Reisemagazin schwarzaufweiss

Hoch auf dem gelben Wagen

Mit 4 PS und gehobenem Luxus hinunter ins Elbtal

Text und Fotos: Axel Scheibe

Temperamentvolles Tänzeln ist nicht ihre Sache. Zwar sind Orlando, Florian, Biene und Rieke erst zwischen 4 und 10 Jahr alt, aber für Deutsche Kaltblüter ist auch dieses recht jungendliche Alter kein triftiger Grund für Temperamentsausbrüche. Doch das ist auch nicht gefragt, denn die vier stämmigen Pferde stehen, schon angeschirrt, vor einer prächtigen Postkutsche. 32 Kilometer lang wird die Tour entlang der historischen Alten Teplitzer Poststraße sein, die die Passagiere bei ihrer Reise in die Vergangenheit vom Kamm des Osterzgebirges hinunter nach Pirna ins Elbtal führen wird.

Sachsen - Postkutsche vor Hotel in Zehista, Pirna

Postkutsche vor Hotel "Zur Post" in Zehista, Pirna

Ein gutes Stück Arbeit für die Pferde, immerhin wiegt die Kutsche mit allen Passagieren an die zwei Tonnen. Mit diesem schwarz-gelben, glänzenden Gefährt hat sich Klaus Michaels, der Chef des Hotels „Zur Post“ im kleinen Dörfchen Zehista, das heute zu Pirna gehört, einen Traum erfüllt. Einen Traum, den er gern mit seinen Gästen teilt. „Dort unten in der Senke des Hochmoores seht Ihr das Schwarze Kreuz“, weist er in Richtung Süden. „Wie immer an solchen Stellen, gibt es auch hier manche Sage. So erzählt man sich, dass ein Hochzeitpaar mit einer Kutsche an dieser Stelle verunglückt sein soll.“ Weit dahinter, fast am Horizont, grüßt dass Mückentürmchen herüber. Einer der ganz typischen Berge im böhmischen Teil des Osterzgebirges. „Wenn alles klappt und wir mit den tschechischen Behörden eine Einigung finden, werden wir vielleicht bald von dort abfahren“, wirft Klaus Michaelis schon einen Blick in die Zukunft.

Sachsen - Pirna - Posthorn

Das Posthorn erklingt

Doch hier und heute sind die zwölf Passagiere auf den Start ihrer Tour gespannt. Gerd Michaelis steigt ins Auto, man wird ihn zum Vesper wieder treffen. Das Kommando übernimmt Axel Gürntke, ein erfahrener Gespannfahrer, der gemeinsam mit seinem Sohn Philip hoch oben auf dem Kutschbock thront. Das Posthorn erklingt, mit einem sanften Ruck setzen sich die vier Kaltblüter in Bewegung. Über weite Wiesen und entlang leuchtend gelber Getreidefelder rollt die Kutsche über die sanft geschwungenen Hügel des Osterzgebirges. Genuss pur für die Mitfahrenden. Da gehört ein altes deutsches Volkslied einfach dazu. Schade nur, das auch bei „Hoch auf dem Gelben Wagen…“ das Textwissen bereits bei Strophe zwei schwindet.

Sachsen - Pirna - Axel Gürntke mit seinem Sohn Philip hoch oben auf dem Kutschbock

Axel Gürntke mit seinem Sohn Philip hoch oben auf dem Kutschbock

Dass es ab und zu etwas wackelt und die Stöße der Feldwege nicht durch den Bremskomfort einer Luxuslimousine gedämpft werden, stört niemand. So sind halt schon die Altvorderen gereist. Gemächlich aber mit viel Kraft nehmen die vier PS die Kilometer unter die Hufe. Dabei muss Axel Gürntke mächtig aufpassen, dass alle gleichmäßig an „einem Strick“ ziehen. „Orlando und Florian haben heute nicht so die rechte Lust“, erklärt er. „Seht ihr, wie immer wieder ihre Leinen lose hängen.“ Die beiden vorderen Pferde überlassen die Arbeit gern mal ihren Nachfolgern. Doch keine Chance, der erfahrene Mann an den Zügeln lässt sich nicht beschummeln. Und wenn nichts hilft, muss halt mal die Peitsche mit einem sanften Streich als Erinnerungshilfe genutzt werden. Aber nur ganz vorsichtig, denn dass er seine Pferde und seine Arbeit als Kutscher liebt, ist Axel Gürntke anzumerken. „Seit Generationen dreht sich bei uns alles um diese Tiere. Selbst mein Sohn mit seinen 13 Jahren hat bereits den Gespannführerschein.“

