Reisemagazin schwarzaufweiss

Der irischen Seele ganz nah

Mit Pferd und Zigeunerwagen über die grüne Insel

Text und Fotos: Adrienne Friedlaender

„Verstecken Sie das Halfter hinter dem Rücken, nähern Sie sich ihrem Pferd mit ruhigen Schritten und rufen es freundlich beim Namen.“ So steht es in unserer Anleitung: „Catching your Horse“. Hier finden wir alle Tipps zum Umgang mit Pferd und Wagen. Und zum Glück scheint auch unser brauner Wallach das Handbuch gelesen zu haben: Gutmütig trottet Taffee auf uns zu und lässt sich geduldig das Halfter überstreifen. Dann folgt er uns willig zum Planwagen.

Mit Pferd und Planwagen durch Irland

Viele irische Farmen vermieten Pferd und Karavan für einen Urlaub im Zigeunerwagen. Eine von ihnen ist die Kilvahan Horse Drawn Caravan in Coolrain (1), nur eine Stunde entfernt vom Dubliner Flughafen. Julia und Hans, zwei Pferdenarren aus Deutschland, bewirtschaften die Farm seit 15 Jahren. Für die Fahrt mit dem Planwagen sind keine Pferdekenntnisse erforderlich. Die Bereitschaft sich auf ein neues Abenteuer einzulassen und die Liebe zum Pferd sind die einzigen Voraussetzungen für den Urlaub im Zigeunerwagen – den Rest übernimmt der vierbeinige Partner. Die Traditionell Irish Cobs, oder Irish Tinker, wie sich die kleinen schweren Pferde nennen, kennen ihren Job. Viele von ihnen haben Kohle-, Bier- und Güterwagen durch die Städte gezogen, bevor sie zum Tourismus gelangten. Die Pferde sind verkehrssicher, freundlich, zuverlässig und leicht zu führen.

Mit Pferd und Planwagen durch Irland

Im dem geräumigen Zigeunerwagen ist erstaunlich viel Platz. Außer Schlafgelegenheiten für fünf Personen gibt es einen Gasherd, Geschirrschrank und Spüle, Kommode und Kleiderschrank. Nachdem das Gepäck verstaut ist, folgt die Einweisung für den Umgang mit Pferd und Wagen: Julia demonstriert das An- und Ausspannen und bespricht mit uns die erste Tagesroute. Alle weiteren Informationen, Routenvorschläge, Übernachtungsmöglichkeiten, Sehenswürdigkeiten sowie Tipps und Tricks im Umgang mit dem Pferd befinden sich in einem Handbuch, das Julia uns zum Abschied in die Hand drückt - unsere Bibel für die nächsten sieben Tage.

Mit Pferd und Planwagen durch Irland

„Walk on!“ heißt für Taffee das Kommando zum Start. Gehorsam setzt sich der braune Wallach in Bewegung und zieht den schweren Wagen vom Hof: Im Schritttempo geht es durch die Hügellandschaft der irischen Midlands. Vorbei an grün leuchtenden Wiesen, Mohnblumen und Palmen. Neugierig schauen Kühe dem bunten Zigeunerwagen hinterher. Ab und zu springt ein Hund fröhlich bellend aus einer der Hofeinfahrten am Wegesrand und läuft dem Gefährt ein paar Meter hinterher. Fremde sind in dieser Gegend eine Seltenheit.

Mit Pferd und Planwagen durch Irland

Schon nach kurzer Zeit ist die ganze Familie mit Pferd und Wagen vertraut und auch die Kinder dürfen schon „an die Zügel“. Auf den schmalen einsamen Landstraßen ist kaum Verkehr. Und taucht doch einmal ein Auto oder Trecker auf, so wird weder gehupt, noch mit ungeduldigen Handzeichen zur Eile getrieben - die pferdefreundlichen Iren sind geduldig, folgen dem Karavan gelassen, bis sich eine Möglichkeit zum Ausweichen bietet und verabschieden sich winkend.

