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Auf den Spuren des Regisseurs Emir Kusturica

Unterwegs in Serbien

Text: Dagmar Krappe
Fotos: Axel Baumann

 

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Beim jährlichen Guca-Festival bleibt kein Ohr vom Lärm verschont. Wem es zu laut wird, der geht wandern oder begibt sich auf Nostalgie-Tour mit der Schmalspurbahn Sargan 8 durch die serbische Bergwelt.

Serbien - Sargan 8 im Bahnhof von Mocra Gora
Sargan 8 im Bahnhof von Mocra Gora

Noch ist es fast ruhig in Guca (1). Nur vereinzelnd hallen ein paar Trompetenklänge durch die Gassen. Die meisten Bands beginnen erst am späten Nachmittag damit, ihre Instrumente zu schultern und durch die beiden Hauptstraßen des Ortes zu marschieren, um „Lärm“ zu machen. Manchmal melodisch, manchmal schrill, irgendwann ohrenbetäubend, aber irgendwie ansteckend. Ein Lärm, der glücklich macht. Vor allem junge Leute zieht es jedes Jahr Anfang August in den für den Rest des Jahres eher verschlafenen 3.000 Seelen-Ort am Rande der größten Himbeerregion Serbiens - drei Autostunden von Belgrad entfernt.

Serbien - Guca-FestivalInstrumente auf dem Blechblasfestival in Guca

Am 14. Oktober 1961 fand die erste Veranstaltung im Hof der orthodoxen Kirche mit gerade mal vier Orchestern statt. Sie sollte nur einen Nachmittag lang dauern und endete nach vier Tagen. Seitdem wuchs sie kontinuierlich zum größten Blechblasfestival Europas, auf jeden Fall zum bedeutendsten auf dem Balkan. Dieser ganz besondere Sound von Dragacevo ist den meisten westlichen Besuchern aus Filmen („Underground“, „Schwarze Katze, weißer Kater“ und „Das Leben ist ein Wunder“) des serbischen Regisseurs und Musikers Emir Kusturica bekannt, oder sie kommen einfach, weil sie irgendwann gehört haben, dass es auch in Serbien ein „Woodstock“ gibt.

Serbien - Guca - ein Spanferkel dreht sich am Spieß
Ein Spanferkel dreht sich am Spieß

In den wenigen Straßen des Ortes reihen sich Restaurants und Zelte dicht aneinander. Spanferkel drehen sich auf langen, quietschenden Spießen über dem Feuer, in das der Saft tropft, während der Rauch die Hungrigen einnebelt. Auf glühenden Kohlen stehen überdimensionale Tontöpfe, in denen Weißkohl köchelt. Inzwischen musiziert an jeder Ecke eine Band, die die Ohren der Zuschauer auf sich zieht. Wer ein Ständchen möchte, der stopft ein paar Geldscheine in die Trompete oder Brusttasche der Musikanten. Manchmal spielen mehrere Orchester gleichzeitig in einem Zelt. Dann dröhnt ins linke Ohr die Tuba, ins rechte die Trompete. Egal. „Die meisten Gruppen stammen aus Serbien und baltischen Ländern“, sagt Bojan Ivkovic, der seit zwanzig Jahren als begeisterter Fan aus Belgrad anreist. „Ihre Musik ist fester Bestandteil bei Familienfeiern und sonstigen Festen. Wer in Guca die goldene Trompete gewinnt, der braucht sich um Aufträge dieser Art und um internationale Auftritte keine Sorgen mehr zu machen.“ Auch Gruppen aus Polen, Italien, Belgien und Skandinavien nehmen mittlerweile an den Wettbewerben teil, die allabendlich im nahen Fußballstadion stattfinden. Die Sieger werden am Samstagabend auf der Stadionbühne gekürt. Dann kehrt wieder Ruhe ein in Guca – 358 Tage lang.

Serbien - In Guca es gibt auch Nachwuchswettbewerbe
In Guca es gibt auch Nachwuchswettbewerbe

Wer kein eingefleischter Trompetenfan ist und sich nach ein oder zwei Tagen „Madness – made in Serbia“ nach Ruhe sehnt, der fährt weiter Richtung Westen in die Region Zlatibor (2) mit dem ältesten Kurort des Landes. Mehrere 1.400 Meter hohe Gipfel umgeben die waldreiche Gegend. Zlatibor bedeutet Goldkiefer, denn die Tannenzapfen der Bäume leuchten goldfarben in der Sonne. Entlang des 26 Kilometer langen, smaradgrünen Uvac-Sees (3) lässt es sich ohne größere Höhenunterschiede wandern. Über 120 Vogelarten leben in diesem Naturreservat. Alle paar Minuten schwingen sich Adler, Bussarde oder Gänsegeier in die Luft.

Serbien - Ausschauhalten nach Gänsegeiern am Uvac-See
Ausschauhalten nach Gänsegeiern am Uvac-See

Eine Abkühlung an heißen Sommertagen bietet die 2.000 Meter lange Stopica-Höhle in Rozanstvo (4) nordöstlich von Zlatibor. Neben riesigen Stalaktiten, die von der 50 Meter hohen Decke hängen, beeindruckt ein zehn Meter hoher Wasserfall, der sich über Kaskaden ergießt. Nicht weit entfernt wurde 1980 das Freilichtmuseum „Staro Celo - Altes Dorf“ in Sirogojno (5) errichtet, das das Leben in der Region von 1850 bis Anfang des 20. Jahrhunderts widerspiegelt.

