Tschechien: Vom böhmischen Paradies bis zum Riesengebirge

Text und Fotos: Rainer Heubeck

 

Tschechien - böhmisches Paradies - Felstürme bei Prachov

Würde man in Jordanien durch eine so enge Felsschlucht laufen, wäre ich sicherlich auf dem Weg in die Felsenstadt Petra. Würden ich so viele eng nebeneinander stehende Felsentürme in der Türkei sehen, ich wähnte mich vermutlich in Kappadokien. Doch es kommt noch viel besser, denn ich bin nicht in Jordanien und in der Türkei, sondern im Paradies. Und zwar nicht in irgendeinem Paradies, sondern im Böhmischen Paradies. Es liegt weniger als 100 Kilometer von Prag entfernt, Richtung Nordosten und ist das älteste Naturschutzgebiet Tschechiens. Ein Paradies ist es vor allem für Leute wie Jiří Krupka, der aus der Region stammt, und der rund 100 der bis zu sechzig Meter hohen Felstürme bei Prachov schon besteigen hat. „Jeder der Felstürme hier hat einen Namen“, berichtet Jiří, oft sind die Türme nach den Personen benannt, die sie zum ersten Mal bestiegen hatten. Eigenartiger hingegen sind die Namen der markierten Wanderwege – einer davon trägt den Namen „Die Astronauten“, ein anderer nennt sich „Tschechen, die in der Luft schwimmen“.

Tschechien - böhmisches Paradies - Felstürme bei Prachov

Die Wahrzeichen der Region, so erläutert Jiří, tragen den Namen Nadelspitze von Prachov und Gesichtsfelsen. Keine Frage, die bizarren Sandsteinformationen, die von der Erosion über die Jahrtausende hier geschaffen wurden, regen die Phantasie an. Wer auf den markierte Wegen bleibt, wer die Treppen, Stufen und Leitern nutzt, die hier angebracht sind, der kann die mystisch Welt des böhmischen Paradieses auch mit Kindern und ohne große sportliche Ambitionen erleben. Für tschechische Kinder hat dieser Rundgang sogar einen ganz besonderen Reiz, denn viele von ihnen gucken und schauen, ob sich vielleicht irgendwo in den Felsspalten, den Grotten und engen Durchgängen ein Räuber versteckt hat, den sie aus Erzählungen, Büchern oder aus Zeichentrickfilmen kennen. Denn der Räuber Rumzeis, der vielen als der tschechische Robin Hood gilt, lebte angeblich hier in der Region. Der Legende nach war Rumzeis einst ein Schuster in der Stadt Jičín. Dort lebte er mit seiner Frau Manka und mit Sohn Cipisek. Doch nach Ärger mit der Obrigkeit musste er die Stadt verlassen und ging deshalb samt seiner Familie in den Wald, lebte dort zwischen den Felstürmen und wurde zum Räuber. Bereits in den 70er Jahren wurde die Rumzeis-Geschichte auch ins Deutsche übertragen, in der Übersetzung nannte man ihn den „braven Räuber Fürchtenix“.

Tschechien - böhmisches Paradies - Felstürme bei Prachov - Kletterschule

Ein Fürchtenix ist auch Jiří Odnoha, der seit über zwanzig Jahren eine Kletterschule im Böhmischen Paradies betreibt. Für ihn sind die Sandsteinfelsen hier ein Eldorado, weil es hier kaum Klettersteige, Eisen im Fels oder sonstige Befestigungen gibt, sondern stattdessen Freiklettern gefordert ist – und genau das macht er am liebsten. Klettern, davon ist Jiří Odnoha überzeugt, sollte man am besten relaxt und ohne große Anstrengung. „Kletterer sind wie Gämsen, sie müssen immer relaxt und ruhig sein“, beschwört er. Den Halt sucht man stets mit den Füßen, die Hände können entspannt bleiben. „Zuerst schauen, das Auge einsetzen, dann mit dem Fuß eine Position finden, mit der man relaxt steht – und sich nicht verkrampfen und nicht zu dicht an den Fels herandrücken“, so lauten seine Ratschläge – und in der Tat schafft er es, auch Anfänger in kürzester Zeit soweit zu bringen, dass sie, natürlich gesichert, eine rund 15 Meter hohe Wand bezwingen können. So lange es nach oben geht, ist kaum jemanden mulmig, doch sich dann plötzlich ins Geschirr fallen lassen und abseilen zu lassen, dass kostet durchaus Überwindung.

