Reisemagazin schwarzaufweiss

Die Spur der Steine

Mit Fahrrädern auf der Eiszeitroute unterwegs

Text und Fotos Beate Schümann

Das Land ist steinreich. Es ist kein Kapital, das man auf die Bank tragen oder zur Schuldentilgung des Landeshaushaltes nutzen könnte. Der Reichtum ist anderer Art. Er wurde während der Eiszeit schleppend und etappenweise vom Oslofjord und den finnischen Åland-Inseln zu uns herübergeschoben. Mecklenburg-Vorpommern ist reich an Steinen, jede Menge, kleine, große und tonnenschwere Findlinge. Die meisten landeten hier während der Weichsel-Kaltzeit, vor mehr als 25 Jahrtausenden.

Mecklenburg-Vorpommern - Neuensund - Autorin auf einem Feldsteinhügel

Die Autorin auf einem Feldsteinhügel

Auf einen kapitalen Steinhaufen am Feldrand des Dorfes Neuensund (1) fiel die Wahl für die Rast. Zwischen sanft gewellten Kornfeldern, Wiesen und bewaldeten Hügelrücken nimmt er sich wie ein Hochsitz mit Panoramablick aus. Eine Anhäufung aus Feldsteinen, die die Bauern seit Jahrhunderten verfluchen. „Sie wachsen nach“, meint ein Neuensunder, der seinen Traktor bei den pausierenden Radlern stoppt. „Jedes Jahr holt man sie aus dem Acker raus, jedes Jahr sind neue wieder drin.“

Mecklenburg-Vorpommern - Neuensund - Dorfkirche

Kirche in Neuensund

Der Ertrag an Steinen muss einstmals reif für die Börsennotierung gewesen sein. Das belegen die Neuensunder Dorfkirche, die großbäuerlichen Höfe und Stallungen. Alle, die älteren Datums sind, wurden aus Feldsteinen und Findlingen gebaut, die die Natur frei Haus lieferte. Sonst zählen Berge in dieser Gegend zu den Raritäten. Die Helpter Berge hatten es allerdings in sich. Der Atem keuchte schwer, die Gangschaltung knackte ein ums andere Mal. Die höchste Erhebung des Ostseelandes misst nur 179 Meter, doch die sind nicht von Pappe. Für das letzte Waldstück zum Gipfelkreuz muss man die Räder sogar abstellen und zu Fuß weiter gehen. So steil ist es. Wer den landeseigenen Mount Everest erklommen hat, trägt sich glücklich ins Gipfelbuch ein.

Die Mecklenburgische Schweiz

Munter radeln wir in die Mecklenburgische Schweiz hinein. Ja genau, die Alpenländler sollen ruhig schmunzeln, und eine Tour de France wird die an Serpentinen arme Region wohl auch nicht erleben. Dennoch lässt eine Landschaft, die sich „Schweiz“ nennt, zart anklingen, dass sie mit einer guten Portion Erhebungen bestückt ist. Selbst Gletscherzungen, Eisvorstöße und Schmelzwasserrinnen, die man jenseits der Donau gern als alpine Vorkommen vereinnahmt, finden sich im Nordosten in großer Zahl. Denn die von Skandinavien ausgehenden Eismassen schoben sich nach Süden, schufen Senken, Rinnen, Kuppen und Höhenzüge. Als das Eis schmolz, formte das Schmelzwasser breite Flusstäler und hinterließ weite Sanderflächen. Riesige Findlinge, zahllose Seen, eindrucksvolle Hügelketten und geheimnisvolle Moore – die Zeichen der letzten Eiszeit sind überall zu finden.

Meckelnburg-Vorpommern - Eiszeitroute mit dem Fahrrad

Wir sind auf der Spur der Steine, genauer gesagt, mit den Fahrrädern auf der Eiszeitroute, an der auch das Dorf Neuensund liegt. Steine und Findlinge sieht man nicht erst hier am Wegesrand. Das eiszeitliche Geschiebe steckt überall. Generationen von Menschen verwendeten es als Baustoff für Großsteingräber, Kirchen, Gutshöfe, Häuser, Mauern und Straßen. Der Radfernweg führt durch die Mecklenburgische Seenplatte und den 5000 Quadratkilometer großen Geopark Mecklenburgische Eiszeitlandschaft. Eiszeit war überall. Doch nirgendwo hat sie ihre Biographie so idealtypisch hinterlassen, wie in dieser Gegend. Geologisch gilt sie in Europa als Modellregion, in der der Formenschatz der letzten Weichselkaltzeit vollständig erhalten ist. Das heißt Naturgeschichte wie im Bilderbuch: Grund- und Endmoräne, Sander, Urstromtal – die ganze glaziale Serie.

