Reisemagazin schwarzaufweiss

Immer auf dem Fluss entlang

Unterwegs im ecuadorianischen Regenwald

Text: Dagmar Krappe und Axel Baumann
Fotos: Axel Baumann

Mit MV Anakonda auf dem Rio Napo den ecuadorianischen Regenwald entdecken - den Yasuni Nationalpark, die Naturreservate Cuyabeno und Limoncocha und das Schutzgebiet Pañacocha.

Ecuador - Rio Napo - MV Anakonda

Sieben Abenteurer machen sich auf den Weg von Quito nach El Coca. Die Reise über die Anden ist nicht so beschwerlich wie die Expedition des Francisco de Orellana im Jahre 1541, aber die Anfahrt mit dem Auto aus dem Zentrum von Ecuadors Hauptstadt zum neuen Flughafen kann schon mal Stunden in Anspruch nehmen, da eine gute Verkehrsanbindung bisher fehlt. Kilometerlange Blechlawinen schieben sich durch die Vororte. Der Flug selbst dauert schließlich nur 35 Minuten. Von 2.800 Metern Höhe steigt der Airbus auf 6.000 Meter, um dann wie ein Condor, dem Wappentier Ecuadors, im steilen Sinkflug auf 300 Meter hinabzugleiten.

Unsere Reisegruppe – vier Europäer, drei Amerikaner - hat ab El Coca eine Flusskreuzfahrt auf MV Anakonda gebucht. Seit August 2013 schippert sie auf dem Río Napo, einem der vielen Zuflüsse des Amazonas, durch den ecuadorianischen Regenwald. Der Trip wird nicht Jahre dauern, wie der des Konquistadoren de Orellana, sondern nur fünf Tage und vier Nächte. Aber wir werden nachts die gleichen Geräusche hören, die gleichen seltsamen Pflanzen und Tiere sehen wie die ersten Spanier, die auf der Suche nach dem legendären Goldschatz „El Dorado“ waren. Doch etwas hat sich verändert. Männer mit Schutzhelmen, blauer Arbeitskleidung und gelben Gummistiefeln schwirren wie Wanderheuschrecken durch den Urwald und suchen unter der Erde das neue El Dorado. Mit Baggern, Bulldozern und Bohrern erobern sie das schwarze Gold der Neuzeit: Erdöl.

Ecuador - Newton steuert das Speedboot sicher durch die Untiefen des Rio Napo

Newton steuert das Speedboot sicher durch die Untiefen des Rio Napo

Von El Coca oder Puerto Francisco de Orellana düsen wir mit einem motorisierten Kanu 70 Kilometer flussabwärts, da die Anakonda aufgrund von Niedrigwasser den Hafen nicht anlaufen kann und irgendwo im Urwald festgemacht hat. "Newton, unser Steuermann, kennt den Fluss wie seine Westentasche. Auch im Dunkeln findet er seinen Weg vorbei an Sandbänken und Treibholz", beruhigt uns Fredy, unser indianischer Guide, der uns in den nächsten Tagen die geheimen Welten des Regenwaldes und eine Vielzahl unbekannter Tiere zeigen wird.

Ecuador - Rio Napo - neugierig auf die zweibeinigen Besucher des Urwaldes

Neugierig auf die zweibeinigen Besucher des Urwaldes

Hinter einer Sandbank versteckt taucht nach zweistündiger Bootstour unser am Ufer dümpelndes dreistöckiges Fünf-Sterne-Boutique-Hotel auf. Die 18 Kabinen sind nach im Regenwald lebenden Tieren benannt, die wir aber leider nicht alle zu Gesicht bekommen. 14 Standard-Kabinen befinden sich auf dem ersten Deck. Sie sind mit einem Doppelbett, ausreichend Stauraum, Dusche/WC, Panoramafenster sowie einer individuell regelbaren Klimaanlage ausgestattet. Die braun-beige Vertäfelung der Wände vermittelt modernes Ambiente. Auf Deck zwei gibt es vier Deluxe-Zimmer mit Balkon namens Jaguar, Anakonda, Manatee (Rundschwanzseekuh) und Pink Dolphin, den „Big Four“ des ecuadorianischen Dschungels. Auf gleicher Etage befinden sich auch eine gemütliche Bar und ein großer Aufenthaltsraum mit LCD-Display. TV und Internet funktionieren jedoch nur, wenn die Anakonda am Ufer vertäut ist, aber zum Fernsehen und Surfen ist auch niemand gekommen. Im untersten Stockwerk sind neben Maschinen- und Mannschaftsräumen die Kombüse und der etwas spartanisch, aber funktionell eingerichtete Speiseraum untergebracht. Betreut werden die maximal 40 Passagiere von 25 Besatzungsmitgliedern und indianischen Guides.

