Reisemagazin schwarzaufweiss

Der Jazz des Urwalds

Unterwegs im Cuyabeno-Naturreservat in Ecuador

Text und Fotos: Beate Schümann 

Ecuador - Alberto ist vom Cofan-Stamm, einer der letzten Schamanen der Gegend, der Heiler der letzten Eingeborenen

Es stinkt. Ein etwas übel riechender Dunst steigt plötzlich auf. Wir fahren friedlich auf dem Cuyabeno-Fluss mitten in der grünen Lunge des Regenwaldes. Hunderte Kilometer weit gibt es keine Industrie, keine Abgase. Aber es duftet so, dass die Nase beleidigt ist. „Hört ihr das Fauchen?“ ruft Kurt, der im Einbaum vorn sitzt und auf das Ufergebüsch zeigt. Unter dem dichten Blätterwerk hockt ein hühnergroßer Vogel, rote Augen, Kopfhaube, weißer Hals, lange schwarzblaue Schwanzfedern, schön anzusehen. „Von dort kommt der Mief!“

Ecuador - auf dem Cuyabeno-Fluss;

Auf dem Cuyabeno-Fluss

Staunen im Amazonas. Kurt Beate, der Urwaldführer mit deutschen Vorfahren und dem ungewöhnlichen Namen, ist hin und weg. „Das ist ein Hoatzin, auch Zigeunerhuhn oder Stinkvogel genannt“, sagt der Hobbyornithologe, eine Spezies, die nur im Amazonasbecken vorkommt und mit Turakos oder Kuckucken verwandt ist. Evolutionsforscher halten ihn für das Missinglink zu den ausgestorbenen Reptilvögeln von der Sorte Archaeopteryx. „Der Stinkvogel kann nicht weit fliegen, er wehrt sich eben anders.“

Eine Einbaumlänge weiter herrscht wieder der fette Humusduft des ecuadorianischen Regenwaldes vor. Der Hoatzin ist einer von 520 Vogelarten im Cuyabeno-Naturreservat. Immer wieder werden neue Arten entdeckt. Auch Kurt hofft, eines Tage eine neue Vogelart zu finden. Alexander von Humboldt und Charles Darwin sind seine Vorbilder. Sie waren ganz närrisch auf das Gezwitscher, auf das Universum der Pflanzen, Vögel und Schmetterlinge. Kurt ist es auch. „Urwald ist Musik. Sonst ist er im wesentlichen grün“, meditiert Kurt in der nächsten Flussbiegung und lässt Bootsführer Jaime erneut den Motor abstellen. Wenn die Vögel singen, ist die Natur intakt. „Hört ihr sie? Das ist der Jazz des Dschungels. Bach und Mozart habt ihr dann wieder Zuhause.“

Ecuador - Kurt Beate

Kurt Beate

Kurt trägt Nickelbrille und einen verschossenen Hut, und er kennt den Swing. Er kennt alle, die da zwitschern und flöten - Eisvögel, Webervögel, Nonnenvögel, Regenschirmvögel, gelbbrüstige Aras und die Oropendula in ihren tropfenförmigen Nestern. Von den Ornithologen, die er seit 30 Jahren begleitet, hat er das meiste gelernt. Wenn er redet, redet er schnell und schwärmt vom Regenwald und dem Land, in dem er geboren ist, Ecuador. Unterdessen steuert Jaime unbeirrt das Boot an einer fast lückenlosen grünen Wand aus Baumriesen, Luftwurzeln, Lianen, moosbedeckten Ästen und verkümmerten Zweigen entlang. Morphofalter umsegeln neugierig die Eindringlinge. Wenn sie die Flügel klappen, leuchtet ihre Oberseite in einem betörenden Stahlblau, schöner noch als der Rücken des Eisvogels. „Wenn du mal schlecht drauf bist, kommt garantiert ein Kolibri und macht dir wieder gute Laune“, sagt Kurt.

