Vietnam im Überblick

Früher war das Reisen in Vietnam manchmal beschwerlich, doch daran hat sich fast alles geändert. Die Verkehrsverbindungen wurden wesentlich verbessert, Straßen- und Schienennetze ausgebaut, Brücken ersparen das stundenlange Warten vor den Flussfähren. Viele Hotels sind neu entstanden oder ansprechend renoviert und auf einen moderneren Einrichtungsstandard gebracht. Man kann Ausflüge per Fahrrad, Moped, Auto oder Schiff unternehmen. Restaurants, Imbisse und Cafés warten allerorten mit Vertrautem und Exotischem auf. Zeit, sich auf den Weg zu machen.

Vietnam, Foto: Pixabay

Vietnam ist heute ein sehr vielfältiges Reiseland der kurzen Wege. Wer gestern noch in den Bergen von Sa Pa wanderte oder mit dem Mountainbike herumfuhr, kann sich heute schon die Altstadt von Hanoi ansehen und morgen auf einem Schiff durch die skurrile Felsenlandschaft der Ha-Long-Bucht kreuzen. Wer gestern den Königspalast von Hue besichtigte, kann heute über den Wolkenpass in die moderne Stadt Da Nang fahren und am Abend in der idyllischen Kleinstadt Hoi An am Fluss Thu Bon nächtigen, um morgen auf einen Marmorberg zu steigen und die Kulturschätze der Cham zu bestaunen. Von Krieg ist hier nichts mehr zu sehen, obwohl er natürlich in den Hinterköpfen der Menschen präsent ist, doch diese blicken optimistisch in die Zukunft und heißen Fremde gerne willkommen – mit einer schmackhaften Nudelsuppe genauso wie mit einem freundlichen Lächeln.

Das Land hat die Form eines lang gezogenen S. Es wird auch gerne mit einer der hier weit verbreiteten Tragestangen aus Bambus verglichen, an deren Enden zwei Reiskörbe hängen. Gemeint sind damit die fruchtbaren Reisanbaugebiete des Deltas des Roten Flusses im Norden und des Mekong im Süden. Von Norden nach Süden misst Vietnam mehr als 1700 Kilometer, an seiner schmalsten Stelle von Osten nach Westen aber nur 50 Kilometer.

Den Norden beherrscht die alte Hauptstadt , die im Jahr 1010 gegründet wurde. Orientierungspunkt für Besucher ist immer wieder der Hoan-Kiem-See mit seinen von einer Pagode und einem Tempel gezierten beiden Inseln. Nördlich des Sees liegt die Altstadt, deren schmale, lang gestreckte Häuser teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert stammen und die hauptsächlich von Handwerkern bewohnt war. Südlich des Sees breiteten sich die französischen Kolonialherren aus, die von Bäumen und Villen gesäumte lange Alleen schufen. Im Regierungsviertel erleben Besucher vor allem das Erbe des vietnamesischen Revolutionsführers Ho Chi Minh.

Vietnam. Ho Chi Minhs Mausoleum

Ho Chi Minhs Mausoleum

Eine neue Stätte auf der Welterbeliste der UNESCO ist die Zitadelle Hanois, deren Ursprünge auf das 11. Jahrhundert zurückgehen. Es gibt aber auch neuere Gebäude in der ausgedehnten Anlage, die früher von Ministerien belegt und deshalb der Öffentlichkeit nicht zugänglich war, aus der Kolonialzeit oder aus den Jahren des Krieges, wie der Bunker D67, der von Ho Chi Minh und dem legendären General Giap genutzt wurde.
Weiter im Westen wird man an die ganz frühe Kolonialzeit, nämlich die der Chinesen, erinnert, wenn man den Literaturtempel (auch Konfuzius-Tempel genannt) besucht, in dem früher die Beamtenprüfungen abgelegt wurden. Bis heute kommen Uniabsolventen hierher, um Fotos machen zu lassen.

In der Umgebung der Hauptstadt kann man einige bedeutende Tempel aufsuchen (Tempel werden in Vietnam meist Pagoden (Chua) genannt). Auf einem Tagesausflug erreichbar sind der Chua Thay und der Chua Tay Phuong; mit einer Kahnfahrt und einem längeren Aufstieg verbunden ist der Besuch des Chua Huong, der Duftpagode; die Fahrt zum Chua But Thap kann man mit einem Abstecher zu einigen Handwerkerdörfern verbinden.