„Wenn Gott das Pferd nicht erfunden hätte, hätten es die Iren für ihn getan“, sagt ein irisches Sprichwort. Die Liebe zu den Pferden ist tief verankert in der irischen Seele. Deshalb kann man auf der Reise mit dem Pferdewagen nicht nur das Land, sondern gleich auch noch die Herzen der gastfreundlichen Iren erobern. Ob auf der Tour durch das grüne Inland oder entlang der rauen Küste.

Mit Pferd und Planwagen durch Irland

Mehrmals am Tag wird Pause gemacht, damit Taffee sich ein wenig erholen kann und weil Zeit sowieso keine Rolle mehr spielt. Auf dem Gasherd brutzeln ein paar Spiegeleier und der Wasserkessel pfeift, weil Tee in Irland irgendwie immer dazu gehört. Nirgendwo scheint das Sprichwort „der Weg ist das Ziel“ passender als auf der gemächlichen Reise im Planwagen.

Mit Pferd und Planwagen durch Irland

Zehn bis fünfzehn Kilometer am Tag kann Taffee den 800 Kilo schweren Wagen ziehen, dann ist Feierabend. Wer nicht auf eigene Faust eine Herberge suchen möchte, kehrt auf einer der vorgeschlagenen Stationen ein. Jeder der Übernachtungsplätze ist auf Pferd und Wagen eingestellt und die „Zigeuner-Gäste“ sind immer herzlich willkommen. Das Angebot in den verschiedenen Häusern und Herbergen variiert je nach Ausstattung. Waschräume, Toiletten und eine Weide für das Pferd sind in jedem Fall immer vorhanden. Manche Gastgeber bereiten auf Wunsch aber auch Frühstück oder ein Abendessen für ihre Gäste zu. Wenn Taffee sich von der Arbeit des Tages erholt, ist Zeit für Einkäufe und Ausflüge in die Umgebung und im Gegensatz zum Wetter ist auf die irische Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft immer Verlass – meistens findet sich jemand auf dem Hof, der die Gäste mit dem Auto zum nächsten Supermarkt oder Pub fährt.

Mit Pferd und Planwagen durch Irland

Eine der Unterkünfte auf dem Weg durch Laois ist das Castletown House in Rathdowney (2). „Do you like a Full Irisch Breakfast tomorow?“ fragt Moira, nachdem der Wagen geparkt und das Pferd ausgespannt ist - Nach fünf Tagen Kochen im Wagen ein verführerisches Angebot. Am nächsten Morgen versammelt sich die Familie an Moiras liebevoll gedeckten Frühstückstisch zu Castletown Pancakes, warmem Toast mit Orangenmarmelade, Irish Pudding, gebratenen Würstchen und Eiern mit Speck.

Das einzige, was in Irland schnell passiert, ist der Wetterwechsel. Innerhalb einer Stunde kann man alles erleben, was der irische Petrus zu bieten hat – Sonnenschein und heftige Regengüsse enden so schnell, wie sie begonnen haben.

Mit Pferd und Planwagen durch Irland

Am Abend wird quer durch den Wagen eine Wäscheleine gespannt, auf der die nassen Klamotten zum Trocknen hängen und spätestens bei Sonnenuntergang versammelt sich die ganze Familie auch wieder im Wagen. Anheimelnd leuchten die kleinen Gaslampen und verbreiten gemütliche Wärme. Taffee grast friedlich vor dem Wagen und die Familie rückt noch näher zusammen. Jetzt ist Zeit zum gemeinsamen Kochen, Spielen und Lesen. Später werden Tisch und Bänke mit wenigen Handgriffen zu Betten umgebaut und vor dem Einschlafen noch einmal flüsternd die Abenteuer des Tages ausgetauscht. Schon wieder prasselt der Regen auf das Planwagendach – wen kümmert´s .

Mit Pferd und Planwagen durch Irland

 

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