Sachsen - Pirna - Postkutsche

Doch so edel die schweren Tiere auch sind, immerhin bringen sie jeweils über 700 kg auf die Waage, ohne die Postkutsche würden sie nicht für das Aufsehen bei Autofahrern, Radlern und Wanderern sorgen. Überall werden die Fotoapparate gezückt und die besten Motive gesucht. Kein Wunder, beeindruckender können Reisende kaum unterwegs sein. Am Ehrlicher Teich, einem malerischen Fleckchen etwa zur Halbzeit, wird Rast gemacht.

Die Mitarbeiter von Klaus Michaelis haben ein rustikales Buffet aufgebaut und auch der Chef selbst lässt sich einen Kurzbesuch nicht nehmen. Direkt an der historischen Postdistanzsäule sind die Tische aufgebaut und für den Hoteldirektor gibt es manche Frage zu beantworten. „Die Kutsche haben wir 2003 in Polen bauen lassen“, erzählt er. „Dort schlossen sich verschiedene Handwerker zusammen und fertigen solche Schmuckstücke nach den Vorgaben der Auftraggeber. Wir haben uns strikt an den historischen Britischen Mail Coach gehalten, der im 18. Jahrhundert auch in Sachsen unterwegs war.“

Sachsen - Pause mit Postkutsche an historischer Postdistanzsäule

Pause an historischer Postdistanzsäule

Auf kleine Unterschiede konnten sie dabei jedoch nicht verzichten. Der Nachbau ist rund 20 cm breiter und höher als das historische Original. „Die Menschen sind größer geworden, man braucht mehr Platz. Außerdem verbessert sich damit auch die Straßenlage. Wenn Sie sich die Räder genau ansehen, finden sie reichlich dimensionierte Scheibenbremsen – ein Tribut an den TÜV.“ Ursprünglich wollte Klaus Michaelis die Kutsche nur vorfinanzieren, ein Arbeitskreis Postkutschen hatte sich das Aufleben der Historischen Poststraßen auf seine Fahnen geschrieben. „Leider ist der recht schnell wieder zerfallen. Übrig blieb mein Traum und meine Kutsche.“ Wie teuer dieser Traum ist, darüber schweigt er lächelnd, doch einen guten Mitteklassewagen könnte man dafür sicher kaufen.

Sachsen - Scheibenbremse an der Postkutsche

Scheibenbremse an der Postkutsche

Gut gestärkt startet der zweite Abschnitt der Fahrt, die an zahlreichen Zeitzeugen in Form von Meilen oder Halbmeilensteinen vorbei führt. Immer wieder verlässt die Kutsche die Straßen von heute um alten Pfaden zu folgen. Regelmäßig überquert sie dabei die neue Autobahn, deren Verlauf sich stark an der Alten Teplitzer Poststraße orientiert. So richtig romantisch wird es auf den Hohlwegen, die die Kutscher über Jahrhunderte tief in den Boden eingegraben haben. Es geht teils steil abwärts. Ziehen ist da weniger gefragt, die vier PS sind zum Bremsen da. Im gemütlichen Trab rollt die Kutsche durch manch kleines Dorf und pünktlich zum Nachmittagskaffee bringt Axel Gürntke das prächtige Gespann vor dem Hotel „Zur Post“ zum Stehen. Auf die Pferde warten Wasser und Hafer und zu den Passagieren zieht bereits der Duft des Kaffees aus dem Restaurant. Eine gute Gelegenheit das außergewöhnliche Erlebnis ausklingen zu lassen und vielleicht gemeinsam mit „Postmeister“ Klaus Michaelis von weiteren Touren zu träumen. „Zum Beispiel fahren wir auch entlang der Neuen Teplitzer Poststraße und durchs Elbtal. Wir haben da noch viele Ideen und manch Neues vor.“

Informationen:
Hotel „Zur Post“
Tel.: 03501/5500
E-Mail: info@hotel-zur-post-pirna.de
www.hotel-zur-post-pirna.de
www.poststrassen-erleben.de

 

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