Reisemagazin schwarzaufweiss

Dangast - Schräge Szenen am Jadebusen

Text:Ulla Schmitz
Fotos:  Jochen Osterloh u.a.

Dangast

Dangast ist ein kleiner Ort im Friesischen mit akkurat eingefaßten Klinkerstraßen, ausladenden Walmdachhäusern, die mit Reed gedeckt sind und solchen aus blitzsauberen Backsteinen. Jeden Abend werden die Trottoirs, Höfe und Einfahrten gefegt und am Samstagnachmittag mit Wasser geschrubbt. An jeder Ecke stehen überdimensionale Verkehrsschilder, die Ruhe anmahnen und Hupen verbieten, denn Dangast ist ein Kurort und zudem das älteste Nordseebad. Das Attribut des Kurortes ist längst nicht so wichtig zu nehmen - in Zeiten der kurbetrieblichen Gesundschrumpfungen ohnehin - , doch die Sache mit dem ältesten Nordseebad ist bemerkenswert.

Dangast

Dangaster Kunstpfad

Der Dangaster Kunstpfad erinnert an die Künstlerkolonie des Ortes

Bereits 1797 amüsierten sich hier am Jadebusen die ersten Badegäste, und gar ein wenig bekannt wurde das 750-Seelendörfchen durch den Zuzug einer kleinen, sehr feinen Künstlerkolonie. Erich Heckel, Karl Schmitt-Rothluff, Jan Oeltjen, Emma Ritter, Pechstein und nicht zuletzt Franz Radziwill ließen sich hier nieder. Und letzterer verstarb sogar daselbst, 1983. Des Malers Haus, eine bunt bemalte Fischerkate, ist heute Museum und daß es nur wenige Schritte vom Alten Kurhaus entfernt liegt, kam dem Meister zu Lebzeiten offensichtlich fein zupaß. Hier ließ er an Tisch und Theke für sein leibliches Wohl sorgen und bezahlte die Verzehrbons in aquarell- und ölgemalten Naturalien. Da muß so manche Rechnung beglichen worden sein, die vielen Radziwill-Werke im Inneren des alten Gasthofes zeugen davon.

Karl-August Tapken, Ex-Kapitän, Kurhausbesitzer und Wirt in nun schon x-ter Generation in dem traditionsreichen Etablissement, war´s und ist´s Recht. Er hat sowieso eine Schwäche für Künstler, Kunst und alle, die ein wenig schräg sind. Da kam ihm vor ein paar Jahren der Maler, Bildhauer und ehemalige Buys-Schüler Anatol wie gerufen, als der in Dangast auftauchte und nach einem Atelier suchte. Mit Hilfe von Tapken war das neue Wirkungsfeld schnell gefunden – auf dessen Parkgrundstück am Alten Kurhaus, versteckt zwischen uralten Bäumen und längst verwilderten Ligusterhecken. Seither breitete Anatol sich in der Umgebung des Gasthauses sukzessive aus.

Dangast, Venus von Dangast

Die "Venus von Dangast"

Bilderformatig und in konkurrenzloser Eintracht zu den Radziwill-Exponaten im ehemaligen Kursaal mit seiner hohen Decke, dem knarzenden Holzfußboden und den Sprossenfenstern aus Jugendstilzeiten; als Skulpturen im Park und am Strand, in überdimensionaler Penisform, an die sich die spaziergehenden Einheimischen ziemlich lange gewöhnen mußten, als "Kaiser Buthjada-Stuhl", halb im Watt, halb im Sand, oder als ausguckende "Venus von Dangast" an der äußersten Front des Anlegesteges.

Im kleinen Hafen liegen zwei Krabbenkutter und die "Etta von Dangast", Anton Tapkens Ausflugsschiff, das man zum alten Leuchtturm "Roter Sand" in Arngast buchen kann, nach Wilhelmshaven oder zu den Seehundbänken in Höhe von Kaiserbalje.

Dangast, Krabbenkutter

Krabbenkutter im Dangaster Hafen

 Daß "Etta" schon da ist bedeutet, daß die Saison im Kalender der Tapkens begonnen hat, was wiederum heißt, daß man davon ausgehen kann, daß das Alte Kurhaus jetzt, im Gegensatz zum Winter, auch während der Woche geöffnet ist – aber am Wochenende, wie immer, ganz bestimmt.