Das fruchtbare Delta des Roten Flusses wird von hohen Bergen umgeben, durch die im Norden auch die Grenze zu China verläuft. Der höchste Berg des Landes, der Phan Si Pan (3143 Meter), liegt nur wenig südlich der Grenze bei der Marktstadt Sa Pa, die in der jüngsten Zeit unter Touristen stark an Beliebtheit gewonnen hat. Diese kommen wegen des kühlen Bergklimas hierher, mehr aber noch, um die Märkte der Bergvölker mitzuerleben. Die ganze Region wird von den sog. Minderheiten bewohnt, zu denen die ethnischen Viet (Kinh) schon immer ein ambivalentes Verhältnis hatten. Aber immerhin dürfen sie jetzt wieder ihre Sprache sprechen und ihre traditionelle Kleidung tragen.

Ein vier- bis fünftägiger Ausflug führt von Hanoi durch das Berggebiet auf die Hochebene an der Grenze zu Laos, in der die Stadt Dien Bien Phu liegt. Hier erlitten die Franzosen im Mai 1954 ihre entscheidende Niederlage im Kolonialkrieg, nach der ihr "Indochina" zusammenbrach. Der Trip über die schlechten Straßen lässt sich nur per Jeep bewältigen, doch Dien Bien Phu mit seinen wenigen Kriegserinnerungen ist über ganz neue Wege von Laos viel leichter erreichbar.

Die wohl bekannteste und beliebteste Sehenswürdigkeit in Vietnam ist die gut 150 Kilometer östlich der Hauptstadt Hanoi. Rund 1500 bizarr geformte Kalksteininseln ragen in der weiten, unter dem Schutz der UNESCO stehenden Bucht und vor der weiter nördlich gelegenen Küste auf. Zahllose Fischer- und Touristenboote kurven durch die Bucht, und gerne werden die Bootsführer die Legende von dem Drachen erzählen, der diese Bucht geschaffen haben soll. Sehr beliebt sind die Mini-Kreuzfahrten, bei denen die Besucher eine Nacht auf dem Schiff verbringen und den Mondschein über den bizarren Felsen genießen können. Im südlichen Bereich der Bucht liegt die große Insel Cat Ba, die zur Hälfte Naturschutzgebiet ist.



Vietnam. In der "Trockenen Ha-Long-Bucht"

In der "Trockenen Ha-Long-Bucht"

Weiter südlich, auch von Hanoi leicht zu erreichen, befindet sich die „Trockene Ha-Long-Bucht“, eine Gegend, in der ebenfalls schroffe Kalksteinberge, diesmal aber zwischen Reisfeldern und Bambushainen, aufragen. Dort gibt es den Chua Keo und einige andere sehenswerte Pagoden, man kann Bootsfahrten durch Höhlen unternehmen, die alte Hauptstadt Hoa Lu und den interessanten Dom von Phat Diem besichtigen.

Eine der angenehmsten Städte des Landes ist Hue, die Hauptstadt der letzten vietnamesischen Königsdynastie, der Nguyen-Dynastie, die von 1802 bis 1945 herrschte. Sie orientierte sich stark am Konfuzianismus und dem chinesischen Kaiserhof, was bis heute an den verbliebenen oder restaurierten Gebäuden im Palast (der sich auf der Liste des Welterbes der UNESCO befindet) und an den herrlichen Königsgräbern leicht zu erkennen ist. Einige Kilometer westlich der Stadt liegt direkt am „Parfümfluss“ (Huong Giang) die Thien-Mu-Pagode mit ihrem hohen Turm und alten Pavillons für die buddhistische Trommel und Glocke. Hue ist zudem für seine exzellente Küche berühmt.



