Reisemagazin schwarzaufweiss

Zwischen Adrenalinschock und Fotorausch

Neuseelands Nordinsel mit dem Wohnmobil, Teil 1

Text und Fotos: Hilla Finkeldei

Seit „Der Herr der Ringe“ die Kinos eroberte und zahllose Zuschauer fasziniert, ist die Kulisse des Fantasiefilmes in das Blickfeld der Weltöffentlichkeit geraten: ein kleiner Staat am äußersten Zipfel der Erde, mit zwei Inseln und den zwei Namen, Neuseeland und Aotearoa. Das „Land der großen weißen Wolke“ also wird zunehmend zum Tourismusmagneten.

Doch nicht Hobbits allein

Allerdings kann der cineastische Magnet allein nicht Grund für alle Besucher Neuseelands sein. Doch was treibt sie in eine Gegend, in der mehr Schafe als Menschen siedeln? Die neben der Maori-Bevölkerung im Laufe der Jahre zum Lebensmittelpunkt zahlreicher polynesischer Insulaner geworden ist und deren Bewohner laut der etwas gehässigen australischen Nachbarn „Angst davor haben, nach einem Sturm endgültig von der Landkarte zu rutschen“.

Sind es die Menschen, die freundlich und redselig sind, die aber dem großen Nachbarland gegenüber auch boshaft sein können und in retour antworten, dass ihre Kinder selbstverständlich alles werden dürfen, nur niemals Sportler für ein australisches Team?

Sind es die Landschaften, die über mehr Schattierungen von Grün verfügen, als man gemeinhin mit Worten bezeichnen kann?

Neuseeland / Coromandel Bay

Coromandel – Blick über die Bay mit Blumen

Wie die Inuit in Alaska unzählige Wörter für die Konsistenz des Schnees haben, so verlangt es einen auch in Neuseeland permanent nach der Erweiterung des vorhandenen Wortschatzes, um zu beschreiben, wie sich in stetigem Wechsel blau und grün zu türkis und beige wandeln, wie die Hortensien am Weg zwischen violett und dunkelblau erstrahlen und die Gärten und Straßenränder dem Besucher die Farben der Blumen mit der Kraft von Leuchtkugeln entgegenschleudern.

Zeit als Mangelerfahrung

Für unseren Besuch auf der Nordinsel hatten wir sechzehn Tage eingeplant. Eine Zeitspanne, die laut einiger Freunde und Bekannter ohne Mühe ausreichen würde, um das gesamte obere Eiland zu sehen und die vielleicht noch die Fährfahrt in den von vielen als wesentlich spektakulärer eingestuften Süden ermöglichen sollte. Pustekuchen, diese Illusion kann ich jedem Leser sofort nehmen! Lassen Sie sich nicht von der Fläche täuschen, planen Sie nicht anhand der Kilometerangaben! Dieses Kleinod im Pazifik hat so viel zu bieten, dass man nur unglücklich von einem Ort zum anderen hetzt, wenn man in zwei Wochen alles zu sehen versucht. Drei unglaublich stressreiche Tage habe ich damit verbracht, mich von Zeitplänen und Reiseführervorgaben zu verabschieden und das Tempo der Insel an mich heranzulassen. Die Höhepunkte der daraufhin gemächlicheren Tour möchte ich Ihnen in zwei Teilen vorstellen. Für die beschriebene Route sind eher drei als zwei Wochen zu empfehlen. Serviceadressen (postalisch oder im Internet) finden Sie im Anhang.

Zum Entrée: Der America´s Cup

Neuseeland / America's Cup Segler

Wie die meisten Touristen beginnen auch wir unsere Reise in Auckland, denn hier landen die großen Fluggesellschaften und im Umkreis des Flughafens hat sich eine Vielzahl von Auto- und Campervermietungen niedergelassen. Unwissend, aber vom Glück verwöhnt, geraten wir mitten hinein in den Trubel um den bejubelten Segelwettbewerb des America’s Cup, der jährlich im Februar-März in der „City of Sails“, der „Stadt der Segel“ ausgetragen wird. Diesen gewinnen, statistisch gesehen, zumeist die Amerikaner und so bejubelte im Jahre 2002 die Bevölkerung umso mehr den krönenden Sieg des eigenen „Team New Zealand“. Die Stadt summt wie ein Bienenhaus und nicht selten hören wir deutsche Worte aus dem internationalen Stimmengewirr heraus. Stolze Yachten zieren den Viaduct Harbour, unzählige Angestellte wienern die Fenster der millionenteuren Luxusboote, die im leichten Seegang vor sich hindümpeln (Foto: America’s Cup Segler)

Sehen und gesehen werden

Am Market Square wechseln sich Jazztöne mit Sambarhythmen ab, schließlich muss man dem Geldtourismus aus aller Welt auch das entsprechende Flair bieten. Prosecco und Ohrenschmaus als Vorgeschmack auf die eigentlichen Regattatage, da fühlt man sich im günstig erworbenen Souvenir-T-Shirt und zerknittert von der ersten Nacht im Wohnmobil ein wenig deplatziert.

