Reisemagazin schwarzaufweiss

Berlin – Usedom

Mit dem Fahrrad von der Hauptstadt an die „Berliner Badewanne“

Text und Fotos: Judith Weihbrecht

Berlin - Usedom per Rad

Inmitten der Metropole beginnt er, der Radfernweg Berlin – Usedom, und zwar am Berliner Lustgarten neben dem Schloss. Die Stadtgrenze ist schnell erreicht, noch durch den Prenzlauer Berg mit seinen netten Kneipen, eine Weile am Ufer der Panke entlang, und schon ist man in Bernau in Brandenburg. Allerdings: Wem das Radeln durch die Metropole zu anstrengend oder zu gefährlich ist, der kann bis hierher auch mit der S-Bahn S2 gelangen, wie überhaupt der ganze Radweg guten Bahnanschluss hat.

Berlin - Reichstag

Vor dem Reichstag in Berlin

Auf ins Backsteinland

Gleich in Bernau sind herrliche Backsteinbauten zu bewundern und, wer sich gerne gruseln mag, das Henkerhaus. Eine Stele neben dem Gebäude verzeichnet die Namen der Frauen, die hier aufgrund der Hexenverfolgung hingerichtet wurden. Grausame Historie. Doch die Metropole und auch der Henker sind bald vergessen, denn nun fahren wir auf idyllischen Wegen durch dunkelgrüne Forste, vorbei an Hügeln, Windrotoren und Storchennestern bis Biesenthal im Naturpark Barnim. Der schattigen Bank am Markt um eine ausladende Eiche kann wohl kaum ein Radfahrer widerstehen.

Kühle, dichte Wälder, Vogelgesänge. Wir landen an einem Kiosk neben einer Radwegekreuzung. Hier gibt es Alsterwasser mit Fassbrause und nette Gespräche gratis dazu. Man hat Zeit und unterhält sich darüber, was der tolle neue Radweg der Region bringt. „Einiges!“, lautet das einhellige Fazit. Das finden wir auch, denn schließlich ist er fast vollständig glatt asphaltiert. Vorbei geht es an den beiden Schleusen Grafenbrück und Rosenbeck, Datschen, Kanu- und Radfahrern und einem Fischkiosk. Im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin locken unzählige Seen runter vom Sattel und ins erfrischende Nass. Das Rad wird flugs an eine der Eichen gelehnt und ab geht’s in die kühlenden Fluten. Inmitten der Schorfheide, mit 30.000 ha dem größten geschlossenen Waldgebiet Mitteleuropas, liegt z. B. auch der romantische Werbellinsee. Klare Seen, Feuchtbiotope und Moorgebiete genießen hier ebenso wie die Tiere besonderen Schutz. Dort leben Hirsche, Damwild, Waschbären, Schwarzstörche, Fisch- und Seeadler.

BIORAMA-Projekt im Wasserturm, Joachimsthal

BIORAMA-Projekt im Wasserturm, Joachimsthal

Laut Theodor Fontane ist der Werbellinsee der schönste See der Mark Brandenburg: „Es ist ein Märchenplatz, auf dem wir sitzen, denn wir sitzen am Ufer des Werbellin.“ Angeschlossen ist er an den Finow- und den Werbellinkanal. Diesen waren wir entlanggeradelt. Dass Ihnen von den Booten aus zugewunken wird, ist garantiert.
Ein kaiserliches Jagdrevier befand sich einst rund um Hubertusstock. Eigens dazu ließ sich Kaiser Wilhelm II. 1896 einen Fachwerkbahnhof in Joachimsthal einrichten, so konnte er schnell und bequem zur Jagd gelangen. Ein Highlight jagt das nächste, und so steigen wir schon am BIORAMA-Projekt im Wasserturm wieder vom Rad. Der Ausblick über das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin ist einmalig, die Informationen umfassend. In Glambeck befindet sich der kuriose Taubenturm und die erste Fahrradkirche Deutschlands. „Wie kommt’s?“, fragen wir im angeschlossenen Radlerpoint gleich nebenan. „Nun, Autobahnkirchen gibt es doch schließlich auch!“, ist die Antwort. Im Radlerpoint gibt es Snacks, Infos, Karten, GPS-Geräte zum Ausleihen. Kurzum: Alles, was das Radlerherz begehrt.

