Reisemagazin schwarzaufweiss

"Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug nach Posen?"

Eine Schienenkreuzfahrt durch das ehemalige Ostpreußen und nach Kaliningrad

Text und Fotos: Franz Lerchenmüller

Da ist Frau Eich (alle Namen geändert), die Steuerberaterin aus Schwaben nebst Mann, die in Danzig die Straße finden will, in der ihre Mutter aufgewachsen ist. Ihnen gegenüber das junge Ehepaar Kohlmacher - Mitvierziger senken den Altersschnitt auf dieser Reise beträchtlich -, das mit Begeisterung die Bücher von Gräfin Dönhoff und Graf Lehndorff gelesen hat und sehen möchte, ob noch irgendetwas erinnert an das Ostpreußen der Jagdgesellschaften und Trakehnergestüte. Zuguterletzt gibt es Herrn Rüben, den pensionierten Bauleiter, der gern seine "Heimatkarte von Ostpreußen und der Freien Stadt Danzig" aufblättert und sich hauptsächlich, aber das wird sich erst später herausstellen, vor Ort bestätigen lassen will, was er ohnehin schon weiß: Polen ist so gut wie verloren. Und Russland kannst du vergessen.

Polen - Zug

Jeder hat so seinen Grund und seine Erwartungen, jeder und jede in Abteil 1, Wagen 2 des "Immanuel-Kant-Express" der Schienenkreuzfahrt "Masuren-Königsberg-Danzig". Am Morgen ist der Sonderzug in Stuttgart abgefahren, und jetzt, am frühen Abend, rollt er nach Polen hinein, Poznan entgegen, dem einstigen Posen. Für 315 Damen und Herrn werden die zehn Erste-Klasse-Wagen der Deutschen Bahn aus den 50er- und 60er Jahren eine Woche lang Transportmittel und Zwischendurch-Zuhause sein. Sie, die Passagiere, werden herumgehen, wenn ihnen danach ist, sich auf einen Sekt verabreden, auf den Gängen zwanglos miteinander ins Gespräch kommen. Übernachtet wird in Hotels, gegessen mal in den beiden Speisewagen, meist aber in den Städten, die angefahren und besichtigt werden. Am Ende wird der Zug, seinem fein ausgearbeiteten Sonderfahrplan folgend, insgesamt 3200 Kilometer durch Deutschland, Nordpolen und auf Kaliningrader Gebiet zurückgelegt haben.

Russland - deutsche Zeitung in Kaliningrad

Deutsche Zeitung in Kaliningrad

Im Abendlicht fliegen Kornfelder und weite Wiesen vorbei. Polen als Film - eine Woche lang werden die Landschaften rasend schnell wechseln: Kartoffeläcker, Stoppelfelder, blauglitzernde Seen, lichte Kiefernwälder. Im Büffetwagen plaudern bei Schwarzbier und Schnäpsen zwei Damen über die "Kornkammer Deutschlands" da draußen - der Begriff "Kornkammer Deutschlands" steht in Ostfahrerkreisen offensichtlich immer noch in hohem Ansehen. Herr Rüben aber blickt versonnen durchs Fenster und befindet: "Selbst das Gras ist bei uns grüner." Es klingt nur halb wie ein Scherz.

In Frankfurt an der Oder sind die polnischen Reiseleiter zugestiegen. Die Passagiere werden in Gruppen eingeteilt. Abteil 1, Wagen 2 gehört zur Gruppe Blau. Reiseleiterin Alicia, das Blondhaar fast so lang wie die Beine, teilt blaue Buttons aus, und ab sofort werden 40 Damen und Herrn ihrem Regenbogenschirm durch Polen folgen, komme was da wolle.

Poznan und Thorn

Im Hotel "Poznan" in Poznan drängeln 315 Deutsche ans Büffet und wundern sich, dass sie satt werden, und es ihnen sogar schmeckt. Alle sind erschöpft, abgesehen von Herrn Rüben. Der spendiert an der Bar noch zwei polnischen Damen einen Sekt, rühmliche Ausnahme, denn die Deutschen, klagen die beiden, seien in den letzten zwei Jahren immer weniger, und die wenigen immer knausriger geworden.