Neuseeland / Viaduct Harbour Market Square

Viaduct Harbour, Market Square

Doch wir lassen uns nicht entmutigen, bestellen in einem der hervorragenden Pubs ein landestypisches Tui-Pils und beginnen unseren Urlaub mit dem Spiel der Reichen – sehen und gesehen werden.

Auckland die Weltstadt oder: Man ist wer

Neuseeland / Auckland / Maori Boot

Und gleich die erste Erfahrung mit der hiesigen Infrastruktur: Auckland hat sich zu einer Stadt gemausert, die nicht nur wirtschaftlich der eigentlichen Hauptstadt Wellington den Rang abläuft. Der America’s Cup und die damit verbundenen Neugestaltungen, die entweder in ihrer frischen Pracht oder in Form von geschäftigen Baustellen das Bild der City mitbestimmen, zeugen von Aufbruch, Wachstumsbestrebungen und einer hohen Lebensqualität. Wem trotz Liebe zu Booten und Wasser das Spektakel um die windschnittigen Segler zu viel wird, dem sei das Maritime Museum als Alternative empfohlen (Foto: Maritimes Museum, Maoriboot). Hier bekommt man anhand eines liebevoll bebilderten Zeichentrickfilms über die große Überfahrt der Polynesier einen ersten Einblick in die Geschichte der Maori-Ureinwohner, kann herrliche Exponate polynesischer Bootsbaukunst bewundern und wird in einem erstklassig dekorierten Ambiente durch die Besiedlung und die Walfängerära bis hin zur modernen Seefahrt geleitet.

Neuseeland / Auckland / MAritimes Museum / Immigrantenschiff

Maritimes Museum, schaukelndes Immigrantenschiff

Vom Wasser in die Luft ...

... führt das Casinogebäude der Skycity im Zentrum. Der Skytower offeriert beste Aussichten über das gesamte Stadt- und Hafengebiet und schon die Eingangshalle des Gebäudes ist eindrucksvoll genug, den Besuch zu rechtfertigen. Für die in Neuseeland allgegenwärtigen „Adrenalinjunkies“ eröffnen sich mit dem behelmten Aufstieg der Firma Vertigo zur Spitze des Turms oder mit einem Bungee-Sprung aus 192 Meter Höhe, vorbei an den staunenden Touristen auf der Aussichtsplattform, ganz besondere Kribbelerfahrungen.

Neuseeland / Auckland / Aussicht

Aussicht über den Hafen vom Skytower

Hungrigen Spaziergängern kann entlang der Queen’s Street geholfen werden und wer sich zusätzlich zu Eiscreme und chinesischer Küche mit T-Shirts und Kleinkunst ausstatten möchte, der findet am Victoria Park Market einen Platz an der Sonne. Von dem eher irreführenden Namen des ehemaligen „War Museum“ im Domainpark sollte sich der Reisende nicht abschrecken lassen, denn obwohl dies als Ehrendenkmal errichtet wurde, geht sein Inhalt weit über den früheren Titel hinaus, der nun glücklicherweise auch in fast allen Beschreibungen durch „Auckland Museum“ ersetzt wurde. Naturgeschichte, umfassende Sammlungen zu den pazifischen Kulturen der umliegenden Inselwelt und eine von Humor geprägte Vorführung traditioneller Maorilebensweise ergänzen die ehemals namensgebende Ausstellung „Neuseeland und der Krieg“.

Neuseeland / Auckland Museum

Auckland Museum

Taucher im Traumland

Bevor man sich nun von der Stadt abwendet, sollte man eine letzte Attraktion Aucklands genießen: Kelly Tarlton’s Antarktische Begegnung und Unterwasserwelt. Der wohl berühmteste Taucher Neuseelands verwirklichte mit dem Umbau der leer stehenden Hafenrückhaltebecken im Jahre 1985 seinen Traum, die Unterwasserwelt für alle erfahrbar zu machen. Neben dem Tunnelgang durch ein gigantisches Wasserbecken, umschwommen von Haien, Rochen und Schildkröten, können Besucher nun auch eine Fahrt in einem beheizten Schneemobil durch die nachgebildete antarktische Landschaft und ihre Königspinguine genießen, den Nachbau der Originalhütte des Forschers Robert Falcon Scott aus dem Jahr 1911 bewundern und die tragische Geschichte der Bemühungen um die erste Begehung des Südpols erfahren.

