Reisemagazin schwarzaufweiss

Auf stählerner Trasse ins Land der Mullahs

Mit dem Zug von Istanbul in den Iran

Text und Fotos: Axel Scheibe

Türkei  - Die Hagia Sophia in Istanbul

Die Hagia Sophia in Istanbul

Hacikiri steht am kleinen Bahnhofsgebäude. Gelandet in „the middle of nowhere“ verlassen die Reisenden, freundlich unterstützt von den Wagenschaffnern, ihr rollendes Hotel. Es ist mal wieder Zeit für einen Stopp. Über Eintausend Kilometer liegen hinter dem Sonderzug aus 1001 Nacht. Vor drei Tagen hat er Istanbul hinter sich gelassen und bereits Sehenswertes präsentiert. Feenkamine, Felskirchen und unterirdische Städte im Land der schönen Pferde, wie Kappadokien übersetzt bedeutet.

Türkei - Kappadokien

In Kappadokien

Wilde Natur ringsum, ein Bahnhof, ein paar Häuschen und nicht mehr. Der Weg hierher war spektakulär. Endlich auf den Schienen der alten Bagdadbahn. Anfang des vorigen Jahrhunderts von deutschen Ingenieuren in Angriff genommen, später nach dem 1. Weltkrieg von Briten zu Ende geplant, verband sie Istanbul mit dem Irak. Auch Lernidee, der Berliner Reiseveranstalter, war auf dieser Strecke unterwegs. Heute verlässt der Zug die historischen Gleise in Richtung Iran. Die Weltpolitik hat es so gewollt.

Türkei - Der Sonderzug auf dem Gavurdere-Viadukt

Der Sonderzug auf dem Gavurdere-Viadukt

Aber gemach. Die Kilikische Pforte nimmt er noch mit. Diese schroffe Gebirgslücke wurde 401 vor Christus zur Rettung für zehntausend Athener aus persischen Heeresdiensten und 68 Jahre später zog der große Alexander durch sie in die Issos-Schlacht. Die Fahrt durch eine bizarre Felsenwelt. Sekunden schnell öffnen sich Blicke in gähnende Schluchten. Es folgt Tunnel auf Tunnel. Eine ingenieurtechnische Meisterleistung. Eine solche wartet nun auch wenige hundert Meter vom Bahnhof Hacikiri entfernt. Das Gavurdere-Viadukt ist das mächtigste Bauwerk entlang der Route. Die gewaltige Bogenbrücke ist zwar nur 172 m lang, dafür aber 98 m hoch. Ein Grillpicknick sorgt für Appetit. Ein bisschen Musik und Deftiges auf den Teller. So lässt sich ein Abend im Taurus erleben. Während sich die Sonne langsam hinter den Bergen versteckt, rollt der Zug für Fotomotive auf die Brücke. Dann wird es Zeit. So wie sich die Nacht über die Gleise legt, verschwinden die Reisenden in ihren gemütlichen Abteilen und schlummern Gölbasi entgegen.

Kolossales in 2.100 m über dem Meeresspiegel auf dem Berg Nemrut

Kolossales in 2.100 m über dem Meeresspiegel auf dem Berg Nemrut

Kleinbusse schlängeln sich die schmalen Serpentinen empor. Dann ist Schluss mit lustig. Ein kleines Kassenhäuschen versperrt den Weg. Am Parkplatz warten Souvenirverkäufer auf Opfer und ein Café auf Durstige. Doch vorerst geht es, nun zu Fuß, mit hoffentlich festem Schuhwerk, weiter bergauf. Noch warten rund 200 Höhenmeter. Dann ist es geschafft. 2.100 m über dem Meeresspiegel, auf dem höchsten Punkt seines Reiches, hat sich König Antiochus sein Gipfelgrab errichten lassen. Weit reicht der Blick auf Fluss, See und Ackerland. Berge umringen das Panorama. Doch es sind die übermenschgroßen Steinfiguren, die den Berg Nemrut berühmt gemacht haben. Kopflose Riesen, deren Häupter sorgfältig vor ihnen aufgebaut sind. Apollo, Herakles, der Adler der Freiheit, der Löwe der Macht, freilich Zeus und, es verwundert kaum, darunter auch Antiochus selbst.