Zwischen Fischteichen, Wasser links und rechts, geht es nun weiter. Und gleich darauf führt der nächste Abschnitt etwas holprig auf einem Forstweg durch ein Waldstück, wie überhaupt Wasser und Wald die Strecke beherrschen.

Auch Warnitz, ein kleines Ferienzentrum, das es schon zu DDR-Zeiten war, liegt am Wasser, am Oberuckersee. Hier gibt es im Gasthof „Deutsche Eiche“ selbst gebrautes Burgwallbräu und dazu eine „Karre Mist“ zu essen: Schnitzel, Spiegelei, Bratkartoffeln. Wer danach nicht mehr kann oder mag, darf mit dem Fahrgastschiff „Onkel Albert“ bis Prenzlau am Unteruckersee fahren. Das Fahrrad fährt mit.

Durch die „Toskana des Nordens“

Prenzlau, Heiliggeistkirche

Heiliggeistkirche in Prenzlau

Nun sind wir endgültig im Backsteinland angekommen. In Prenzlau grüßt schon von weitem die mächtige Marienkirche, norddeutsche Backsteingotik. Rote Backsteinkirchen, rötliche Gehöfte finden sich nun überall. Wie ausgestorben, verlassen wirkende Käffer, in denen man keinen Fuß auf den Boden setzen möchte, wechseln sich ab mit schmucken, herausgeputzten Dörfern: Blumenkästen mit Geranien, die im Wind nicken, zieren die Fensterbänke, eine Frau kehrt geschäftig den Weg vor der sehenswerten Ziegelfachwerkkirche in Ellingen. Über Land leuchten die Kornfelder, frischgrüne Wiesen und der knallrote Klatschmohn. „Toskana des Nordens“ wird die Uckermark auch genannt. Über einsame Straßen und Sträßchen, manchmal auch auf Feldwegen radeln wir durch die typischen Anger- und Straßendörfer mit ihrer Ziegelarchitektur.

Pasewalk, St. Marien-Kirche

St. Marien-Kirche in Pasewalk

Auch in Pasewalk gibt es Ziegel satt: Die dreischiffige Sankt Marienkirche z. B. und den Turm „Kiek in de Mark“. Doch alte LPG-Gebäude mit Grauputz gibt es auf dem Lande natürlich auch noch. Oft wirken sie in den kleinen Dörfern etwas überdimensioniert. Eine Weile geht es nun durch ödes Land. Wie Detlef Kaden in seinem Buch schreibt, meinten schon die NVA-Soldaten: „Sand-Meer, Wald-Meer, nichts mehr“. Tatsächlich geht es auf dem Radweg ziemlich platt neben der Landstraße her, und wir passieren Drögeheide. 

Ziegelfachwerkkirche in Ellingen

Ziegelfachwerkkirche in Ellingen

Das hübsche Städtchen Ueckermünde mit seinen schmuck renovierten Fachwerk- und Gründerzeithäuschen ist eine ehemals slawische Siedlung, wie so viele hier, und eine echte Überraschung. Bei MTM Radsport gibt’s Luft kostenlos und am Stadthafen an der Uecker Fischbrötchen vom Boot aus. Prima. Ein Angler wartet auf seinem Klappstuhl geduldig auf einen Biss, Yachten und Ausflugsschiffe fahren ein oder aus. Die Ostsee ist schon zu riechen!

an der Uecker in Ueckermünde

An der Uecker in Ueckermünde

Und nun wird’s auch wirklich maritim: In Mönkebude treffen wir zum ersten Mal auf den breiten, weißen Ostseestrand, auf sanfte Dünen, Strandkörbe und Möwen, auf „Seemänner“, die am Nachbartisch ihren Törn durch das Stettiner Haff diskutieren. Hier am kleinen Haffhafen schmeckt der Kaffee noch mal so gut. Dahinter radelt man durch überflutete Haffwiesen und durch das Naturschutzgebiet Anklamer Stadtbruch mit seinen renaturierten Sümpfen und Mooren und zahlreichen Wasservögeln. Leider auf holprigen Spurplatten aus Beton. Ziehen Sie daher mindestens eine gut gepolsterte Radhose an und lassen Sie Luft aus dem Reifen.