Tschechien - Riesengebirge - Schneekoppe

Eine Reise ins böhmische Paradies lässt sich verbinden mit einem Abstecher ins Riesengebirge. Es ist das höchste Gebirge in Tschechien. Die Schneekoppe, direkt an der Grenze zu Polen gelegen, ist eher ein Wander- als ein Kletterberg – und wer für einen Anstieg auf die über 1600 Meter hohe Erhebung nicht genug Zeit oder Energie hat, der kann auch mit einer modernen Gondelbahn fahren, um die grandiose Fernsicht zu bewundern oder beim höchstgelegenen Postamt Tschechiens eine Ansichtskarte abzuschicken.

Tschechien - Riesengebirge - Monkey Park Spindlermühle

Ein Adrenalin-Erlebnis freilich bietet das Riesengebirge dennoch: Im Wintersportort Spindlermühle, nicht weit von der Elbquelle entfernt, liegt der Monkey Park Spindlermühle. Der größte Hochseilgarten des Riesengebirges bietet Besuchern ab einer Körpergröße von 140 Zentimetern an insgesamt 32 Hindernissen, die allesamt in drei bis sieben Meter Höhe aufgebaut sind, verschiedene Herausforderungen: Da ist über Balken oder schmale runde Stäbe zu balancieren, Schritt für Schritt über wacklige Stahlseile zu laufen oder durch riesige Spinnennetze zu klettern – zwischendurch hängt man sich immer wieder mit einer Seilrolle und mit Karabinern ein und gleitet am Drahtseil von Baum zu Baum bzw. von Plattform zu Plattform – denn wer zwischendurch durchatmen will, macht dies in sieben Metern Höhe auf kleinen Holzplattformen, die rund um Baumstämme gebaut sind. Bei all diesen Abenteuern, die herausfordern, aber auch großen Spaß machen, ist man stets gut gesichert.

Tschechien - Riesengebirge - Rübezahl

Während man sich im böhmischen Paradies auf die Spuren des Räubers Rumzeis begibt, erwartet einem im Riesengebirge die Legende vom Rübezahl, einem eher freundlichen Schutz- und Gebirgsgeist, der auf Tschechisch Krakonoš heißt. „Ich persönlich bin ihm zwar noch nicht begegnet, aber er soll schon auf der Schneekoppe gesichtet worden sein“, berichtet Luboš Černý, der für die Seilbahngesellschaft an der Schneekoppe arbeitet. Wie Rübezahl, der zuweilen als Mönch oder als Bergmann, manchmal aber auch als Baumstumpf im Erscheinung tritt, aussehen könnte, das zeigen holzgeschnitzte Figuren, die den Berggeist darstellen – sie sind in dem Lokal auf der Schneekoppe ebenso zu finden wie im Ort Pec pod Sněžkou oder in Poniklá, wo Jana und Rosta Pičmanová seit dem Jahr 1999 ein Privatmuseum zur Kultur und Geschichte des Riesengebirges betreiben. In einer ehemaligen Scheune, die auf mehreren Stockwerken voll mit Schaustücken ist, zeigen sie Spielwaren und Christbaumschmuck, alte Haushaltsgeräte, Textilien und vieles mehr. „Viele Traditionen des Riesengebirges, etwa das Spitzenklöppeln oder die alten Spielwaren, gehen verloren, seit mehr als 16 Jahren versuchen wir hier, das noch bewahren, das ist unser Hobby“, erklärt Jana und Rosta Pičmanová, deren Augen leuchten, wenn sie ihre Schätze präsentiert. Zu vielen ihrer Objekte weiß die Museumsgründerin interessante Geschichten zu erzählen. Nur zu Rübezahl, da schweigt sie sich aus – und so bleibt der Berggeist wohl weiterhin ein Geheimnis.

Tschechien - Ponikla im Riesengebirge - Museum zur Kultur und Geschichte des Riesengebirges

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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