Reisemagazin schwarzaufweiss

Die Farben der Vulkane

Eine atemberaubende Wanderung durch das Tongariro-Vulkanmassiv in Neuseeland

Text und Fotos: Sissi Stein-Abel

Neuseeland Tongariro Ngauruhoe

In den Legenden der Maori, den ersten Bewohnern Neuseelands, sind Tongariro, Ngauruhoe und Ruapehu angriffslustige Krieger, die sich gegenseitig und andere bekämpften. Seit sie zu Stein erstarrt sind, haben sie die Aura launischer Diven, die sich manchmal tagelang nicht blicken lassen und in Wolken hüllen. Wer Pech hat, bekommt die Vulkanriesen im Zentrum der Nordinsel während eines Urlaubs im Land der langen, weißen Wolke nicht zu Gesicht. Wer Glück hat, sieht sie schon aus 100 Kilometern Entfernung majestätisch am Südufer des Taupo-Sees thronen.

Bei Kaiserwetter ist der Tongariro Crossing Track, eine 17 Kilometer und sieben bis acht Stunden lange Tour durch den Tongariro-Nationalpark, die mit Abstand spektakulärste Tageswanderung Neuseelands. Sie führt durch wüstenartige ausgetrocknete Kraterseen, über erstarrte schwarze Lavaströme, Schlacke und Asche, ockerfarbene und rostrote Geröllfelder, vorbei an gelb verfärbtem Fels, purpur leuchtenden Bergflanken, großen und kleinen Seen, die in allen Blau- und Grüntönen schimmern, durch kahle Mond- und goldene Graslandschaften, wilde Flachsfelder und ursprünglichen Regenwald, und immer wieder zischen nach Schwefel stinkende Fumarolen und Dampfwolken in die klare Luft. Es ist ein einziger Rausch an Farben und Formen, Gerüchen und Geräuschen.

Neuseeland Tongariro Anfahrt

Auf dem Weg zu den Vulkanen

Die Magie des aktiven Vulkanplateaus, das durch unzählige Eruptionen vor 275.000 Jahren entstand, nimmt einen schon gefangen, bevor die Wanderung beginnt: allein der Anblick dieses Trios – der perfekte Kegel des Ngauruhoe (2287 m), der lang gezogene Tongariro (1967 m) mit seinen zahlreichen Kraterzipfeln und der schneebedeckte Ruapehu (2797 m) - inmitten einer eigentlich Furcht erregenden Landschaft. Die Tour führt mitten durch eine geothermisch aktive Region mit zwei höchst unruhigen Vulkanen, die zuletzt 1975 (Ngauruhoe) und 1995/96 (Ruapehu) ausbrachen. Das Gebiet ist von solch einer unwirklich-phantasievollen Aura umgeben, dass es als Kulisse für die Film-Trilogie „Herr der Ringe“ wie geschaffen war – Mordor, der Schicksalsberg und die Ebene von Gorgoroth.

Ganz früh geht´s los

Heute ist einer jener Tage wie aus dem Bilderbuch. Kein Wölkchen am Himmel, strahlender Sonnenschein, milde Temperaturen, der Wind weht nur ganz leise. Ein paar Tage vorher, hatten frustrierte deutsche Touristen erzählt, habe es wie verrückt geschneit, an Wandern war nicht zu denken. Die berühmten Wetterberichte, die man in Neuseeland immer wieder hört: vier Jahreszeiten an einem einzigen Tag, erst recht an vier aufeinander folgenden Tagen. Immer wieder wird auch dieses Gebirge zur Todesfalle, weil die Leute ohne warme Kleidung und Regenschutz aufbrechen und dann von einer abrupten Wetterwende überrascht werden.

Neuseeland Tongariro Hotel

Der letzte Hort der Zivilisation vor den brodelnden Elementen

Wir haben einen Early-Bird-Service gebucht, den Zubringerdienst für Frühaufsteher, um die Volkswanderermassen zu vermeiden. Solch ein Shuttle ist notwendig, weil der Tongariro Crossing Track keine Rundwanderung ist, sondern von Punkt A, dem Mangatepopo-Tal, zu Punkt B, einem Parkplatz unterhalb der Ketetahi-Hütte, führt. Am frühen Abend werden die Busse dort auf die müden Krieger warten und nicht abfahren, bevor es nicht auch der letzte Wanderer vom Vulkanplateau herunter geschafft hat.