Polen - Kopernikus in Fromborg

Kopernikusdenkmal in Fromborg

"Poznan baut und boomt und hat nur zwei Prozent Arbeitslose", sagt Fremdenführer Grzegorz beim Rundgang am nächsten Morgen, ein Hüne mit kantigem Schädel und dem Reich-Ranicki-Tonfall, den man hier ja wohl erwarten darf. Grundsätzlich geht Poznans restauriertes Zentrum bei Gruppe Blau durch, im Speziellen aber ist man sich der Notwendigkeit von "ein bisschen Farbe, einfach ein bisschen mehr Farbe" einig. Doch schon wartet der Zug nach Torun, dem ehemaligen Thorn, und dortselbst Kollege Henryk Hierowski. Thorn, heute Weltkulturerbe, war das Einfallstor der Deutschritter nach Osten. Hier setzten sie ab 1231 ihre ersten Backsteinmauern und -kirchen hin, hier wurde 1473 aber auch Nikolaus Kopernikus geboren. In der Pfarrkirche steht sein Taufbecken, vor dem Rathaus sein Denkmal, sein Geburtshaus ist heute Museum. War er denn nun Pole oder Deutscher, der visionäre Herr Astronom? Der beredte Herr Hierowski stellt die Frage, die er gern elegant umschiffen würde, gleich selbst. "Auf jeden Fall war er Thorner. Und Europäer. Wie ich auch." Darauf Beifall.

Mittags bleibt eine halbe Stunde "zur freien Verfügung" in Toruns Fußgängerzone: das Polen von heute zum Anfassen sozusagen. Im Kino läuft "Gladiator", im Fenster des "Dewocjionalia" stapeln sich Rosenkränze, Taufkerzen und Marienfiguren, und im Vorraum der Pfarrkirche bettelt ein Vater mit Kleinkind und frommem Augenaufschlag. Von der Verpflegungslage ist sogar Herr Rüben einigermaßen geplättet: "Zweimal Salat, Kesselfleisch, Suppe und drei Bier: alles für 29 Zloty, da kannst du nicht meckern!" Und macht sich an dieser Stelle ausnahmsweise einmal keine Sorgen um die polnische Wirtschaft.

Weiterfahrt um 14 Uhr. Sind tatsächlich alle 315 Damen und Herrn zurück? Alicia zählt durch: "Deutsche sind Weltmeister im Sich-Wiederfinden". Bisher hat sie noch nie jemanden verloren.

Der Zug rattert und rüttelt und quietscht beim Bremsen wie ein richtiger Zug. Die Abteile mit den roten Samtpolstern, Holzlehnen und Gepäckablagen aus Messing strahlen einen Hauch von abgewetztem Charme aus, Erinnerung an Zeiten, als die Bahn noch auf sich hielt und nicht nur auf die Erwartungen ihrer Aktionäre schielte. Alles drückt aus: Hier wird gereist. Nicht gerast. Abteil 1, Wagen 2 spricht über die Sorgen mit den Kindern, das Züchten von Angus-Rindern und diese überaus robusten alten DKW-Motoren. Herr Rüben sieht zwischendurch aus dem Fenster und legt die Stirn in Falten: "Von wegen gute Ernte. Mit Schrot schießen könntest du durch dieses Korn."

Polen - Barbeque auf dem Bauernhof

Polnisches Barbecue in Olsztyn

Noch ist der Tag nicht zu Ende. Auf einem Bauernhof bei Olsztyn, dem einstigen Allenstein, erwarten Mädchen in Trachten auf Pferden und Jungs mit Akkordeon die Kreuzfahrer. Ausgerechnet das Landserlied vom Polenmädchen in dem Polenstädtchen spielen sie zur Begrüßung. Der erste Wodka ist frei, jeder weitere kostet bloß eine Mark, auf dem Grill brutzeln Krakauer und Schwarzwürste mit viel Grütze, die freilich so wenig Anklang finden, dass selbst die Hunde sie am Ende verschmähen. Es gibt Borschtsch und Bier und Reiterspiele und plötzlich sind auch die Erinnerungen da: an die letzten Tage des Krieges, als Sechzehnjährige zur Wehrmacht mussten und vor der Roten Armee übers zugefrorene Haff flüchteten. An das zerbombte Königsberg, wo Menschen brennend im Pregel trieben. An glückliche Kindertage an der Ostsee. Und an heißblütige polnische Geliebte auch.

Am nächsten Morgen steigt die Gesellschaft auf Busse um, das Schienennetz in Masuren ist nicht dicht genug. Der erste Halt gilt Swieta Lipka, der barocken Wallfahrtskirche Heilige Linde. Neben den Freskomalereien und dem schwarzen Altar ist die Orgel mit ihren über 4000 Pfeifen der ganze Stolz des Hauses.