Serbien - Stopica-Höhle in Rozanstvo
Stopica-Höhle in Rozanstvo

Eine nostalgische Attraktion anderer Art befindet sich in der Nähe der bosnischen Grenze, nordwestlich von Zlatibor: die Schmalspurbahn Sargan 8. Sie stand 2004 in Emir Kusturicas Film „Das Leben ist ein Wunder“ im Mittelpunkt, in dem es mit viel Klamauk um eine Liebesgeschichte und die Absurdität des Bosnienkriegs in den 1990er Jahren geht. Von 1925 bis 1974 war die Strecke durch das Tara-, Zlatibor- und Sargan-Gebirge ein Teilstück des 760-Milimeter-Spurnetzes zwischen Belgrad und Dubrovnik. „Knapp 16 Kilometer wurden 1999 zwischen Mocra Gora (6) und Sargan-Vitasi (7) reaktiviert“, berichtet Milic Simic, der zwei Jahre lang Direktor der Sargan 8 war und ihre touristische Vermarktung förderte. Dreimal am Tag durchquert der Zug eine abwechslungsreiche Berg- und Schluchtenlandschaft mit 22 Tunneln, mehreren Brücken und Viadukten. „Benannt ist die Museumsbahn nach der Achterschleife, die sie durchfahren muss, um 300 Höhenmeter auf einer dreieinhalb Kilometer langen Strecke zur Bezwingung des Sagan-Gebirges zu bewältigen“, erklärt Simic.

Serbien - Landschaft bei Mocra Gora
Landschaft bei Mocra Gora

Am mit vielen Blumen geschmückten Bahnhof des Bergdorfs Mocra Gora herrscht Hochbetrieb. Zwar verfügt die „Sargansa Osmica“ auch über zwei Dampflokomotiven, die man zu besonderen Anlässen mieten kann, aber normalerweise ist eine grüne Diesellok vor die grünen und braunroten Waggons gespannt. Viele Wochenendtouristen aus Belgrad und ausländische Reisegruppen sind unter den Passagieren. Bis zum „neunten Kilometer“ zuckelt die Bahn durch ebenes Gelände, bevor sie ihren Anstieg in die Bergwelt beginnt. Die Station erhielt ihren Namen nach der Entfernung zur bosnischen Grenze.

Serbien - Holzdorf Drvengrad
Das Holzdorf Drvengrad

„Da Verliebte in Serbien „Täubchen“ genannt werden, bekam der Filmbahnhof, den Emir Kusturica eigens für „Das Leben ist ein Wunder“ errichten ließ, den Namen Golubici“, meint Milic Simic. Von hier geht der Blick hinüber zum Berg Mecavnik. „Kusturica war während der Dreharbeiten so fasziniert vom stets im Sonnenlicht liegenden, unbebauten Hügel, dass er dort die Holzstadt Drvengrad errichten ließ.“ Im Ort, in dem der Regisseur zeitweilig lebt, gibt es ein Hotel, Restaurants, eine Kirche, ein Kino und Panoramablicke in die Region rund um Mocra Gora.

Bosnien-Herzegowina - Visegrad - im Zentrum der neuen Steinstadt Andricgrad
Im Zentrum der neuen Steinstadt Andricgrad

Seit 2011 entsteht in der 20 Kilometer entfernten Stadt Visegrad (8) in Bosnien-Herzegowina ein weiteres Kusturica-Projekt: Andricgrad oder Kamengrad, die Steinstadt. Auf einer Landzunge an der Drina, dem Grenzfluss zu Serbien, entwickelt sich ein neuer Stadtteil aus alten Steinen. Häuser im byzantinischen, osmanischen, österreich-ungarischen Stil entstehen. Ein Rathaus, eine Universität, ein Hotel, ein Theater, ein Kino, Geschäfte, Restaurants und Cafés. „Ab Sommer 2014 ist Visegrad auch per Schmalspurbahn von Mocra Gora aus erreichbar“, meint Gästeführer Ljuba Jelesijevic. Die Schienen über die Grenze sind bereits saniert. Auch eine Marina ist geplant, um Bootsausflüge auf der Drina anbieten zu können. „Diese „Steinstadt“ benannte Emir Kusturica nach seinem Idol, dem Schriftsteller Ivo Andric“, erklärt Jelesijevic: „1961 erhielt dieser den Literaturnobelpreis für seinen Roman „Die Brücke über die Drina“, der vier Jahrhunderte einer Chronik der Region beinhaltet.“ Unumstritten ist dass gesamte Projekt nicht. Es wird insbesondere von Seiten der Bosniaken kritisiert, da sie befürchten, dass der Ort einen zu starken serbischen Charakter erhält. Schließlich ist in Visegrad und auf der Brücke im letzten Krieg (und nicht nur dann) viel Blut geflossen.

Bosnien-Herzegowina - Visegard - Brücke über die Drina
Brücke über die Drina

Heute stehen Postkartenverkäufer auf der Brücke mit den elf charakteristischen Steinbögen. Ein paar Touristen schlendern hinüber zum anderen Ufer. Träge schiebt sich die dunkelgrüne Drina Richtung Serbien. Nur einige Mücken und Wespen brummen. Was für eine Wohltat für die Ohren.



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