Reisemagazin schwarzaufweiss

Ostsee-Dreieck

Eine Fährkreuzfahrt von Stockholm über Helsinki nach Tallinn

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Eine Triangle Cruise in der Ostsee mit den Fähren der Tallink Silja: Die vier Tage Fährkreuzfahrt führen von Stockholm nach Helsinki, weiter nach Tallinn und schließlich zurück nach Stockholm. Übernachtet wird zwischen Stockholm und Helsinki, Tallinn und Stockholm auf den Schiffen, in Tallinn gibt es eine Zwischenübernachtung im Hotel.

Schweden - Blick auf andere Schiffe und Ausfahrt aus Stockholm und durch die Schären

Blick auf andere Schiffe und Ausfahrt aus Stockholm und durch die Schären

Tuuut. Ausfahrt mit der blendend weißen M/S Silja Serenade gen Helsinki. Ein Blick zurück auf die Silhouette der Stadt, die sich ganz unbescheiden „Capital of Scandinavia“ nennt. Stockholm, wo die Triangle Cruise über die Ostsee beginnt, bietet dem Touristen einiges. Menschenmassen schieben sich Schulter an Schulter vorbei an Sehenswürdigkeiten wie dem Stadshuset, Rathaus, auf der Insel Kungsholmen mit seinem Turm aus rötlichem Backstein. Es ist das Wahrzeichen Stockholms und sein Architekt, Ragnar Östberg, nahm sich einst venezianische Paläste zum Vorbild. Hier ist es auch, wo jedes Jahr die Nobelpreisverleihung über die Bühne geht. Weiter geht’s zum prächtigen Operahuset, zur Oper, und zum Schauspielhaus Dramaten mit Jugendstilfassade die Hamnagatan entlang. Hier wird geshoppt, was das Zeug hält. Einen Blick sollte man aber auch ins historische, 1915 erbaute Kaufhaus Nordiska Kompaniet werfen.

Schweden - Stockholm - Fassaden

Natürlich streben alle Richtung Schloss auf der Insel Stadsholmen. Ein Stück über ihm erhebt sich der Stockholmer Dom. Nun ist man mitten in der Gamla Stan, Altstadt, angelangt, die mit ihren putzigen Gassen und beeindruckenden Prachtbauten die Hauptsehenswürdigkeit zu sein scheint. Ein Plüsch-Elch geht in einem Souvenirgeschäft über den Tresen, in den vielen Cafés schlürft man Cappuccino. Für mich heißt es nun, zurück zur von hier aus gut zu Fuß erreichbaren Centralstation, von wo der Tallink-Silja-Bus einen zum Hafen Värtahamnen bringt.

Schweden - Stockholm - Hauptbahnhof

Hauptbahnhof von Stockholm

Die Fähre stampft. Schären liegen in der Abendsonne, ein Kind schaukelt auf einer kleinen Insel selbstvergessen vor sich hin, Vater und Sohn angeln und warten geduldig auf einen Biss. Skärgårdsliv nennt sich das, und meint das gesellige und genießerische Leben in den Schären in den Urlaubsmonaten. Vorbei zischt ein Motorboot, Hände winken, andere Schiffe folgen uns. Vom Sun Deck auf Deck 12 aus lässt sich dies alles gut beobachten. Manche sitzen nebenan im Jacuzzi und gönnen sich ein Bierchen mit Blick in den Sonnenuntergang über der Ostsee. Sowieso kann, wer will, sich die ganze Nacht um die Ohren schlagen und in der „Atlantis Bar“ tanzen, das Casino besuchen oder ab Mitternacht die Show namens „Never ending night“ mit den Scandinavian Dancers. Auch brasilianische Akrobatik wird aufgeführt. „Heute sind 42 Nationen an Bord!“, unterbricht eine Durchsage meine Gedanken.

