Reisemagazin schwarzaufweiss

Der Goethe-Weg

Unterwegs auf dem Ilmtalradweg

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Auffallend ist zunächst eines: Die gute würzige Luft. Kein Wunder, die Quelle der Ilm liegt in Allzunah, inmitten der Waldluft des Thüringer Waldes, und das nahe Stützerbach und Manebach sind anerkannte Luftkur- bzw. Erholungsorte. Zweitens: Goethe. Kaum ein Ort hier, an dem er sich nicht herumtrieb, weshalb der Ilmtalradweg sich mit Fug und Recht auch Goetheradweg nennen dürfte. In Stützerbach gibt es ein Goethe-Haus. Dreizehnmal soll er dort gewohnt haben im Gundelachschen Haus.

Und ein Goethewanderweg führt vom Goethehaus in Stützerbach über Manebach, wo er auf dem Schwalbenstein den vierten Akt von „Iphigenie auf Tauris“ dichtete, bis zum Amtshaus in Ilmenau.

Deutschland - Evangelische Stadtkirche St. Jakobus, Ilmenau

Evangelische Stadtkirche St. Jakobus in Ilmenau

Wir jedoch fahren per Rad auf dem Ilmtalradweg. Ein Radfahrer vor einer grünen und einer blauen Welle auf weißem Grund und die Aufschrift „Ilmtal“ weisen den Weg.

Deutschland - Das Amtshaus mit Tourist-Information und GoetheStadtMuseum in Ilmenau

Das Amtshaus mit Tourist-Information und GoetheStadtMuseum in Ilmenau

Im ehemaligen „Wenzelschen Haus“ in Ilmenau sind heute ein Café mit ungemein stärkenden Angeboten untergebracht: Heißer Schokolade mit Sahne zum Beispiel. Hier gibt es alles, was die Herzen der Kaffee- und Schokoladenfans höher schlagen lässt. Weiter die Lindenstraße entlang treffen wir auf den Ziegenbrunnen, dessen Aufschrift verspricht: „In Ilmenau, da ist der Himmel blau, da tanzt der Ziegenbock mit seiner Frau“. Dies sei so wegen der Kessellage der Stadt, beeilt sich ein Passant zu erklären. Tatsächlich: Was kein Fremder für möglich gehalten hätte, wird wahr. Mitten im Nieselregen reißt der Himmel plötzlich auf und zeigt sich in Ilmenau von seiner schönsten Seite: Himmelblau. Die größte Sehenswürdigkeit ist aber sicher das GoetheStadtMuseum im Amtshaus im Renaissance-Stil. Noch heute sitzt Goethe als Dauertourist auf einer Bank davor. Der Blick aus seiner Wohnung auf den Marktplatz soll ihn gar zu „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ inspiriert haben. 1776 war er das erste Mal in der Stadt, ganze 28 Mal soll Goethe hier verweilt sein. Er bewohnte die herzöglichen Räume in der ersten Etage. Dort befindet sich heute das Museum, durch das Frau Heymel gut und gerne führt. „Die neuen Leiden des jungen Werther“ liegen im untersten Schubfach unter seiner schneeweißen Büste. „Vielleicht lesen Sie einmal wieder darin“, sagt der Audioguide, der durch die Ausstellung führt. Hier und in der Umgebung ging er oft spazieren und notierte seine Naturerlebnisse: „Natur! Du ewig keimende, Schaffst Jeden zum Genuss des Lebens.“ schrieb er 1772 in seiner Ode „Der Wanderer“.

Deutschland - Ilmenau - Goethe sitzt noch heute auf der Bank vor dem Amtshaus, wo er einst wohnte

Goethe sitzt noch heute auf der Bank vor dem Amtshaus, wo er einst wohnte

Auf dem Gipfel des 861 Meter hohen Kickelhahns vor den Toren Ilmenaus ist Wandrers Nachtlied entstanden. Goethe ritzte es am 6.9.1780 mit Bleistift in die Bretterwand einer Schutzhütte:

„Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.“

Heutzutage ist am Goethehäuschen auf dem Gipfel eine Tafel angebracht, die das Gedicht in zahlreichen Sprachen zeigt.