Polen - Wallfahrtskirche Heilige Linde in Swieta Lipka

Wallfahrtskirche Heilige Linde in Swieta Lipka

Während der Organist loslegt und das "Ave Maria" durch das goldfunkelnde Gewölbe säuselt und dröhnt, braust und donnert, lockt und schmeichelt, beginnen die Engel oben im Chor zu wackeln, die Jungfrau Maria nickt mechanisch, Sterne wandern, Putten läuten Glöckchen - die polnischen Jesuiten beglücken ihre Brüder und Schwestern im Geist mit einem quasi multimedialen himmlischen Spektakel, und der Pfarrer vergisst am Ende auch nicht den Abschiedsgruß: "Nochmal vergelt's Gott für die Opfergaben, die Sie für die Restauration spenden wollen."
Wie hatte Grzegorz zuvor doch erklärt: "Einer der wichtigsten polnischen Exportartikel sind katholische Priester." Sie können es eben.

Polen - Heilige Linde

Im Inneren der Wallfahrtskirche Heilige Linde in Swieta Lipka

Draußen betteln dicke Kinder in neuen Jeans und heimsen ordentlich Schokolade ein, während die Zigarettenverkäufer leer ausgehen: Wahrscheinlich erreichen nur die wenigsten Raucher das Kreuzfahreralter.

"Ach, es waren schreckliche Zeiten"

Ein heftiges Kontrastprogramm haben die Veranstalter heute ihren Gästen verordnet. Im Wald bei Ketrzyn, dem ehemaligen Rastenburg, türmen sich kreuz und quer meterdicke Betontrümmer, von Bäumen und Farn wild überwachsen. Es sind die Reste der "Wolfsschanze", Hitlers ehemaligem Hauptquartier. Von hier dirigierte er den Überfall auf die Sowjetunion, hier zündete Graf Stauffenberg am 20. Juli 1944 aber auch die Bombe, die den Naziterror beenden sollte. Jerzy Szynkowski hat ein Buch über das Attentat geschrieben und erzählt den Ablauf minutiös wie einen Krimi. Am Ende kommt er auf den Warschauer Aufstand zu sprechen, der 63 Tage dauerte und über 200 000 Polinnen und Polen das Leben kostete. Sekunden der Stille, dann ein Seufzer: "Ach, es waren schreckliche Zeiten" - offenbar die Höchstform einer deutschen Entschuldigung im Ausland.

Der Abstecher zum Schloss Steinort, dem Wohnort des Grafen Lehndorff, heute ein zugenageltes, verfallendes Herrenhaus, rührt vor allem Herrn Kohlmacher. "Es ist schon bewegend", sagt er. Und weiß Geschichten über Geschichten von den Schrullen der einstigen Bewohner, Lesefrüchte aus Lehndorffs "Menschen, Pferde, weites Land".

Zum Mittagessen gibt es Gurkensuppe und dicke Schnitten saftigen Zander, danach Masuren satt: weiße Segel, bändergeschmückte Dorfkapellen, Bootsstege an wechselnden Seen. Und Alicia haucht ins Mikrofon: "Alle Küsse in Masuren sind ein Hauch der Ewigkeit." In den Bauerngärten blühen Dahlien und Astern, kein Storch bleibt unfotografiert, und der Hinweis, dass Klaus Bednarz in Ukta geboren wurde, interessiert weit mehr, als dass Ernst Wiechert in der Försterei Kleinort zur Welt kam.

Polen - Fluss Krutynia

Ein liebliches Land der Sommerfrische. Und trotzdem ist der Tourismus zurückgegangen, sagt Jacek Stepanek, der Informatikstudent, der für ein paar Zloty Touristen im Kahn über die Krutynia stakt. Das verteuerte Benzin macht es den Polen schwer zu reisen. Und die gestiegenen Wodkapreise halten die deutschen Billigtouristen fern. Die Folge: Mindestens jeder dritte in Masuren hat keine Arbeit.

Die Nacht im Hotel in Mragowo ist reich an Abenteuern. Im Zimmer einer Frau platzt ein Spiegel "wie ein Schuss". Und ein stets freundlicher 70-jähriger erwacht, weil ein Einbrecher sich an der Terrassentür zu schaffen macht. Aufgeregt ruft er die Rezeption an. "Ist der Mann noch da?", will die Dame am Empfang wissen. "Spricht er polnisch? Geben Sie ihn mir mal."
Doch selbst solche herzinfarkt- wie stimmungsfördernden Events verblassen angesichts der heutigen Herausforderung: Kaliningrad, das jetzt und hier jeder nur Königsberg nennt.

Polen - Touristenmarkt in Krutynia

Auf einem Touristenmarkt in Krutynia

Birkenwäldchen, Getreidegarben auf den Feldern, manchmal ein Pferdefuhrwerk oder ein Friedhof voll bunter Plastikblumen, dann schon Stacheldraht und verlegen lächelnde Bauernjungs mit Suppenschüsselmützen und Kalaschnikows. Sorgfältig stempeln sie die Pässe ab, dann rollt der Zug auf russisches Gleis.

 

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