Von der UNESCO-Welterbestadt Paramaribo nach Commewijne

Unterwegs in Suriname

Text und Fotos: Rainer Heubeck

 

Suriname - Paramaribo

Wenn Hitler aus dem Fenster blickt, dann sieht er auf die Goslar. Genau genommen auf das, was von ihr übergeblieben ist. Denn das von Blohm & Voss gebaute Frachtschiff, das sich in Suriname vor amerikanischen und englischen U-Booten in Sicherheit bringen wollte, wurde im Mai 1940 von seinen deutschen Besatzungsmitgliedern versenkt, blieb aber, weil der Surinamfluss an dieser Stelle recht seicht ist, weiterhin sichtbar.

Ihr Wrack ragt bis heute aus dem Wasser, doch das braucht Hitler nicht zu kümmern, er wird die Goslar schließlich nie erreichen. Denn Hitler ist zwar am Leben, doch hinter Gittern. Eingesperrt ist er allerdings nicht in einer Zelle, sondern in einem kleinen Käfig. Ansonsten geht es Hitler gut. Dafür sorgt Zaid Halmahomet, sein Besitzer. Der Surinamer mit indonesischen Vorfahren hat keinesfalls nur einen Vogel, sondern um die fünfzig. Und der passionierte Vogelliebhaber gibt seinen Finken, mit denen er regelmäßig an Zwitscherwettbewerben am Independence Square in Paramaribo teilnimmt, gerne markante Namen. „Einer heißt Neymar, ein anderer Messie, ein weiterer Motor, der andere Hitler, und sobald ich wieder einen Vogel habe, der besonders viel zwitschert, dann nenne ich ihn Trump, der twittert ja auch ständig“, sagt Zaid lachend.

Suriname Paramaribo - Zaid Halmahomet mit Vogel im Käfig

Jeden Sonntagmorgen treffen sich die Mitglieder verschiedener Vogelliebhaber-Clubs, um ihre Piepmätze um die Wette zwitschern zu lassen. „Jeder von uns fungiert dabei immer wieder auch als Schiedsrichter, dabei muss man gut hören, konzentriert auf den Vogel schauen und darf den Vogel nicht irritieren“, erläutert Zaid, der sich im Commewijne-Club engagiert. Nicht der Vogel, der die längsten oder die lautesten Rufe von sich gibt, gewinnt, sondern der, der die meisten eindeutig voneinander getrennten Laute vernehmen lässt. „Diesen Takt kann man den Tieren nicht beibringen, aber die Vögel, die das können, die fördert man ganz besonders“, verrät Zaid. Wie das wohl geht? Am Rande des Unabhängigkeitsplatzes treffe ich Shiraz Abdul, einen Beamten, der ebenfalls zu den surinamischen Vogelfreunden zählt und seinen Vogel im Käfig mit dabei hat. „Meinen Vogel nehme ich auch täglich mit auf die Arbeit, das ist hier normal“ versichert er. Sein Fink ist noch jung und unerfahren, er bringt ihn deshalb an den Rand des Wettkampfplatzes, damit er die Scheu verlieren kann. „Nicht die Scheu vor den Menschen, sondern die Scheu vor den anderen Vögeln. Zuhause zwitschert er bereits viel, aber hier ist er irritiert. Die vielen anderen Vögel lenken ihn ab“, berichtet er. An dem Wettbewerb auf dem Independence Square nehmen nur männliche Vögel teil, die in drei verschiedenen Größenklassen antreten. Die kleinste Kategorie nennt sich Rowti, darauf folgen Picolet und Twatwa, drei einheimische Finkenarten. Bei einem Wettkampf treten jeweils zwei Tiere gegeneinander an, deren Käfige nahe beieinander aufgestellt sind – zehn oder fünfzehn Minuten lang machen die zwei Schiedsrichter dann eifrig Striche, um hinterher auszuzählen, welches der beiden Tiere der bessere Zwitscherer war.

Suriname Paramaribo - Wettbewerb mit Vögeln

Bei dem Gesang der Tiere geht es vor allem darum, sich gegenüber anderen Vogelmännchen in Szene zu setzen – und um die Gunst von Vogelweibchen zu buhlen. „Um den Vogel für den Wettbewerb heiß zu machen, müssen wir vorher ein Weibchen in seine Nähe bringen. Bei manchen Vögeln machen wir das am Abend vorher, bei anderen vielleicht erst eine Stunde vor dem Wettbewerb, man muss ausprobieren, wann man die besten Ergebnisse erzielt“, berichtet Zaid Halmahomet. Ist ein Vogel im Wettkampf stark, hat sich die Investition in den Superzwitscherer gelohnt, wobei diese nicht nur Kauf- und Futterkosten umfasst, sondern auch die Zeit, die der Halter mit seinen Tieren verbringt. Manche Vögel werden für Tausende Surinam-Dollar verkauft. „Der Preis ist immer eine emotionale Angelegenheit“, versichert Zaid, der seinen Neymar kürzlich für 10.000 Surinam-Dollar an seinen Teamkollegen Reza Kachmed-Ali verkauft hat. „Einen Vogel zu halten“, ergänzt Zaid, “ist eine ganz persönliche Angelegenheit – du musst den Vogel verstehen und er muss dich verstehen.“

