Reisemagazin schwarzaufweiss

Holzkirchen und „europäisches Alaska“

Mit dem Fahrrad auf den Ikonenrouten in den westlichen Waldkarpaten Polens

Text und Fotos: Angelika Wilke

Ein Grunzen durchbricht den nächtlichen Frieden. Wildschweine sind zur Wasserstelle am Fluss San gekommen. Nachdem ihr Durst gestillt ist, trabt der Trupp dicht an meinem Zelt vorbei. Friedlich, zum Glück. Am Abend vorher bin ich von der Provinzhauptstadt Rzeszów (1) hierher nach Dynów (2) geradelt. Müde vom Auf und Ab des südostpolnischen Karpatenvorlandes habe ich mein Nachtquartier unachtsam an ihrem Wildwechsel aufgeschlagen.

Polen - Waldkarpaten - Hängebrücke über den San

Hängebrücke über den San

Über die für Wanderer und Radler errichtete Hängebrücke bei Wara gelange ich am nächsten Morgen auf die andere Seite des Flusses. Ein Stück weiter südlich erreiche ich den „Szlak ikon“ - eine der beiden „Ikonenrouten“ durch die Täler des San und der Osława. Sie führen durch verschlafene Dörfer mit orthodoxen oder griechisch-katholischen Kirchen, die in der für die Waldkarpaten typischen Holzbauweise errichtet wurden. Innen sind sie mit Ikonen, in warmen Farben gemalten Heiligenbildern, die der Erleuchtung dienen sollen, geschmückt.

Polen - Waldkarpaten - Kirche in Dobra Szlachecka an der San-Route

Kirche in Dobra Szlachecka an der San-Route

Auf der Schotterpiste schalte ich auf dem bepackten Reiserad einen Gang runter, denn dieses Teilstück eignet sich mehr für Mountainbiker, die den 70 Kilometer langen Rundkurs in einem Tag erledigen. Ein in der Junihitze unaufmerksamer Baummarder mit cognacfarbenem Brustlatz hoppelt auf mich zu, später in einer Allee kreuzt eine große Hirschkuh geruhsam die Straße. Die Tiere der Bieszczady, wie die Waldkarpaten in Polen heißen, mögen offenbar die gleichen Wege wie Radler.

Auf dem Berg vor Ulucz (3) steht ein uriges Kirchlein - die älteste orthodoxe Holzkirche Polens. Ihr Eingang rundet sich wie ein riesiges Fass, das Holz duftet eigentümlich süß nach 350 Jahren Geschichte. Einige kyrillische Grabkreuzinschriften erinnern an das Volk der Boiken, das ebenso wie die Lemken einst hier in Galizien siedelte.

Polen - Waldkarpaten - Kirche von Ulucz

Kirche von Ullucz

Abends in Sanok, wo die „San-Ikonenroute“ sowohl beginnt als auch endet, wird mir bereits klar: An der wechselvollen Geschichte der Waldkarpaten kommen Radwanderer ebenso wenig vorbei wie an den Störchen, die auf Bauernhofdächern ihre Jungen großziehen. Das städtische Freilichtmuseum bringt mir die mit der ukrainischen Kultur verwurzelten Boiken und Lemken näher. Eine Lehrerin aus dem nahen Dukla überredet eine ihrer Schülerinnen dazu, mir Einzelheiten zu übersetzen. Oft sprechen sogar jüngere Polinnen und Polen kaum Englisch, aber die zwölfjährige Domenica bildet eine Ausnahme. „Es ist eine gute Übung für mich, Englisch zu sprechen“, findet sie.

17 Kilometer weiter, in Lesko, begegnet mir eine weitere, früher in den Waldkarpaten sehr stark vertretene Bevölkerungsgruppe, von der wenig mehr als die Erinnerung sowie halb umgesunkene Kreuze übrig geblieben sind – Juden stellten 40 Prozent der Einwohner Leskos, bevor sie von den Nationalsozialisten vernichtet wurden.

Von Lesko aus führt die Hauptstraße weiter in Richtung ukrainischer Grenze, aber ich genieße stattdessen die in der Karte blau gekennzeichnete Radroute nach Süden: Die Landstraße verläuft weitestgehend flach parallel zum Ufer des San und ist wenig befahren, sodass ich einen Radweg kaum vermisse. Rechts und links erheben sich immer höher bewaldete Hügel, auf den Feldern im Flusstal werden die Heugarben von der ersten Mahd zusammengerecht. Zwei Kinder winken so eifrig, als sei ich eine exotische Abwechslung in ihrem Spiel-Alltag.