Ecuador - Rio Napo - MV Anakonda Standardkabine

Standardkabine auf der MV Anakonda

Schon am ersten Abend brechen wir zur Exkursion auf. Gegen 18 Uhr setzt die Dämmerung ein. Unbekannte Laute schallen aus dem Urwald. Aber es sind keine Vögel, die vor dem Schlafengehen noch ein Ständchen trillern, sondern Frösche, die zur nächtlichen Symphonie der Natur anstimmen. Als Ausgeh-Dress für die "Flashlight-Show" im Dschungel ist langärmelige Kleidung angesagt. Als Eau de Toilette empfiehlt sich eines, das Mücken und Insekten abwehrt und nicht anlockt. Ausgerüstet mit Taschenlampe und Fotoapparat und etwas mulmigem Gefühl im Bauch stiefeln wir hinein in den stockfinsteren Wald. Fredy gibt ein paar Sicherheitshinweise: „Nichts anfassen, nirgendwo gegen lehnen, keinen Blitz beim Fotografieren benutzen und immer auf den Boden schauen. Wer etwas sieht, bitte sofort melden.“ Die Moskitos schwirren um uns herum, wagen aber nicht, zuzustechen.

Ecuador - Flashlight Show: kleiner Frosch auf grünem Blatt

Kleiner Frosch auf grünem Blatt

Hightech-LED-Lampen leuchten das Gestrüpp und jedes Blatt ab wie Suchscheinwerfer, aber unsere Augen sehen nichts in der Dunkelheit. Nur Fredy, der im Urwald aufgewachsen ist, weiß, wo man suchen muss und findet ständig etwas: einen Tausendfüßler, einen kleinen grünen Frosch, der sich kaum vom grünen Blatt, auf dem er sitzt, abhebt, eine Tarantel (Spinne) und nachtaktive Ameisen. Ein Spaziergang durch den nächtlichen Urwald lässt das Herz pochen, schärft aber auch die Sinne. Schützenden Glasscheiben wie im Tropen-Aquarium des heimischen Zoos fehlen. „Laut WWF gibt es über 40.000 Pflanzen-, 430 Säugetier-, 1.300 Vogel- und über 3.000 verschiedene Fischarten im Amazonas-Regenwald“, erklärt unser Guide: „Dabei sind viele Gebiete noch nahezu unerforscht.“ Zurück an Bord eilen alle unter die Dusche. Vielleicht hat sich doch irgend ein Krabbeltier unter das Outfit geschlichen. Es ist zum Glück nur der Schweiß, der brennt. Obwohl gerade Trockenzeit, herrscht eine Luftfeuchtigkeit wie in einer Dampfsauna.

