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Mit der Donau durch Serbien

Wo Massentourismus noch ein Fremdwort ist

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Eine Reise entlang der Donau in Serbien ist vor allem eines – eine Grenz-Erfahrung. Egal, ob Besucher mit der Flusskreuzfahrtschiff an den wichtigsten Häfen Station machen oder ob sie mit dem Drahtesel auf dem Eurovelo Weg 6 unterwegs sind, einem neuen Abschnitt des populären Donauradwegs, dessen meistbefahrene Etappen bisher noch in Deutschland, Österreich und Ungarn liegen – wer Serbien besucht, lernt ein Land kennen, in dem lange Zeit die Grenze zwischen der Herrschaft der Habsburger und des osmanischen Sultans verlief. Ein Land aber auch, in dem Massentourismus bislang ein Fremdwort ist. Dabei ist Serbien nicht nur landschaftlich reizvoll, sondern bietet auch einzigartige Kulturschätze.

Serbien - Belgrader Festung
Belgrader Festung

Die Donau gilt seit jeher als ein Strom, der verbindet. Zum einen, weil sie insgesamt zehn europäische Länder durchfließt oder streift, zum anderen, weil sie ein wichtiger Handelsweg ist und war. Doch die Donau bildet nicht nur eine Brücke, sondern oft auch eine Grenze. Mehr als 1000 Kilometer, rund 37 Prozent des Donauverlaufs, sind Staatsgrenzen. Doch während die Donau heute die Nachbarländer eher verbindet als trennt, war dies früher anders. Davon zeugen zahlreiche trutzige Burgen und Festungen entlang der Donau. Eine der wichtigsten davon ist die Belgrader Festung, bis heute das Wahrzeichen der serbischen Hauptstadt. Rund vierzig Mal wurde die Wehrburg erobert. Zuerst schützten sich hier römische Legionäre vor Goten und Hunnen. Nach 1521, als die Festung von den Türken erobert wurde, verlief unterhalb der Festung die Grenze zwischen dem Herrschaftsgebiet der Habsburger und dem osmanischen Reich – bis 1867 ein serbischer Herrscher dort einzog. Heute sind die Reste der traditionsreichen Festung, die über dem Zusammenfluss von Donau und Save thront, von einem weitläufigen Park umgeben und beherbergen unter anderem ein Militärmuseum.

Ein Besuch in der Hauptstadt

Serbien - Belgrad - Kirche des Heiligen Sava
Kirche des Heiligen Sava

Doch Belgrad (1) hat Besuchern weit mehr zu bieten als die malerisch gelegene Festung. Die 1,7-Millionen Einwohner Stadt, die vom Reiseführer Lonely Planet als weltweit führendes In-Ziel in Sachen Nachtleben empfohlen wird, lockt mit zahlreichen religiösen und kulturellen Sehenswürdigkeiten – darunter die Kirche des Heiligen Sava, die wegen ihrer gigantischen Kuppel an die Istanbuler Hagia Sophia erinnert. Das orthodoxe Gotteshaus bietet mehr als 10.000 Gläubigen Platz. Ein weiterer Höhepunkt eines Belgrad-Besuchs ist eine Besichtigung des Palastkomplexes der serbischen Königsfamilie, der aus zwei weißen Palastgebäuden besteht und von einem weitläufigen Park umgeben ist. Während der jugoslawischen Zeit hatte Staatspräsident Tito hier residiert bzw. repräsentiert und Gäste wie Queen Elisabeth, König Juan Carlos und den äthiopischen Kaiser Haile Selassie empfangen, nach dem Ende des Jugoslawienkriegs wurden die beiden Palastgebäude an die Nachkommen des früheren serbischen Königs zurückgegeben – und seit dem Jahr 2007 sind die beiden sehenswerten Paläste, die Anfang des 19. Jahrhunderts von König Alexander I. erbaut wurden, für die Öffentlichkeit zugänglich. Ein Besuch, der sich lohnt – denn die beiden marmorverkleideten Paläste überraschen in ihrem Inneren durch eine erstaunliche stilistische Vielfalt, die an Rokoko ebenso anknüpft wie am venezianischen Stil. Ein Flüsterraum, der als abhörsicher galt, weil laut rauschendes Wasser jedes leise Wort übertönte und das Privatkino des ehemaligen jugoslawischen Staatschefs Tito, der ein begeisterter Sammler von John Wayne Filmen war, erinnern an die Zeit der Republik Jugoslawien.