Tatsache, auf der Promenade sieht man Menschen aus aller Herren Länder. Einst muss sie eine Revolution gewesen sein, war dieses doch 1987 das weltweit erste Schiff mit durchgehender Promenade, die sich über die komplette Schiffslänge zog. Man promeniert wie auf einer Einkaufsmeile, auch heute noch: Links und rechts Bars und Restaurants, Geschäfte. Ein Wine-Shop erweckt mein Interesse, doch zunächst mal zum Abendessen ins „Grand Buffet“ mit Aussicht auf Schären und Ostseewellen und den um 21 Uhr noch lange nicht untergegangenen Feuerball am Horizont. Nach einem Cocktail in der Bar ziehe ich mich in meine zweckmäßig ausgestattete Außenkabine der A-Klasse zurück. Nachts wird kurz in Mariehamn auf den Åland-Inseln angelegt. Den Duty-Free-Verkauf kann man somit garantieren, denn Åland ist Zollausland. Trotzdem: Der Schlaf ist tief.

Finnland - Alte Markthalle in Helsinki

Alte Markthalle in Helsinki

Die weiße Silja Serenade mit den typisch blauen Querstreifen, der Aufschrift Silja Line und einer Robbe auf dem Schornstein fährt im Liniendienst von Stockholm nach Helsinki und zurück. Nach dem Buffet-Frühstück geht’s gegen 10 Uhr ab in die City. Die ist tatsächlich fußläufig und nach ein paar Schritten schon bin ich an der alten Markthalle, Wanha Kauppahalli. Der rot-weiße Backsteinbau stammt aus der Zarenzeit und ist Helsinkis älteste Markthalle.

Finnland - Helsinki - Finnair Sky Wheel

Finnair Sky Wheel

Meine Bedenken, Helsinkis Innenstadt in nur fünf Stunden nicht erkunden zu können, zerstreuen sich schnell. Schon der Blick vom Wasser aus auf die Silhouette der Stadt war grandios. Nun wage ich den Blick aus der Luft. Vom Riesenrad „Finnair Sky Wheel“ aus, das in den Sommermonaten in der Katajanokanlaituri am Rande des Marktplatzes steht, schaut man auf die rötliche Uspenski-Kathedrale, den in der Sonne gleißend weißen Dom, die Marktstände und Esplanaden und zurück auf die See.

Finnland - Der Dom von Helsinki (Tuomiokirkko)

Der Dom von Helsinki (Tuomiokirkko)

Die Marktstände biegen sich unter Blaubeeren, Brombeeren, Piroggen, Lachs, Rentierschinken, Lappenmessern, Elch- und Rentierfellen. In und vor den Kaffeezelten schüttet man der Finnen liebstes Getränk in sich hinein: Kaffee. Doch ein Blaubeereis darf bei der Sommerhitze nicht fehlen! Das denkt sich auch eine Möwe und greift gnadenlos an. Mein Eis habe ich mit der Hand wedelnd gerettet, nun geht es weiter in die 1868 erbaute Uspenski-Kathedrale. Zwei junge Frauen beten voller Inbrunst unter den kunstvoll ausgemalten Kuppeln im russisch-byzantinischen Stil, eine andere küsst die Ikonen ab. Kerzen werden entzündet, Wünsche ausgesprochen. Die größte russisch-orthodoxe Kirche Nordeuropas hat viele goldverzierte Zwiebeltürme und steht auf einem Granitfelsen, von dem aus man bis zum von Carl Friedrich Engel erbauten Dom mit seiner riesigen hellgrünen Kuppel, zur Tuomikirkko, hinüberblickt. Der ist heute leider geschlossen, doch der Gang die breite Freitreppe hinauf lohnt auch so. Von hier aus blickt man hinab auf den Senatsplatz mit dem Standbild von Zar Alexander II. und auf die vielen Prachtbauten: An der Ostseite das Regierungspalais, an der Südseite ehemalige Bürgerhäuser und an der Westseite das Universitätsgebäude. Ich schlendere hinab, an finnischen Designgeschäften vorbei und manchmal hinein.

