Im Gänsemarsch nach Brisa

 

Nordalbanien - selbstgebrannter Raki wird ausgeschänkt

Bei unserem Besuch in Brisa erleben wir hingegen die positiven Seiten des Kanun. „Das Haus gehört nicht dir, sondern Gott und dem Gast“, so lautet eine der Regeln. Als wir vor dem Wohn- und Gästehaus der Familie Prëla sitzen, machen uns die Ältesten des Dorfes allesamt ihre Aufwartung. Beim obligatorischen Gegenbesuch, zu dem wir am frühen Abend aufbrechen, ist überall eine Karaffe oder eine Plastikflasche mit selbstgebranntem Raki zur Hand. Der albanische Raki ist kein Anisschnaps, sondern wird meist aus Trauben hergestellt. Er ist quasi eine Art Grappa, aber nicht allein aus dem Trester, sondern aus der kompletten Traube. Etliche Gläser davon sorgen bei uns nachts für Bettschwere – und das ist auch gut so. Denn in den frühen Morgenstunden heulen und kläffen die Hunde ausdauernd und laut. Ab 3 Uhr krähen dann auch die Hähne der verschiedenen Familien aus voller Kehle um die Wette. Zudem erweist sich das Bett eines Mitreisenden als nicht wirklich stabil. Es kracht seitlich nach unten. Einen anderen Mitreisenden scheint das alles gar nicht zu stören: Er hat seinen Schlafsack im Garten ausgerollt und leistete dort den Hühnern und Hähnen Gesellschaft. Lieber beim Krähen als beim Schnarchen zuhören, so scheint sein Motto zu lauten.

Nordalbanien - Maultier als Lastenträger

Nach einem ausgiebigen und überaus schmackhaften Frühstück wird es Zeit, uns zu verabschieden. Der vierbeinige Lastenträger Miri steht wieder bereit – doch an diesem Tag führt uns der Wanderweg nur gemäßigt bergauf und bergab. Wir durchschreiten einen Einschnitt, in dem ein Bach einen kleinen Wasserfall formt, laufen durch Haselnusswäldchen und genießen immer wieder den Blick hinunter zum dem Stausee, auf dem wir am Vortag mit der Bus-Fähre unterwegs waren. Besnik Prëla, ein Sohn unseres Gastgebers, begleitet uns, ganz wie der Kanun es verlangt. Anderen Reisenden begegnen wir auf dem Weg in die Nachbarortschaft nicht, nur zwei Einheimischen.

Nordalbanien - Stausee - Naturpark Nikaj-Mërtur

Wandertourismus ist hier im Naturpark Nikaj-Mërtur gerade erst im Aufbau. Initiiert wurde die Entwicklung durch ein Projekt der GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit), die geholfen hat, Wanderwege zu markieren und einfache Unterkünfte einzurichten und bekannt zu machen. All dies ist noch ein zartes Pflänzchen, das gehegt und gepflegt werden muss – doch trotzdem, oder gerade deshalb, ist die Gastfreundschaft hier ganz besonders herzlich.

Nordalbanien - Landschaft im Blick von oben

 

Reiseinformationen

Anreise

 Auf dem Landweg erreicht man Albanien am einfachsten über Italien und von dort aus weiter per Fähre. Ab Bari fahren Adriaferries, Ventouris und Grandi Navi Veloci nach Durres (Adriaferries startet dorthin auch ab Ancona). Alternativ von Brindisi mit European Seaways oder European Ferries nach Vlore. Mit dem Flugzeug reist man über den Mutter-Theresa-Flughafen in Rinas bei Tirana ein, der von Lufthansa ab Frankfurt direkt angeflogen wird. Neben diesen Direktflügen gibt es Umsteigeverbindungen über Wien (von dort aus weiter mit Austrian Airlines). Den Ort Brisa erreicht man von Tirana aus am besten über Shkodra, von dort aus weiter per Minibus und Fähre. Über Fährverbindungen auf dem Komansee informiert unter anderem die Webseite www.komanilakeferry.com/en/ferry-lines-in-the-komani-lake/. Für Besuche in Nordalbanien eignet sich auch die Anreise über den Flughafen Pristina im Kosovo oder über Montenegro.

Einreise

EU-Bürger und Schweizer dürfen für Aufenthalte von bis zu neunzig Tagen grundsätzlich auch mit Personalausweis/Identitätskarte einreisen, ein Reisepass ist jedoch in jedem Falle vorzuziehen. Das jeweilige Dokument sollte bei der Einreise noch mindestens drei Monate lang gültig sein.

Übernachten

Im Naturpark Nikaj-Mërtur gibt es mittlerweile ein Netz von etwa fünfzehn einfachen Gästehäusern, die darauf vorbereitet sind, ausländische Besucher zu beherbergen. Im Dorf Brisa bieten Nikollë Prëla (Tel. +355 682469505, E-Mail brisa.tourism@gmail.com) und Ndok Mirashi (+355 685597238, brisa.guide@gmail.com) in der Zeit vom 15. Mai bis 30. September Verpflegung und ein Dach über den Kopf (Übernachtung 13 Euro pro Person). Bei der GIZ Albanien ist eine handliche Broschüre erhältlich, in der alle Gästehäuser im Nikaj-Mertur Naturpark angeführt sind (GIZ Albanien, Programm "Conservation of Agrobiodiversity in Rural Albania – CABRA", Büro Tirana, Rruga „Skenderbej“ 21/1 (Pallati 6, shk. 1, Ap 4), Tirana, Albanien, Tel. +355 42230414, E-Mail giz-albanien@giz.de).

Rundreisen/Pauschalangebote

Mehrere Reiseveranstalter mit Spezialisierung auf nachhaltige Tourismusangebote aus dem Forum Anders Reisen e. V. (http://forumandersreisen.de) haben Albanien im Angebot. Eine Wander- und Begegnungsreise, die auch Besuche bei dem GIZ-Projekten beinhaltet, wird von Entdecker-Touren angeboten: Reisebüro Klingsöhr – Entdeckertouren, Oberföhringer Straße 172, 81925 München, Tel. 089/9570001, www.entdeckertouren.com. Maßgeschneiderte Individualtouren und Kleingruppenreisen organisiert die von einem jungen Deutschen geleitete Incoming-Agentur Zbulo Discover Albania, Tel. +355696731932, E-Mail contact@zbulo.org, www.zbulo.org.

Weitere Infos

Visit Albania, Sermedin Said Toptani, Tirana, Tel. +355 42273778, www.albania.al, E-Mail info@akt.gov.al, über Nordalbanien informieren außerdem die Webseiten http://endritstrail.com und http://thethi-guide.com.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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