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Es klappern die Mühlen ...

Ein Besuch im Internationalen Wind- und Wassermühlenmuseum in Gifhorn

Text: Dagmar Krappe
Fotos: Axel Baumann und Dagmar Krappe

Im Internationalen Wind- und Wassermühlenmuseum in Gifhorn in Südniedersachsen drehen sich sechzehn Großmühlen aus vierzehn Ländern.

Internationales Wind- und Wassermühlenmuseum Gifhorn - Windmühle Irini aus Griechenland

Windmühle Irini aus Griechenland

Klack. Klack. Klack. Das mächtige, mit weißen Segeln bespannte Mühlenrad dreht seine Runden im Wind. Dabei knarrt und knackt es im Gebälk. Ein breiter Kiesweg führt entlang einer weiß getünchten Mauer hinauf zur Getreidemühle „Irini“ und zum Müllerhaus mit den türkisfarbenen Sprossenfenstern, das längst nicht mehr bewohnt ist. Einige dieser Mühlen in mehr oder weniger gutem Zustand gibt es heute noch auf der griechischen Kykladen-Insel Mykonos. Der azurblaue Himmel spiegelt sich im spiegelglatten Meer. Nur ist es nicht die Ägäis, die am Rande der Mühle im Sonnenschein glitzert. Es ist der „Mühlensee“ im Mühlenfreilichtmuseum in Gifhorn in Südniedersachsen. Gleich neben „Irini“ aus Griechenland leuchten die Segelflügel von Anabela aus Portugal. Sie ist ein Nachbau einer Getreidemühle aus Torres Vedras nördlich von Lissabon.

Internationales Wind- und Wassermühlenmuseum Gifhorn - Windmühle Anabela aus Portugal

Windmühle Anabela aus Portugal

Wer auf dem Kiesweg weiter wandert, kommt an der gelb leuchtenden, sechsflügeligen „Mühle von Mallorca“ vorbei, um sich gleich darauf in der Provence wieder zu finden, vor der aus Feldsteinen errichteten „Mühle von Alphonse Daudet“ von 1814. 16 Wind- und Wassermühlen aus 14 Ländern wurden als Originale oder originalgetreue Nachbauten im 16 Hektar großen Freilichtgelände am Nordrand der über 800 Jahre alten Fachwerkstadt Gifhorn während der vergangenen 30 Jahre errichtet. Die 42.000-Einwohner Stadt entwickelte sich einst am Wegekreuz der alten Salzstraße von Lüneburg nach Braunschweig und der Kornstraße von Celle nach Magdeburg. Geschichte spiegelt sich im Welfenschloss, im Kavalierhaus und im Alten Rathaus wider.

Internationales Wind- und Wassermühlenmuseum Gifhorn - Mühle von Alphonse Daudet

Mühle von Alphonse Daudet

Vor 47 Jahren begann die große Mühlen-Leidenschaft des heute 77-jährigen Museumsbesitzers Horst Wrobel. Der gelernte Schaufensterdekorateur traf damals rein zufällig den letzten Windmühlenmüller im niedersächsischen Landkreis Wolfenbüttel. „Mein gesamtes Mühlenwissen habe ich durch viele Besuche in seiner Mühle erworben“, sagt Wrobel: „Seit dieser Begegnung ließen mich Mühlen nicht mehr los.“ 1974 machte er sich selbständig und gründete sein Museum. „Zunächst habe ich Modelle im Maßstab 1:25 gebaut. Diese Sammlung ist inzwischen auf rund 50 Stück angewachsen und im Ausstellungsgebäude zu besichtigen.“ Hier trifft der Mühlenkenner auf die Bremer „Mühle am Wall“, die Keukenhof-Mühle aus Holland, aber auch auf exotische Modelle aus Afghanistan, dem Iran, Ägypten, Südafrika, Rumänien, Skandinavien, Belgien, Irland und Großbritannien. „Mühlen haben viele Arbeiten verrichtet, nicht nur Getreide gemahlen“, erzählt Philipp Oppermann während des Rundgangs: „Weitere Anwendungsbereiche sind Öl pressen, Tuch walken, Tabak schneiden, Holz sägen oder die Bewässerung von Feldern.“ Auch der 36-jährige Museumsleiter ist vom Mühlenvirus infiziert. Seit seinem neunten Lebensjahr sei er Eisenbahnfan gewesen. Vor sechs Jahren traf er Horst Wrobel und der Mühlenvirus sprang über.