Kulinaria am Wegesrand

Auch die irdischen Genüsse kommen nicht zu kurz, führt doch ein nicht zu übersehender Abstecher, markiert durch ein gelbes Schild am Radweg, zur idyllischen Museumsbrauerei Schmitt, der kleinsten produzierenden Brauerei Thüringens in Singen. Seit 115 Jahren wird hier gebraut und direkt in der urigen Brauerei kann auch verkostet werden. Zu DDR-Zeiten war sie die einzige, die nach dem Reinheitsgebot braute.

Deutschland - Die Kunst- und Senfmühle in Kleinhettstedt mit Restaurant, Café, Museum und Laden mit Senfverkostung

Die Kunst- und Senfmühle in Kleinhettstedt mit Restaurant, Café, Museum und Laden mit Senfverkostung

Die Ilm ist schmal, aber reißend, so haben sich auch viele Mühlen am Wegesrand, z. B. die Kunst- und Senfmühle in Kleinhettstedt, angesiedelt. Ein Kleinod, das man unbedingt besuchen sollte. Doch klein ist das Mühlengehöft aus Fachwerk nicht: Da ist das Restaurant „Zum Mühlenwirt“, Café, Museum, der Laden „Senfmühlentenne“ und ein Raum, wo es zum Kauf und zur Senfprobe geht. Übrigens wurde die Senfsaat in Thüringen angebaut und Orangen-, Feigen-, Bärlauch-, Tomate-Olive-Senf und dergleichen mehr werden angeboten. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt und flugs erstehen wir drei braune Steinguttöpfchen voll. Später erfahren wir im Deutschen Bienenmuseum in Oberweimar alles über die fleißigen Tiere. Ein Hofladen und eine Gastwirtschaft sind angeschlossen – ein Bienenstich muss sein. Thüringer Spezialitäten sind natürlich auch die Thüringer Rostbratwürste mit Senf und die Thüringer Klöße. Beides sollte man keinesfalls missen und in den Gaststätten am Wegesrand probieren.

Deutschland

Die Kunst- und Senfmühle in Kleinhettstedt mit Restaurant, Café, Museum und Laden mit Senfverkostung

Genug der Kulinaria. Am Weg liegen dichte Laubwälder, im Hintergrund Nadelhölzer und direkt neben mir die gluckernde Ilm. Meist radelt man dabei auf Asphalt oder Beton, manchmal auch auf Schotter oder Waldwegen durch schmucke Dörfer mit Fachwerkhäusern. In der Zwei-Burgen-Stadt Kranichfeld locken gar das weithin sichtbare Oberschloss und die Niederburg aus dem Sattel. Von Goethe aber wird man endlich in Bad Berka wieder eingeholt: Ein Goethebrunnen liegt im Kurpark.

Weimar

Deutschland - Weimar - Ilmpark in Weimar

Ilmpark in Weimar

Die Naturlandschaft geht schließlich in eine wohl gestaltete Parklandschaft über: Der Ilmpark in Weimar ist erreicht. Auch Goethepark wird er genannt, da er teilweise von Goethe gestaltet wurde. Goethes Gartenhaus liegt direkt am mäandernden Radweg. Ob er bei der Planung des Parks schon die Radler im Sinn hatte? Hier ging er abends nach Anbruch der Dunkelheit und des Tages Mühen spazieren. Sein Wohnhaus befindet sich am Frauenplan in Weimar und darf besichtigt werden. Goethe ganz privat! Tatsächlich fühlt man sich eher als vertrauter Gast und Voyeur, denn als Museumsbesucher, da man ungehindert durch die Räume spazieren kann und kein Schild den Blick verstellt oder an eine Gedenkstätte erinnert. „Salve“, sei gegrüßt, wird auch als Segensgruß, der Heil, Gesundheit und Ganzheit wünscht übersetzt, und steht im oberen Treppenhaus vorm Eingang zum gelben Saal. Und so findet man sich plötzlich im kleinen Esszimmer der Familie wieder oder vor der Bibliothek mit ca. 7.000 Bänden. Doch in Weimar weilten viele berühmte Persönlichkeiten: Schiller, Feininger, Bach, Liszt, Wieland, um nur einige zu nennen. So bleibt dem Radfahrer die quälende Wahl: Was aussuchen aus den vielen Ausstellungen und Sehenswürdigkeiten?