Vietnam. Tor im Königspalast von Hue

Tor im Königspalast von Hue

Da Nang, das per Auto von Hue aus über den Wolkenpass zu erreichen ist, besaß immer schon einen wichtigen Hafen, doch leider kamen durch diesen nicht nur Freunde ins Land. Auch die französischen Kolonialherren und die amerikanischen Truppen nutzten ihn als erste Anlaufstation. Die in den letzten Jahren stark modernisierte und mit Hochhäusern bestückte Stadt selbst bietet kaum Sehenswürdigkeiten, außer der großen Quan-Am-Statue im Norden und dem Cham-Museum ganz im Süden, in dem hervorragende Zeugnisse der Steinmetzkunst des Volkes der Cham, das vor der Wanderung der Viet nach Süden (11.−17. Jh.) die Mitte des heutigen Vietnam beherrschte, ausgestellt werden. Das bedeutende Tempeltal der Cham war My Son (gut 50 km südwestlich), das von amerikanischen Bombenangriffen Mitte der 1960er Jahre stark zerstört wurde und in dem heute zahllose der aus Ziegelstein erbauten Tempeltürme erneuert werden. Auch My Son steht unter Welterbeschutz der UNESCO.

Vietnam. Cham-Turm Po Klaung Garai

Cham-Turm Po Klaung Garai

Einige Kilometer südlich von Da Nang ragen aus einer Ebene fünf einzelne Berge steil auf. Sie sind nach den fünf grundlegenden Elementen der chinesischen Philosophie (Wasser, Erde, Metall, Holz, Feuer) benannt. Den Wasser-Berg kann man über Treppen besteigen; unterwegs sieht man einige kleine Tempel und mehrere Höhlen. In den Dörfern der Umgebung hört man sofort, womit sich ein großer Teil der Bevölkerung beschäftigt: allgemeines Meißeln von Marmor und anderen Steinen, um Figuren und Souvenirs in allen Größen und allen Stadien des Kitsches zu schaffen.

Zwischen Da Nang und den Marmorbergen zieht sich der aus dem amerikanischen Krieg berühmte China Beach hin, auf dem sich die GIs sonnten, wohl beobachtet von ihren Gegnern. Heute dreht sich hier alles wieder um Sonne und Entspannung, denn von der südlichen Stadtgrenze Da Nangs reihen sich die großen Luxusherbergen und Apartmentanlagen wie die berühmten Perlen an der Schnur auf.

Hoi An war schon im 17. Jahrhundert als Handelshafen bekannt, später siedelten sich dort viele Japaner und Chinesen an. Die Chinesen fühlten sich ihrer Heimat sehr verbunden und errichteten je nach Herkunft einen eigenen Tempel. Mehrere von ihnen sind für Touristen zugänglich wie auch einige der großen Kaufmannshäuser, die zwar eine schmale Fassade haben, sich aber bis zu 60 Meter von der Straße in die Tiefe hinziehen. Auch Hoi An steht auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO, was angesichts der starken Einflüsse des Tourismus in den letzten Jahren nicht unumstritten ist.

Wenn man von Da Nang nach Süden fährt, kommt man durch das Land der Cham. Von ihrer Kultur, die meist hinduistisch geprägt war, vorübergehend aber auch buddhistisch, blieben einige Cham-Türme erhalten, Tempelanlagen für die Könige, die ganz aus gebrannten Ziegelsteinen errichtet sind.

Viel mehr als der lokale Cham-Turm lockt heutige Besucher bei Phan Thiet der lange Sandstrand, der etwas weiter nördlich, bei Mui Ne, zu hohen Dünen aufgeworfen ist. Zwischen der Stadt Phan Thiet und den Dünen haben sich eine ganze Reihe recht unterschiedlicher Resorts angesiedelt, in denen man etwas Wassersport betreiben oder zu einer Runde Golf aufbrechen kann.

Ebenfalls mit Strandurlaub verbindet sich die Hafenstadt Nha Trang. Eine lange Promenade säumen ältere und neue Hotels, per Boot kann man vorgelagerte Inseln zum Tauchen und Schnorcheln erreichen. In der Stadt lohnen das Ozeanographische Institut und das Pasteur-Institut einen Besuch. Und keineswegs verpassen darf man natürlich den Cham-Tempel Po Nagar.

Mit Pasteur in Verbindung steht die auf einer Hochebene im Landesinnern gelegene Stadt Da Lat, die der französisch-schweizer Forscher Ende des 19. Jahrhunderts „entdeckte“ Er regte an, dort eine Siedlung für Europäer zu bauen, damit diese zur Erholung dem tropischen Klima des Südens entfliehen konnten. Und so fühlte sich schon mancher Besucher angesichts der Nadelwälder und der in einem weiten Umfeld verstreuten Villen und Häuser an den Schwarzwald erinnert.

