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Marschland und »Matjes satt«

Eine Radtour links und rechts der Unterelbe

Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

Wir starten unsere Exkursion in Cuxhaven. Von dort aus geht’s auf dem Elberadweg nach Otterndorf, Glückstadt und Haseldorf. Grünes Deichland, Fachwerk-Idylle und eine polygonale Radialstadt, Obstanbauflächen und gelbe Rapsfelder dürfen Sie bei unserer Tour erwarten.

Wir fahren unterhalb des Deiches und mit Blick auf das Fahrwasser der Elbe. Manchmal verstellen Junglämmer den Weg. Nach dem Passieren des Gras- und Sandstrands von Otterndorf, wo zahlreiche Strandkörbe auf sonnenhungrige Urlauber warten, überqueren wir die Deichkrone und fahren nach Otterndorf hinein. Wir überqueren das Flüsschen Medem, das hier in die Elbe mündet. Am Deichfuß sehen wir linker Hand vor der Ortseinfahrt ein Denkmal, das an die Deichbauer erinnert.

Ein Denkmal für die Deichbauer am Ortseingang von Otterndorf

Die Schleusenstraße führt direkt ins historische Zentrum des Städtchens, dessen Stadtwappen ein aufgerichteter Otter ziert. Vor dem backsteinernen Rathaus aus der Renaissance tummeln sich gleich zwei dieser Marder in Bronze. Sehenswert ist das Barockzimmer des Rathauses wegen seiner Bemalung: Blütengirlanden an den Deckenbalken und Deckenfelder mit dem Wappen von Herzog Julius Franz von Sachsen-Lauenburg, der Darstellung der Gerechtigkeit und mit dem Wappen der Stadt.

Nur wenige Schritte vom Rathaus entfernt befindet sich das barock anmutende Kranichhaus mit einem Kranich als Dachreiter, in dem das Museum des alten Landes Hadeln untergebracht ist. Rund um die St.-Severin-Kirche stehen sowohl die Alte Lateinschule als auch das ehemalige, im Fachwerkstil errichtete Wohnhaus des Dichters, Übersetzers und Rektors der Lateinschule Johann Heinrich Voß. Er wurde durch die Übersetzung der Homerschen »Odyssee« bekannt. Typisch für die Häuser der Stadt sind die vorkragenden Giebel und die vorgesetzten Erker.

Auch ein Stück Stadtgeschichte: das alte Torhaus des Schlosses

An manchen Häusern wie in der kopfsteingepflasterten Straße Himmelreich entdeckt man eine besondere Mauerung des Fachwerks. Zum einen sieht man so genannte Hexenbündel, zum anderen Eulenaugen. Teil einer alten Schlossanlage aus dem 17. Jahrhundert ist das trutzige Torhaus, das heute museal genutzt wird. An die Zeit, als die Stadt befestigt war, erinnern der von Linden gesäumte Süder- und Nordwall, an dem sich einige Gartenhäuschen befinden. Ursprünglich dienten diese Häuschen, die um 1800 in Mode kamen, den Damen der Gesellschaft als Ort für Kaffeeklatsch und kurzweilige Handarbeiten.

Flora und Fauna des Marschlandes

Nach dem Stadtbummel durch Otterndorf setzen wir die Fahrt auf dem Elberadweg fort, verlassen dazu die Elbe und fahren bis nach Neuhaus durch die Marschlandschaft zwischen Elbe und Oste. Unser nächstes Etappenziel ist das Natureum am Ufer der Oste unweit des Ostesperrwerks, das - wie andere Sperrwerke auch - nur stundenweise an bestimmten Tagen für Radfahrer passierbar ist.

Dinosaurier sind im Natureum nur Gäste auf Zeit

Ursprünglich als Naturkundemuseum des Landkreises Stade entstanden, ist das Natureum unterdessen in die Jahre gekommen. In Dioramen und auf Text- und Fototafeln befasst sich das Haus mit der Flora und Fauna der Moore, des Deichvorlandes, der Marsch und der Elbe. Birkhahn, Großer Brachvogel, Bär, Kranich und Wisent geben sich im Natureum ein Stelldichein. Auch Störche, Igel und Iltis sind hier zuhause. Beim Rundgang erfährt man vom Torfabbau in der Gegend und erblickt einen Entenwal, der vor Freiburg gestrandet war. In recht klein dimensionierten Aquarien wird die Fischwelt des Elbe-Deltas – Aale und Rotaugen – ebenso vorgestellt wie die der Amazonas- und der Mekongmündung. Um Besucher von nah und fern anzulocken, werden Sonderausstellungen inszeniert, mal mit giftigen Schlangen, mal mit Dinosauriern.

Nach dieser Stippvisite schwingen wir uns wieder auf die Räder und haben Glück bei der Weiterfahrt, weil das Ostesperrwerk passierbar ist, so dass wir auf kürzestem Weg zur Fähre nach Wischhafen radeln können. Mit der Autofähre geht es gemächlich über den Fluss. Ab und an muss die Fähre beidrehen, um großen Pötten in der Fahrrinne die Vorfahrt zu lassen. Vom Fähranleger an der Nordseite der Elbe sind es nur wenige Kilometer bis ins Zentrum von Glückstadt.

Fortuna wacht über die Stadt

Über Jahrhunderte war Glückstadt dänisch. Vier Jahre vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges ließ Christian IV., König der Dänen, holländische Festungsbaumeister an die Unterelbe kommen, um einen Teil der Marsch eindeichen zu lassen. Hinter den Deichen entstand eine polygonale Radialstadt mit Ringstraßen und sieben sternförmig vom Marktplatz ausgehenden Straßen, die man noch heute sieht. Die Glücksgöttin Fortuna sollte über die Stadt wachen, die den Namen Glückstadt erhielt. Heute ist die antike Göttin nicht nur im Stadtwappen vorhanden, sondern dreht sich auch als Wetterfahne auf dem Turm der weiß getünchten Stadtkirche.

