Zwischen Rokokoglanz und Bierseligkeit
Eine Klöstertour in Oberbayern
Text und Fotos: Ulrich Traub
Im Bild, das gerne von der oberbayerischen Landschaft gezeichnet wird, darf der Kirchturm, der sich vor der Kulisse der nahen Berge aus den sanft geschwungenen Wiesen und Weiden erhebt, nicht fehlen. Ganz so, als wollten die Leut‘ dem Herrgott einen guten Blick auf die so wohl geratene Landschaft verschaffen. Dort, wo die Kirchen besonders häufig vorkommen, hat bajuwarische Direktheit den Pfaffenwinkel ausgemacht.
Südlich von Ammer- und Starnberger See gehören die typischen Türme nicht nur den Dorfkirchen, sondern sind Höhepunkte der vielen Klosteranlagen, die sich in diesem Landstrich drängen wie die Biergläser auf den Wirtshaustischen. Die frommen Brüder schätzten die Abgeschiedenheit und müssen mit einem ausgeprägten Sinn für reizvolle Landschaften ausgestattet gewesen sein. Die Klöster entwickelten sich bald zu viel geachteten Zentren religiöser und weltlicher Wissenschaft. Ohne das Wirken der Mönche sehe Oberbayern anders aus. Vor 200 Jahren fand die Geschichte aber ein abruptes Ende. Die Säkularisation führte zur Aufhebung der Klöster.

Jahrelang als Steinbruch missbraucht: Blick auf erhalten gebliebene
Gebäudeteile der Klosteranlage in Wessobrunn
„Wir sind froh, dass Reste unseres Klosters gerettet werden konnten“, erzählt Schwester Georgia. Nach 1803 sei Wessobrunn lange als Steinbruch missbraucht worden. „Fast ein Wunder, dass Sie hier noch was sehen können.“ Gerne will man der Missionsbenediktinerin glauben, dass die restaurierten Stuck-Meisterwerke, die voll unsichtbarer Geschichten stecken, einer Schule entstammen, die ihresgleichen suchte. „Ich hielt es für Traum und Zauber“, schrieb die Schriftstellerin Luise Rinser, die hier als Kind lebte und in Wessobrunn begraben ist. Nicht nur in den Kirchen der Region haben Wessobrunner Stuckateure gearbeitet, sondern auch in der Eremitage, im Kreml und im Schloss Sanssouci.

„Ich hielt es für Traum und Zauber“, schrieb Luise
Rinser über ihren ersten Eindruck von den
Stuckmalereien im Kloster Wessobrunn
„Man muss etwas Zeit mitbringen, will man die vielen Klöster in unserer Gegend kennen lernen“, weiß Schwester Georgia, deren Orden in Wessobrunn seit 90 Jahren arbeitet und zurzeit lernbehinderte Kinder betreut. Es lohnt sich, diese so lebensfrohe, so barocke Gegend mal von ihrer stilleren Seite zu erleben. Dabei kann sich der Reisende von den ausgeschilderten Pilgerpfaden leiten lassen. In einigen Klöstern wird ihm wie früher auch wieder Unterkunft gewährt – allerdings gegen einen Obolus.
Der berühmte Himmel über Oberbayern belegt gegenüber dem ungleich farbenprächtigeren Firmament in den Rokokokirchen der Klöster nur den zweiten Platz. Verschwenderische Farben- und Formenpracht verwandelt die Kirchenräume in schwelgerische Festsäle, in denen virtuose Malereien Geschichten aus dem Leben der Heiligen und der Klosterhistorie erzählen: prallvolle Bilderszenen, in denen selbst das Jenseits recht prunkvoll von Wänden und Decken strahlt. Was bleibt ist Staunen, nicht nur der Ungläubigen – und ein steifer Nacken.

Pilgerziel auf dem „Heiligen Berg“: die Andechser
Klosterkirche mit ihrem weithin sichtbaren achteckigen Turm
Die Pfaffenwinkel-Route führt über die Klöster in Steingaden, von wo es nur wenige Kilometer zur Wieskirche sind (Unesco-Weltkulturerbestätte), über Rottenbuch, Polling und Dießen am Ammersee zum Heiligen Berg nach Andechs. Die Panoramaaussicht von hier genießen vor allem weltliche Pilger, die der Kunde vom schmackhaften Starkbier gefolgt sind. Nicht nur in Andechs wurde die Tradition des Bierbrauens von den Orden, die viele der nicht zerstörten Klöster wieder in Besitz genommen haben, fortgesetzt.
Als 1905 die Franziskanerinnen im Kloster Reutberg, das auf einem Aussichtshügel nahe Bad Tölz liegt, das Brauen aufgeben wollten, entfachten sie einen Sturm der Entrüstung. Bauern aus den nahen Dörfern gründeten darauf eine Brauereigenossenschaft. Sehr zur Freude der Zecher, denn das Reutberger Klosterbier gilt seit langem als eines der süffigsten.

Buchheim-Museum im Klosterort Bernried am Ufer des Starnberger Sees:
Das nach Plänen des Architekten Günter Behnisch gebaute Museum
beherbergt die viel diskutierte Sammlung von Lothar-Günther Buchheim
Höhepunkt der Klösterroute durchs Tölzer Land vom idyllischen Bernried am Starnberger See, über Beuerberg und Dietramszell nach Schlehdorf am Kochelsee ist Benediktbeuern. „Es liegt köstlich und überrascht bei seinem Anblick“, bemerkte Weltenbummler Goethe. Das gilt noch heute. Die weitläufige Anlage, in der unter der Leitung der Salesianer Don Boscos an zwei Hochschulen studiert wird, beherbergt ein Zentrum für Umwelt und Kultur, das Exkursionen anbietet, Kräuter- und Meditationsgarten und natürlich Rokoko-Juwele wie die Anastasia-Kapelle und den wunderschönen Jahreszeitenzyklus im Festsaal. Schwester Georgia hatte Recht. Die Strahlkraft des Rokoko kommt mit einem durchaus heiteren Zug daher.

Höhepunkt einer Region, in der sich Kirchen und Klöster drängen
wie
die Bierkrüge auf den Wirtshaustischen: Kloster Benediktbeuern
Doch zurück zu irdischen Freuden. Nicht nur in Benediktbeuern gilt: Wo Andacht und Einkehr nicht unbedingt dasselbe ist, lässt sich neben der Kirche stets ein Wirtshaus finden, das Stärkung verspricht. Bayerische Gemütlichkeit garantiert - wie es eben zum Bild gehört, das gerne von Oberbayern gezeichnet wird. Manchmal ist doch was dran am Klischee.
Ein weiterer Vorzug der Klöstertour sind die vielen Abwechslungen auf der Strecke, die eine Pause lohnen: die Osterseen südlich von Seeshaupt, der größte Eibenwald Deutschlands bei Paterzell oder das Museum für die viel diskutierte Sammlung Buchheim in Bernried sowie unaufgeregte Städtchen wie Schongau und Weilheim.
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