Reisemagazin schwarzaufweiss

Reif für die Insel

Mit Flussschiff und Drahtesel von Berlin auf die Insel Rügen

Text und Fotos: Axel Scheibe

Sechs Tage sind vergangen, seit sich Radfans aus Österreich, der Schweiz und natürlich aus Deutschland am kleinen Hafen in Berlin Tegel (1) getroffen haben. Bis nach Stralsund sollte die Reise gehen. Rund 250 km mögen es von Berlin bis an die Küste sein. Doch nicht mit dem Auto und nicht auf direktem Weg sondern per Schiff und Rad auf der Oder und übers Haff. Der Start also direkt in der Hauptstadt und dann schnell hinaus in Richtung Norden.

Die PRINCESS im historischen Schiffshebewerk in Niederfinow

Die PRINCESS im historischen Schiffshebewerk in Niederfinow

Zwei Tage später. Der Großraum Berlin liegt hinter ihnen. Auch die spannende Reise der PRINCESS, ihres schwimmenden Hotels, 36 m abwärts mit dem Schiffshebewerk Niederfinow (2). Vorausgeradelt hatten sie die Chance, das Spektakel von „Land“ aus zu beobachten. Über den Oder-Havel-Kanal folgte ihnen das Schiff nach Eberswalde und auf der Oder ging es nach Schwedt. Von den Radler erwartet: Radwege durch die märkische Natur fern ab von Großstadtlärm und Verkehr.

Unterwegs auf dem Oder-Neiße-Radweg

Unterwegs auf dem Oder-Neiße-Radweg

Natur pur

Die Vögel zwitschern um die Wette, der Wind singt sein Lied in den Spitzen der Bäume und die Sonnenstrahlen suchen sich durch die Wipfel ihren Weg in Richtung Boden. Der würzige Morgenduft nach einer regenfeuchten Nacht liegt noch in der Luft. Die Ruhe ist einmalig. Schon nach 5 km hat sich alles so weit auseinander gezogen, das jeder die Art des Radelns findet, die er sucht. Wer kleine Grüppchen, etwas Abwechslung und Gesellschaft bevorzugt, findet reichlich Gleichgesinnte. Doch auch wer es bevorzugt, sein eigenes Tempo zu wählen, Landschaft und Natur zu genießen, kommt völlig zu seinem Recht. Nun liegt die PRINCESS vertäut an der Uferpromenade von Schwedt (3). Das Städtchen überrascht mit einer liebevoll restaurierten Altstadt und weitläufigen, gepflegten Parkanlagen am Ufer der Schwedter Querfahrt, eines Nebenarms der rund 5 km östlicher verlaufenden Oder. Sieh an, es gibt auch in Deutschland noch immer Neues zu entdecken.

Unterwegs auf dem Deichweg

Unterwegs auf dem Deichweg

Immer entlang der Oder

Der Nationalpark Unteres Odertal wird am nächsten Tag für alle zu einem der Höhepunkte. Mit seiner Fläche von 10.500 ha reicht er bis vor die Tore von Szczecin (Stettin). Auf der Dammkrone begleitet die Radler zumeist ein asphaltierter Weg. Geht es in Ortschaften mal über das für norddeutsche Dörfer so typische Kopfsteinpflaster, erholen sich „Sitzfläche“ und Gelenke schnell. Immer wieder öffnen sich weite Blicke über den Flusslauf der Oder. Informations- und Schautafeln begleiten den Weg. Tief ziehende Wolkenbänke sorgen für die richtige Umrahmung der obligatorischen Fotos. Eigentlich wären es kaum mehr als 20 Zusatzkilometer nach Szczecin, doch laut Plan gehören die Räder im Dörfchen Mescherin (4) zurück am Bord. So gut ausgebaut der Oder-Neiße-Radweg auch ist, die Einfahrt in die polnische Grenzstadt soll sehr unübersichtlich sein. Da geht der Veranstalter auf Nummer sicher. Zeit für Bordreiseleiter Gerhard Krause, für den bevorstehenden Stadtbummel zu Fuß einige Tipps zu geben. Wer clever ist, nutzt die begrenzte Zeit für eine geführte Stadttour. Bogdan, Berufsschullehrer und begeisterter Stadtführer, versteht es, seine Stadt zu präsentieren. Immer und überall stößt man auf deutsche Geschichte. Schon erstaunlich, wie viel kluge Köpfe hier geboren und aufgewachsen sind. Da Bogdan auch so manchen Vorschlag für abendliche Ausflüge parat hält, wird es für einige Radler eine etwas längere Nacht. Kein Problem. So wie es bei der Tour de France Ruhetage gibt, so steht am nächsten Tag auch eine solche Erholung auf dem „Tourplan“ Richtung Stralsund. Der Weg von Szczecin nach Wolgast ist weit. Da braucht das Schiff einige Stunden.