Glückstadt

In der Mitte der »Radialstadt« Glückstadt

Der mit Kopfstein gepflasterte Markt hat in der Mitte keinen Marktbrunnen mehr, sondern einen gusseisernen Kandelaber. Flankiert wird der Marktplatz vom backsteinernen Rathaus, dessen Fenster mit Sandstein eingefasst sind. Im Traufenhaus mit hohem Walmdach, das neben der Kirche steht, residierte einst der Kaufmann und Reeder Löhmann. Nicht nur im Ratskeller, sondern auch im Restaurant »Der kleine Heinrich« versteht man sich auf die Zubereitung von Glückstädter Matjes.

Nicht immer haben die Glückstädter vom Hering gelebt. Zuvor waren die Fischer der Stadt auf Walfang gegangen. Ende des 19. Jahrhunderts war jedoch die Blütezeit der Walfängerei vorbei und man besann sich auf die Heringsloggerei. Gefangen und mit Salz haltbar gemacht wurde der noch nicht geschlechtsreife, mindestens drei Jahre alte Hering. Im Gegensatz zu holländischem Matjes verbleibt beim Kehlen des Fisches ein Teil der Innereien im Fisch. Das dient der enzymatischen Reifung des Fisches. Von Hand werden der Kopf und die Gräten entfernt. Unverzichtbar ist die Salzlake, in die der Fisch gelegt wird.

Die Fässer, in denen der Matjes reift, werden wie Champagnerflaschen gedreht, damit die Reifung dazu führt, dass man am Ende sehr zarte Filets auf den Teller zaubern kann. Matjes mit Birnen, Bohnen und Speck ist ebenso ein traditionelles Gericht der Region wie Matjesfilets mit Speckstippe und Sahnesauce nach Hausfrauenart. Matjes mit Preiselbeeren und Senfsauce oder in Sherry eingelegte Filets sind auch auf der Speisekarte einschlägiger Restaurants rund um den Glückstädter Markt zu finden. »Matjes satt« heißt es von Mai bis September, wenn heute aus norwegischen und dänischen Heringsfängen milder Glückstädter Matjes gewonnen wird. Turbulent geht es Jahr für Jahr auf der Glückstädter Matjeswoche zu, die am dritten Donnerstag im Juni eröffnet wird.

Der Fährmann »wriggert« ans andere Ufer

Nach einem leckeren Matjesmahl und einer Nacht in der ehemaligen Garnisonsstadt machen wir uns zur letzten Etappe der Entdeckungstour links und rechts der Unterelbe auf. Über den Hafen und in Sichtweite der Glückstädter Unterelbe radeln wir auf dem Elbe-Radweg nach Kolmar. Hier lockt das Naturbad bei sommerlichen Temperaturen zu einem Sprung ins kühle Nass. Weiter geht es über Kuhle und Fleien an die Krückau. Seit 1993 wird hier am Wochenende die Tradition des Hol-über gepflegt, Mit einem kleinen Kahn aus Eichenholz, der bis zu drei Räder mitnehmen kann, »wriggert« der Fährmann den Kahn mit einem »Riemen« ans andere Ufer.

Ohne Fährmann kein Weiterkommen

Dort steht nach einigen Metern die Querung eines Deiches an, um Seester und Seestermühe mit seinen teilweise mit Reet gedeckten Häusern zu erreichen. Stets hinter dem Deich radelnd, sehen wir im weiteren Tourenverlauf die Krückau nicht. Über Esch gelangen wir zu einem weiteren Flüsschen, die Pinnau. Ist das dortige Sperrwerk passierbar, haben wir Glück und sparen den Umweg über Neuendeich, um nach Haseldorf zu gelangen. Nur hin und wieder können wir einen Blick auf die Haseldorfer Binnenelbe werfen, sehen Graureiher einherstolzieren und Kiebitze nervös aufflattern. Wir kommen an ausgedehnten Obstbaumpflanzungen vorbei und erreichen schließlich Haseldorf.

Rund um Harsefeld wird Obst kultiviert.

Nur von außen zu besichtigen ist das klassizistische Herrenhaus. Frei zugänglich hingegen ist der Schlosspark mit seinen Rhododendron und anderen exotischen Gehölzen. Am Rande des Schlossparks steht die ein wenig trutzig wirkende St.-Gabriel-Kirche. Wer mehr über die Elbe und die Haseldorfer Marsch erfahren will, der sollte das Elbmarschenhaus mit der dortigen Ausstellung aufsuchen. Hier kann man sich auch darüber informieren, wie aus Weiden Fassreifen gearbeitet wurden. Bandreißen nennt man dieses Handwerk, das in den Elbmarschen sehr verbreitet war.

Wir setzen unsere Tour über Hetlingen, einem ehemaligen Bandreißerdorf, fort und besuchen den dortigen Wasserlehrpfad. Im Anschluss daran erreichen wir die Carl-Zeiss-Vogelstation, die wie das an der Elbe gelegene Naturschutzgebiet saisonal von Watvögeln aufgesucht wird. Es empfiehlt sich also bei der Tour ein Fernglas eingesteckt zu haben, um die gefiederten Gäste an der Elbe beobachten zu können. Am Yacht – und am Tonnenhafen vorbeiradelnd, gelangen wir nach Schulau, bekannt für die Schiffsbegrüßungsanlage. Unsere Tour beenden wir am S-Bahnhof Wedel, von dem aus Hamburg zu erreichen ist.

 

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