Serbien - Belgrad - im Palast

Auf den Spuren des Mittelalters

Eine Serbien-Reise als Grenzerfahrung – dieses Gefühl vermittelt auch ein Stopp in der Stadt Smederevo (2), an deren Rand sich, so beteuert Stadtführer Aleksandar Stojcevski, die größte mittelalterliche Flachland-Festung Europas befindet. Die Festung Semderevo, mit ihren vier Meter dicken Schutzwällen und ihren 25 Türmen, wurde nach dem Vorbild von Konstantinopel erbaut, und, wie könnte es anders sein, im Laufe ihrer Geschichte mehrmals erobert und zerstört. Den Kern des großflächigen Areals, auf dem in den Sommermonaten Burgfestspiele und Techno-Partys durchgeführt werden, bilden die von 1428 bis 1438 erbaute „kleine Stadt“, in der früher der Fürstenhof lebte, und die angrenzende „große Stadt“, die mehr als zehn Hektar umfasste. Der Bau des gewaltigen Forts durch den serbischen Despoten Djurdje Brankovic stieß in der Bevölkerung nicht nur auf Zustimmung, insbesondere war die Frau des Herrschers, die byzantinische Prinzessin Jerina, nicht sehr beliebt. „Es gibt viele Geschichten, die über sie erzählt werden. So soll sie dem Volk beispielsweise verboten haben, Eier zu essen – denn da es damals noch keinen Zement gab, konnte man Eier nutzen, um Mörtel für den Festungsbau anzurühren“, erläutert Aleksandar Stojcevski, als er den Teil der Festung zeigt, der heute noch den Namen Jerinas Bad trägt. 1459, drei Jahre nach dem Tod des Despoten Barankovic, unter dem Smederevo die Hauptstadt Serbiens war, eroberten die Türken die Festung. Bis 1805 blieben Stadt und Region nun unter osmanischer Herrschaft. Nachdem die Serben das Fort zurückerobert hatten, musste der türkische Statthalter die Stadtschlüssel zurückgeben – der Legende nach unter einem alten Maulbeerbaum, der heute noch im Stadtzentrum zu sehen ist und hoch verehrt wird.

Serbien - Festung in Smederevo
Festung in Smederevo

Interessanter noch als die bei der Festung gelegene Stadt ist für viele Besucher der Festung freilich das Umland, das zu den traditionsreichsten Weingebieten Serbiens zählt. Die bekannteste und beliebteste Rebsorte in der Region ist die Smederevka, die zu einem alkohol- und säurereichen weißen Tafelwein verarbeitet wird, der sich auch für den leichten Genuss in Form einer Weißweinschorle hervorragend eignet. Milomir Ilic, der in Vodani bei Smederevo auf 2,5 Hektar Weinbau betreibt, sind italienischer Riesling, Traminac und Semederevka allerdings längst nicht mehr aufregend genug – seit neuestem experimentiert der passionierte Winzer, dessen Eltern und Großeltern bereits Weinbau betrieben haben, auch mit der Herstellung von Schaumwein.

Serbien - Vodani - Milomir Ilic
Milomir Ilic bei seinen Weinreben

Spuren römischer Zeit

Die Donau als Grenzerfahrung, das erleben Serbien-Urlauber auch bei einem Stopp in Viminatium (3), einer der spektakulärsten archäologischen Ausgrabungsstätten Serbiens. Die Überreste einer römischen Stadt und eines römischen Friedhofs, in dem mehr als 12 000 Menschen beerdigt wurden, werden nicht zu Unrecht als das Pompeji des Balkans bezeichnet. Vom 1. bis zum 6. Jahrhundert unserer Zeit war Viminatium eine der wichtigsten Metropolen des römischen Imperiums. Sogar ein römischer Kaiser, der Soldatenkaiser Hostilian, wurde hier begraben. Bei einer Besichtigung der Ausgrabungsstätte lohnt nicht nur der Besuch der schaurigen Totenstadt, in der 1800 Jahre alte Skelette sowie freskenbemalte Gräber zu sehen sind, sondern auch ein Blick auf die Überreste der ein Stück davon entfernt liegenden römischen Bäder. „Viminatium war das Herz der römischen Provinz Moesia, die Stadt war strategisch günstig gelegen: in der Nähe des Zusammenflusses von Mlave und Donau. Zudem war dies hier das letzte flache Gebiet vor dem eisernen Tor“, berichtet Viminatium-Sprecherin Biljana Stanojevic.

Serbien - archäologische Ausgrabungsstätte in Viminatium
Archäologische Ausgrabungsstätte in Viminatium

Das eiserne Tor, ein rund 100 Kilometer langer, von mächtigen Felsklippen eingerahmter Flussdurchbruch, ist der landschaftlich beeindruckendste Abschnitt einer Donautor durch Serbien, sei es mit dem Flusskreuzfahrtschiff oder mit dem Fahrrad. Inmitten der wildromantischen Natur des Derdap-Nationalparks (4) finden sich zudem eine Reihe von Sehenswürdigkeiten – darunter Reste der von 103 bis 105 nach Christus erbauten Trajansbrücke, die 1000 Jahre lang die längste Brückenanlage der Welt war, und die Festung Golubac, eine 12-türmige Burg, die sich wie ein steinerner Wächter in die Felshänge des Donauufers krallt. Eine Grenzerfahrung erleben Serbien-Besucher allerdings auch hier – der Donauabschnitt zwischen Ram und Prahovo bildet die Staatsgrenze zwischen Serbien und Rumänien.

Serbien - eisenes Tor
Das eiserne Tor



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