Auch deshalb lebt er am Cuyabeno, einem der vielen Quellflüsse des längsten Flusses der Welt, die alle aus den Anden herunterströmen. Im Grenzland zu Kolumbien gelegen, umfasst das Cuyabeno-Schutzgebiet 603 000 Hektar Regenwald mit einer erstaunlichen Artenvielfalt und einem unergründlichen Labyrinth aus Wasserwegen, das touristisch kaum erschlossen ist. Das Reservat wurde 1980 auf Drängen von Naturschützern eingerichtet, um das Gebiet vor dem Zugriff internationaler Ölmultis zu bewahren, die im Nordosten nach dem schwarzen Gold bohren. „Das eigentlich Interessante sind die Mäander, die kleineren Nebenflüsse. Wenn man auf dem Amazonas selbst ist, ist er nur ein großer breiter Fluss“, sagt Kurt. „Wir befinden uns genau am Anfang, gleich neben dem Äquator.“

Ecuador - Verwaltungsgebäude im Cuyabeno-Schutzgebiet

Verwaltungsgebäude im Cuyabeno-Schutzgebiet

Jaime dreht den Einbaum gekonnt bei und legt am Steg der Tapir Lodge an. Die komfortablen Baumhäuser haben Kurt und sein Partner Jaime selbst gebaut. Als überzeugter Ökologe nutzt Kurt Solarenergie statt dröhnender Generatoren. Biogas gewinnt er aus der Kläranlage. Auf Klimaanlagen kann er verzichten, weil die Fenster offen sind – natürlich haben die Zimmer Moskitonetze. Überall wachsen selbst gezogene Bromelien, im Garten Küchenkräuter. Der Ökofreak pflegt gute Nachbarschaft - mit den Fledermäusen, für die Bananenstauden unter das Terrassendach hängen, und einer Tarantel, die er liebevoll „Tarantulita“ nennt; sie ist völlig ungiftig. Nur einen Tapir hat er nicht. Abends bereitet der Koch Drei-Gänge-Menüs zu, in der Bar mixt der Chef persönlich seinen Spezialdrink: Saft der Passionsfrucht, viel Zucker und viel, viel Wodka. Dazu spielt das Urwaldkonzert auf – es zirpt, krächzt, summt, sirrt und pfeift.

Ecuador - Tapir Lodge

Tapir Lodge

Tags darauf treiben wir wieder auf dem Cuyabeno. Brüllaffen turnen in den Bäumen, Leguane flitzen über Äste, Papageien kreischen. „Schärft eure Augen für das Kleine, das Große ist so gut wie unsichtbar“, doziert Kurt und ist wieder bei Vögeln, Schmetterlingen und Insekten. Die Big-Five des Regenwaldes - Jaguar, Ozelot, Ameisenbär, Boa und Kaiman – sind ohnehin so gut wie nie zu sehen. Zwei Drittel des Tierlebens spielen sich in den Baumkronen ab. Verglichen mit einer Afrikasafari scheint der Regenwald keine besonderen Befürchtungen zu wecken. Wenn einen in der Serengeti der Leopard erwischt, ist das eine schnelle tödliche Sache. Mit dem Amazonas ist das anders. Das ist in Redmond O’Hanlons Dschungelbuch nachzulesen, einer unterhaltsamen, oft unernsten Lektüre über den Urwald und seine Widrigkeiten. Dort gibt es aber die kleinen unfreundlichen Tiere, wie die Dasselfliege oder den parasitären Wels, der noch kleiner ist, die es in sich haben und es sich unter der Menschenhaut bequem machen. Selten seien sie, sehr selten, fügt Kurt schnell hinzu und Moskitos gebe es am Fluss keine, auch keine Malaria. „Wollt ihr baden?“ Das ist nicht die richtige Frage nach dem gedanklichen Ausflug. Doch Kurt wiegelt ab und wischt Bedenken beiseite. „Kaimane sind nachtaktiv, Anakondas menschenscheu und Piranhas kommen in Schwarzwasserflüssen wie dem Cuyabeno praktisch nicht vor.“ Die Ersten springen ins Wasser, bald schwimmen alle.

