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Alte Zeiten, neue Zeiten

Vietnam im Aufbruch und Umbruch

Text und Fotos: Franz Lerchenmüller

Videtnam Kinder

Stille Ströme, alte Tempel, erstklassige Strände - Vietnam hat viele Facetten. Tief wurzelt das südostasiatische Land in der Vergangenheit, und ist zugleich mit Riesenschritten in die Zukunft unterwegs. Die alten Bergvölker des Nordens, und das flirrende Nachtleben im 1500 Kilometer südlicheren Saigon sind zwei Pole, die dafür stehen. Zwei der weniger bekannten Gesichter, mit denen Vietnam dem Besucher gegenübertritt.

Der Sarg wartet seit vierzig Jahren auf Frau Giang. Als sie 60 wurde, haben ihr ihre Kinder, wie es Sitte ist bei den Schwarzen Hmong, den Kasten aus groben Bohlen auf die Terrasse gestellt. Doch die muntere, tiefverrunzelte Greisin in dem schwarzen, mit bunten Bordüren gesäumten Kittel erweckt nicht den Eindruck, als wolle sie ihn sich eines nicht so fernen Tages auch von innen betrachten. "Ich ziehe von einem meiner vier Kinder zum andern. Und das noch eine ganze Weile", prophezeit sie. Und wuschelt dem fünfjährigen Khu, einem ihrer 22 Urenkel, durchs Haar. Khu hat einen von Würmern aufgetriebenen Bauch und trägt eine silberne Kette um den Hals: "Ein besonderes Zeichen", sagt Phong, unser Führer. "Er ist bereits einem Mädchen zur Heirat versprochen."

Vietnam Straßenszene Dien Bien Phu

Unterwegs in Dien Bien Phu

Ob wir ins Haus dürfen? Giangs 70-jährige Tochter hat nichts dagegen. Bohnen trocknen unterm Dach aus Reisstroh, eine Sichel hängt an der Wand, ein Mühlstein und ein paar irdene Töpfe stehen auf dem Lehmboden. So wie es ist, könnte das Haus ins Ethnographische Museum in Hanoi versetzt werden. Auf der Stirn der Hausherrin prangt ein dunkelblaues Mal: "Kopfschmerzen", sagt Phong. "Deshalb hat sie sich mit einem erwärmten Büffelhorn schröpfen lassen." Der 30-jährige kennt sich aus.

Vietnam Fleischverkäufer

Auf dem Markt

Er wuchs selbst in einem der Hmong-Dörfer auf, zwei Tagesreisen von der nächsten Straße entfernt. Später ging er zur Schule, arbeitete in einem Hotel und ist heute der einzige Reiseveranstalter in Sa Pa, der einer Minderheit entstammt. Und warum, Phong, rappelt sich der Sohn Giangs erst jetzt gegen Mittag stöhnend von seinem Bett hinter dem Vorhang auf? "Maniokschnaps. Die Arbeit auf den Reisfeldern ist getan. Die meisten Männer schlagen jetzt in den Bergen Holz oder spalten Bambus. Er trinkt lieber."

Manches Dorf bleibt tabu

54 Minderheiten leben in Vietnam, fünf Völker sind es allein rund um Sapa: Schwarze Hmong, Rote Dao, Tay, Zday und Xapho. Dank ihrer bunten Trachten, der Handarbeiten und der unterschiedlichen Architektur der Häuser sind einige der besser zugänglichen Dörfer zur Touristenattraktion geworden. Mit Webschals und bestickten Bändern für Besucher lässt sich schneller Geld machen als mit der Plackerei auf dem Feld. Das erkannten einige Leute schon bald und ließen die Reisfelder liegen, so dass der Staat ihnen schließlich über Notzeiten hinweghelfen musste. Mittlerweile ist der Besuch dieser Ansiedlungen nur noch in Begleitung eines einheimischen Führers gestattet. Supan, das Dorf ganz oben am Berg, bleibt für uns heute trotzdem tabu. Eine religiöse Zeremonie findet statt. Wer nicht zum Stamm gehört, hat dort nichts verloren.

Vietnam Schwarze Thai

Eine Frau der Schwarzen Thai

Seit ein paar Jahren sind die Minderheiten in Vietnam stärker ins Blickfeld gerückt. Studenten fahren zu Gesundheitskampagnen in ihre Regionen, es gibt Festivals rund um ihre Kultur, Fernsehstars tragen schon mal eine "kultige" Yao-Weste, und auch die Regierung kümmert sich intensiver um sie. "Programm 135" soll Wasser, Strom, Schulen und medizinische Versorgung in die abgelegenen Flecken bringen - auch ein Versuch, die herumziehenden Gruppen heimisch zu machen und zerstörerischen Waldrodungen ein Ende zu setzen.