Finnland - Die Uspenski-Kathedrale in Helsinki

Uspenski-Kathedrale

Modernes Design gibt´s auch auf der Esplanade oder im „Design District“. Die Esplanade ist die Prachteinkaufsstraße Helsinkis, an der sich auch einige der schönsten Kaffeehäuser finden. Eine letzte Pause muss sein: Auf der Flaniermeile lockt an einem Spazierweg unter Bäumen das nostalgische „Café Kappeli“, die „Perle Helsinkis“ aus dem Jahre 1837. Untergebracht in einem Jugendstil-Pavillon mit hohen Glasfenstern kann man hier ein Stück der Kuchen aus der Auslage genießen oder auch das Bier aus dem kupfernen Sudwerk in der Mitte des Cafés probieren.

Wer viel Gepäck hat, bringt es am besten den Schließfächern des zentral gelegenen Hauptbahnhofs unter, von dem aus man bequem mit Tram Nr. 9 zum Westhafen Länsisatama gelangen kann. Der Bahnhof, auf finnisch ein echter Zungenbrecher: Rautatieasema, wurde von Eliel Saarinen 1906-14 im Stile der finnischen Nationalromantik erbaut. Doch da kommt schon die Straßenbahn herangequietscht. An der Haltestelle Bunkkeri steige ich aus und bin direkt am Hafen, von wo aus die M/S Superstar in nur zwei Stunden nach Tallin fährt. Ade, „Tochter der Ostsee“!

Tallinn ist flugs erreicht. Das Tallink Spa & Conference Hotel ist vom Terminal aus zu Fuß zu erreichen. Gleich um die Ecke liegt die dicke Margarethe. Stadtführer Volker Röwer erklärt: „Dies ist ein mächtiger Wehrturm an der Nordseite der Altstadt mit 25 Metern Durchmesser, einst erbaut um die Stadt von der Seeseite her zu schützen, der aussieht wie eine dicke, gutmütige Bäuerin - daher der Name.“ Und hier ist auch der Eingang zur Altstadt, die einst komplett von einer Stadtmauer umschlossen wurde.

Estland - Tallinn - Gebäudeensemble, das „die drei kleinen Schwestern“ genannt wird

Gebäudeensemble „die drei kleinen Schwestern“

Die Straße Pikk hinunter treffen wir auf ein Gebäudeensemble, das „die drei kleinen Schwestern“ genannt wird. Exemplarisch lässt sich hier ein Musterbeispiel für spätmittelalterliche Packhäuser, also Lager- und Wohnhäuser verdeutlichen. Dieses ist erbaut im Diele-Dornse-Stil, der typisch für die Nord-Hansestädte ist. Sie standen stets mit der Giebelseite zur Straße, u. a. weil die Steuer nach der Breite zur Straße berechnet wurde, und waren nach hinten lang. Ein Gildehaus, das so genannte Schwarzhäupterhaus mit seiner Renaissancefassade, in der sich einst die für die Verteidigung der Stadt zuständige Bruderschaft traf, ist nur ein paar Schritte weiter. Heute ist hier die Tallinner Philharmonie-Vereinigung untergebracht. Puppenstubenartig renoviert ist fast die gesamte Altstadt, schließlich war man 2007 Kulturhauptstadt und ist UNESCO-Weltkulturerbe, hat aber auch sehr moderne Seiten und bietet so eine gute Mischung.

Estland - Tallinn - Das große Gildehaus/Haus der großen Gilde

Das große Gildehaus

Die Olai-Kirche aus dem 14. Jahrhundert ist die ehemals höchste Kirche der Welt. Und wieder entdecken wir ein 600 Jahre altes Packhaus, in dem heute ein Theater untergebracht ist, das Linnateater. „In Tallinn gibt es ganze zehn Theater!“, betont Röwer. Erstaunlich, hat doch die Stadt nur um die 400.000 Einwohner. Doch die Kultur wird hochgehalten in einem Land, das allzu oft zwischen den Mächten zerrieben und unterdrückt wurde. Die Kultur und die Singkreise, eine alte Tradition aus dem 19. Jahrhundert, erfahren heute eine Renaissance.