In Baligród (4) begegne ich zwei Tagesbikern. Sie umrunden ebenfalls den unheimlich wirkenden Panzer mitten im Park des Ortes. Eine militärische Zurschaustellung von Macht? - Nein, im Gegenteil, das monströse Vehikel soll an den Terror des Zweiten Weltkrieges gemahnen. Ob er dafür ein geeignetes Symbol ist, sei dahingestellt.

Ukrainer, die einen unabhängigen Staat errichten wollten, töteten damals 42 Einheimische. Diese und andere Verbrechen der Aufständischen veranlassten die polnische Regierung 1947 dazu, alle ukrainischen Ethnien aus den Waldkarpaten zwangsweise auszusiedeln. 35 000 Menschen, darunter vor allem Boiken und Lemken, mussten im Rahmen der sogenannten „Aktion Weichsel“ ihre Heimat verlassen.

Polen - Waldkarpaten - Ukrainer

Ukrainer

Bis in die 60er Jahre hinein blieben die Waldkarpaten nahezu völlig entvölkert. So eröffnet sich, kaum bin ich Richtung Solina-Stausee abgebogen, eine märchenhaft ursprüngliche Bilderbuchlandschaft. Bäche plätschern, Wiesen schäumen förmlich vor Blumen – Hahnenfuß, Schafgarbe, Kuckuckslichtnelken und viele andere in verschwenderischer Vielzahl. Ein Ziehbrunnen ist ebenso stehen geblieben wie manche alten Höfe.

Hier Gemüse ziehen und an einem Kaffeetisch unter Obstbäumen sitzen? Die Steigung bleibt moderat, und ich träume ein Weilchen … aber Radwandern in den Waldkarpaten beinhaltet bisweilen auch Pionierarbeit, denn die einst vergessene Region erwacht erst aus ihrem Dornröschenschlaf. So erneuert eine Kolonne schwitzender Bauarbeiter die Straße über den Höhenzug. Umkehren? Statt mich zurückzuschicken, wird der Bagger ausgestellt. Einer der Arbeiter packt das Fahrrad und bugsiert es beherzt über den Grat zwischen ausgehobenem Graben und Fahrzeugen. Der Mann hat Muskeln, keine Frage! Ich folge ihm unauffällig - je weiter er hinauf schiebt, desto besser. Ein Lastwagenfahrer reicht mir eine Flasche Wasser aus der Führerkabine herunter.

Polen - Waldkarpaten - Polnischer Kaffee

Polnischer Kaffee

Erholung gibt es erst bei der wunderbar langen Abfahrt nach Wołkowyja (5) sowie beim Ehepaar Wronowscy - von ihrer Veranda aus schaue ich auf das Urlaubermekka der Waldkarpaten, den 1980 künstlich angelegten Solina-Stausee. Stanisław Wronowscy lacht fast Tränen über den Wortsalat in seiner kleinen Küche, wo sowohl ein Eisenherd zum Befeuern als auch Gas-Kochplatten stehen. „Dziękuję (danke), prozę (bitteschön), Guten Appetit, bello, bambini“ - damit lässt sich schon etwas anfangen. So erfahre ich, dass Emilia Wronowscy italienische Wurzeln besitzt, die Kinder der beiden aber in Frankfurt leben.

Polen - Waldkarpaten - die Solinka

Die Solinka

Die letzten Morgennebel steigen aus den Bergwäldern auf, als ich auf dem gut asphaltierten „R61 Greenway Karpati Wschodnie“ 14 Kilometer lang an der rauschenden Solinka entlang radle. Vom Waldsterben scheint der Dschungel rechts und links noch nichts zu spüren, so dicht und prächtig wachsen hier die Bäume.