Bogdan bringt den Gästen seine Heimatstadt Szczecin näher

Bogdan bringt den Gästen seine Heimatstadt Szczecin näher

 „Rückenwind von vorn“

Die Wellen auf dem Haff sorgen für Bewegung. Kapitän de Vries hält die zwei starken Schiffsdiesel auf Trapp. Das Wetter spielt mit und so erreicht die PRINCESS ihr Ziel bereits am Nachmittag. Reichlich Zeit also, um selbst den „Ruhetag“ mit einer Tour zu beschließen. Die Strände der Insel Usedom laden ein. Berühmte Ostseebäder wie Zinnowitz, Koserow und Karlshagen wollen erobert sein.

Strandkörbe

Nachdem es bisher fast tischtuchglatt durch die Landschaft ging, sind es hier zwar auch keine Berge, dafür aber ein recht brutaler „Rückenwind von vorn“, der die Radler auf die 7-Gang-Schaltung der Leihräder zurückgreifen lässt. So wird die Rückfahrt zum Schiff im malerischen kleinen Hafen von Wolgast (5) zur ersten wirklich anstrengenden Etappe der Reise. Selbst auf der Abfahrt verlangt das Rad nach kräftigen Beinen.

Blick auf die Altstadt von Wolgast

Blick auf die Altstadt von Wolgast

Am nächsten Morgen hat der Sturm etwas abgeflaut. Schade, denn jetzt wäre es richtiger Rückenwind. Ehe das Schiff nach Rügen wechselt, steht eine kurze Halbetappe auf dem Plan. Ziel Peenemünde (6), die berühmt berüchtigte Raketenfabrik der Nazis. V1 und V2 stehen als Synonym für die erträumten Wunderwaffen. Tausende Zwangsarbeiter mussten hier für den Endsieg schuften. Viele verloren ihr Leben. Unter anderem auch bei den regelmäßigen Bombenbangriffen, die die Alliierten in Richtung Peenemünde flogen. Reste mächtiger Bunkeranlagen und ein aufrüttelndes Museum erzählen davon.

U-Boot Museum in Peenemünde

U-Boot Museum in Peenemünde

Deutschlands schönste Insel

Zurück an Bord, die PRINCESS ist den Radlern nach Peenemünde gefolgt, startet die Fahrt über den Greifswalder Bodden in Richtung der schönsten Insel Deutschlands, nach Rügen. Im Hafen von Lauterbach (7) wird die PRINCESS fest gemacht. Wie immer sorgt die Crew in Windeseile dafür, dass die rund 100 Fahrräder an die Pier kommen. Schnell schlüpft jeder in seine Radlersachen und ab geht es zu einer ersten Erkundungstour. Putbus wird vorgeschlagen. Ein Miniausflug in eine sehr eigenwillige Stadt. Fürst Malte zu Putbus ließ sich hier 1810 die jüngste Residenzstadt des Nordens errichten. Italienisches Flair dominiert das klassizistische Architekturensemble. „Weiße Stadt“ - so ein Beinamen von Putbus. Eindrucksvolle Gebäude wie Marstall, Pergola, Orangerie und das Standbild des Fürsten Malte zeugen von einstiger Pracht.

Es bleibt Zeit für mehr: Auf romantischen Wegen, mal am Wasser, mal im Wald und immer leicht kupiert, lohnt der Abstecher nach Osten. Vorbei am Jagdschloss Granitz führen gut beschilderte Wege ins Ostseebad Binz oder, auch das ist nicht weiter, nach Sellin mit seiner berühmten Seebrücke. Zurück wartet dann wieder ein Stück „Edelnatur“, das Biosphärenreservat Südost-Rügen. Eigentlich müsste man für die Insel mehrere Tage einplanen. Das Ziel ist aber Stralsund. Da bleibt nur der Wunsch, einmal mit mehr Zeit zurückzukommen.