Paramaribo in Suriname - Green Heritage Fund Suriname - Faultier

Tierische Begegnungen erlebt man in Paramaribo nicht nur am Independence Square, sondern auch im Garten von Monique Pool. Die engagierte Tierschützerin und Gründerin des „Green Heritage Fund Suriname“ rettet Faultiere, bevor deren Habitat abgeholzt wird. „In den Waldbeständen in der Stadt gibt es pro Hektar viel mehr Faultiere als im Regenwald, denn dort haben sie nicht viel Platz zum Ausweichen. Deshalb haben wir viel zu tun, wenn irgendwo Bäume gefällt werden. Affen können dann noch weglaufen, Faultiere aber nicht“, erklärt sie.

Paramaribo in Suriname - Monique Pool

Allein bei einer einzigen Großaktion Ende 2012, so berichtet sie, sind auf weniger als sieben Hektar Land mehr als 130 Weißkehl-Faultiere eingesammelt worden. „Insgesamt haben wir in den letzten Jahren mehr als 700 Faultiere gerettet“, erklärt die gelernte Übersetzerin, die auch Delfinbeobachtungstouren durchführt und deren Tierschutzprojekt von fünfzehn ehrenamtlichen Mitarbeitern unterstützt wird. Viele der geretteten Tiere setzt sie gleich in der Wildnis wieder aus, sind die Tiere jedoch sehr klein, krank oder verletzt, nimmt sie diese zuerst in ihr kleine Pflegestation auf, in der sie neben den Faultieren auch Ameisenbären hält.

Paramaribo in Suriname - Green Heritage Fund Suriname - Ameisenbär

Die meisten Besucher Paramaribos kommen freilich nicht wegen der Faultiere, Ameisenbären und der Vögel in die Stadt, sondern bewundern vor allem die UNESCO-geschützte Altstadt. Rund um das Fort Zeelandia, das Anfang des 17. Jahrhunderts als niederländische Handelsniederlassung angelegt wurde, finden sich denkmalgeschützt Holzhäuser, auch in den umliegenden Straßen sind noch viele Kolonialbauten erhalten, wenn auch in zum Teil recht schlechtem Zustand. „Leider hat unsere Regierung wenig Geld und sie ist deshalb kein Vorbild in Sachen Denkmalschutz. Viele der verfallensten Häuser sind öffentliche Gebäude“, gesteht Rachel Deekmann, die für die Heritage Foundation arbeitet. „Das Einzigartige hier ist die Holzbauweise, zum Teil aus Mahagoni und Zedern. In der Architektur findet sich ein Mix verschiedener Einflüsse, insbesondere holländisch, französisch und amerikanisch“, erklärt sie.

Suriname - unterwegs in Paramaribo

Bei unserem Weg durch die Altstadt, den wir mit dem amerindischen Reiseleiter Hans Parana antreten, zeigt er uns Holzgebäude, in denen früher die holländischen Militärs lebten und auch Backsteingebäude, die aus Ziegeln errichtet wurden, die als Ballast in den Schiffen aus Europa hierher transportiert wurden. „In den Ziegelhäusern ist es sehr warm, am Abend ist es dort fast bis Mitternacht heiß, deshalb sind hier in den Tropen Holzhäuser angenehmer“, erklärt Hans Parana. Doch Holzhäuser haben auch einen Nachteil, sie fangen leicht Feuer. Im Jahr 1821 kam es zu einem großen Brand in der Stadt, 1832 fing die Stadt zum zweiten Mal Feuer. „1821 sind 400 Häuser niedergebrannt, das Feuer brach aus, als eine Sklavin, die Donuts backen wollte, die Kontrolle über ihr Feuer verlor. 1832 haben drei Sklaven das Feuer verursacht, zur Strafe wurden sie lebendig verbrannt“, berichtet Hans Parana – und zeigt uns Mahagonibäume, die aus Honduras importiert wurden und die entlang der Straße gepflanzt wurden, um künftig Brände unwahrscheinlicher zu machen. Für die Stadtentwicklung freilich boten die beiden Katastrophen auch eine Chance – nach dem zweiten Brand wurden einige Häuserzeilen, die bis heute zum Teil erhalten sind, ganz im Louisiana- bzw. New Orleans-Stil neu aufgebaut.

Suriname - Holzhäuser in Paramaribo

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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