On the road again

Neuseeland / Whangarei Falls

Jenseits der Harbour Bridge beginnt das so genannte Northland, eine Gegend, die wohl jeder Besucher zumindest passiert, denn sie führt an den nördlichen Stadtstränden vorbei und entlang erster heißer Quellen in Waiwera, die hier zu einem Thermalbad ausgebaut wurden, in die wohl meistfotografierte Gegend außerhalb von Rotorua, die Bay of Islands. Schon auf dem Weg gibt es manches Schätzchen zu entdecken, so z.B. das Café mit Aussicht in Waipu, in dem die Pause sich nicht nur wegen des guten Cappuccino, der netten Bedienung oder der umfassenden Reisebroschüren im hinteren Teil lohnt. Die wohl bekanntesten Wasserfälle der Insel sind die Whangarei Falls, die 25 Meter in die Tiefe stürzen und neben einem wunderbaren Park mit Picknick- und Grillmöglichkeiten auch oberhalb der Fälle zu einer Abkühlung im klaren Wasser des Flusses einladen (Foto oben).

Hundertwasser im OO-Format

Wem die Waitomo Glühwürmchenhöhlen unterhalb von Hamilton im Inland zu touristisch sind, der findet in den nahe gelegenen Kawiti Glowworm Caves eine Alternative. Auch der österreichische Architekt Friedrich Hundertwasser verlor sein Herz an diese fantastische Gegend, denn er lebte seit den frühen 1970er Jahren bis zu seinem Tod im Jahre 2000 in der Nähe des Ortes Kawakawa und wurde 1997 gebeten, die öffentlichen Toiletten des Ortes zu gestalten. So profan dieses Projekt für einen weltberühmten Architekten erscheinen mag, nahm Hundertwasser den Auftrag doch mit Begeisterung an, denn nicht selten waren seine Vorschläge für öffentliche Gebäude in Europa kategorisch abgelehnt worden. Der berühmte Adoptivsohn der Stadt wurde 1986 neuseeländischer Staatsbürger und ein großer Bewunderer der Maori-Kultur.

Neuseeland / Hundertwassertoiletten

Hundertwassertoiletten Kawakawa

Befremdliche Betriebsamkeit

Nur ein kurzes Stück durch enge Kurven und sattgrüne Berglandschaft, dann erreichen wir den kleinen Ort Paihia, das Zentrum des hier boomenden Tourismus mit seinen unzähligen Übernachtungsmöglichkeiten, Restaurants und Touranbietern. Ob Individualtourist oder Busgesellschaft, an einer Bootsrundfahrt durch die vorgelagerte Inselwelt der „Bay of Islands“ geht wohl kein Weg vorbei. Geschäftiges Treiben und die Jagd nach dem Dollar bestimmen ein wenig die Atmosphäre der Hauptstraße. Nach den friedlichen Städtchen auf dem Weg ist die Betriebsamkeit auf den ersten Blick ein wenig befremdlich. Dennoch ist die Landschaft tatsächlich besonders im Sonnenschein ein Höhepunkt der Umrundung der Nordinsel. Russel, die ehemalige Gründungs- und Hauptstadt Neuseelands, die früher ihrer Bezeichnung als „Hellhole of the pacific“, als „Höllenloch des Pazifik“, durch die Einwanderung geflohener australischer Gefangener und diverser zwielichtiger Seefahrer und Piraten mehr als gerecht wurde, besticht heute durch ihren historischen Charme und ein gutes Stadtmuseum. Eine Fußgängerfähre verbindet Paihia und Russel halbstündlich miteinander, die Passage ist kurz und preiswert. Am Fähranleger findet man auch die Touristeninformation und die führenden Veranstalter aller Arten von Bootstouren und Wasseraktivitäten. Besonders beliebt bei deutschen Urlaubern ist die Ganztagestour von Kings Cruises, die mittlerweile auch eine deutschsprachige Mitarbeiterin beschäftigen und deren Informationsblätter mehrsprachig gestaltet sind.

Neuseeland / Hole in the Rocks

Hole in the Rock – Bay of Islands

 

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