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WASSER MARSCH!

Park Wilhelmshöhe in Kassel zum Weltkulturerbe erklärt – ein Garten der Superlative

Text und Fotos: Ulrich Traub

Kassel - Wilhelmshöhe - Kein römisches Relikt: Vom Aquädukt, einem künstlichen Ruinenbau, stürzt das Wasser 42 Meter in die Tiefe

Kein römisches Relikt: Vom Aquädukt, einem künstlichen Ruinenbau, stürzt das Wasser 42 Meter in die Tiefe

Es sprudelt und spritzt, Gischt begleitet den Spaziergänger. Wasser ist hier allgegenwärtig. Die Kaskaden überwindet es noch eher gemächlich, dann nimmt es Fahrt auf, stürzt in mehreren Wasserfällen in die Tiefe und sucht sich seinen Weg über Bäche und Rinnsale zu einem großen See, der hier Lac genannt wird. Nein, man befindet sich nicht im Hochgebirge, sondern im Bergpark auf der Wilhelmshöhe in Kassel.

Kassel - Wilhelmshöhe - Wasser marsch! Ausgangspunkt der Wasserspiele ist die gewaltige Anlage der Kaskaden. Im Hintergrund wacht Herkules auf einer Pyramide, die dem Oktogon aufgesetzt wurde

Wasser marsch! Ausgangspunkt der Wasserspiele ist die gewaltige Anlage der Kaskaden. Im Hintergrund wacht Herkules auf einer Pyramide, die dem Oktogon aufgesetzt wurde

Das faszinierende Spektakel der Wasserspiele ist heute noch annähernd in der Form zu erleben wie vor 300 Jahren und weltweit einzigartig. Auf ihrer diesjährigen Welterbe-Tagung hat jetzt die Unesco die Bedeutung des Parks und seiner baulichen Anlagen anerkannt und ihn in die Liste des Weltkulturerbes eingetragen. Damit wurde dem „außergewöhnlichen universellen Wert der Stätte“ Ausdruck verliehen.
Wie kann es anders sein, am Anfang stand ein potenter Adliger, den es drängte, seine Macht auf besondere Weise zu repräsentieren. Ende des 17. Jahrhunderts reiste Landgraf Karl nach Italien, wo er sich von Gartenanlagen inspirieren ließ und mit Giovanni Francesco Guerniero auch gleich einen Architekten mit nach Kassel nahm.
Der Italiener plante eine Kaskadenanlage, die ein neues oktogonales Schloss am Rande des Habichtswaldes mit dem bereits vorhandenen, 300 Meter tiefer liegenden Herrschersitz verbinden sollte: eine Achse von mehr als einem Kilometer Länge. Zwar konnte nur das obere Drittel realisiert werden, doch wer die Stufen zum Oktogon erklimmt, gewinnt auch körperlich einen Eindruck von den gewaltigen Dimensionen dieser Wassertreppe, die von mehreren Bassins und Grotten unterbrochen wird.

Entstanden diese Teile des Bergparks noch unter dem Einfluss des Barock, so formten Karls Nachfolger das Gelände nach ihrem Gusto. Es entwickelte sich zu einem Garten im englischen Landschaftsstil. Die Wasserspiele blieben jedoch integraler Bestandteil und wurden stetig erweitert, so dass der Park nicht weniger als fünf Wasserfälle aufweisen konnte. Auch die Sichtachse zwischen dem alten Schloss und dem Oktogon, das seit 1717 von einem knapp zehn Meter großen Herkules gekrönt wird, blieb erhalten. Der Halbgott, Symbol für den erfolgreichen und gerechten Herrscher, versinnbildlichte den absolutistischen Machtanspruch Karls. Das Volk dagegen musste zahlen und Not leiden.