Hoch über dem Strand, durch eine darunterliegende Staumauer vor den Hochwassern der Frühjahrs- und Winterfluten geschützt, thront das Objekt des Interesses als Backsteingebäude im Schatten knorriger Eichen, ausladender Buchen und Linden.

Eine Idylle, die sich durch die kugelrund gefressenen Schafe auf der Deichweide zwischen Hafen und Strand noch ergänzt. Die Wohnwagenkolonie auf der Wiese am Siel paßt auch noch ins Bild, gerade weil die Eigner der aufgebockten Plastikdomizile schon seit dem frühen Morgen leichtgeschürzt zugange sind, ihre Wochenendbehausungen innen und außen auf Vordermann zu bringen.

Fischbrötchen in Dangast

Aber dann passiert, so um die späte Frühstückszeit – oder wie Mitte Juni ungefähr zwei Stunden, nachdem der Motorrad-Gottesdienst in Hamburg zu Ende gegangen ist - Kurioses auf den Anfahrtswegen zum Alten Kurhaus. Eine nicht endenwollende Prozession von Motorrädern naht und die schweren, chromblitzenden Maschinen werden von ihren Fahrern hübsch artig geschoben. Jawohl, dabei sind diese Fahrer alle Jungs vom Stamm der ernstzunehmenden Biker, mit Haargummis im langen, zerzausten Putz und Tätowierungen, die so abenteuerlich sind wie ihre Soziusfahrerinnen schön und arrogant. Doch Lärm ist bekanntermaßen ja nicht erlaubt in Dangast, aber deshalb auf den Besuch im Alten Kurhaus zu verzichten, ist nicht drin. Nachdem die Harleys, BMW`s, Enduros und wie sie alle heißen, in Reih und Glied geparkt sind, verschwinden die abenteuerlichen Gestalten durch den Eingang und den Wintergarten des Gasthauses bis vor die Kuchen – und Kaffeetheke. Wenn sie überhaupt so weit kommen, denn meistens ist die Schlange der Anstehenden schon um diese Zeit so lang, daß sie sich den ganzen Weg zurück bis vor die Stände der Honig- und Kerzenverkäufer im Park staut. Wer glaubt, daß die nun folgende Wartezeit irgend jemanden anficht, irrt. Schließlich will man den besten und natürlich selbstgebackenen Rhabarberkuchen vom ganzen platten Land essen, mit ´nem Becher echten Bohnenkaffees dazu und das Gedeck gibt´s nur am Buffett. Von Tapken selber, der in stoischer Ruhe die noch warmen Riesenstücke mit Baisserverzierungen vom Blech schneidet. Natürlich meckert hier und da im Pulk einer, doch der weist sich damit nur als Neuling der Szene aus. Insider wissen, daß der Wirt keinen Aufruhr duldet: wer motzt muß gehen oder sich hinten anstellen. "Dat mut sein," sagt ein Opa, der selber ansteht und seinen Pudel auf der Schulter trägt, damit der auch was sehen kann. "Dat mut sein, denn wie willste soins de Dschongs alle unner een Hut kregen?"

"De Dschongs", die Jungs (womit alle Gäste gemeint sind), verteilen sich nach dem kollektiven Kuchenfassen über das ganze Gelände, im Wintergarten, im Kursaal, zwischen den Bäumen im Park, am Strand und auch auf der Wiese, und dabei ergeben sich die bemerkenswertesten Nachbarschaften.

Zwischen den Heerscharen von Yuppies, Damen, Herren und Großbürgern, die schick drapiert und für möglichst alle sichtbar herumsitzen und parlieren, mischen sich buntgefärbte Punks und Möchtegern-Society-Onkels, Windsurfer, noch naß, szenebekannte Intellektuelle, Omas und Opas zum Kaffeetrinken, Gesellschaftsschnepfen aus dem nahegelegenen Oldenburg, Halbweltdamen in Begleitung ihrer Freier oder Luden, harmlose Wattwanderer mit Kind und Kegel, bekennende Lesben und freie Liebe demonstrierende Schwulenpärchen, Lehrer mit ihren Familien, alle in Birkenstocksandalen, Friseurinnen, Sekretärinnen, Kaufhaussubstituten ohne Zahl und Alkoholiker. Und weil man sich so dicht auf der Pelle sitzt, wird natürlich miteinander geschnackt und - sich sogar verstanden. Alle Vorurteile scheinen vergessen und alle Berührungsängste auch. Im Alten Kurhaus von Dangast ist Sonntags die Welt in Ordnung.

 

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