, Pralinen und Pâtisserie. Im Laden steht die kleine Rösttrommel, hinten in einem weiteren Raum eine größere. „Aber die ist auch schon wieder zu klein, ich werde wohl eine noch größere kaufen!“, sagt Wared lachend. „Denn Kaffee ist meine absolute Leidenschaft“. Ja, das merkt man dem exzellenten Capuccino an. Übrigens soll es beim Kaffee gar 800 Aromen geben!

Fazit: Diese Tour ist für Freunde der leisen Töne entlang kleinerer Radrouten, die sich abseits der großen Sehenswürdigkeiten über Geschichte und Geschichten, Kurioses und Exotisches freuen und nicht zuletzt über regionale Genüsse und malerische Weindörfer.

Südpfalz Essen und Trinken - Schild Weingut

 

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