Kassel - Wilhelmshöhe - Warten auf den Wasserfall: eine Station der Wasserspiele ist die Teufelsbrücke

Warten auf den Wasserfall: eine Station der Wasserspiele ist die Teufelsbrücke

Die für Landschaftsgärten typischen geschwungenen Wege führen die Besucher zu den Stationen der Wasserspiele, zu denen auch die einen Wasserfall überspannende Teufelsbrücke, das Aquädukt, von dem das Wasser 43 Meter in eine Schlucht hinunterstürzt, sowie die 52 Meter hoch aufschießende Fontäne im Teich neben dem Apollotempel gehören. Will man alle Stationen der zweimal wöchentlich stattfindenden Wasserspiele erleben, für die 750.000 Liter in Bewegung gesetzt werden, muss man rund zwei Kilometer zurücklegen. Nach etwa anderthalb Stunden sind die Reservoirs, in denen das Wasser der Bäche des Habichtswaldes gestaut wird, leer. Es wird unterirdisch aus dem Bergpark in die Fulda geleitet, die in der Kasseler City an der Karlsaue vorbeifließt.

Kassel - Wilhelmshöhe - Perfekte Inszenierung und beeindruckendes Schauspiel: der Wasserfall am Aquädukt

Perfekte Inszenierung und beeindruckendes Schauspiel: der Wasserfall am Aquädukt

Abseits des Wasserparcours findet man im 560 Hektar großen Bergpark, dem größten in Europa, neben Tempeln und Grotten die neogotische Löwenburg, ein chinesisches Dorf mit Pagode und das Ballhaus – alles Gebäude, die Ende des 18. Jahrhunderts entstanden sind - sowie die wuchtig ausgreifende Dreiflügelanlage des Schlosses Wilhelmshöhe oberhalb vom Lac mit ihrer bedeutenden Sammlung Alter Meister.
Die grandiose Arbeit der Baumeister, die auch eine technische Meisterleistung war, begeistert drei Jahrhunderte später noch die Menschen. Was natürlich wirkt, ist tatsächlich nur eine Inszenierung. Felsen wurden in die Landschaft ‚gepflanzt’, Seen und Bassins gegraben und Ruinen neu errichtet. Der Bauherr wollte sich zum Herrscher über die Natur, über das Wasser, aufschwingen, dem er einen eindrucksvollen Auftritt in seinem Park ermöglichte.

Kassel - Wilhelmshöhe - Schloss Wilhelmshöhe: früher Zuhause der Landgrafen und Kurfürsten heute Heimat Alter Meister

Schloss Wilhelmshöhe: früher Zuhause der Landgrafen und Kurfürsten heute Heimat Alter Meister

Obwohl die kompletten Wasserspiele bis heute ohne technische Hilfsmittel wie Pumpen funktionieren, war Karl auf einen Berufsstand angewiesen, den man in Gärten nicht unbedingt am Werk sieht: den Ingenieur. Vor allem galt es, druckfeste Rohre herzustellen. Zum Teil erfüllen sie bis heute ihren Zweck: ein weiteres Alleinstellungsmerkmal dieses besonderen Gartens.

Auch die Errichtung des Herkules-Riesens, der von einer dem Oktogon aufgesetzten Pyramide sein (Garten-)Reich in Augenschein nimmt, stellte wahrlich eine Herkulesaufgabe dar. Die Monumentalskulptur aus Kupfer darf als Vorläufer der New Yorker Freiheitsstatue und dem Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald gelten. Im Gesamtkunstwerk Bergpark Wilhelmshöhe verbinden sich Landschaft und Architektur, Natur, Kunst und Technik auf harmonische Weise.
Herkules steht heute allein auf weiter Flur, keine Landgrafen und Kurfürsten weit und breit. Nun blickt der Halbgott auf das Volk, das den öffentlichen Garten längst in Beschlag genommen hat.

Kassel - Wilhelmshöhe - Der Fontänenteich vor dem Waserspiel (ohne Fontäne) – mit Apollotempel und der Blickachse zum Oktogon

Der Fontänenteich vor dem Waserspiel (ohne Fontäne) – mit Apollotempel und der Blickachse zum Oktogon

Information: 0561/31680-751, www.museum-kassel.de, www.wilhelmshoehe.de; Der Park ist frei zugänglich. Die Wasserspiele finden vom 1. Mai bis zum 3. Oktober mittwochs sowie sonn- und feiertags um 14.30 Uhr statt. Der Eintritt ist frei.

 

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