Aber dann
passiert, so um die späte Frühstückszeit – oder wie Mitte Juni ungefähr
zwei Stunden, nachdem der Motorrad-Gottesdienst in Hamburg zu Ende
gegangen ist - Kurioses auf den Anfahrtswegen zum Alten Kurhaus. Eine
nicht endenwollende Prozession von Motorrädern naht und die schweren,
chromblitzenden Maschinen werden von ihren Fahrern hübsch artig geschoben.
Jawohl, dabei sind diese Fahrer alle Jungs vom Stamm der ernstzunehmenden
Biker, mit Haargummis im langen, zerzausten Putz und Tätowierungen,
die so abenteuerlich sind wie ihre Soziusfahrerinnen schön und arrogant.
Doch Lärm ist bekanntermaßen ja nicht erlaubt in Dangast, aber deshalb
auf den Besuch im Alten Kurhaus zu verzichten, ist nicht drin. Nachdem
die Harleys, BMW`s, Enduros und wie sie alle heißen, in Reih und Glied
geparkt sind, verschwinden die abenteuerlichen Gestalten durch den
Eingang und den Wintergarten des Gasthauses bis vor die Kuchen – und
Kaffeetheke. Wenn sie überhaupt so weit kommen, denn meistens ist
die Schlange der Anstehenden schon um diese Zeit so lang, daß sie
sich den ganzen Weg zurück bis vor die Stände der Honig- und Kerzenverkäufer
im Park staut. Wer glaubt, daß die nun folgende Wartezeit irgend jemanden
anficht, irrt. Schließlich will man den besten und natürlich selbstgebackenen
Rhabarberkuchen vom ganzen platten Land essen, mit ´nem Becher echten
Bohnenkaffees dazu und das Gedeck gibt´s nur am Buffett. Von Tapken
selber, der in stoischer Ruhe die noch warmen Riesenstücke mit Baisserverzierungen
vom Blech schneidet. Natürlich meckert hier und da im Pulk einer,
doch der weist sich damit nur als Neuling der Szene aus. Insider wissen,
daß der Wirt keinen Aufruhr duldet: wer motzt muß gehen oder sich
hinten anstellen. "Dat mut sein," sagt ein Opa, der selber
ansteht und seinen Pudel auf der Schulter trägt, damit der auch was
sehen kann. "Dat mut sein, denn wie willste soins de Dschongs
alle unner een Hut kregen?"
"De
Dschongs", die Jungs (womit alle Gäste gemeint sind), verteilen
sich nach dem kollektiven Kuchenfassen über das ganze Gelände, im
Wintergarten, im Kursaal, zwischen den Bäumen im Park, am Strand und
auch auf der Wiese, und dabei ergeben sich die bemerkenswertesten
Nachbarschaften.

Zwischen
den Heerscharen von Yuppies, Damen, Herren und Großbürgern, die schick
drapiert und für möglichst alle sichtbar herumsitzen und parlieren,
mischen sich buntgefärbte Punks und Möchtegern-Society-Onkels, Windsurfer,
noch naß, szenebekannte Intellektuelle, Omas und Opas zum Kaffeetrinken,
Gesellschaftsschnepfen aus dem nahegelegenen Oldenburg, Halbweltdamen
in Begleitung ihrer Freier oder Luden, harmlose Wattwanderer mit Kind
und Kegel, bekennende Lesben und freie Liebe demonstrierende Schwulenpärchen,
Lehrer mit ihren Familien, alle in Birkenstocksandalen, Friseurinnen,
Sekretärinnen, Kaufhaussubstituten ohne Zahl und Alkoholiker. Und
weil man sich so dicht auf der Pelle sitzt, wird natürlich miteinander
geschnackt und - sich sogar verstanden. Alle Vorurteile scheinen vergessen
und alle Berührungsängste auch. Im Alten Kurhaus von Dangast ist
Sonntags die Welt in Ordnung.
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