Reisemagazin schwarzaufweiss

Mit dem Fahrrad durch Irland

Text und Fotos: Sabine Igersky und Norbert Schmacke

Irland per Rad? Viel zu regnerisch, viel zu schlechte Straßen, viel zu steile Anstiege - solche Vorurteile können getrost vergessen werden. Im Training sollte frau und man schon sein, ein Regenschauer sollte keine Depression auslösen und die großen Straßen sind für eine Radtour kein Vergnügen: das wären aber auch schon die einzigen Einwände. Ansonsten: sehr empfehlenswert!

Das eigene Rad mitzunehmen hat Vorteile. Doch es sollte etwas mehr bieten als eine Naben-Dreigangschaltung, ein echtes Reiserad ist aufgrund des hügeligen bzw. bergigen Terrains von unschätzbarem Vorteil. Das kleine Werkzeugtäschchen mit den notwendigen Schlüsseln und Imbussen nicht vergessen, vorher die Sicherheit des Rades prüfen: das sollte eigentlich selbstverständlich sein, wenn man auf eine größere Tour geht.

Hin und zurück nimmt die Fluggesellschaft Aer Lingus Ihr Rad mit. Doch vor Ort gibt es auch zahlreiche Veranstalter, die Fahrräder und Mountainbikes vermieten, z.B. Raleigh Rent-a-bike, Kylemore Rd., Dublin 10, Tel. 01/6261333 oder The Bike Store, 58 Lower Gardiner St., Dublin 1, Tel. 01/8725931.

Die folgende dreiwöchige Tour führt durch den Süden der Grünen Insel, Teilstrecken wurden mit Bus und Bahn zurückgelegt.

Von Dublin in die Wicklow Mountains

Da die Dart (Vorortbahn) keine Fahrräder mitnimmt, radeln wir nach Bray am Wasser entlang. Die Außenbezirke sind anfangs nicht sehr ansehnlich, dann aber fährt man schön an der Dublin Bay entlang. Bray, bekannt geworden durch den Film "The Miracle", atmet immer noch den Charakter eines ehemaligen englischen Seebades. Heute beherrschen an der Uferstraße Spielhallen und Pubs die Szene, ein Spaziergang am Strand aber lohnt immer noch, ebenso wie der Weg am Ende des Ortes den Hügel hinauf, wo ein toller Blick auf Meer und Ort zu erhaschen ist.

Weiter mit dem Rad nach Powerscourt Gardens in die Ausläufer der Wicklow-Mountains. Hier bekommen wir einen ersten Eindruck vom sportlichen Charakter der Tour. Aber wir sind ja nicht auf der Flucht, mit genügend Pausen kein Problem. Sonntags herrscht heftiger Ausflugsverkehr, viele Dubliner schätzen die nahegelegene Mittelgebirgslandschaft zum Picknick und Wandern. Die "Wicklows" sind in der Tat zauberhaft!
Powerscourt Gardens ist eine der schönsten Garten- und Schloßanlagen Europas, terrassiert angelegt bereits erstmals Mitte des 18. Jahrhunderts. Das Schloß brannte 1974 aus und wurde Mitte der 90er wieder teilrenoviert.

Der Besucher findet eine eindrucksvolle Multimedia-Ausstellung zur Geschichte der Anlage vor. Im Rahmen der Modernisierung entstanden ein geräumiges Restaurant und große Einkaufsflächen mit allem, was das Touristenherz begehrt. Auch das Teehaus außerhalb der alten Parkmauer wurde wieder einladend hergestellt. Ein Muß ist der Rundgang durch den Garten. Eindrucksvoll auch der Baumbestand der Allee, die zum Garten hinführt.
Weiter geht es nach Laragh, Ausgangsort vieler Wanderungen in den Wicklow Mountains. Der Ort zeigt sich umtriebig, aber nicht ungemütlich. Wir finden das B&B "Oak View" unterhalb der Straße, deshalb sehr ruhig gelegen; es bietet komfortable Zimmer und sehr gutes Frühstück, und (wie fast immer) auskunftsfreudige und über ihre Region gut informierte Wirtsleute.