Neuseeland Tongariro Schafweide

Die Schafe ignorieren den Vulkan

In der Hochsaison zwischen Dezember und März und an Wochenenden kann es passieren, dass mehr als 1000 Menschen unterwegs sind. Da hilft es nur, so früh wie möglich loszumarschieren. Eine Variante ist, sich am Nachmittag zum Track bringen zu lassen, in der Mangatepopo-Hütte zu übernachten und aufzubrechen, bevor die Sonne am Horizont auftaucht. Andererseits ist die Route schon kurz nach dem Start so selektiv, dass sich die Karawane schnell auseinander zieht. Einfach in der entgegengesetzten Richtung – von Ost nach West - zu laufen, ist nicht unbedingt empfehlenswert, weil dies 400 zusätzliche Höhenmeter bedeutet.

Auf der Treppe des Teufels

Angesichts dieses Zulaufs hat die Naturschutzbehörde den ersten Teil des Pfades mit Holzstegen versehen, um die empfindlichen Gebirgspflanzen, die sich in der öden Landschaft etabliert haben, zu schützen. Nach diesem gemütlichen Auftakt kommen die Wanderer mächtig ins Schwitzen. Auf der Devil’s Staircase, der Treppe des Teufels, geht es 250 Höhenmeter im Zick-Zack über holprigen, felsigen Untergrund, erstarrte schwarze und braune Lavaströme verschiedener Vulkanausbrüche.

Neuseeland Tongaririo Fumaloren

Überall qualmt und brodelt es

Wer jedoch meint, er müsse diese Teufelstreppe im Rekordtempo hinauf stürmen, verpasst an solch einem herrlichen, klaren Tag eine grandiose Aussicht. Ein kurzer Stopp ist nötig, um im Rücken, weit im Westen, den makellosen, schneebedeckten Kegel des Mt. Egmont/Taranaki am äußersten Westzipfel der Nordinsel zu bewundern. Ein kurzer Abstecher führt zu den Soda Springs, einer kleinen Wildblumen-Oase. In den nächsten Stunden werden wir nur noch Moose und Flechten sehen. Wenn überhaupt.

Bergauf durch einen Lavastrom

Der Südkrater ist eine endlos weite Ebene, in der Menschen so winzig wie Ameisen wirken – und doch: Es geht mitten durch einen Krater, den Schlund eines weiteren Vulkans. Welch immense Explosion muss ihn einst in die Landschaft gesprengt haben! Wir befinden uns nun am Fuße des Mt. Ngauruhoe (2287 m), dessen Flanken schwarz und – von eisenhaltigen Dämpfen gefärbt - braun und weinrot schimmern. Einige Flecken frischen Schnees erinnern an den Winter im Sommer vor drei Tagen. Wer Zeit (rund zwei Stunden) und Muskelkraft (600 Höhenmeter) hat, kann von hier aus den zweithöchsten Vulkan des Tongariro-Massivs erklimmen – bergauf am besten auf dem alten Lavastrom, denn durchs Geröll geht’s drei Schritte rauf und zwei Schritte runter. Bergab empfiehlt sich natürlich die flotte Rutschpartie durch die Schlacke, eine rasante und staubige Angelegenheit.

Neuseeland Tongariro Kraterlandschaft

Kleine Krater, große Krater

Der Ngauruhoe, der als jüngster Krater vor rund 2500 Jahren entstand, hat solch eine ebenmäßige Kegelform, weil er regelmäßig ausgebrochen ist, im Schnitt alle sechs Jahre. Nun ist er schon seit 1975 nicht explodiert und unverhältnismäßig ruhig. Ein seltsames Gefühl. Erst recht die Vorstellung, dass Ngauruhoe und Tongariro zwar eindeutig wie zwei Berge aussehen, letztlich aber doch nur Ausbruchskanäle eines einzigen viel mächtigeren Vulkans sind. Der Ruapehu, an dessen Fuß wir übernachtet haben, rumpelt sogar ständig vor sich hin. Erst am 18. März 2007 brach die Wand des Kratersees und ließ eine mächtige Schlammlawine zu Tale donnern.

Neuseeland Tongariro Roter Krater

Am Roten Krater

Am Ende des Südkraters wartet schon die nächste Extratour: Der unproblematische Anstieg auf den Mt. Tongariro (1967 m) dauert – inklusive Rückweg – eineinhalb Stunden. Die meisten Wanderer begnügen sich jedoch damit, die Riesen vom Hauptweg aus zu bewundern, denn keiner weiß so recht, was ihn noch erwartet, und wie er den langen Wandertag durchsteht.