Ecuador - Urwald

Nach der erfrischenden Abkühlung geht es in den Dschungel. Ohne den Fahrtwind vom Einbaum wird es brüllend heiß. Die Luft steht. Mit Gummistiefeln stapfen wir über den weichen Humusboden und unter 40 Meter hohen Kapokbäumen, durch Gestrüpp, Lianen und Luftwurzelvorhänge, dicht wie Gardinen. Flügelähnliche, mit Flechten bewachsenen Brettwurzeln, die höher als wir selber sind, stützen diese Riesen. Wir steigen über Wurzeln, die 80 Meter lang werden können, bestimmen Kakaobäume und Helikonien, blühende Bromelien und unzählige Orchideen. „Der Regenwald ist wie ein „Haus““, erklärt Kurt. „Jeder braucht den anderen.“ Fehlt nur einer, ist das Gleichgewicht dahin. An einem verrottenden Baum zeigt er Ameisen, und wir finden, dass sie eigentlich ganz normal aussehen. „Ein kleiner Urwald-Snack gefällig?“ Kurt schnappt sich ein paar Tierchen mit der Zunge. Alle machen es nach. Sie schmecken, wie Brausepulver, Sorte Zitrone.

Kurt lauscht. Wo ist der Jazz? Die Vögel sind verstummt, urplötzlich und alle gleichzeitig. Der Urwald schweigt so laut, dass er bebt. Dann ist ein leises Geräusch zu hören, kaum vernehmbar, das langsam in ein Trommeln übergeht. Es sind einzelne Regentropfen, die von Blatt zu Blatt stürzen. Minutenlang schirmt uns das Kronendach vor dem Regen ab. Dann prasselt der Tropenregen auf uns nieder. Zehn Minuten, nicht mehr. Die Dusche endet so abrupt, wie sie gekommen ist. Und die Vögel jazzen und swingen wieder.

Ecuador - Alberto ist vom Cofan-Stamm, einer der letzten Schamanen der Gegend, der Heiler der letzten Eingeborenen

Alberto vom Cofan-Stamm

Der Wald lichtet sich. Der platt getretene Pfad endet bei ein paar Holzhütten der Cofan-Indianer. Hühner flitzen hastig davon, als sie uns entdecken. Ein bunter Ara kreischt. Kinder laufen uns aufgeregt entgegen. Auch Alberto ist vom Cofan-Stamm, einer der letzten Schamanen der Gegend, der Heiler der letzten Eingeborenen. „Ich heile auch Touristen“, sagt er und lacht breit, „wenn sie wollen.“ Der greise Cofan strahlt Weisheit aus. Alberto ist eine beeindruckende Gestalt: auf dem Kopf ein Kranz aus Papageienfedern, im Gesicht rote Bemalung, eine Feder in der Nasenwurzel, Glasperlen und Jaguarzähne um den Hals. Mehrmals im Monat vertreibt er böse Geister und Krankheiten aus seinen Patienten. Er beherrscht ein magisches Ritual und trinkt dazu einen Drogencocktail aus Kräutern und Lianen. In den härteren Fällen mixt er sogar mit Engelstrompete, die ihn manchmal erst nach 24 Stunden aus dem Zauber entlässt. Im Cuyabeno hat der Medizinmann den allerbesten Ruf, auch wenn er für Heilung nicht garantiert. Er besitzt vielleicht keine Uhr und kein Buch. Doch seine Welt ist noch in Ordnung. Und er weiß, dass wir von Magie keine Ahnung haben. „Alles Überlieferung“, sagt er. Die Fähigkeit müsse der Mensch in sich tragen. Man müsse den Tod, die Sonne und die Sterne begreifen, dann sei man für den Zauber begabt. Sein bester Ratgeber ist der Regenwald. Der Schamane findet, dass er jetzt genug Geheimnisse verraten hat und entlässt die Gäste. Wenig später sind wir draußen im unergründlichen Grün des Amazonas. Die Vögel machen schon wieder Musik.

 

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