Polen - Waldkarpaten - Ikonen-Geschäft in Cisna

Ikonen-Geschäft in Cisna

Den Touristenort Cisna lasse ich rasch hinter mir, denn die üppige Wildnis fasziniert mich als an Infrastruktur gewohnte „Westlerin“ weitaus mehr. In den Waldkarpaten scheint sich der Mensch an die Natur anzupassen, nicht umgekehrt. Auf dem ökologischen Hof in Liszna (6) treffe ich Włozimióz Kibiak. Der gebürtige Pole arbeitet seit 25 Jahren auf Gran Canaria, verbringt aber seinen Urlaub hier, um zu reiten. „Die Gegend ist wunderschön, und das Essen ausgezeichnet - alles stammt direkt vom Hof.“

Polen - Waldkarpaten - Ökohof Dybasiówka

Ökohof Dybasiówka

Krach schlagen oder den Rückzug antreten? So grüble ich am nächsten Tag, als ich auf einsamen 1000 Höhenmetern unterwegs bin. Was tun, wenn womöglich ein neugieriger Meister Petz auf dem Fahrweg sitzt? Unergründlich tief, erinnert der Wald im slowakischen Grenzgebiet mich daran, dass es auch in Europa einst Urwälder gab. Die Waldkarpaten werden als „Europäisches Alaska“ bezeichnet, weil es hier mehr Bären, Wölfe und Wisente als Menschen geben soll. Ich atme auf, als ich den Weiler Solinka passiere. Tümpel mit Biberburgen sowie viel Geflecktes Knabenkraut, eine Orchideenart, säumen den Weg zurück zur Landstraße.

15 Kilometer weiter westlich stoße ich auf die zweite „Ikonenroute“. Sie führt, ebenfalls von Sanok ausgehend, auf 50 Kilometern bis an die Grenze. Die Verkäuferin im Dorfgeschäft (Sklep) von Smolnik spricht Englisch, da sie ein paar Jahre in London lebte. Sie rüstet mich mit einem Zettel aus: Ich solle den Kirchenschlüssel ausgehändigt bekommen, um die Ikonostase, eine Reihe von Heiligenbildern über dem Altar, ansehen zu können. Ob das funktioniert? Mit einem forschen „Dzień dobry!“ (Guten Tag) reiche ich den Zettel bei den Dörflern herum. Bald bin ich bekannt wie ein bunter Hund – aber nach wie vor ohne Schlüssel. Schließlich schlüpft eine resolute Bauersfrau in ihre Gummistiefel und bringt mich zu Polat, einem Mann, an dem ich auf meiner Suche schon mehrfach vorbei geradelt bin. Er hat den Schlüssel in der Tasche! Polat begleitet mich zur Kirche. Mein „Trinkgeld“ für seine Mühe legt er feierlich in ein weiß ausgeschlagenes Körbchen.

Polen - Waldkarpaten - Ikonostase in der Kirche von Smolnik

Ikonostase in der Kirche von Smolnik

Am Ende des langgezogenen Dorfes verschwindet die Straße im idyllischen Osława-Tal. Viermal kreuzt sie den Fluss – aber es gibt keine Brücken! Stattdessen wurden dicke Betonquader ausgelegt, die die Osława sanft überflutet. Nasse Füße trocknen schneller als nasse Schuhe, also schiebe ich das Rad in Trekkingsandalen behutsam über die ein wenig glitschigen Steine – um weder in den Fluss zu rutschen noch in die tückischen Fugen zwischen den Quadern zu geraten. Nachher habe ich garantiert saubere Füße.

Polen - Waldkarpten - Furt durch die Oslawa

Furt durch die Oslawa

Ein Schild mit der Aufschrift „Pirogi“ lässt mich stoppen. Orla, die Besitzerin der im Lemkenstil erbauten, ehemaligen Försterei, bringt eine Portion der leckeren, mit Buttersoße übergossenen Teigtaschen an den selbst gebauten Gartentisch. „Manchmal kommen Hirsche bis in den Garten“, erzählt sie. „Und einer unserer Nachbarn ist Imker. Letztes Jahr bekam er Besuch von einem Bären, der zerstörte ihm zwei seiner Bienenstöcke.“ Die junge Warschauerin mit den kurzen, dunkelrot gefärbten Haaren lebt hier mit ihrem Mann und drei Kindern. Sie gehört zu den stadtmüden Aussteigern, die in den Waldkarpaten ein neues Zuhause gefunden haben.

Polen - Waldkarpaten - Ehemalige Försterei von Preluki

Ehemalige Försterei von Preluki

Rotschwänze jagen einander bis zur Flusswiese hinunter. Während die von den Furten nassen Sandalen trocknen, umkreisen Hühner meine nackten Füße. Trotzdem steht das Tor offen, denn nur selten fährt ein Auto hinauf nach Komańcza.

 

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