Im Gänsemarsch nach Brisa

Grandiose Ausblicke und traditionelle Gastfreundschaft in den albanischen Alpen

Text und Fotos: Rainer Heubeck

 

Nordalbanien - am Komansee

Einsteigen bitte, doch halt, seit wann fahren Omnibusse eigentlich auf dem Wasser? Und haben sie nicht normalerweise auch Räder? Der blaue Setra-Bus mit weißem Dach, mit dem wir von einer Fährhaltestelle am Komansee ablegen, hat sich von der Straße emanzipiert. Die Fahrgastkabine dient nun als Passagier- und Steuerraum einer Fähre. Miri Berisha, ein schmächtiger albanischer Kapitän, schippert mit der originellen Bus-Fähre über den Komansee. Die von Karstfelsen und Büschen geprägten Ufer ragen fast senkrecht aus dem grün schimmernden Wasser. Eine Landschaft wie an einem norwegischen Fjord. Doch das insgesamt vierunddreißig Kilometer lange Gewässer ist ein albanischer Stausee. Er wurde in den 80er Jahren angelegt, damals hat man den Fluss Drin aufgestaut, um ein Wasserkraftwerk zu betreiben. Der zum Teil recht schmale Stausee ist einer der größten Albaniens, an seinen Ufern öffnen sich immer wieder kleine Taleinschnitte. Viel üppige Natur, an der wir uns kaum satt sehen können.

Nordalbanien - am Komansee

Natürlich hat unser Bus kein Lenk-, sondern ein hölzernes Steuerrad. Kapitän Miri Berisha geht geübt damit um und hat nebenbei noch Zeit für ein Schwätzchen. Er entdeckt Anlegestellen, an denen Ortsunkundige mit Sicherheit achtlos vorbeifahren würden. Bereits kurz nach unserem Ausstieg unterhalb der Ortschaft Brisa, die wir vom Ufer aus noch nicht sehen können, sehnen wir uns zurück nach der geruhsamen Wasserbusfahrt – denn es geht steil bergauf. Der steinige Pfad erfordert volle Konzentration, links von uns ragt eine Felswand empor, rechts klafft ein Abhang, an dem nur wenige Büsche wachsen. In Gänsemarsch geht es voran. Bald schon merken wir, dass es sich lohnt, gelegentlich anzuhalten und den Blick schweifen zu lassen. Der fjordartige Stausee liegt hinter uns, seine Wasseroberfläche ist ruhig und glatt wie ein Leinentuch. Genug geschaut. „Hajde, hajde, etz etz“. Auf geht’s, auf geht’s, los, los. Unsere albanischen Begleiter drängen zum Weitergehen.

Nordalbanien - Wanderpfad bei Brisa

Bald darauf bekommen wir Gesellschaft: Aus dem Dorf Brisa sind uns Flori Mirashi und Miri entgegengekommen, Flori ist ein Einheimischer, dessen Familie seit Kurzem in kleines Gästehaus betreibt, Miri hingegen ein recht klein gewachsenes Pferd oder ein Maultier, genau haben wir das nicht herausgefunden. Entscheidend ist: Der Vierbeiner unterstützt uns auf dem Rest der Strecke als „Packesel“. Ohne Rucksack auf dem Rücken scheint der Anstieg gleich nur noch halb so anstrengend. Gut zwei Stunden sind wir unterwegs, dann haben wir rund 450 Höhenmeter bewältigt und stoßen auf das kleine Bergdorf Brisa, einen idyllischen Ort, in dem nur noch wenige Familien wohnen.

Nordalbanien - das Bergdorf Brisa

Der über 70-jährige Nikollë Prëla und seine Angehörigen und Freunde erwarten uns dort. Auf einem durch ein kleines Feuer erhitzten Stein liegt ein Maismehlfladen, etwas entfernt davon brutzelt ein aufgespießtes Schaf über einem deutlich größeren Feuer. Unser Gastgeber war viele Jahre lang Bergarbeiter, mittlerweile ist er in Pension. Sein Wunsch ist, dass seine Familie hier in dem abgelegenen Dorf Brisa, in das nur ein Pfad, aber keine Straße führt, weiterhin eine Zukunft hat. „Das hier ist mein Geburtsort, er hat ein sehr gutes Klima und hier wachsen Beeren, Weintrauben, Kastanien, Nüsse und Pfirsiche“, schwärmt Nikollë Prëla. Probleme habe der Ort allerdings auch: Die kleine Leitung, die das Trinkwasser von einer Quelle herbeiführt, versiegt oft schon Mitte August. Im Sommer 2016 haben die Prëlas in ihrem Haus zwei einfache Gästezimmer eingerichtet, darin finden sich neun Holzbetten, mit neuen, sauberen Decken. Und auch die Toiletten, die sich außerhalb des Hauses befinden, wurden modernisiert.

Albanien - Maismehlfladen auf dem Feuer

Übernachten in kleinen familiären Gästehäusern, das ist ein Konzept, das auch in anderen Regionen Albaniens ankommt. Die Orte Valbona und Theth sind längst Hotspots für den Wandertourismus in den albanischen Alpen. In den Sommermonaten werden dort Tausende von Übernachtungen gezählt. Hier in Brisa inmitten des Naturparks Nikaj-Mërtur sind wir jedoch die ersten ausländischen Gäste überhaupt, die von Familie Prëla begrüßt werden. Schnell merken wir, was albanische Gastfreundschaft bedeutet. Die Familie verwöhnt uns mit Bergtee, Hauswein, Bier und Raki, und zum am Spieß gegrillten Schaf gibt es Tomaten und Ziegenkäse, eingelegte grüne Tomaten, Pfannkuchen, Maisbrot, eine schmackhafte Joghurtsauce, Ofenkartoffeln, Oliven und Gurken. Das Gemüse stammt vorwiegend aus kleinen Gärten, die von den Dorfbewohnern bestellt werden.

Nordalbanien - Treffen im Dorf Brisa

Gastfreundschaft kommt hier im Norden Albaniens nicht von ungefähr. Sie ist ein wichtiges Gebot im Kanun, dem traditionellen, rund 3000 Jahr alten Rechtskodex, der im katholisch geprägten Bergland der albanischen Alpen noch immer eine große Rolle spielt. Einen Kodex, der nicht unproblematisch ist. Denn er schreibt nicht nur die Gastfreundschaft fest, sondern auch das Gesetz der Blutrache. Ein Thema, zu dem wir von den Einheimischen eher wenig erfahren, doch Ricardo Fahrig, ein deutscher Reiseleiter, der seit fünf Jahren in Albanien lebt, hat von Schätzungen gehört, wonach derzeit noch rund 10.000 Personen in Albanien „im Blut stehen“, was bedeutet, dass sie aufgrund von Rachefehden bedroht sind.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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