Neuseeland Tongariro Vor dem Roten Krater

Der Rote Krater ganz nah

Nach der Durchquerung des Südkraters ist der höchste Punkt des Crossing Tracks nicht mehr weit. Es geht hinauf zum Rand des 3000 Jahre alten Roten Kraters (1886 m), der – nun ja... rot ist. Doch trotz des Wissens ist niemand auf diesen überwältigenden Anblick vorbereitet. Umgeben von hellgrauem und ockerfarbenem Geröll sieht dieser Schlund aus, als wäre er mit rotem Samt überzogen, in allen Schattierungen von purpur- bis ziegelrot. An der Seitenwand lässt die aufgesprengte und nach außen gestülpte Kruste des Ausbruchskanals nur erahnen, mit welcher Zerstörungskraft dieser Vulkan einst grollte. Manchmal zischen Dampfwolken aus diesem Loch; heute qualmt es nur aus kleineren Rissen im brüchigen Boden. Es stinkt nach fauligen Eiern – ein sicheres Indiz für den hohen Schwefelgehalt der Dämpfe.

Ein heiliger Ort der Maori ...

Am Fuße des Roten Kraters sind bereits von hier oben drei spektakuläre Farbkleckse zu erkennen – die Emerald Lakes, die Smaragdseen - und weiter im Hintergrund der Blue Lake, ein kristallklarer blauer See, sowie der Nordkrater. Auf einem mit Schlacke übersäten schmalen Grat geht’s hinunter zu den Emerald Lakes. Mineralien aus dem Roten Krater – Schwefel und Arsensulfid – haben sie türkisblau und -grün gefärbt. Ein Bad darin ist nicht unbedingt gut für die Gesundheit. Außerdem ist das Wasser kalt. Aber das Ufer ist ein fabelhafter Platz für ein Picknick.

Neuseeland Tongariro Emerald Lakes von oben

Die Emerald Lakes von oben ...

Weiter geht’s durch den Zentralkrater, der wie schon der Südkrater eine nackte, weite Ebene ist, in der sich Menschen ihrer Zwergenhaftigkeit bewusst werden. Der Blue Lake ist ein heiliger Ort der Maori. Deshalb wäre es unpassend, dort seine belegten Brote auszupacken oder gar zu baden. Aber den Blick genießen, das ist erlaubt. Er reicht weit in den Norden, über zahlreiche Bergketten bis zum Mt. Tauhara, über den nahe gelegenen Rotoaira-See und den Taupo-See am Horizont. Überhaupt dieser Taupo-See... Neuseelands größter See ist kein normaler See, sondern der Kratersee eines aktiven Vulkans, der zuletzt vor 1800 Jahren explodierte. Wenn der in die Luft fliegt... Der Grund des Sees ist mit 2,3 Millionen Tonnen Asche von den letzten Ausbrüchen des Mt. Ruapehu 1995 und 1996 bedeckt.

Neuseeland Tongariro Emerald Lakes

... und aus der Nähe

Am Blue Lake endet die nackte Stein- und Geröllwüste. Am Ufer wachsen Gebirgspflanzen, weiße und gelbe Dotterblumen, und die Hügel sind von den für Neuseelands Trockengebiete so typischen gold- und ockerfarbenen Tussock-Grasbüscheln überzogen. Plötzlich ist wieder Vogelgezwitscher zu vernehmen, die Piepmatze flattern durch die dichten Wälder, durch die ein schier endloser Abstieg zum Endpunkt der Wanderung führt. Wer seine Teleskopstöcke bislang im Rucksack verstaut hatte, packt sie hier gerne aus, denn die steilen Stufen des Zick-Zack-Kurses gehen ganz schön auf die Oberschenkel-Muskulatur.

... und ein weitsichtiger Maori-Häuptling

Die Ketatahi-Hütte auf 1450 m im hohen Tussock-Gras ist ein willkommener Zwischenstop, zumal es hier auch Toiletten gibt. In den heißen, qualmenden Schwefelquellen badeten bis vor einigen Jahren viele Wanderer, aber nun ist Betreten verboten, denn die Quellen sind dem Maori-Stamm Ngati Tuwharetoa heilig. Auf Grund der spirituellen und kulturellen Bedeutung für die ersten Siedler Neuseelands – die Maori sind ja im Gegensatz zu den Aborigines in Australien keine Ureinwohner, sondern wanderten erst vor rund 1200 Jahren aus der Südsee ein – erhielt der Tongariro-Nationalpark 1990 von der UNESCO den Status als Weltkulturerbe.

Neuseeland Tongariro Taupo

Taupo-See mit Vulkankulisse

Der weitsichtige Maori-Häuptling Te Heuheu Tukino IV. hatte den Nationalpark am 23. September 1887 der neuseeländischen Regierung und damit dem Volk vermacht, unter der Bedingung, dass die spektakuläre Natur erhalten und geschützt wird. Ursprünglich 2630 Hektar, umfasst das Gebiet heute 79.598 Hektar. Der Tongariro Crossing Track, Teil des 42 Kilometer langen Northern Circuit (drei bis vier Tage), ist der beste Weg, einen unvergesslichen Eindruck von ihm zu bekommen.

 

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