Reisemagazin schwarzaufweiss

Einfach nur wohlfühlen

Eine Woche Wellness auf Rügen

Text und Fotos: Hilla Finkeldei

Seebrücke Sellin

Glitschig ist es im ersten Moment und dunkelgrün. Die Liege, auf der ich mich den massierenden Händen etwas ausgeliefert fühle, ist mit Folie klinisch abgedeckt. Das Aroma, das der olivefarbenen Paste entströmt, schwer einzuordnen. Meer, Fisch, der Hauch eines lieblichen Parfums, um den ansonsten eher moosig-schweren Geruch etwas zu dämpfen. Sanfte Klavierklänge hüllen mich ebenso ein wie die nun um mich gewickelte Folie. „Und nun entspannen Sie mal so richtig, ich schau gleich wieder vorbei!“ Mit diesem aufmunternden Spruch bin ich mir selbst und meiner Algenpackung überlassen. Eine Woche Wellness-Urlaub - ich lehne mich wohlig zurück und wieder glitscht es verhalten.

Ich bin nun wahrlich nicht die erste, die das Seebad Sellin auf Rügen für eine wohltuende Pause vom täglichen Einerlei nutzt. Das hat hier eine lange und durchaus königliche Tradition. Nicht umsonst ist der sogenannte Königstuhl eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten neben dem stets zitierten Kap Arkona mit seinen Leuchttürmen und der Steilküste. Der Sage nach mussten die Anwärter auf den Thron diesen vorspringenden Kreidefelsen von der Seeseite her erklimmen.

Ruegen Plakat

Erinnerung an Kaisers Zeiten

Heute bietet eben dieser hell schimmernde Vorrat an Kalkstein neben der wunderbaren Aussicht noch einiges mehr – ich hätte mich statt der grünen nämlich auch für eine weißlich-graue Hautauffrischung in Form einer Rügener Kreidepackung entscheiden können. Wenn das der alte Kaiser Wilhelm noch erlebt hätte! Schließlich wusste man auch im wilhelminischen Zeitalter durchaus die Qualitäten Rügens als Sommersitz und Erholungsort zu schätzen. Man frönte der Jagd vom Jagdschloss in Granitz aus, man atmete die gesunde Seeluft der rauschenden Ostsee und flanierte über die Promenade dem türkisblauen Wasser entgegen.

Bei exzellentem Blechkuchen und umgeben von liebevoll und stilsicher gewähltem Interieur scheint die Zeit der Monarchie gar nicht so fern. Nicht umsonst ist die besondere Bauweise der Seebäder Binz und Sellin als wilhelminische Bäderarchitektur bekannt geworden . Fast mag man in einer ironischen Umkehr der Hymne der vergangenen Deutschen Demokratischen Republik den Spruch „Auferstanden aus Ruinen…“ auf den Lippen führen, wenn der Blick bewundernd die schlanken Säulen und weiß lackierten Balkone der strahlenden Villen streift.

Ruegen Villa

Jedes dieser Häuser ist ein Unikum, kein Erker gleicht dem anderen. Mal klassizistisch und pompös, mal filigran und mit Schnitzereien verziert oder durch Buntglas aufgelockert präsentieren sich die stattlichen Gebäude in der Wilhelmstraße. Villa Odin oder doch lieber Tatjana? Die Wahl fällt schwer, wenn es um die Entscheidung für eine Unterkunft geht, denn diese architektonischen Schmuckkästchen sind heute nahezu ausnahmslos zu Ferienwohnungen, Hotels und Wellness-Tempeln umgestaltet.

Seelenmassage und „schöne Tage“

Garantierte Entschlackung und eine samtweiche Haut wird den heutigen Gästen der Insel geboten, die mehr als nur die landschaftlichen Aspekte Rügens zu schätzen wissen. Gestresst von der Hektik des immer schneller schlagenden Pulses im Arbeitsleben, ist der eindeutige Trend zu verzeichnen, die „schönsten Wochen des Jahres“ eher in Form von „schönen Tagen“ zu genießen. Das Vokabular der heutigen Körperkultur ist um Begriffe wie Rasul, Thallasso und Ayurveda bereichert worden.

Blockhaussaunen war in den 70ern modern, heute umgeben mich farblich fein nuancierte Mosaikfliesen in einer ergonomisch geformten und vorgewärmten Dampfbad-Sitzlandschaft. Griechische Statuen, Wasserspiele, in Wischtechnik gestaltete hohe Wände und Erlebnisduschen vervollständigen das Bild.

Ruegen Saunalandschaft

In der Dampfbadlandschaft

Der Wohlfühlbereich des Cliff-Hotels Sellin kommt meiner naiven Vorstellungen vom Paradies schon sehr nahe. Und das sogar noch, bevor ich den überdimensionalen und frisch aufgeschäumten Milchkaffee bestelle, den man sich leger im hauseigenen Bademantel an der Bar gönnen kann.