Historische Brücke über den 	Cendere-Fluss

Historische Brücke über den Cendere-Fluss

Von oben kaum zu erkennen, offeriert das Tal weitere historische Rückblicke in vorchristlichen Zeiten. Ein Schmuckstück, die Kameras und Handys klicken im Sekundentakt, die malerische Steinbrücke über dem Cendere-Fluss. Ihre schlappen 2.200 Jahre sieht man ihr nicht an.

Armenische Kirche auf der Insel Ahtamar

Armenische Kirche auf der Insel Ahtamar

Während der Zug per Eisenbahnfähre den Weg über den Vansee genommen hat, bot eine Hotelnacht in der Stadt die Gelegenheit zur einer gründlichen „Selbstrenovierung“. Eine vom Veranstalter ab und an geplante Abwechslung zum jugendherbergsähnlichen Sanitärniveau an Bord des Zuges. Frisch und ausgeschlafen sitzen die Passagiere, die übrigens aus der Schweiz, Österreich der USA und natürlich aus Deutschland auf die weite Reise gegangen sind, in einem kleinen Ausflugsboot. Ziel ist die armenische Heiligkreuzkirche auf der Insel Ahtamar. Während die armenische Gemeinde verschwunden ist, Fragen zum Verhältnis zwischen Türken und Armeniern verhallen weitgehend unbeantwortet, ist das Kirchlein ein gern gezeigtes Kleinod. Die in Stein gehauenen Verzierungen gleichen einem Bilderbuch. Vor märchenhafter Kulisse überrascht ein Kammerkonzert mit Besinnlichkeit.

Klassisches Konzert neben der Kirche auf der Insel Ahtamar

Klassisches Konzert neben der Kirche auf der Insel Ahtamar

Uninformierte und zivile Sicherheitsdienste bevölkern den Bahnsteig und bald auch den Zug. Aussteigen. Jeder muss selbst durch den Kontrollraum gehen und seinen Pass vorzeigen und abstempeln lassen. Es liegt eine fast gespenstige Ruhe über der iranischen Grenzstation Razi. Das Stempeln geht schnell, die Inspektion des Zuges und der Abteile dauert länger. Doch schon eine Stunde später rollt der Zug, nun auf iranischen Gleisen, weiteren Abenteuern entgegen. Der erste morgendliche Blick aus dem Fenster zeigt wenig Neues. Die Landschaft ähnelt der gestrigen Abschiedsroute in der Türkei. Im Speisewagen dagegen, zum Frühstück, ändert sich das Bild. Entsprechend der iranischen Gesetzeslage, wurde der Alkohol noch auf türkischer Seite „vernichtet“ und dafür die Kopftücher aus den Koffern geholt. In den nächsten Tagen wird kein unbedeckter Frauenkopf den Weg säumen. Wenn auch, man wird es sehen, besonders junge Iranerinnen recht lockere Formen des Kopftuchtragens entwickelt haben.

Iran - Zenijan - UNESCO-Welterbestätte Oljeitu-Mausoleum

UNESCO-Welterbestätte Oljeitu-Mausoleum

Willkommen in Persien. Zanijan ist die erste Station der Reise. Hoch im Norden des Landes. Trotz allmählicher Öffnung, hierher verirrt sich kaum ein ausländischer Tourist. Die Zugpassagiere sind so etwas wie Pioniere. Die UNESCO-Welterbestätte Oljeitu-Mausoleum ist das Ziel. Es gilt als größter mittelalterlicher Kuppelbau Persiens. Es macht seinem Namen alle Ehre. Mit der Kuppelhöhe von 51 m und dem Durchmesser von 25m erreicht es fast die Dimensionen der Hagia Sophia. Zahlreiche Gerüste und vereinzelte Arbeiter zeigen, man tut etwas zur Erhaltung historischer Bauwerke. Nicht nur in diesem Fall sicher eine Generationen übergreifende Aufgabe.