Die Metropole des Südens ist zweifellos Ho-Chi-Minh-Stadt, das aus Saigon und der „Chinesenstadt“ Cho Lon besteht. Das erst im 17. Jahrhundert gegründete Saigon wurde stark von den Franzosen, dann von den Amerikanern geprägt; heute ist es gerade dabei, eine eigene moderne Identität zu gewinnen. Schon ragen die ersten Hochhäuser in den Himmel, und schon werden die hier Cyclo genannten Fahrradrikschas durch den zunehmenden Autoverkehr verdrängt. Saigon besitzt zwar keine großen touristischen Höhepunkte, doch es gibt einige Tempel zu sehen, Märkte zu erleben und vor allem viele Einkaufsstraßen zu erbummeln. In den Cafés kann man den für asiatische Verhältnisse bemerkenswert guten Kaffee genießen und wie einst zu Zeiten Graham Greens (so beschrieben in seinem Roman „Der stille Amerikaner“) sich in Pose setzen und die Passanten beobachten.
Cho Lon hingegen ist fest in der Hand der chinesischen Händler. Der „große Markt“ hat sich längst in die umliegenden Straßen ausgeweitet. Und in den Tempeln betet man genauso gut zur Thien Hau, der Göttin der Fischer und Seefahrer, wie zu Ong Bon, dem Gott des Wohlstands.

Ein Tagesausflug von Saigon führt zu den Tunneln von Cu Chi, in denen sich zur Zeit des amerikanischen Krieges die lokale Bevölkerung und die Kämpfer des Viet Minh vor den Bomben versteckten. Heute ist alles touristengerecht aufbereitet, bis hin zu einem Schießstand, an dem man sich einmal am Maschinengewehr versuchen kann. Grotesk.
Skurril ist das zweite Ziel des Ausflugs: der Dom der Caodai in Tay Ninh. Diese Sekte entstand in den 1930er Jahren und vermischt die verschiedensten Religionen miteinander. Die Kirche ist schön bunt, und wenn man mittags um 12 Uhr dort ist, kann man einen Gottesdienst miterleben.



Vietnam. Markt im Mekong-Delta

Markt im Mekong-Delta

Mehrere Tage Zeit sollte man sich für einen Ausflug ins nehmen. Die Städte im Delta sind zwar keine besonderen Schönheiten, doch sie sind Ausgangspunkte für Bootsfahrten auf dem gewaltigen Fluss und in die stillen Seitenarme hinein. Man kann Fischzuchtfarmen und Obstplantagen besuchen, köstliche Früchte probieren oder sich über den Schwimmenden Markt von Phung Hiep treiben lassen.

Im Delta sind noch einige Khmer-Pagoden zu finden. Da sich die Beziehungen zwischen Vietnam und dem Herzland der Khmer, Kambodscha, weiter verbessert haben, sind auch die Verkehrsverbindungen wieder einfacher. Mit vorhandenem Visum kann der Grenzübergang bei Chau Doc in beiden Richtungen genutzt werden. Auf dem Landweg sind die Straßenverhältnisse auf kambodschanischer Seite noch nicht besonders komfortabel. Auch der Wasserweg auf dem Mekong ist wieder geöffnet, so dass sich die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh auch auf diese bequeme, wenngleich langsame Art erreichen lässt. Mit mehrmaligem Umsteigen kann man heute von Saigon bis nach Siem Reap, der Stadt bei den Ruinen von Angkor im Norden Kambodschas, per Boot reisen.

Vietnam. Inselidylle in Phu Quoc

Inselidylle in Phu Quoc

Die größte Insel Vietnams heißt Phu Quoc und liegt im Golf von Thailand vor der kambodschanischen Küste. Sie ist noch ziemlich ursprünglich, entwickelt sich aber in jüngster Zeit zu einem tropischen Stranddomizil; zahlreiche Resorts wurden an der Westküste errichtet, von denen aus man natürlich einen herausragenden Sonnenuntergang genießen kann. Sehenswürdigkeiten gibt es eigentlich nicht, aber man kann wandern, Ausflüge in den Urwald unternehmen und Mountainbikes leihen. Vor allem stehen aber die schönen Sandstrände im Vordergrund, und unweit der Insel gibt es die besten Tauchgründe des Landes neben Nha Trang.

Text und Fotos: Franz-Josef Krücker

 


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