Die Idee, den Steinreichtum touristisch zu verwerten, entstand in einem Planungsverbund der in der Mecklenburgische Seenplatte liegenden touristischen Regionen sowie dem Geowissenschaftlichen Verein Neubrandenburg e.V. Im Jahr 2002 gründeten sie den „Geopark Mecklenburgische Eiszeitlandschaft“ und entwickelten die „Eiszeitroute Mecklenburgische Seenlandschaft“. Eine Strecke von 666 Kilometern wurde für das Fahrrad erschlossen, die sich in fünf Rundtouren und neun Einzeltouren gliedert. Die Touren sind durchgängig beschildert und leicht am markanten Logo zu erkennen: Ein gelber Findling auf einer grünen Insel, die in einem blauen See liegt. Das erdgeschichtliche Naturerbe wurde für die Region nutzbar gemacht. Der aktive Geowissenschaftliche Verein ebnete den Weg für eine Anerkennung als Unesco-Geopark.

Mecklenburg-Vorpommern - Eiszeitroute - Beschilderung

„Wir wollen keine Wissenschaft vermitteln, sondern das, was man sieht, verständlich machen“, sagt Andreas Buddenbohm, der Vorsitzende des Geowissenschaftlichen Vereins. Buddenbohm ist Geologe und Motor für die Unesco-Kür in 2004. Als sich Jahre später herausstellte, dass die finanzielle Notlage der Träger die Bedingungen des Unesco-Geoparks nicht mehr erfüllen konnten, schied er im Jahr 2009 aus dem anerkannten Verbund freiwillig aus. Dennoch könne sich die Gegend auch weiterhin „Geopark“ nennen, so Buddenbohm, weil der Begriff nicht geschützt sei. Und, er findet, das mit Recht. Denn die geologischen Kriterien hätten schließlich Bestand. „Die beiden letzten Vereisungsstadien haben Mecklenburg-Vorpommern das unverwechselbare Gesicht gegeben“, schwärmt er. Die Deutlichkeit und Frische des Formenschatzes aus dem Pleistozän mit Eisvorstoß, Eisstillstand, Eiszerfall und Warmzeit sei besonders ausgeprägt, so Buddenbohm. Deshalb existieren nirgends in Deutschland so viele Klein- und Großseen auf engstem Raum wie hier. An rund 40 Stellen offenbart sich die Jungmoränenlandschaft wie im glazialen Lehrbuch. Informative Schautafeln, interessante Lehrpfade, Findlingsgärten und ein Netz von Informationszentren helfen, die einmaligen Naturphänomene und ihre Besonderheiten an Ort und Stelle zu verstehen. Was etwa ist ein Rinnensee? Was sind Haupt-, End- oder Stauchendmoränen? Der ambitionierte Verein bildet sogar Naturparkführer aus, die thematische Führungen anbieten.

Nachwachsende Steine

Mecklenburg-Vorpommern, Eiszeitroute im Geopark Mecklenburgische Eiszeitlandschaft, Geologe Klaus Granitzki mit einem Mammutstoßzahn in der Hand

Geologe Klaus Granitzki mit einem Mammutstoßzahn in der Hand

Und Fragen gibt es viele, etwa die, ob denn Steine nachwachsen können? Klaus Granitzki, der die Idee für den Geopark schon Anfang 2001 hatte und selbst Führungen auf der Eiszeitroute per Rad anbietet, freut sich über solche Fragen. „Früher dachten die Menschen, dass die Steine von Vulkanen ausgeworfen würden,“ erklärt der pensionierte Geologe des Geologischen Landesamtes. Vulkane gibt es hier nicht. Granitzkis Theorie: „Vermutlich kommen die Steine durch Schwer- und Fliehkraft an die Oberfläche“, sagt er. „Wissenschaftlich belegt ist das aber nicht.“ Tatsache sei aber, dass die Bauern die Äcker ständig entsteinen müssten.

Mecklenburg-Vorpommern, Eiszeitroute im Geopark Mecklenburgische Eiszeitlandschaft, alte Obstbaumallee mit Kopfsteinpflaster von Neuensund nach Gehren

Alte Obstbaumallee mit Kopfsteinpflaster von Neuensund nach Gehren

Wieder im Sattel folgen wir dem Logo der Eiszeitroute, das wir bald einfach „Spiegelei“ taufen. Am Fuchsberg biegen wir in eine originale Obstbaumallee mit altem Kopfsteinpflaster ein. Links und rechts am Wegesrand wachsen Holunder, Mirabellen, Pflaumen, Äpfel und Birnen – köstlich. Die Räder rattern über das Kopfsteinpflaster bis nach Gehren (2) hinein. Auch hier nutzten die Dorfbewohner das kleine Geschiebe für die Straße, aus den größeren Kalibern gestalten sie Kirche und Häuser.

