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Preußen per Pedales

Mit dem Fahrrad unterwegs im Oder-Spree-Gebiet auf der Märkischen Schlössertour

Text und Fotos: Helga Schnehagen

Ein Glücksfall für Preußen-Fans und Kultur-Genießer ist die Märkische Schlössertour: Wer jemals glaubte, dass Preußens Glanz und Gloria in der Provinz nur noch matt schimmert, ist nach 197 Kilometern durch die Felder und Wälder des Oderlands eines Besseren belehrt.

Radwanderweg

Gegenverkehr gibt es nur auf der alten Oderbruchbahn-Trasse mit ihrer Seenkette und entlang der Spree. Finden sich die beliebtesten Radwanderwege doch immer am Wasser. Die wahren Schätze des Oder-Spree-Seengebietes aber liegen abseits dieser Klassiker, eingebettet in Felder und Wälder mitten im märkischen Sand: Über zehn Sitze des preußischen Landadels säumen die Schlössertour, die sich wie eine Acht um Alt Madlitz (1) legt, rund achtzig Kilometer östlich von Berlin und fünfzehn Kilometer westlich von Frankfurt/Oder und der polnischen Grenze. Mit Müncheberg und Beeskow liegen dazu noch zwei historische Städtchen am Weg, die mit ihrer alten Stadtmauer, ihren Toren und Türmen sogar bis ins Mittelalter verweisen.

Alt Madlitz Gut Klostermühle - Hotel Fischerhaus

Hotel Fischerhaus auf Gut Klostermühle in Alt Madlitz

Eine kulturelle Fülle, an der selbst der sportlichste Radler auf den vier Etappen der Tour nur schnuppern kann. Laden viele Orte doch zum Verweilen ein, sei es um die Besichtigung zu vertiefen, sei es um das herrschaftliche Ambiente einfach nur zu genießen. Eine der schwersten Entscheidungen aber ist es, sich überhaupt auf den Drahtesel zu schwingen. Gleich das Gut Klostermühle Alt Madlitz (2), Ausgangs- und Endpunkt sowie Zwischenstopp, ist eine handfeste Überraschung: Mitten im Wald erstreckt sich am Ende des Madlitzer Sees eine Vier-Sterne-Hotelanlage, die in ihrer traumhaften Lage und ihrem exklusiven Landhausstil ihresgleichen sucht.

Madlitzer See

Zu DDR-Zeiten gingen hier Stasi-Offiziere auf die Jagd. Das Terrain war Sperrgebiet. Heute ist jeder eingeladen, sich durch gute Küche und Wellness-Angebote verwöhnen zu lassen. Welche Wohltat für die strapazierten Muskeln ist der Sprung in den großzügigen Pool! Schaut man beim Schwimmen auf die Kiefernkronen im blauen Himmel, riecht man mehr als heimatliche Luft. Man verspürt den Hauch des Südens und gerät ins Träumen. Zumal es im Osten der Republik meist auch einige Grade wärmer ist. Trotzdem, es lohnt sich, auf die Reise zu gehen. Das Gelände ist flach und die Route führt überwiegend über ausgebaute Radwege und nur zu einem geringen Teil über unbefestigte Wege und kleine Ortsverbindungsstraßen.

Auf Preußens Spuren

Preußischer Meilenstein

Preußischer Meilenstein

Preußens Innenpolitik setzte auf einen starken Landadel, der nicht nur Mustergüter schuf, sondern seine Herrenhäuser oft auch in architektonische Kostbarkeiten verwandelte und mit großartigen Parkanlagen umgab. Mit der Wiedervereinigung begann deren Renaissance, die sich zwanzig Jahre nach der Wende sehen lassen kann. Zahlreiche Häuser sind inzwischen saniert und haben eine neue Nutzung gefunden. Steinhöfel, Neuhardenberg und Gusow sind heute Schlosshotels. Auch Schloss Wulkow, das für den Radwanderer auf den Spuren des preußischen Adels den passenden Rahmen für die Übernachtung auf der Nordroute bietet.

Schloss Gusow

Schloss Gusow

Auf Gusow (3) begann Preußens Gloria mit Generalfeldmarschall Georg Freiherr von Derfflinger, der nach Ende des Dreißigjährigen Krieges die Tochter des Hauses heiratete und das Schloss kaufte. An den Hausherrn, der mit seinem Sieg in Fehrbellin Preußens Herrscher zum Großen Kurfürsten machte, erinnert mancher Hinweis im Inneren des Hauses, genauso wie das üppige Epitaph in der kleinen Dorfkirche. Äußerlich hat Schloss Gusow Derfflingers Zeit allerdings weit hinter sich gelassen. Seit seinem letzten Umbau um 1870 besticht es als malerische Dreiflügelanlage im englischen Burgen- und Landhausstil.

Seit 1992 gehört das Objekt einem Berliner Architekten, der für eine ganz persönliche Note sorgt. In einer wohl einmaligen Mixtur führt das „historische“ Museum im Erdgeschoss von der Urzeit bis zur Wende. Dazwischen, im wahrsten Sinne des Wortes, verfolgen Zinnfiguren-Dioramen Preußens Geschichte bis zu Albrecht dem Bären, seit 1157 erster Markgraf von Brandenburg, zurück. Die Sammelleidenschaft des Hausherrn treibt dabei kuriose Blüten und lässt Flohmarkt-Assoziationen aufkommen. Doch das ungeordnete Sammelsurium ist so kurios, das es schon wieder sehenswert ist!