Deutlich lebendiger empfängt Yazd, die Stadt der Feueranbeter, seine Gäste. Wüste ringsum und quirliges Leben darin. Man sagt, die aufregendste Wüstengroßstadt Irans. Heiß kann es hier werden. Und das nicht durch die ewige Flamme im zarathustrischen Feuertempel sondern durch den Hauch der Wüste, der oft über die Stadt zieht. Windtürme zeugen vom Erfindertum der Altvorderen. Klimaanlagen gleich sorgen sie in den Häusern für Frischluft. Ein ausgeklügeltes Wassersystem unter der Erde, die Quanate, garantieren eine perfekte Verteilung des lebensspendenden Nasses, das aus dem Gebirge kommt. Am Stadtrand zeugen die mächtigen Schweigetürme vom zarathustrischen Ritus der Totenbestattung. Noch bis vor 50 Jahren wurden hoch oben auf den Türmen die Verstorbenen den Geiern dargeboten.

Iran - Windtürme (Vordergrund) und Schweigeturm in Yazd

Windtürme (Vordergrund) und Schweigeturm in Yazd

Die Geschichte wird lebendig, doch Fragen zum Heute verhallen antwortlos. Da ist mit dem iranischen Guide kein Geschäft zu machen. Das bleibt auch an anderer Stelle so.

Iran - Die zweistöckige Khaju-Brücke in Isfahan

Die zweistöckige Khaju-Brücke in Isfahan

Isfahan ist eine besondere Schönheit. Das mag zum großen Teil der Lage am Zayandehrud-Fluss geschuldet sein. Am Abend spielt sich am Fluss und besonders an der malerischen Khaju-Brücke das gesellige Leben der Stadt ab. Da treffen sich jung und alt gleichermaßen. So wie auch die 33-Bogen-Brücke schmückt sie Postkarten und Reiseführer. Doch hat Isfahan natürlich auch reichlich Islamisches zu bieten. So ist der Besuch des Imam-Platzes mit seinen verschiedenen Palästen und Moscheen ebenso ein Muss, wie der Vierzigsäulenpalast und der große Basar. Eintauchen ins Alltagsleben. Düfte suchen, Farben genießen und manch lustiges Handelsgespräch an den Ständen. Es ist ein ungewohntes Gefühl, wenn man nicht einmal die Ziffern der Preisschilder lesen kann.

Iran - Der Imam-Platz in Isfahan

Der Imam-Platz in Isfahan

Der Abend kommt dann sportlich daher. Zurkhane „Haus der Stärke“ heißen die Sportstätten, wo sich kräftige Jungs treffen. Der Morsched, ein Sufi-Ausdruck für Meister, leitet das Training und gibt mit der Trommel den Takt vor. Die Kampfsportübungen finden in einer achteckigem Arena statt. Keulen, Ketten und eiserne Bögen dienen als Geräte. Es geht archaisch zu. Bilder an den Wänden zeugen von langen, erfolgreichen Traditionen.

Iran - Im Sha-Cheragh-Heiligtum in Shiraz

Im Sha-Cheragh-Heiligtum in Shiraz

In Shiraz entführt der Eram Garten in eine Welt der Rosen. Rosen sind ein Zeichen der Stadt und finden sich auch in den Mustern der Moscheen wieder. Für den Besuch im Sha-Cheragh-Heiligtum reichen die Kopftücher nicht. Weite Umhänge verdecken den Rest Weiblichkeit. Doch schon in der Nasir-al-Mok Moschee genügt wieder die normale „Verkleidung“. Fast hat man sich daran gewöhnt. Doch Gewöhnung muss nicht sein. In der Nacht fährt der Zug die knapp 1000 km zurück Richtung Norden, in die Hauptstadt Teheran. Noch ein kurzer Ausflug in den Gorestan-Palast und ein Blick in eine der beeindruckendsten Juwelensammlungen der Welt, der berühmte Pfauen Thron mit seinen 26.7233 Edelsteinen inklusive, schon geht es zum Flughafen. Die Maschine der Türkisch Airlines wartet. Was passiert im Flugzeug zuerst? Richtig – Kopftücher runter. Dann bleibt Zeit das Abenteuer Zug noch einmal Revue passieren zu lassen. Über 5.000 km auf stählernen Wegen durch den mittleren Osten …

Informationen

Die Sonderzugreise „1001 Nacht – von Istanbul bis Isfahan“ wird angeboten von Lernidee Erlebnisreisen, Kurfürstenstraße 112, 10787 Berlin, Tel.: 030/7860000, www.lernidee.de. Neben sieben Übernachtungen im Zug wird an sechs Nächten in Hotels übernachtet.

 

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