Tagesfüllendes Wohlgefühl

Ein typischer Tag im Kurzurlaub eines heutigen Badegastes beginnt hier ab sieben Uhr mit einem kreislaufanregenden Schwimmen im hauseigenen Hallenbad. Bei 26 Grad Wassertemperatur und der angebotenen Aqua-Fitness holt man sich den nötigen Appetit für das üppige Frühstücksbüffet, das den Urlauber neben den üblichen Angeboten auch mit frischem Fisch und einer Müsli- und Früchtebar empfängt. Seeluft macht hungrig und wer in diesen Genüssen so richtig schwelgen möchte, der sollte dies auf der hoch über dem Wasser liegenden Terrasse mit Aussicht über die rauschende Ostsee tun.

Ruegen Hallenbad

Der Tag beginnt im Hallenbad

Die Bäderbahn bringt den Gast gemächlich zum Ortskern, wo man wie einst genüsslich flanieren kann. Der vermeintliche Schrei eines Uhus entpuppt sich dabei als Sirene der Dampflokomotive „Der rasende Roland“, die Sellin mit den anderen Orten der Umgebung verbindet und zu einem Ausflug in die ebenso charmante, aber weitaus größere Stadt Binz einlädt. Als herrliches Erlebnis erweist sich ein Bummel über die Promenade entlang der Ostsee, die wiederum an wahren Schönheiten im Stil der Bäderarchitektur vorbeiführt. Auch der slawische und russische Einfluss auf Rügen ist an so manchem Haus zu erkennen.

Ruegen Wolgasthaus

Russischer Einfluss: Das Wolgasthaus "Undine"

Der Staub politischer Vergangenheit ist sorgfältig übertüncht, so mancher Architekt hat in Binz bei der Umwandlung ehemaliger kantiger DDR-Bauten aus dem Vollen schöpfen können. Prachtvoll strahlt das Kurhaus mit seinem großzügigen Vorplatz im wieder erstandenen Glanz eines traditionsreichen Seebades.

Die Kneippschen Weisheiten des kalten Wassertretens sind auch in Binz bekannt. Anders kann man sich kaum erklären, was die ansässigen Hoteliers jedes Jahr zu einem Wagnis der besonderen Art treibt: Am 1. Mai wird traditionell zum Anbaden eingeladen – die Besitzer und Servicekräfte der Binzer Gastronomie stürzen sich bei knapp 8 Grad Wassertemperatur mit viel Jubel und Gelächter in die schäumende Flut! Bei allem Wissen um die Stärkung der Abwehrkräfte macht man sich da doch lieber wieder zum hauseigenen beheizten Schwimmbecken auf.

Ruegen Strandkörbe

Beheiztes Schwimmbecken oder mit Kneipp in die kalte Ostsee?

Zurück in Sellin, wartet im Hotel ein warmherziges „Rülax-Team“ auf die wunden Füße, die sich nach einer Fußreflexzonenmassage gleich wie neu fühlen. Ein 36 Grad warmes Thalasso-Meersalzbad in der mit Massagedüsen ausgestatteten High-Tech-Wanne lässt den geschundenen Körper wohlige Schauer fühlen und danach begibt man sich langsam, dem Ziel des Urlaubs und der Situation angemessen, zu den beheizten Liegen in der Ruhezone, die eine Freude für Rücken und Augen gleichermaßen darstellt.

Ruegen Kurhaus Sellin

Kurhaus Sellin: die Fassade der Wellness-Oase

Noch ein Kräuterdampfbad gefällig? Eine Aromatherapie-Massage? Oder die Spa-Suite, die der im Alltag untergehenden Romantik mit einer Wanne für zwei, einem Wasserbett und einer Flasche Champagner neue Impulse zu geben vermag? Vielleicht nach dem exzellenten Abendessen, denn schließlich ist der Wellness-Bereich bis zehn Uhr abends geöffnet und so mancher nutzt die Gunst der späten Stunde und gibt seinem Kreislauf nach einem Cocktail an der Bar noch einen letzten Kick im Geräteraum.

Wie neu geboren

Nach nur drei Tagen fühle ich mich wie neu geboren, mit erstrafftem Po und seidenweicher Haut, angefüllt mit frischer Seeluft, aufgetankt durch Sonnenschein und das strahlende Weiß wiedererstandener Prachtvillen. Nur ein Ziel habe ich nicht erreicht: Ein wenig abzunehmen, das gelingt bei den exquisiten Restaurants und delikaten Fischgerichten wirklich kaum einem Wellness-Jünger.

Ruegen Binz Kurhaus

Das Kurhaus in Binz

Ach ja, eine Bootsfahrt entlang der Kreideküste und einen Besuch im Putbusser Theater habe ich auch nicht geschafft! Die Straußenfarm in Karnitz bei Garz nicht besucht, die Deutsche Alleenstraße nicht in voller Blüte erlebt. Und da wären noch die leckeren Sanddornprodukte und natürlich ein Souvenir aus dem Selliner Bernstein-Museum. Da hilft nichts - der nächste Kurzurlaub in Binz, Sellin, Baabe oder Gören ist schon im Kalender notiert. Und dann probiere ich auch die Rügener Kreidepackung im Dampfbad, das steht fest!

 

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