Reisemagazin schwarzaufweiss

Kapverden

Im Land zwischen Passat und Harmattan

Text und Fotos: Beate Schümann

Die Nase auf dem kleinen Viereckfenster ist plattgefaltet wie eine Boxerschnute. Fieberhaft sucht das Auge beim Anflug auf Sal nach Halt in der braunen Endlosigkeit. Ein Sahara-Fleck mitten im tiefblauen Atlantik. Wenn es auf den ersten Blick auch nicht viel zu geben scheint - Sand und Geröll gibt es im Überfluß. Unten neben der Landebahn starren ein paar knochige Ziegen Löcher in die Luft. Was fressen die hier bloß?

Die Surfer-Truppe auf den vorderen Plätzen weiß, daß es außer dem Sand noch zwei Luxusgüter in dem westafrikanischen Inselstaat gibt: Wind, der fast das ganze Jahr über mit Jetgeschwindigkeit über die Inseln fegt, und den kristallklaren Ozean, der manche Karibikinsel vor Neid ganz grün werden läßt. 

Der Nachbar zur Linken schwärmte den ganzen Flug über von den Inselwanderungen, die streckenweise sogar alpine Kondition erforderten. Liebhaber von Dünen, Vulkanen und Wüstenklima sind auf den Kapverden genau richtig. "Bem-vindo a Sal" knistert es aus dem Bordlautsprecher. Willkommen auf Sal.

Die Begrüßung ist aufrichtig und offenherzig, wie die Kapverdier eben sind. Daß die Entdecker den Inseln 650 Kilometer vor der Küste des Senegal den Namen "Cabo Verde" ("Grünes Kap") gaben, muß aber damals schon ein Wunschtraum oder eine Fata Morgana gewesen sein. Auf keiner der Inseln mit wenig mehr als 4000 km² Landesfläche ist es ausgesprochen grün. Die fünfzehn Vulkanklumpen, die die Portugiesen ab 1456 bei ihren Eroberungstouren um Afrika zufällig fanden, liegen im Reich der Sahelzone. Wenn auch nur am äußersten Rand, aber es reicht, daß die Wolken sich nicht abregnen. Schon das Auftauchen von Nebelschwaden werde als "Regentag" verbucht, erklärt Tino, unser Begleiter für die Reise. Wirklichen Regen gibt es ohnehin nur zur Regenzeit, wenn er denn fällt.

In den letzten fünf Jahren blieb die Sonne Sieger. Ihre Strahlkraft erreicht mit einem Mittel von etwa zehn Stunden am Tag einen der weltweit höchsten Werte. Eine Freude für die Urlauber, eine Katastrophe für die Kapverdier. Kein Wasser - kein Brot, das ist ein Naturgesetz: Wir befinden uns in einem der ärmsten Länder der Welt. Doch die Kapverdier lieben ihre Heimat.

Zwischen Sand und Harmattan, dem trockenheißen Wüstenwind hat das Klima das Gesicht der Kapverden geprägt. Wüstenhaft zeigen sich die östlichen Inseln Sal, Boavista und Maio. Auf den Nordwestinseln São Vicente, Santo Antão und São Nicolau mischen sich Lavaberge mit saftlosen und grünen Abschnitten. Die Südinseln Santiago, Fogo und Brava mit ihren bizarren Berggipfeln setzen den wohl erstaunlichsten Kontrapunkt, der ihren vulkanischen Ursprung verrät. 

"Viele Touristen schätzen unsere Inseln wegen der enormen Kontraste und der Morabeza", meint Tino stolz. Morabeza ist das kapverdische Wort für Gastfreundschaft und große Herzen.

Eine Überdosis Sonne, die das Meer zum Funkeln bringt, empfängt uns am Morgen in Praia, der Landeshauptstadt auf der Insel Santiago. Fast schwarz vor gleißendem Licht wirkt der mächtige weiße Leuchtturm von Temerosa, der das Buchtende markiert. Der Strand ist nur für uns da. Eine dicke Schicht Sonnencreme kommt auf die Nase, denn trotz der frischen Brise brennt das Himmelsgestirn erbarmungslos.

Praia ist das pulsierende Zentrum der Republik, die 1975 von Portugal unabhängig wurde.

