Costa Rica

Pionier des Ökotourismus

Text und Fotos: Beate Schümann

 

Leguane im Parque Nacional Volcano Arenal, Costa Rica

Wenn er jetzt spucken würde! Wenn Lavafunken gen Himmel sprühen, Aschewolken durch die Luft jagen würden. Eine Faszination, in der sich Entsetzen und Anziehung gefährlich mischen. Immerhin ist der Arenal einer der aktivsten Vulkane von Costa Rica. Perfekt geformt, ragt der Kegel aus dem Horizont. Erst kürzlich brach der Turrialba nahe der Hauptstadt San José aus, den alle für erloschen hielten. Doch der Arenal bleibt ruhig und prahlt mit stolzer Schönheit.

Der Vulkan Arenal fasziniert die Menschen durch seine perfekte Kegelform. Sie stehen hier auf dem Lavafeld, das nach einem Ausbruch entstanden ist. Parque Nacional Volcano Arenal, Costa Rica

Der Vulkan Arenal fasziniert die Menschen durch seine perfekte Kegelform. Sie stehen hier auf dem Lavafeld, das nach einem Ausbruch entstanden ist

Das mittelamerikanische Land ist kaum größer als Niedersachsen, aber unter ihm brodelt es. Mehr als 200 Vulkane versammeln sich auf dem engem Raum, sieben sind aktiv. Wanderer kommen dem Koloss im Arenal-Nationalpark auf angelegten Pfaden durch das 204.000 Hektar große Schutzgebiet noch näher. „Alle dachten, er sei ein ganz normaler Berg“, sagt Naturführer Henry Elizondo. Auf einmal brach er 1968 aus. Schnee von gestern, sagen die Leute heute. Im dichten Regenwald sind die Eruptionen schnell vergessen. Fast jedes Blatt hat Besonderheiten, die spannender sind. Henry erspäht ein schlafendes Faultier, aus dem Laub springt ein Nasenbär. Lieber Abstand halten. Der Coati-mundi ist zwar possierlich, bleibt aber ein Wildtier. Als Nächstes sichtet Henry eine kürbisgelbe Greifschwanz-Lanzenotter – eine von 137 Schlangenarten in Costa Rica. Die giftigen sind klein und knallig, die ungiftigen groß und unscheinbar, lautet die Faustregel. Vögel piepen, kreischen, krächzen. Henry hat zu tun, alle zu bestimmen – es gibt davon rund 900 Arten.

Costa Rica - Coati-mundi, ein Nasenbär im Arenal-Nationalpark

Ein Nasenbär oder Coati-mundi im Parque Nacional Volcano Arenal

Abends geht es mit Taschenlampe und Fotoapparat zur Frosch-Expedition. Der nachtaktive Rotaugenlaubfrosch ist das Ziel. Er und der Tukan sind die markantesten Tiere Costa Ricas. Henry hört Geräusche am Bach. „Er quakt nicht, er quiekt wie ein Küken“, ruft der Spurenleser und entdeckt auf einem Bambusblatt die Froschkönigin. Sie ist groß und bunt, ein Glücksfall. Greiffrösche leben in Bäumen, sie steigen nur zum Laichen herab. Tagsüber schlafen sie auf Blättern, ziehen die orangefarbenen Füße unter den blattgrünen Körper und verschwinden optisch in perfekter Camouflage.

Ein Rotaugenlaubfrosch bei einer nächtlichen Expedition entdeckt. Parque Nacional Volcano Arenal, Costa Rica

Ein Rotaugenlaubfrosch bei einer nächtlichen Expedition entdeckt

In zwei bis drei Tagen ist man im Tropenwald gewandert, hat eine der heißen Thermalquellen durchschwommen und hätte noch Zeit für La Fortuna. Der Katastrophentourismus nach dem Ausbruch von 1968 hat die Stadt am Fuße des Vulkan schnell groß gemacht. Sie zählt vier Banken, 20 Souvenirshops, 30 Restaurants, eine Kirche und ist völlig gesichtslos. „Pura Vida“, ruft einer im Park den unfrohen Passanten zu und meint: Was soll’s!? Wir leben. Die Sonne scheint. Das Essen schmeckt. Das ist die Hauptsache. „Pures Leben“ ist das Lebensmotto der Ticos, wie sich die Costa-Ricaner selber nennen. Sie finden, die Losung passe auf mindestens 99 Prozent aller Lebenslagen. Das ist sympathisch.

Die Kirche mit Park in La Fortuna. Die Stadt unter dem Vulkan Arenal, wurde durch Katastropentourismus schnell groß. Parque Nacional Volcano Arenal, Costa Rica

Die Kirche mit Park in La Fortuna. Die Stadt unter dem Vulkan Arenal, wurde durch Katastropentourismus schnell groß

Wie mit La Fortuna ist es mit den meisten Städten. Als Kolumbus vor mehr als fünfhundert Jahren die Karibikküste erreichte, gab er dem Land den Namen Costa Rica – reiche Küste. Die Einwohner trugen Gold an Hals und Armen, die Spanier sahen sich ihrer Sehnsucht nahe. Doch die Funde waren bald erschöpft, die Eroberer verloren das Interesse. Daher bauten sie in der Kolonialzeit auch keine prächtigen Städte. Der Reichtum des kleinen Tropenlandes liegt nicht im kulturellen Erbe, sondern in der Natur, die zu den artenreichsten der Welt gehört. Ein Viertel der Fläche steht unter Schutz, gut die Hälfte liegt in 29 Nationalparks.

Beliebtes Fotomotiv: Eintritt vom Parque Nacional Volcan Tenorio. Cordillera Volcanica de Guanacaste, Costa Rica

Beliebtes Fotomotiv: Eintritt vom Parque Nacional Volcan Tenorio

Costa Rica hat den Stellenwert der Natur früh erkannt und ist ein Pionier im Ökotourismus. Kein anderes Land in Südamerika setzt so konsequent auf nachhaltigen Tourismus mit ökologischen Richtlinien und Umweltprojekten. Eco-Lodges wurden gebaut, inzwischen sind es mehr als 300. Energie kommt aus Solarzellen, das Gemüse von der eigenen Bio-Farm. Mülltrennung gehört dazu sowie ordentliche Gehälter für Mitarbeiter. Das ICT kontrolliert, bewertet und zertifiziert Unternehmen nach sozialen und umweltfreundlichen Kriterien.

Auch die Öko-Lodge Casitas Tenorio bei Bijagua am Fuße des Tenorio-Vulkans trägt das Eco-Label. Die Australierin Phillippa Kelly und ihr costa-ricanischer Mann Donald Varela haben auf der väterlichen Hacienda am Rande des Tenorio-Nationalparks sechs komfortable Ferienhäuser. „Unsere europäischen Gäste suchen kein Hotel“, sagt die studierte Geologin. „Sie wollen nah an der Natur und den Menschen sein.“ Statt Pool gibt es einen Bauernhof, Bücher statt TV. Donald hat Wanderwege im Regenwald entworfen, auf denen der ausgebildete Vogelkundler Gäste begleitet. „Der Erfolg des Öko-Tourismus ist im ganzen Land zu sehen“, sagt Kelly. Die Menschen leben bescheiden, aber weitgehend gut. „Kinder müssen hier keine Schuhe putzen, um sich mit dem kargen Erlös eine Handvoll Reis zu kaufen.“

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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