Vietnam Familie der Roten Hmong

Eine Familie der Roten Hmong

Auch um Sapa herum werden Straßen in den Berg gesprengt. Arbeiter, Kinder darunter, schwingen langstielige Hämmer und schleppen in Körben Steine vor die Planierraupen - die Zivilisation ist auf dem Vormarsch, mit all ihren Segnungen und Begleitschäden: Zwar schenkt die Tochter des Bürgermeisters im Zday-Dorf Tavan den Gästen noch schnell etwas heißes Wasser in schmutzige Tassen, doch dann muss sie sofort wieder vor den Bildschirm: Gute Zeiten, schlechte Zeiten auch hier, Verführer, Verfolgte und Verräter in chinesischer Serienausfertigung.

Vietnam Frauen der Lu

Frauen vom Volk der Lu

Sapa, einst von den Franzosen zum Kurort in den "Tonkineser Alpen" ausgebaut und später in langen Schlaf verfallen, zieht seit einigen Jahren wieder Touristen an. Neue Unterkünfte wachsen in Windeseile hoch, alte Kolonialvillen verschwinden, 112 Hotels und Gasthäuser scharen sich mittlerweile um das angeschwärzte Kirchlein von 1930 und den Markt, auf dem die bunten Trachtler aus den Bergen bestickte Stulpen, gewebte Schärpen, Silberschmuck und Schnaps mit eingelegten Babygeckos feilbieten.

Fröhlich wird es im Haus

Vieles wird weniger, wenn man von Hanoi über Lao Cai und Sapa nach Nordwesten fährt: Autos, Plakatwände, Hotels mit Continental Breakfast. Anderes nimmt zu: Radfahrer, Staub, Postkartenblicke und Charme. Die Landschaft auf dem Weg nach Dien Bien Phu gehört zu den schönsten Vietnams: Spitze Zuckerhüte reihen sich aneinander, bizarr bewachsen mit Bananenwedeln, Bambusbesen, ausladenden Baumriesen und grünem Gestrüpp. Im Flusstal glitzern Reisfelder, Jäger mit langläufigen Flinten sind unterwegs, in Lin Chau ragt die Ruine des einstigen Kulturhauses wie ein zerfressenes Mahnmal in den Himmel. "Besuchen Sie die Täler", ist man versucht zu denken, "solange es sie noch gibt": Der geplante Song-Da-Staudamm wird der größte Südostasiens werden. In Tam Duong, der neugekürten Provinzhauptstadt, warten bereits Siedlungen gleichförmiger gelber Villen auf die Umsiedler.

Vietnam Wasserbüffel

Pflügen auf traditonelle Art

Eine Nudelsuppe in Batan, ein "Ha Noi" Bier am Wege, und immer bleibt Zeit für einen Abstecher in die Dörfer - Bo, der jetzt mit uns ist, hat die Erlaubnis im Handumdrehen besorgt. Frau Ty vom Volk der Roten Hmong lässt uns gern in ihr mit Plastikplanen ummanteltes Haus. Fotos? Ja - dann aber richtig. Sie löst ihr hüftlanges schwarzglänzendes Haar, flicht es neu und knüpft schließlich die schwarze Wollperücke hinein, die am Ende wie eine Art Sofakissen auf ihren Kopf zu liegen kommt. Und Ly, ihr Mann, der sich müde vom Pflügen mit dem Wasserbüffel hingehauen hat, wird auch noch einmal aufgescheucht.

Vietnam Rote Dao

Frauen der Roten Dao

In Ban Lu schwört Maj vom Volk der Lu todernst, dass sie einen Monat lang an der Decke gewebt habe, die sie verkaufen will. "Jeden Tag und jede Nacht - na ja, vielleicht nicht jede Nacht", prustet sie los, "sonst bliebe ja keine Zeit mehr für die Liebe" - und das Dutzend Frauen, das sich nach und nach in ihrem Haus eingefunden hat, schüttet sich aus vor Lachen. Nein, keine Decke, danke! Aber wie wäre es, wenn sie uns etwas singen würden, gegen Honorar, versteht sich, wir wollten ihre Zeit nicht stehlen? Eine Frau mit geschwärzten Zähnen - eine besondere Art der Pflege - fasst sich nach längerem Hin und Her ein Herz und hebt an: "Kommen Gäste zu Besuch, findet sich auch in der ärmsten Familie ein Platz für die, die man liebt."

Buch in der Schrift der Schwarzen Thai

Ein Buch in der Schrift der Schwarzen Thai

Schön ist es, fröhlich wird es im Haus, wir plaudern über die Kinder, das Moped, die Hochzeit vor zwölf Jahren - und gehen zufrieden mit viel Gelächter auseinander. Die Fremden haben Zeit mitgebracht, Offenheit, ein paar tausend Dong und einen guten Dolmetscher - nur so können derartige Begegnungen zu einem Erlebnis werden. Andernfalls bleiben sie für beide Seiten peinigende Verkaufs- und Knipsshows.

 

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