Deutschland - Weimar - der Radweg führt direkt an Goethes Gartenhaus in Weimar vorbei

Der Radweg führt direkt an Goethes Gartenhaus in Weimar vorbei

Viele der Weimarer Künstler gingen früher im ältesten Kaffeehaus der Stadt, dem 160 Jahre alten Residenz-Café, ein und aus. Heute wird es liebevoll das „Resi“ genannt und ist der Szenetreff, bei Auswärtigen und Weimarern rund um die Uhr beliebt und gut besucht. Auf dem Marktplatz werden an Ständen Thüringer Rostbratwürste um die Wette gebraten, angeschrieben auch auf Englisch, Russisch und Japanisch. Dazu schmeckt das lokale Ehringsdorfer Bier. In Ehringsdorf, am Rande Weimars, liegt auch das erste Radfahrerhotel Thüringens, das Hotel Kipperquelle, direkt am Ilmtalradweg. Schräg gegenüber der Rostbratwürste am Marktplatz befindet sich ein Laden u. a. mit Goethe-Devotionalien: Ein Plätzchenausstecher mit Goethes Profil geht über den Tresen. Probieren sollte man auch einen Thüringer Blechkuchen aus einer der zahlreichen Bäckereien oder im Café Frauentor in der Schillerstraße, das immerhin knapp 20 Kuchensorten und Torten aus eigener Konditorei anbietet.

Dem Aufklärer Wieland begegnen wir in Oßmannstedt wieder. Das Wielandgut gehört zum Besitz der Klassik Stiftung Weimar und ist heute eine Bildungsstätte und ein Museum. Im Park befindet sich die Grabstätte Wielands, die Arno Schmidt mit den Worten beschrieb: "Es ist schon eines unserer Nationalheiligtümer, nach dem jeder einmal im Leben wallfahrten sollte." Hier liegen Christoph Martin Wieland, seine Frau und auch seine Muse Sophie Brentano. „Liebe und Freundschaft umschlangen die verwandten Seelen im Leben. Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein“ lautet die Inschrift auf dem gemeinsamen Grabstein am Ilmufer.

Deutschland - an der Ilm in Bad Sulza

An der Ilm in Bad Sulza

In Niederrossla führt der Radweg direkt zu einem Elefantendenkmal. Miss Baba, eine indische Elefantendame, die in Diensten einer Wandermenagerie stand, soll hier 1857 zusammen gebrochen und grauenvoll verendet sein. Alle 25 Jahre feiert man deshalb noch heute das Elefantenfest. In Eberstedt fährt man auf eine Radfahrer-Kirche und eine begehbare Sonnenuhr mit Miniwasserfall zu, der uns hilft, die Räder von den Schlammspuren im vorherigen Waldstück zu reinigen. Wer nun ausruhen möchte, der ist in Bad Sulza richtig: Die Toskana-Therme der Kurstadt bietet Entspannung für müde Muskeln und eine Liquid-Sound-Anlage. Auch eine Ölmühle sowie ein schwimmendes Feriendorf und die Kopie von Goethes Gartenhaus in Weimar befindet sich hier. Der Ilmtalradweg führt schlussendlich mitten hinein in veritable Weinberge und zu den Weingütern bis an die Saale, wohinein die Ilm mündet. „Salve, Saale!“, hätte Goethe wohl gemurmelt. Wir tun es ihm nach.

Deutschland - Weinbau um Bad Sulza

Weinbau um Bad Sulza

 

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