Internationales Wind- und Wassermühlenmuseum Gifhorn - Bockwindmühle Viktoria

Bockwindmühle Viktoria

Die Bockwindmühle Viktoria, die Erdholländermühle Immanuel, und die Tiroler Wassermühle waren die ersten Originale, die Wrobel 1980 aufbaute. In Einzelteile zerlegt reiste die zirka 300 Jahre alte Wassermühle per Zug an. Seitdem plätschert sie an einem Seitenarm der Ise. „Mühlenräder unterscheiden sich nach der Stelle, an der das Wasser in sie eintritt. Es gibt ober-, mittel- und unterschlächtige Räder“, berichtet Oppermann. Bei der Tiroler Wassermühle erfolgt die Wasserzuführung über ein oberschlächtiges Wasserrad. Genauso wie bei der südkoreanischen Getreide-Stampfmühle gegenüber. Sie kam per Schiff nach Deutschland.

Internationales Wind- und Wassermühlenmuseum Gifhorn - Wassermühle aus Pyongchang Südkorea.jpg

Wassermühle aus Pyongchang Südkorea

In der Mitte des Parks thront die „Mühle von Sanssouci“, ein Abbild der berühmten Potsdamer Mühle aus den Zeiten Friedrich des Großen. Noch vor der Wende besorgte sich Horst Wrobel die Originalpläne des Galerie-Holländers. Bereits 1984, fast zehn Jahre bevor die im zweiten Weltkrieg zerstörte Mühle in Potsdam selbst wieder errichtet wurde, erfolgte der Aufbau in Gifhorn.

Gleich nebenan befindet sich eine Art niedersächsisches Rundlingsdorf. Integriert in die Dorfanlage ist eine Nachbildung der Rossmühle Oberbauerschaft von Christopf Meyer zu Kniendorf an der Westfälischen Mühlenstraße. Es handelt sich um einen achteckigen Fachwerkbau aus dem Jahre 1797 mit rundem Reetdach. „Ungefähr bis 1920 war dies eine Flachsmühle“, weiß Philipp Oppermann: „Getrocknete Flachsstängel wurden in der „Bokemühle“ unter Stampfern weichgeklopft (gebokt).“ Danach hechelten (kämmten) die Frauen des Ortes die gebrochenen Stängel auf einem Nagelblock, um später die Fäden zu verspinnen. „Nicht nur der Flachs wurde durchgehechelt, sondern auch die eine oder andere Neuigkeit aus dem Dorf.“ Damit sich das Stampfwerk in Bewegung setzen konnte, drehten zwei bis sechs Pferde ein hölzernes Kammrad von 32 Metern Umfang.

Internationales Wind- und Wassermühlenmuseum Gifhorn - Mühle von Sanssouci

Mühle von Sanssouci

Am Rande des Museums befinden sich Bauwerke, bei denen sich keine Mühlenflügel drehen, sondern goldene Kuppeln leuchten. Seit 1995 steht gleich hinter der ukrainischen Mühle „Natascha“ die russisch-orthodoxe Holzkirche des Heiligen Nikolaus. „Die Kirche unterstreicht den internationalen Charakter unserer Einrichtung und dient als Symbol der Versöhnung zwischen Russland und Deutschland“, meint Horst Wrobel. Sonntags und an orthodoxen Feiertagen finden in der Kirche Messen statt. Seit 1996 wird außerhalb des Museums der Glockenpalast errichtet. Er ist einem Kloster im alt-russischen Baustil nachempfunden. 50 goldene Kuppeln auf dem Dach des Holzbaus stehen für 50 Jahre Frieden in Deutschland. Der Palast steht unter der Schirmherrschaft von Michail Gorbatschow. Nach Fertigstellung sollen hier Künstler und Kunsthandwerker aus Osteuropa arbeiten und ausstellen. Das Klappern der Mühlen wird sie dabei sicherlich beflügeln.

Internationales Wind- und Wassermühlenmuseum Gifhorn - russisch-orthodoxe Holzkirche des Heiligen Nikolaus

Russisch-orthodoxe Holzkirche des Heiligen Nikolaus

 

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