am Stettiner Haff in Mönkebude

Am Stettiner Haff in Mönkebude

Auch in der Hansestadt Anklam an der Peene gibt es einige Ziegelbauten, wie z. B. das Steintor mit seinem Treppengiebel, und das Otto-Lilienthal-Museum. Lilienthal ist genauso wie Günter Schabowski ein Sohn Anklams. Schon als Jugendlicher soll er in den Peenewiesen die Flugtechnik der hier zahlreichen Störche beobachtet haben. Auf einer Holzbrücke über die Peene verlassen wir den Ort vorbei an der Wesselschen Mühle, durch das Peenestromtal und erreichen schließlich die Zecheriner Klappbrücke. Usedom, wir kommen!
Die Brise ist steif und kommt immer von vorn, Kalt macht sie auch und so kommt ein heißer Backfisch im Brötchen am Kiosk „Zum Fischer“ in Karnin gerade Recht. Gegenüber steht das gigantische Fragment der ehemals modernsten Eisenbahnbrücke Europas: die Hubbrücke von Karnin. Ein Pfeiler steht noch.

Usedom, die „Badewanne der Berliner“

Durch die Stadt Usedom, die der Insel ihren Namen gab, führt der Radweg weiter. Ein „Landshop“ in einem Auto wartet am Wegesrand auf Kundschaft. Er verkauft alles, was man nötig haben mag. Ein Schwenk noch zur und über die polnische Grenze, die Märkte muss man schließlich gesehen haben.

Die drei Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin haben zusammen um die 10.000 Einwohner und einen Bürgermeister. Der Radweg führt nun die längste Strandpromenade Europas mit ihren fast 200 Jahre alten Bäumen entlang. Die Architektur ist prächtig, herrschaftliche Villen umgeben von parkähnlichen Flächen und elegante Strandbrücken säumen den Weg. Man möchte flanieren. So mondän war es auf dem Rad noch nie! Und was haben die Villen hier nicht alles zu erzählen. Die wohl schönste Jugendstilvilla, „Oasis“ genannt und 1896 erbaut, war zunächst in Privatbesitz, während der NS-Zeit Kindererholungsheim, dann ein Sanatorium der Sowjetarmee, danach Erholungsheim der Gesellschaft der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft und jetzt wird sie wieder privat geführt als Hotel und Restaurant. Warum können Häuser nicht sprechen? Ich hörte gerne zu. Doch Frau John, die uns auf unserm Rundgang führt, ist ihr Sprachrohr und weiß einiges zu berichten. Viele dieser Gebäude von wahrhaft erhabener Eleganz wurden nach den Namen der Damen der Besitzer benannt, nach nordischen Gottheiten oder Landschaftsbezeichnungen wie „Meereswoge“.

Durch Wälder, in denen durchaus einige steile Anstiege und Abfahrten zu bewältigen sind, ganz ungewohnt auf diesem sonst flach verlaufenden Radweg, kann man nun noch bis nach Zinnowitz und Peenemünde radeln. Dann ist Schluss. Wir besuchen das Historisch-Technische-Informationszentrum, in dem während der NS-Zeit Langstreckenraketen entwickelt wurden, und ein sowjetisches U-Boot im Hafen.

U-Boot in Peenemünde

U-Boot in Peenemünde

Am Ende locken die schneeweißen Badestrände der Insel an der Ostsee, die auch oft „Badewanne der Berliner“ genannt wird. Also hineingesprungen und abgetaucht oder einfach die frische Brise um die Nase wehen, die müden Waden im Wasser baumeln lassen. Auf dem Rücken im Ostseewasser liegen und gen Himmel starren, sich im Strandkorb verkriechen. Berlin ist weit weg. Das Rad liegt im Sand.

Ende einer Radreise: angekommen am Strand

Ende einer Radreise: angekommen am Strand

 

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