Ecuador - Pfade durch den Urwald, angelegt von den indigenen Gemeinden

Pfade durch den Urwald, angelegt von den indigenen Gemeinden

Im Urwald ist frühes Aufstehen Pflicht. Heutiger Programmpunkt: Vogelbeobachtungen. Die Anakonda verlässt ihren Ankerplatz und manövriert im Schlingerkurs stromabwärts. Das Ausbooten ins Kanu geschieht während der Fahrt. Wir nehmen Kurs auf die Pañacocha-Lagune. Aber erstmal muss Eintritt bezahlt und viel Papierkram erledigt werden. Der Yasuni-Nationalpark, zumindest was über der Grasnarbe wächst und lebt, gehört den indigenen Einwohnern, den Kichwa. Es ist seit Jahrzehnten ihr geschützter Lebensraum. Bodenschätze wie Erdöl gehören dem Staat. Mit dem Eintrittsgeld finanzieren die Kichwa in den einzelnen Kommunen Gemeinschaftsprojekte, um von den Ölkonzernen unabhängig zu sein. Sie bevorzugen den grünen Tourismus. Von den Geldern haben sie Lodges gebaut, befestigte Pfade angelegt sowie einen Eisenturm errichtet, um in den 90 Meter hohen Wipfel eines 700 Jahre alten Kapokbaumes steigen zu können und den Urwald von oben zu beobachten. In der Baumkrone gibt es ein eigenes Biotop mit unterschiedlichen Moosen, Orchideen und Bromelien. Eidechsen und Frösche fühlen sich hier genauso wohl wie ihre Verwandten auf dem Boden.

Ecuador - Ein eigenes Biotop in 90 Metern Höhe auf dem Kapokbaum

Ein eigenes Biotop in 90 Metern Höhe auf dem Kapokbaum

Langsam treibt das Kanu mit der Strömung. Nach nächtlichen Schauern in den Bergen führt der Napo Hochwasser, das über Seitenarme in den Dschungel eindringt. Rechts und links nichts als eine grüne Wand aus Blättern. Vögel sind bisher keine zu sehen, aber es läuft allen ein leichter Schauer über den Rücken. Wir haben das Gefühl, aus dem Gestrüpp beobachtet zu werden. Fredy hat durch sein Fernglas alles bestens unter Kontrolle. „Leise“, flüstert er und tippt mit dem linken Zeigefinger an seine Lippen „Auf 13 Uhr Manakin", wispert er gleich darauf und versucht, unsere Blickrichtung mit einem Laserpointer ins richtige Ziel zu steuern. Doch wir wissen nicht, wie ein Schnurrvogel aussieht und bei einem Tier, das die Größe eines Sperlings hat, ist es, als suche man zwar nicht die Nadel im Heuhaufen, aber im Dickicht. „Acht Uhr Turtel", lautet die nächste Ansage. Flutsch – sind die kleinen Schildkröten auch schon im Wasser untergetaucht. Bei den Fledermäusen klappt es besser! Die sind noch zu verschlafen, um sich einen neuen Baum oder Ast am helllichten Tag zu suchen. Hin und wieder versucht unser Guide auch eine Vogelstimme zu imitieren, um herauszufinden, wo sich ein Tier versteckt haben könnte. "Sieben Uhr Grey Heron". Endlich! Gleich entdeckt! Nicht weil der Vogel etwas größer ist, sondern weil uns ein Graureiher auch aus heimischen Gefilden bekannt ist. „Reiher waren fast ausgestorben, da sie im Amazonasgebiet wegen ihres Gehirns, dem Potenz steigernde Wirkung nachgesagt wurde, als Jagdtrophäe galten“, erzählt Fredy.

Ecuador - Rio Napo - Guide Fredy zeigt was man alles aus Palmen flechten kann

Guide Fredy zeigt was man alles aus Palmen flechten kann

Am nächsten Morgen schippert uns Newton mit dem Kanu an das südliche Ufer des Napo-Flusses, in einen anderen Teil des Yasuni-Nationalparks. Nach einem 30-minütigen Fußmarsch auf einem gut begehbaren Pfad kommen wir zu einer „Salzlecke“. Hier versammeln sich fast immer zur gleichen Tageszeit verschiedene Arten von Papageien und vielfarbigen Wellensittichen, um Salze aufzunehmen. Tagsüber fressen die Vögel Samen, Früchte, Blätter, die auch Toxine enthalten. Die Mineralien neutralisieren und fördern die Verdauung. Ein Abführmittel rezeptfrei mitten im ecuadorianischen Dschungel.