Wir gehen ein Stück des Wicklow Walks auf den 6oo m hohen Mullacor Mountain, eine Wanderung im Nebel und gleichwohl eindrucksvoll. Ein weiterer einstündiger Fußweg bringt uns anderntags nach Glendalough, einer der besterhaltenen frühchristlichen Klostersiedlungen Irlands.

Das Ensemble von Kathedrale, Rundturm, Priesterhaus und St.Kevin's Kitchen liegt phantastisch in ein Tal eingebettet, ohne Frage ein Ort auch zum längeren Verweilen. Der Friedhof dient auch heute noch Bestattungen, Geschichte und Gegenwart sind nicht auseinandergerissen.

Wir radeln die 14 km nach Rathdrum, wo wir durch den Avondale Forest Park wandern. Im Park steht das Geburtshaus von Charles Stewart Parnell, der von 1875 bis 1890 vom Englischen Parlament aus für die irische Unabhängigkeit kämpfte. Hier findet jährlich eine Summer School statt, die Aspekte irischer Geschichte beleuchtet. Jahrhunderte alte Bäume, z.B. purple beech (Rotbuche), Yew (Eibe), und Birch (Birke) machen den einstündigen Rundgang durch den Park zu einem Erlebnis. So mag Irland früher weithin ausgesehen haben! Einen schönen Abschluß kann der Besuch des Tearooms darstellen, an dessen Wänden eindrucksvolle politische Karikaturen der englisch-irischen Geschichte aus der Zeitschrift Vanity Fair hängen , insbesondere aus der Ära der Home Rule Bewegung.

Auf nach Kilkenny!

Von Rathdrum kann man die Strecke Richtung Ring of Beara abkürzen, indem man den Zug nach Enniscorthy nimmt. In 45 Minuten ist man zu zweit samt Rädern für £ 14 dort angekommen. Nun radeln wir Richtung Kilkenny durch eine landwirtschaftlich geprägte Gegend ohne große Steigungen.

In Kiltealy suchen wir nach einer Bleibe und erhalten im Pub, der zugleich als Lebensmittelshop und Tankstelle dient, den Hinweis auf ein B&B namens Riverview House: ein 200 Jahre altes Farmhaus. Die Landlady ist Peg Ward. Sie verwöhnt uns mit einem reichhaltigen Abendessen (inclusive zarter Lammleber- "I eat lamb liver once a week, because it gives strength") und erzählt uns die Geschichte des Hauses.

Am Abend ein Guinness oder doch lieber ein Murphys?

Sechzehn Menschen lebten in dem ursprünglichen Drei-Zimmer-Cottage im 19. Jahrhundert. Und fast beiläufig fällt der Satz: "Some went to America, some went to Australia": die Armut und die Hungerperioden haben Irland im 19. Jahrhundert zu einem typischen Auswanderungsland gemacht, und neben England waren die USA und Australien die bevorzugten Ziele. Peg erzählt weiter, daß erst 1960 mit dem Aufsatteln eines Dachs begonnen wurde, als die Farm das Geld für diesen Erweiterungsbau hergab. Und nun sind die "Alten" mit einem der Söhne übrig geblieben. Das B&B schafft wie so oft ein Zubrot zu den mühsam erarbeiteten Einkünften aus der Landwirtschaft.

Nur noch wenige Kilometer sind es nun bis nach Kilkenny, mehr runter als rauf. Kilkenny ist ein nettes Städtchen am River Nore mit vielen mittelalterlichen Bauten und einem riesigen Castle. Zahlreiche B&Bs säumen die Hauptstraße, aber es finden sich auch B&Bs direkt am Fluß- ruhiger und hübscher gelegen.

Übernachten direkt am Fluß

Auch wer das Castle architektonisch nicht in sein Herz schließen mag, sollte unbedingt das empfehlenswerte Café mit leckerem selbstgebackenem Kuchen und Salaten in der alten Schloßküche aufsuchen. Lohnend auch unbedingt der Rundgang durch den Park mit schönem Blick auf Schloß und Stadt.