Schloss Neuhardenberg und Schloss Steinhöfel

Dafür erstrahlt das Andenken an Karl August Fürst von Hardenberg um so geordneter: in eleganter Schlichtheit und reinem Weiß. Zum Dank für seine Verdienste um den Staat hatte Friedrich Wilhelm III. dem Staatskanzler 1814 das Amt Quilitz geschenkt, das zu seinen Ehren ein Jahr später in Neu-Hardenberg umbenannt wurde und seit 1991 Neuhardenberg (4) heißt.

Schloss Neuhardenberg

Schloss Neuhardenberg

Dank Karl Friedrich Schinkel ist das ehemalige Anwesen des Regierungschefs ein Meisterwerk des Klassizismus samt der Kirche am Schlossplatz. Es war Hardenbergs Wille, in ihr seine letzte Ruhe zu finden. Nachdem er am 26. November 1822 im Alter von 72 Jahren in Genua verstorben war, wurde sein Leichnam nach Neu-Hardenberg überführt und im Mausoleum beigesetzt. Das Herz aber ruht bis heute im Altar des Gotteshauses. Der Fürst hatte es so verfügt. Eine sehenswerte Ausstellung im Kavaliershaus erinnert an das politische Engagement der Familie, neben dem Reformkanzler auch an Carl-Hans Graf von Hardenberg, Standesherr im Schloss seit 1921 und Beteiligter am Stauffenberg-Attentat vom Juli 1944.

Orangeriecafé

Orangeriecafé

Der Bedeutung des Ortes entsprechend, sorgt eine Stiftung für ein hochkarätiges Programm, das sich das ganze Jahr über mit Themen der Zeit auf höchstem Niveau auseinandersetzt. Entsprechend attraktiv sind auch die Kulturangebote. Bei der kurzen Stipvisite ist der Besuch des Orangeriecafés ein Muss. Es gehört zu dem angeschlossenen Luxushotel und bietet zu Kaffee und Kuchen einen herrlichen Blick in den gepflegten Landschaftspark. Übrigens, auch unsere Politiker lassen es sich nicht nehmen, ab und zu ihre Gäste hierher zu führen.

Schloss Steinhöfel

Schloss Steinhöfel

Fast eine Tagestour südlich von Neuhardenberg spiegelt sich mit berauschender Schönheit Schloss Steinhöfel (5) in dem langgezogenen Fontänenbecken. Das mit der Zeit zum Märchenschloss ausgebaute Herrenhaus und sein gepflegter englischer Landschaftsgarten gehören zu den schönsten Adelssitzen der Mark. Jede Pause ist zu kurz, um diese Luxusvariante des Landlebens auf sich wirken zu lassen - und zu genießen. Der Eisbecher auf der Schlossterrasse kommt dazu gerade recht.

Die Schlösser der Südroute

Die Schlossbauten der Südroute sind weniger spektakulär. Dafür gewährt die Strecke einen tiefen Einblick in die Jagdgründe der Mark und macht in Beeskow erfreuliche Bekanntschaft mit der bürgerlichen Seite der Provinz. Immer leicht bergab geht es mitten durch scheinbar endlosen Wald. Vor 300 Jahren mag er kaum anders ausgesehen haben, reckt sich doch plötzlich am Wegesrand ein sonderbarer, von einem Hirschkopf bekrönter Gedenkstein in die Höhe. Er überliefert, dass der Markgraf und Kurfürst zu Brandenburg hier am 18. September 1696 einen kapitalen Hirsch geschossen hat: 5 Zentner und 35 Pfund schwer noch nach 3 Wochen Brunft!

Marktplatz von Beeskow

Marktplatz von Beeskow

Tagesziel ist Beeskow (6), das nach der Wende von der grauen Maus zum farbenfrohen Gemeinwesen mutierte und heute zum illustren Kreis von Brandenburgs 31 Städten mit historischem Stadtkern gehört. Unübersehbar prägt die Marienkirche mit ihren erstaunlichen Dimensionen den kleinen Ort am Westufer der Spree. Hatten die Beeskower doch kein geringeres Ziel gehabt, als das größte Gotteshaus der Region zu besitzen. Inzwischen ist die Kirche äußerlich perfekt saniert. Bis der immense Innenraum aber wieder vollständig hergerichtet ist, wird wohl noch viel Wasser die Spree herunterfließen. Vom Markplatz, vorbei an den Resten der Jahrhunderte alten Burg, führen die letzten Meter der heutigen Etappe zum Märkischen Gutshaus. Mit seinem großzügigen Garten ist das ruhige Drei-Sterne-Hotel für diesen Tag genau die richtige Adresse.

Schloss Groß Rietz

Schloss Groß Rietz

Für die vierte Etappe sollten die Waden gut trainiert und die Kette gut geölt sein. Mit rund achtzig Kilometern ist sie der sportliche Abschluss der Tour. Einen ausgiebigen Blick werfen wir dennoch auf Schloss Kossenblatt (7) und auf Schloss Groß Rietz (8). Letzteres ist eines der bedeutendsten ländlichen Barock-Schlösser in Brandenburg. Äußerlich wieder vorbildlich hergerichtet, wartet es jetzt in seiner ganzen Schönheit auf einen Interessenten.

Theodor Fontane

Theodor Fontane

Der lange waldreiche Rückweg nach Alt Madlitz lässt die Eindrücke Revue passieren. Schon Theodor Fontane bemerkte: „Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte.“ „Wie wahr!“, kann man da auch heute wieder sagen.

 

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