Ecuador - Sittiche und Papageien an der Salzlecke im biologischen Reservat Limoncocha

Sittiche und Papageien an der Salzlecke im biologischen Reservat Limoncocha

In einem überdachten Unterstand beginnt das scheinbar endlose Warten. Alle Augen sind auf eine etwa 20 Meter entfernte Mulde in einer Lehmwand gerichtet. Der Boden, auf dem wir stehen, ist mit Wasserpfützen übersät. Tanzende Fliegen stören die Konzentration. Die Zeit scheint nicht vergehen zu wollen. Der Schweiß rinnt von der Stirn. Nach langen dreißig Minuten flattern die ersten Vögel zaghaft in das Tal, als wollten sie ausspähen, ob die Luft rein ist und keine Gefahr droht. Langsam trauen sich mehr und mehr Sittiche und Papageien in die Senke. Sie schwirren umher wie wilde Bienen. Nur das Summen ist um einige Oktaven höher. Jeder versucht seine tägliche Ration zu erhaschen. Die braune Mulde verfärbt sich in einen grellen Teppich aus Hunderten von grünen Vögeln mit gelben, tieforange- und türkisfarbenen Punkten auf dem Gefieder.

Ecuador - Gemeinschaftshaus der Sani-Gemeinde

Gemeinschaftshaus der Sani-Gemeinde

Zum Abschluss der Kreuzfahrt statten wir einer indigenen Sani-Gemeinde, die aus 65 Familien besteht, einen Besuch ab. Ihre Sprache heißt „Ketschua“. "Ala punschu - Guten Morgen“, begrüßt uns Monica, eine der Dorfbewohnerinnen. Im Gemeinschaftshaus, einer großen auf Stelzen gebauten Holzhütte, bereitet sie für uns einen kleinen Brunch zu. Im Garten ernten wir zunächst die Zutaten fürs Essen.

Dort wachsen Bananenbäume, Kakao- und Yuca-Sträucher und zahlreiche Blumen. Es gibt einen kleinen Teich, in dem gefangene Flussfische lebend aufbewahrt werden, um sie frisch zu halten. Wir graben Maniok-Wurzeln aus, die gekocht genau wie Kartoffeln schmecken. „Wenn man den Stamm in kleine Stücke teilt und die Stämmchen mit der Faserrichtung nach oben in die Erde einbuddelt, wachsen in einigen Monaten wieder schöne Wurzeln“, erklärt uns Monica. Zuletzt sammeln wir noch ein paar Palmenblätter, denn Töpfe gibt es nicht. Alles wird in einer „biologischen, grünen Folie“ über dem offenen Feuer gegrillt. Dies ist nicht nur umweltschonend, sondern dient auch der Würzung der Speisen, denn die Blätter enthalten Mineralien. Auf dem Holzboden neben der offenen Küche wird das Gastmahl serviert.

Ecuador - Im Dorfgemeinschaftshaus wird alles in Palmblättern gegrillt

Im Dorfgemeinschaftshaus wird alles in Palmblättern gegrillt

Nachdem wir einen grätenreichen, aber gut gewürzten Fisch mit Maniok und gebackener, süßer Banane verspeist haben, offeriert Monica noch die Spezialität des Hauses: Maiones, vier Zentimeter lange weiße Maden. Auf einem Holzstab aufgespießt und geröstet. Also Augen zu und Mund auf. Der dicke Mantel ist zäh wie Kaugummi. Das Innere weich und geschmacklos wie eine fade Weißwurst. „Ein wichtiger Eiweißlieferant und gut gegen Asthma“, sagt Monica zum Abschied. Dann kann die Luft im schwülen Busch heute ja nicht mehr knapp werden.

Ecuador - Spezialität des Hauses: Maiones, vier Zentimeter lange weisse Maden

Spezialität des Hauses: Maiones, vier Zentimeter lange weisse Maden

Nach fünf Tagen Dschungelerfahrung kehren wir wieder in die Zivilisation mit ihren bekannten Gerüchen und Geräuschen zurück. Fredy hat andere Träume. Er plant in einigen Jahren eine lange Floßfahrt. Er möchte den Napo und Amazonas bis zur Mündung befahren. Sich von dem ernähren, was der Urwald seit hunderten von Jahren dem Menschen bietet. Eine Aufklärungsreise über die Natur, aber auch, um den am Fluss lebenden Menschen zu erzählen, welche Rechte und Möglichkeiten sie haben, Ursprünglichkeit und Moderne in Einklang zu bringen und zu erhalten.

 

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