Von Waterford nach Cork

Nach Waterford nehmen wir den Zug, um "endlich" an die Küste zu kommen. Wir radeln an der Küste entlang nach Tramore, einem irischen Ferienort, der vollgestopft mit "Amusements" weitaus schlimmer als in Bray wenig einladend wirkt , aber nach wie vor sehr beliebt ist mit vielen neuen Hotels und Appartementhäusern. Die Piermauer lädt ein zu einem Picknick. Schade, daß es ein so trüber Tag ist, denn die Küste hier ist sehr beeindruckend: grün, steile Klippen, sanfte Hügel. Das Radeln wird wieder zu einem kleinen sportlichen Ereignis: aber wer sagt, daß es unbedingt 60 oder 100 Km am Tag sein müssen? Wir sind jedenfalls an manchem Tag auch mit 30 oder 40 Km zufrieden, wenn die Beine schlapp machen und die Sehnsucht nach leckerem Essen und Guinness sich rasant in das Vorderhirn schiebt.

Wir kommen auf unserer Tour westwärts durch einen entzückenden kleinen Ort namens Annestown. Eine verlockende Sandbucht lädt zu einem Spaziergang ein. Die Dorfstraße führt steil bergan, gesäumt von zahlreichen, leider bis auf ein wunderschön renoviertes, leuchtend orangefarbenes Cottage nicht mehr strohgedeckten Häusern.

Annestown

Fast oben angekommen ist der Stop in einem netten Shop und Teamroom "Pflicht". Wir fragen nach einem B&B und der Möglichkeit, eine warme Mahlzeit zu bekommen. Die Shopbesitzerin telefoniert für uns und wir kommen kurze Zeit später bei einer Dutch Lady unter. Das Minizimmer (WC und Bad auf dem Flur) ist völlig in Ordnung und mit reichhaltigem Frühstück. Die Frau kam mit ihrem Mann bereits vor 25 Jahren nach Irland, sie haben schon in verschiedenen Häusern gewohnt, bevor sie dieses gekauft und renoviert haben (einschließlich eines wunderschön angelegten Gartens). Das B&B verschafft ihnen gerade sechs Wochen im Jahr Einkünfte, da die sehr gewundene coastal road keine typische Touristenstrecke ist. Das meiste kommt durchs Nähen von Kleidung und Gardinen herein, der Mann arbeitet im Elektrobereich. Die Bilanz der Holländerin: der Wechsel nach Irland war gemessen mit den heimischen Möglichkeiten "finanziell ein Desaster", aber es sei ein unglaublicher Zugewinn an Lebensqualität gewesen , aus dem hektischen Holland hierher nach Irland zu gehen, wo es trotz der harten Arbeitsbedingungen entspannter zugehe als daheim...

Ein Restaurant ist nicht in Sicht, aber die Holländerin empfiehlt uns den Besuch des "tea gardens café" ganz in der Nähe. Wir nähern uns dem Bungalow mit Veranda-Anbau, welcher einen geräumigen Gastraum beherbergt. Wir erwarten insbesondere angesichts der Nähe des Campingplatzes fish und chips. Wir bekommen ein köstliches Menu auf den Tisch: Frittierte Scampi mit leckeren Pommes Frites als Hauptgericht, in Wein eingelegte und mit Sahne gekrönte Himbeeren als Nachtisch. Wer würde das in Irland auf dem flachen Lande auf einer Speisekarte erwarten! Dafür verzichten wir gern auf das Bier oder den Wein, denn Alkohol wird hier nicht ausgeschenkt. Wie schön, Vorurteile begraben zu können.

Nach einem guten Continental Breakfast radeln wir - heftig gegen den Wind, wie so oft in Irland - nach Dungarvan, um von dort ein Stück mit dem Bus weiterzukommen. Ziel ist das 80 Km entfernte Cork, und diese Strecke erscheint uns nicht sehr attraktiv zum Radeln. In Dungarvan regnet es heftig, der Bus hat Verspätung, und wir haben Glück, daß der Fahrer uns trotz voller Gepäckladung mit den Rädern mitnimmt. Insgesamt haben wir aber die Erfahrung gemacht, daß es kein Problem ist, das Rad im Bus mitzunehmen, wenn man Strecken abkürzen will. Dies ist allerdings ein nicht ganz billiges Vergnügen, und im Hauptreisemonat Juli wird es vermutlich doch gelegentlich sehr voll, so daß man vielleicht auch einmal einen Bus verpassen dürfte.

 

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