Reisemagazin schwarzaufweiss

Unterwegs im Mittelalter

In Rothenburg ob der Tauber lebt man heute vom Gestern

Text und Fotos: Christoph Wendt

Rothenburg ob der Tauber - Stadtansicht

Durch Rothenburg ob der Tauber sollte man spät abends bummeln. Dann sind die Besucherscharen, die über Tag durch die engen Gassen quellen, verschwunden. Das internationale Sprachengewirr ist verstummt. Auf der mächtigen Treppe vor dem Rathaus , wo ein paar Stunden früher der Nachtwächter Interessierte für eine „Stadtwanderung mit dem Nachtwächter“ eingesammelt hat, sitzen vielleicht noch ein paar jungen Leute, die eng umschlungen zuschauen wie der Mond über den spitzen Giebeln, den Türmen und Toren dieser tausendjährigen Stadt auf dem Bergrücken hoch über dem Taubertal (ob der Tauber) aufgeht und das steinerne Mittelalter, wie die einstige Reichsstadt oft genannt wird, mit einem silbrig schimmernden Glanz überzieht.

Rotheburg ob der Tauber - das Rathaus

Das Rathaus in Rothenburg ob der Tauber

Rothenburgs Stadtführer haben es nicht leicht. Während ihre Kollegen in anderen Städten die Schäflein, die hinter ihnen her trotten, gezielt bei der ein oder anderen Sehenswürdigkeit anhalten lassen, damit die Fotos gemacht werden können, die man nun einmal braucht um den lieben Daheimgebliebenen zu zeigen, was sie versäumt haben, entzieht sich diese Regie hier völlig der eigenen Einflussnahme. Rothenburg ist durch die Jahrhunderte so voll gepackt worden mit Sehenswürdigkeiten, mit spitzgiebligen Fachwerkhäuschen, mit blumengeschmückten Brunnen, mit vergoldeten Gasthausschildern und Durchblicken in enge Gassen, denen ein Kamerabesitzer einfach nicht widerstehen kann. Dazu kommen noch die Maler, die ihre Staffeleien natürlich gerade dort aufstellen, wo die Nikons, Canons, Leicas oder all die modischen Geräte zum Einsatz kommen sollen, mit denen vor allem junge Leute heutzutage ihre Fotos machen. Dieses oder jenes goldblitzende Gasthausschild aufzunehmen, durch diesen uralten Torbogen hindurch zu fotografieren, das ist dann allemal wichtiger als zu erfahren, wann der Bürgermeister Nusch seinen berühmten Meistertrunk getan hat.

Rothenburg ob der Tauber - Plönlein

Plönlein

Ganz gleich zu welcher Tageszeit, Flecken wie das Plönlein, die schiere Stein gewordene Fachwerk- und Torturmidylle, oder die engen Quadratmeter vor der Gerlachschmiede, dem aufregendsten Fachwerkgiebel der Stadt schlechthin, sind immer von Fotografen oder Malern besetzt. Hier versagt jede Autorität eines Stadtführers, der seine Gruppe zusammen halten will. Schon der Münchner Maler Carl Spitzweg ließ sich vom Zauber solcher Rothenburger Winkel faszinieren. Wartet man nicht unwillkürlich darauf, seinen „verliebten Provisor“ aus der Marienapotheke neben dem Georgsbrunnen heraus kommen zu sehen, um seiner Angebeteten einen Gruß zukommen zu lassen?

Rothenburg ob der Tauber - Spitzwegs verliebter Provisor entstand hier

Spitzwegs "verliebter Provisor" entstand hier

Kaum ein Laut ist mehr zu hören um die Zeit, da der eine Tag in den anderen übergeht, außer den gelegentlichen Glockenschlägen, die von den Turmuhren herabfallen. Fast möchte man erwarten, im nächsten Augenblick das Hornsignal zu vernehmen, das ein Turmwächter über die Stadt gleiten lässt. Aber nichts dergleichen geschieht, nur das leise Murmeln und Plätschern der Brunnen ist zu vernehmen. Ja, diese Brunnen von Rothenburg! Ohne sie ist Rothenburg nicht zu denken. Wahrscheinlich hätte es diese Stadt hier oben auf dem Bergrücken nie gegeben. Hier oben, wo um 970 eine erste Burg als Keimzelle der späteren Reichsstadt entstand, 80 Meter hoch über dem Talgrund des Taubertales, gab es zwar eine hervorragende Fernsicht, die anrückende Feinde schon vom Weitem erkennen ließ, aber kein Wasser. Hier konnte man keine Tiefbrunnen graben. Wasser musste von weit entfernten Quellen durch Rohrleitungen herangeschafft werden. Diese Leitungen wurden unterirdisch verlegt, und ihre Linienführung geheim gehalten. Allzu leicht hätte sonst ein Feind der Stadt buchstäblich das Wasser abgraben können. Um 1560 ließ der Rat der Stadt einen Hochbehälter anlegen. Ein riesiger Kupferkessel wurde im oberen Teil des Klingentorturmes eingebaut. Von dort brachten Leitungen das Wasser zu den einzelnen Brunnen in der Stadt, wie etwa dem größten, dem Georgsbrunnen am Rande des Marktplatzes. Sein im Stil der Renaissance gestalteter steinerner Brunnenkasten, aus dem auf der Spitze einer reich verzierten Säule St. Georg seinen immerwährenden Kampf mit dem Drachen führt und der als beliebter Hintergrund für wahrhaft unzählige „Selfies“ Tag für Tag dienen muss, fasst 100.000 Liter. Ein auf den ersten Blick gewaltiges Löschwasserreservoir. Doch wehe, in der mittelalterlichen Fachwerkstadt brach einmal ein Feuer aus, dann waren 100.000 Liter Wasser wohl nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Wie im Schicksalsjahr 1501, als eine Feuersbrunst das alte gotische Rathaus zerstörte.