Auf einem vorgelagerten Plateau hat die schachbrettartig angelegte Altstadt einen Logenplatz erhalten. Lavaschwarze Uferfelsen brechen das perlende Wasser. Einige Cafés und liebevoll gepflegte Grünanlagen verbreiten Atmosphäre. Außer ein paar adretten Häusern im Kolonialstil haben die Portugiesen von ihrer mehr als 500 Jahre dauernden Herrschaft wenig hinterlassen; sie haben nie viel in das Land investiert. Selbst beim Präsidentenpalast, in dem zuvor ein portugiesischer Gouverneur saß, haben die Architekten sich nich sonderlich angestrengt. Nach der Befreiung zogen die einstigen Kolonialherren aus und überließen das Land sich selbst.

Im Zentrum drängen wir mit dem Strom der Menschen zum Markt. Unter den vielen Farbigen machen wir Europäer kaum aus, und wir fühlen uns als echte Exoten. Überall fangen wir neugierige freundliche Blicke ein. Es sind überwiegend Frauen auf den Beinen. Sie meistern den Alltag, während viele Männer im Ausland arbeiten.Obwohl die meisten europäisch in Rock und Bluse gehen, haben doch alle den pano afrikanisch um die Hüfte geknotet, ein hübsches handgewebtes Tuch - ein Muß im Kleiderschrank jeder kapverdischen Frau. Von ihnen lernen wir auch, zum Schutz vor Sonne und Wind ein Tuch um den Kopf zu wickeln. Die hiesigen Coiffeure dürften ohnehin einen schlechten Stand haben; der Passat hat noch jede Frisur zur Strecke gebracht.

Autos und Lkws schleichen auf der Suche nach Parkraum um den Mercado; das scheint nirgendwo anders zu sein. Eine hüfthohe Mauer mit hohen Gitterstäben umgibt das quirlige Markttreiben. Kleine Bananenportionen wechseln von jenseits nach diesseits der Gitter den Besitzer. Wer sich am Eingangstor aufbauen konnte, hat den besten Platz; hier muß jeder vorbei. Eine Fischfrau hält den Ankömmlingen ihre blaue Handschüssel mit einer Handvoll silbriger Fische entgegen, und wird sie schnell los. Die Frauen tragen alle Lasten auf dem Kopf, selbst einzelne Bananen, einen Besenstiel oder leere Eierkartons.

Hinter den Mauern ein munteres Gedrängel und Gewusel, Geplauder und Gelächter. Markttag ist Leben, und das gibt es hier jeden Tag. Die Verkäuferinnen sitzen schwatzend und albernd am Boden oder auf Kisten.Vor ihnen türmen sich Hügel mit Kartoffeln, Mais und Bohnen - der Rohsoff für das kapverdische Nationalgericht cachupa.

Andere bieten Kohlköpfe, ein paar Mohrrüben, ein Häufchen Tomaten, Maniok und Cashewnüsse an. Im Halbschatten hockt eine in bunte Tücher gewickelte Mulattin, so rund wie die beiden Säcke mit weißen und roten Bohnen vor ihr. Sie strahlt uns aufmunternd an.

Doch wir sind ohne Kocher unterwegs; sie nimmt es mit Gelassenheit. Eine anderebalanciert zirzensisch in jeder Hand fünf goldgelbe Limonen, die sie nur im Verbund verkaufen will. Was die karge kapverdische Landwirtschaft nicht hergibt, ergänzt Tino, importiere die Regierung aus Portugal, Brasilien und Südafrika. Das Land kann seinen Nahrungsmittelbedarf nur zu 20 Prozent selber decken. Deshalb soll der Tourismus jetzt die Wirtschaft ankurbeln. Die Kapverdier setzen ihre Hoffnung ganz auf diese Karte. Jährlich kommen rund 5.500 Touristen, und es werden noch viel mehr, sieht Tino voraus. Rund 800 neue Betten sind in Planung, viele Hotels werden renoviert.

Schräg gegenüber vom Mercado finden wir ein Musikgeschäft. Wir decken uns mit Scheiben von kapverdischen Topstars wie Cesária Évora, Tito Paris und natürlich den Tubarões ein. In den heißen kapverdischen Nächten schwirren die schön-traurigen Morna-Rhythmen, die flotten Melodien von Funaná und Coladeira aus allen Kneipen, Diskos und Transistorradios auf die bevölkerten Straßen und Plätze.

 

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