Von der Unter- in die Oberstadt, von Handwerkern und Kaufleuten zu Adligen und Bischof. Früher waren beide Stadtteile streng getrennt, heute kann man übers Kurze Bein mit seinen Treppenstufen oder übers Lange Bein einfach hinaufgehen. Auf dem Kalksteinplateau finden sich ausladende, repräsentative Gebäude wie das Adelshaus der deutschen Ritterschaft oder das erste deutsch-baltische Stadtpalais. In der Domkirche finden sich Wappentafeln von deutsch-baltischen Adelsgeschlechtern. „Von Manteuffel, von Lambsdorff usw. steht da zu lesen“, so Röwer. Gegenüber thront die Alexander-Newski-Kathedrale mit ihren bunten Zwiebeltürmen und im rosafarbenen Schloss tagt heutzutage das estnische Parlament.

Estland - Tallinnn - Blick auf Tallin vom Domberg aus

Blick auf Tallin vom Domberg aus

Wie früher die Adligen auf die Handwerker blicken wir heute von einer der Aussichtsplattformen auf dem Domberg hinab auf Altstadt und See. Von einem der Türme aus konnten die Wachen durch die Schornsteine direkt in die Küchen der Leute gucken. „Kiek in de Kök“ heißt er deshalb scherzhaft.

Guck in die Küche – das ist eine gute Idee, finde ich, und schlendere gen Rathausplatz. Denn in Tallinn gibt’s für Feinschmecker reichlich: Sei es die „Pierre Chocolaterie“ mit ihrer handwerklich hergestellten Schokolade oder das „Café Maiasmokk“, ältestes und berühmtestes Café der Stadt, Gourmetrestaurants, estnische, mittelalterliche oder russische Gaststätten, Pubs, Vinotheken oder Clubs.

Estland - Die M/S Victoria I im Hafen von Tallinn

Die M/S Victoria I im Hafen von Tallinn

Die M/S Victoria I wartet, ein edel anmutendes Fährschiff mit plüschigen blau-gelben Teppichen in den Gängen und Messing-Handläufen, das fast wie ein Kreuzfahrtschiff daher kommt. Doch bevor wir uns ins Abendprogramm stürzen, winken wir Tallinn und Estland zum Abschied. Nur langsam verschwinden die Umrisse der Stadt vom Horizont. Die Crew ist estnisch und die Victoria I fährt unter estnischer Flagge, so fällt der Abschied nicht gleich so schwer. Von der Sun Bar auf Deck 9 aus lässt sich die Ausfahrt gut beobachten.

„Starlight Cabaret“ mit Casino und Nachtclub

„Starlight Cabaret“ mit Casino und Nachtclub

Unternehmungslustige Naturen werden sicher das „Starlight Cabaret“ aufsuchen, das über zwei Decks verläuft und Veranstaltungen bietet sowie Spieltische oder in der Aluminium-Disco die Nacht zum Tag machen. Ruhigere Naturen lauschen der hervorragenden Sängerin im „King's Pub“ oder verziehen sich auf einen Champus in die „Piano Bar“, wo gerade eine brasilianische Band coolen Samba spielt. Bis Stockholm bleibt schließlich noch eine Menge Zeit. À la Carte- oder Buffetrestaurant? Shoppen, Wellness oder einfach träumen?

„Hej!“, grüßt ein blondes Mädchen. War das nun schwedisch, finnisch oder estnisch? „Meine Damen und Herren, wir legen in 30 Minuten in Stockholm an“, sagt der Kapitän durch die Bordlautsprecher. Das Dreieck ist vollendet.

Reiseinformationen

Triangle Cruise: Tallink Silja GmbH, Böckmannstr. 56, 20099 Hamburg, Tel. +49 (0)40 547 541 222, E-Mail: International.Sales@tallinksilja.com, www.tallinksilja-erlebniswelten.de, www.tallink.com

Stockholm www.stockholmtown.com

Helsinki www.visithelsinki.fi

Tallin www.tourism.tallinn.ee

Anreise: Bahn www.bahn.de; Flüge nach Stockholm über Tallink Silja/Aeroplan zubuchbar, z. B. mit air berlin www.airberlin.com, SAS www.flysas.com, Lufthansa www.lufthansa.com

 

Website der Autorin: www.judith-weibrecht.de

 

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