Rotheburg ob der Tauber -  altes Gemälde zeigt den Marktplatz um 1466

Der Marktplatz um 1466

Welch ein Glück, dass einige Jahre vorher Friedrich Herlin auf der Rückseite eines Flügels des Zwölfbotenaltars in der gotischen Jakobskirche eine Stadtansicht von Rothenburg gemalt hat, mit Marktplatz und Rathaus im Mittelpunkt. Er hat damit nicht nur die bis heute älteste Stadtansicht von Rothenburg gemalt, er hinterließ uns auch gleich zweifach einen interessanten kulturgeschichtlichen Einblick in das 15. Jahrhundert. Sowohl der Apostel Petrus auf der Predella dieses Altares als auch der Beschneider im Gemälde der Beschneidung Jesu tragen bereits Brillen. Es sind echte „Nasenfahrräder“, diese früher als Kneifer oder Zwicker bezeichneten Augengläser.

Rothenburg ob der Tauber - Petrus mit Brille

Petrus mit Augengläsern

Auf eins der kostbarsten Kunstwerke gotischer Schnitzkunst stößt der Besucher der Jakobskirche auf der Empore im Westen des Gotteshauses. Hier steht Tilman Riemenschneiders berühmter Heiligblutaltar. Dieser begnadete Künstler, der „Holz sprechen lassen konnte“, wie Riemenschneider mitunter genannt wird, hat sowohl in St. Jakob als auch in anderen Kirchen Rothenburgs weitere Altarschöpfungen hinterlassen.

Gerade im Frankenland gibt es zahlreiche mittelalterliche Städtchen, die ihre Befestigungsanlagen mehr oder weniger gut erhalten haben, Rothenburg ob der Tauber ist zweifellos ihre Königin. Nirgends sonst, auch nicht entlang der Romantischen Straße, blieb eine solche Kostbarkeit mittelalterlicher Stadtarchitektur so vollkommen erhalten wie hier. Wirklich? Ist Rothenburg tatsächlich nur einfach so erhalten geblieben? Natürlich nicht.

Rothenburg ob der Tauber - Fachwerkzauber enger Gassen

Fachwerkzauber enger Gassen

Abgesehen davon, dass es bis in die frühe Neuzeit immer wieder verheerende Stadtbrände gegeben hat, deren hässliche Wunden die Rothenburger stets hingebungsvoll beseitigt haben, gab es ja jenen 31. März 1945, den Karsamstag des Jahres, an dem amerikanische Bomber ohne jede militärische Begründung jenen infernalischen Feuersturm entfacht haben, durch den die Stadt fast zur Hälfte vernichtet wurde.

Rothenburg ob der Tauber - altes Stadttor

Altes Stadttor

Die Rothenburger haben nicht resigniert. Sie haben die Zerstörung ihrer Stadt nicht als Möglichkeit gesehen, den Wiederaufbau für morgen zu gestalten. Sie haben, Gottlob, ihrer Stadt das Gestern wiedergegeben. Nur so konnten sie es erreichen, dass der mittelalterliche, zum Teil aus dem 12. Jahrhundert stammende Mauerring mit seinen Dutzenden von Türmen und Basteien heute noch oder wieder so wirkt, als sei nichts geschehen. Und wo gäbe es eine andere mittelalterliche Stadt in unseren Landen, in die man nur, tatsächlich nur durch eins von sechs Stadttoren gelangen kann? Nur Einheimische und Eingeweihte kennen die wenigen Löcher in der Stadtmauer, durch die man hinein schlüpfen kann ins lebendige Mittelalter namens Rothenburg.

Informationen

www.tourismus.rothenburg.de

 

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