Reisemagazin schwarzaufweiss

Wo die Milch noch von der Kuh kommt

Unterwegs in Viscri bei den Siebenbürger Sachsen

Text und Fotos: Robert B. Fishman

Rumänien Viscri Kuhparade

Sie kommen. Die Feriengäste warten mit den Kameras im Anschlag. Das Bimmeln der Glocken wird lauter. 280 Kühe trotten jeden Abend über die staubige Dorfstraße nachhause. Ihren Weg finden sie alleine. Um den Hals tragen sie goldfarbene Glocken, die zu jedem ihrer Schritte in unterschiedlichen Tönen läuten. Ab und an schnalzt ein Hirte mit seiner Peitsche in die Luft. So treibt er die faulsten unter den Tieren ein wenig an. Aus großen Augen glotzen die braun-weißen Rinder die Touristen am Wegesrand an. Wer beobachtet hier wen?

„Die Leute kommen wegen der Ursprünglichkeit des Dorflebens, der Tiere, der Natur und der Menschen“, erklärt Caroline Fernolend den Gästen, die sich über die vielen Touristen im transsilvanischen Deutsch-Weißkirch / Viscri wundern. An der breiten, holprigen Dorfstraße reihen sich die Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die meisten Fassaden tragen frisches, helles Blau oder Gelb. Prinz Charles hatte es schon vor vielen Jahren nach Deutsch-Weißkirch verschlagen. Von den rund 150 komplett erhaltenen alten Häusern der Siebenbürger Sachsen war er so begeistert, dass er bei der Mihai-Eminescu-Stiftung Geld für die Sanierung locker machte.

Rumänien Viscri Fassaden

Die typischen Fassaden in Viscri

Einheimische restaurieren die Häuser nach alten Plänen mit Techniken und Materialien früherer Zeiten. Fachleute erklären die Arbeit mit selbst gebrannten Ziegeln und aus Wasser und Kalk angerührtem Mörtel. Den Bewohnern will die Stiftung so auch Stolz auf ihre Orte und neue Erwerbsmöglichkeiten vermitteln. Sie fördert zum Beispiel den Bau von Gästezimmern, Wanderwegen und anderen touristischen Angeboten. Allein in Viscri arbeiten inzwischen 30 Dorfbewohner bei der nach einem rumänischen Dichter benannten Mihai Eminiscu-Stiftung. Gemeinsam bauen sie eine fast verlorene Welt wieder auf. Neun von zehn der ursprünglichen Einwohner haben das Dorf und das Land verlassen. „Sie hatten jedes Vertrauen in dieses Land verloren und wollten nur noch weg“, erklärt Carolines Schwester. Nach 13 Jahren in München ist sie in ihr Heimatdorf zurückgekehrt.

Man spürt die Jahreszeiten

In Deutsch-Weißkirch sind 24 der einst mehr als 300 „Sachsen“ geblieben, eine ist zurückgekommen. An der in frischem Gelb gestrichenen Dorfschule weht die blau-gelb-rote rumänische Trikolore im sanften Abendwind. Je zwei Grundschulklassen mit zusammen 35 Kindern teilen sich einen Raum. Bis 1995 unterrichteten die Lehrer auf Deutsch, jetzt nur noch in rumänischer Sprache. „Ich habe mir mit dem Auswandern zwei Jahre Zeit gelassen“, erzählt Carolines Schwester. Ihre Familie entschloss sich zu bleiben. „Meine Eltern brauchen ihre Felder, die Tiere. Sie wären in Deutschland unglücklich geworden.“ Die Tochter ist froh, wieder zuhause zu sein. „Hier leben wir mit der Natur, im Winter hacken wir Holz und heizen damit den Ofen. Im Sommer sind wir draußen.“ Man spürt die Jahreszeiten viel intensiver, als in den Städten Westeuropas.

Rumänien viscri Eingang

Hier herrschen noch Ruhe ...