Mecklenburg-Vorpommern, Eiszeitroute im Geopark Mecklenburgische Eiszeitlandschaft, Feldsteinkirche in Galenbeck

Feldsteinkirche in Galenbeck

Das „Spiegelei“ weist den Weg zum Galenbecker See (3), der den Rest eines späteiszeitlichen Haffstausees darstellt. Er ist ein Naturphänomen, aber überhaupt kein Badesee. Das Wasser ist nicht einmal ein Meter tief, alles andere als glasklar, sondern ganzjährig ziemlich trübe. Allerdings ist er ein Refugium für Wasservögel und deren Beobachter. Hunger und Durst fordern einen Abstecher nach Schloss Rattey (4), dem nördlichsten Weingut Deutschlands, das wohlschmeckende Gerichte und Landweine serviert.

Nach den waldigen Höhen der Brohmer Berge ändert sich das Landschaftsbild deutlich. Hier, wo der letzte Vorstoß des Inlandeises vor 13 000 Jahren scheiterte und sich der Untergrund zu beachtlichen Stauchwällen zusammenschob. Doch die Räder rollen fröhlich darüber hinweg und hinunter in ein fruchtbares, abwechslungsreiches Urstromtal.

Ein Besuch in Neubrandenburg

Europa, Deutschland, Mecklenburg-Vorpommern, Neubrandenburg, Backsteinkunst im Treptower Tor

Backsteinkunst im Treptower Tor in Neubrandenburg

Neubrandenburg (5) ist nah. Die einstige Sommerresidenz mecklenburgischer Herzöge glänzt seit dem Mittelalter mit Backsteinkirchen und vier reich geschmückten Stadttoren. Der zwei Kilometer lange Stadtmauerring ist fast komplett erhalten und zählt zu den eindrucksvollsten Bauwerken, die aus eiszeitlichen Geschieben errichtet wurden. Den Mauerverlauf unterbrechen Wiekhäuser, die ursprünglich der Verteidigung dienten. In einem befindet sich das „Ratsherren Café“, wo bereits einige Radler eingekehrt sind. „Wir sind 240 Kilometer in der Seenlandschaft gefahren. Es war nur schön“, berichten Tatjana und Edeltraud aus Schaffhausen und schwärmen von „hilfsbereiten Menschen und schmackhafter Küche“.

Mecklenburg-Vorpommern - Neubrandenburg - Ratsherren Café

Ratsherren Café

Gestärkt rollen wir am elf Kilometer langen, anderthalb Kilometer breiten Tollensesee (6) vorbei. Er liegt in der Tollenserinne, die schon vor mehr als 500 000 Jahren durch Schmelzwasser ausgespült wurde, steht auf der Infotafel. Ein mit Wasser gefülltes Tunneltal, 33 Meter tief. Der ständige Wechsel von steilen Anstiegen und Abfahrten verlangt Kondition. Wir halten tapfer durch und belohnen uns mit einem Fisch-Imbiss am Rödliner See. Eine geräucherte Forelle, Stille, Vogelgezwitscher und Seeblick - da will man nie wieder aufbrechen.

Mecklenburg-Vorpommern, Eiszeitroute im Geopark Mecklenburgische Eiszeitlandschaft, Fähranleger Klein Nemerow am Tollensesee

Fähranleger Klein Nemerow am Tollensesee

Hinter Carpin (7) folgen wir dem „Spiegelei“ auf einen Sandweg, der sich Richtung Bergfeld (8) zieht. Zwischen Maisfeld und Wald legte der Installationskünstler Tatsuo Inagaki im Jahr 2000 den „Weg der Erinnerung“ an. Der Japaner hatte die Dorfbewohner nach Geschichten gefragt, die sie auf dem Weg erlebt hätten. Für jede Erinnerung stellte er ein Schild auf, achtzehn anrührende Geschichten am authentischen Ort. An der alten Steinbrücke erzählen Jana Büchler und Gerhard Rähse: „Der Anhänger zerbrach, als die gespaltenen Findlinge aufgeladen worden waren, die wir für den Brückenbau benötigten.“ Oder Hans-Heinrich Kulow: „Früher ernteten wir diese Felder immer zuletzt ab. Die Maschinen zerbrachen oft an den vielen Steinen. Heute ist hier ein Paradies der Füchse.“

Ein Fuchs war auch Hans Fallada. Er suchte für sich in der Feldberger Seenlandschaft ein Domizil. Er fand es 1933 in Carwitz (9) in schönster Seelage. Dort gibt es ein Fallada-Museum. In seinen Erinnerungen „Damals bei uns daheim“ schreibt er 1942 fasziniert über die Eiszeitlandschaft: „Das Land sieht flach aus, ab und zu liegt zwischen den reifenden Feldern ein dunkler Waldstreif. Wer es nicht weiß, kann nicht ahnen, dass jeder dieser dunklen Waldstreifen einen tief ins Land eingeschnittenen langen See bedeutet, Seen mit dem tiefsten klarsten Wasser, von einem bezaubernden Türkisgrün oder Azurblau. Wir sind in einem Endmoränengebiet.“

 

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