Auch am letzten Radtag strahlt die Sonne vom blauen Himmel. Es scheint fast, als ducke sich der alte, historische Rügendamm verschämt unter dem modernen Brückenpendant, das den Rügenbesuchern seit einigen Jahren eine bedeutend bequemere Anreisealternative bietet. Für die Radler jedoch ist die ursprüngliche Verbindung zwischen Festland und Insel noch immer die Nummer 1.

Blick vom Turm der St. Marien Kirche

Blick vom Turm der St. Marien Kirche

Traditionell bläst der „Rückenwind“ mächtig von vorn. Doch die Radler haben es eilig. Am frühen Morgen haben sie ihr schwimmendes Hotel in Lauterbach verlassen und die letzten 50 km ihrer Radlerwoche unter die Räder genommen. Putbus, kurz nach dem Start war erneut ein willkommener Ort für einen ersten Stopp, nun aber soll es möglichst schnell nach Stralsund (8) gehen. Die alte Hansestadt hat schon am Vorabend ihre Schatten voraus geworfen. Informationsmaterial wurde gewälzt und manch Plan für den Nachmittag entworfen. Die Stadt hat viel zu bieten. Von der historischen Backsteingotik, die bis heute vom Reichtum der Hanse erzählt, über den gewaltigen Blick vom Kirchturm St. Marien über Stadt bis hin zum Ozeaneum, das in Europa seinesgleichen sucht. All das verlangt nach Zeit. 

Veranstalter

SE-TOURS GMBH
Barkhausenstraße 29
27568 Bremerhaven
Tel.: 0471/483880
E-Mail: info@se-tours.de
www.se-tours.de

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

Reiseveranstalter Deutschland bei schwarzaufweiss

 

 

Reiseführer Berlin

Wer heute ein wenig Berliner Luft schnuppern möchte, den laden wir zu einer Reise an Spree und Havel ein. Eine prima Gelegenheit, sich wesentliche Teile der Stadt an einem Tag anzuschauen, ist die Fahrt mit den Bussen 100 und/oder 200. Ausgehend vom Alexanderplatz kommt man unterwegs am Berliner Dom und der Museumsinsel vorbei, am Deutschen Historischen Museum, der Neuen Wache, dem Brandenburger Tor und dem Reichstag, an der „Schwangeren Auster“ und am Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten.

Reiseführer Berlin

Mehr lesen ...

Bayerwald: Ein Baumwipfelpfad als Besuchermagnet

Nein, keine Angst, der Pfad schwankt nicht. Dennoch greifen viele Besucher des längsten Baumwipfelpfads der Welt unwillkürlich ans Geländer. Sie haben den Eindruck, der Holzweg, der an dieser Stelle auf 18 Metern Höhe unterhalb der Baumwipfel entlang führt, bewegt sich hin und her. Dabei ist es nur der wenige Zentimeter vom Geländer des Pfads entfernte Schubsbaum, den ein Baumwipfelpfad-Führer mit einer Hand zum Schwingen gebracht hat.

Bayerwald - Baumwipfelpfad

Mehr lesen ...

 

Auf zwei Rädern rund um Rügen

52 km lang und 41 km breit, darauf verteilt 926 Quadratkilometer Landschaft, das ist sie, Rügen, die größte Insel Deutschlands. Nicht wenige Touristen bezeichnen sie gleichzeitig auch als die schönste Insel des Landes. Ihre Vielfalt ist einmalig.

Rügen per Rad

Mehr lesen ...

Hotspot HafenCity. Hamburgs neuer Stadtteil

Direkt an der Elbe, mitten in Hamburg, nimmt seit 2003 das größte innerstädtische Bauprojekt Europas Gestalt an – die HafenCity. Mit 155 Hektar ist Hamburgs jüngster Stadtteil mit seinen zehn Quartieren fast 14 Mal so groß wie der Potsdamer Platz in Berlin. Voller Leben und Flair sind bereits Sandtorkai und Dahlmannkai im Westen der HafenCity – die östlichen Bereiche der HafenCity mit dem Überseequartier sollen sukzessive bis 2025 fertig gestellt werden.

Hamburg Hafencity

Mehr lesen ...