Diese Nähe zur Natur lockt die Touristen ins verschlafene Deutsch-Weißkirch, elf Kilometer fernab der nächsten geteerten Straße. Botaniker aus England kommen, um im weiten, kaum besiedelten Hügelland der Vorkarpaten seltene Pflanzen aufzuspüren, andere wandern auf den Spuren von Wölfen, Luchsen und Bären. Viele Franzosen folgen der Empfehlung ihres renommierten Reiseführers „Routard“. Dessen Autor schwärmt von den selbst gemachten Leckereien der Weißkircher Kleinbauern. Wurst und Fleisch aus eigener Schlachtung, frisch eingekochte Marmelade. Gurken und Tomaten meist ungespritzt aus dem Garten. Die Milch kommt frisch von der Kuh. „Wir halten uns daran“, verspricht Ortsvorsteherin Caroline Feroland. Wer den Gästen auswärts eingekaufte Lebensmittel unterjubelt, bekommt keine Urlauber mehr vermittelt.

Rumänien Viscri Bauernhof

... und Beschaulichkeit

Diese besichtigen die Kirchenburg am Südrand des Dorfes. Hier verschanzten sich im 16. und 17. Jahrhundert die Dorfbewohner, wenn Tataren, türkische Heere oder andere Eindringlinge die Region heimsuchten. Um das Grenzland zu befestigen, hatten Ungarns Könige im Mittelalter Siedler aus dem Rhein-Mosel-Gebiet (heute Luxemburg und Trier) mit zahlreichen Privilegien nach Transsilvanien gelockt. Sie erhielten Land, errichteten Dörfer und ihre weltweit einmaligen Kirchenburgen: von zwei oder drei dicken Schutzmauern umringte Kirchen. In die Mauern baute man Wohnkammern.

Kommunikation im Kauderwelsch

Das neu eröffnete Museum in der Kirchenburg von Viscri erzählt vom Alltag der später so genannten Siebenbürger Sachsen. Im rund zehn Meter hohen Speckturm lagerten die Dorfbewohner ihren wichtigsten, weil nahrhaften und haltbaren Vorrat: Speck und Wein. Damit keiner den anderen bestehlen konnte, durfte man nur zu bestimmten Terminen mit den Nachbarn zusammen in den Turm. Wenn es so weit war, läuteten die Kirchenglocken. Auch bei Gefahr riefen die Glocken die Bauern von den Feldern zurück ins Dorf. Die Weißkircher haben ihre seit 1993 zum Weltkulturerbe zählende Burg inzwischen fast saniert.

Rumänien Viscri Burg

Die Festung der Bauern

Abends sitzen die Urlauber mit den Gastgebern in der Laube auf dem Hof oder vor einer der drei Dorfkneipen, die gleichzeitig als Laden und Nachrichtenbörsen dienen. Der Selbstgebrannte hilft bei der Verständigung in einer Mischung aus deutsch, „sächsisch“, rumänisch, französisch, englisch und Zeichensprache.

Rumänien Viscri Freidhog

Die letzte Ruhestätte der Siebenbürger Sachsen

Für die Familien, die Zimmer für die Gäste frei geräumt und in ehemalige Ställe Badezimmer eingebaut haben, hat Caroline Französisch- und Englischkurse organisiert. Elisabetha, die bei Caroline und Walter Feroland für die Urlauber kocht, hat ein paar Brocken französisch gelernt. Zuhause hat ihre Familie sechs Kühe. Mit ihren Pferdewagen fahren die Bauern die Milchkannen zur Molkerei.

Rumänien Viscri Bäuerin

Auch das ist bäuerliche Tätigkeit

„Hier kann man Wandern, Reiten, Spuren von Bären und Wölfen finden und natürlich unsere Kirchenburg besichtigen“, wirbt Caroline für den Urlaub im Dorf. Neuerdings dürfen die Gäste auch bei der Ziegelherstellung zuschauen. Mit dem Geld der Mihai-Eminescu-Stiftung bauen die Weißkircher eine kleine Ziegelei, in der sie von Hand Backsteine für den Wiederaufbau ihrer Häuser fertigen. Pünktlich vor Sonnenuntergang stehen die Urlauber dann wieder an der Dorfstraße. Die Kühe kommen.

 

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