Das Manchester des Ostens fasziniert mit Architektur und Kultur

Eine Städtereise nach Lodz

Text und Fotos: Rainer Heubeck

 

Lodz in Polen

„Ich habe diese Landluft satt, will endlich wieder in die Stadt“, so trällerte einst Vicky Leandros in ihrem Hit „Theo, wir fahren nach Lodz“. In den vergangenen Jahrzehnten freilich haben viele Theos, aber auch viele Piotrs und Aleksanders die ostpolnische Metropole verlassen. Lodz, der Name wird in Polen übrigens „Ùtsch“ ausgesprochen, war lange eine schrumpfende Stadt. Von rund 850.000 Einwohnern im Jahr 1988 sank die Zahl auf etwa 690.000. Ein gewaltiger Aderlass, der erst in jüngster Zeit gestoppt werden konnte. Lodz, einst die Textilmetropole Mitteleuropas, das sagenumwobene Manchester des Ostens, musste sich in den vergangenen drei Jahrzehnten komplett neu erfinden. Tomasz Koralweski von der lokalen Tourismusorganisation spricht von einer „postindustriellen Stadt“ – doch was genau ist das?

Lodz in Polen - Manufaktura

Manufaktura

Als Vorzeigeprojekt gilt gemeinhin die Manufaktura, ein siebenundzwanzig Hektar großes Einkaufs- und Freizeitzentrum, das auf dem Gelände einer der ehedem größten Textilfabriken Europas entstand. Statt Spinnerei, Weberei und Baumwolllager finden sich hier nun mehr als 200 Geschäfte, sowie Tanz- und Bowlingzentren, Fitnessstudios und Kinos, Restaurants und Cafés, ein Theater und ein Karussell. Ein auf dem Dach der Spinnerei gelegener Tank, früher von der Werksfeuerwehr als Behälter für Löschwasser genutzt, ist heute der mit Glasboden versehene Panorama-Swimmingpool eines Luxushotels.

Lodz in Polen - Kinderkarussel auf dem Gelände der Manufaktura

Karussell auf dem Gelände

Eine schöne neue Konsum- und Glitzerwelt, Shopping und Freizeitspaß hinter Backsteinfassaden, ein textilindustrielles Disneyland – die Manufaktura ist nicht nur das. Agnieszka Wojciechowska-Sej arbeitet als Museumführerin und Kulturvermittlerin im ms², einer Niederlassung des Museums Sztuki, eines Avantgarde-Museums für moderne Kunst, das im Gebäude der ehemaligen Weberei untergebracht ist. Sie sieht die Lage des Museums, im Spannungsfeld zwischen den angrenzenden Sozialwohnungen und dem gewaltigen Konsumtempel, durchaus als Herausforderung. Manchmal ist sie verblüfft und erstaunt, wenn sich Menschen mit Plastiktüten und Einkaufstaschen auf Vernissagen verirren, Dennoch präsentiert sie mit viel Geduld Werke von modernen Künstlerinnen und Künstlern wie Julita Wójcik und Tamás Kaszás, darunter auch zahlreiche Objekte, deren Botschaft eher auf Konsum- und Kulturkritik fokussiert. Beispielsweise die skulpturähnliche Assemblage „Goldfinger“ von Alina Szapocznikow, bei der sich gespreizte Frauenbeine aus mit Gold überzogenen Autoteilen erheben. Eine Arbeit aus dem Jahr 1965, die sich auf den im Jahr vorher produzierten James-Bond-Film Goldfinger bezieht. „Ein jeder James-Bond-Film zerstört eine Frau und ein Auto“, so fasst Agnieszka Wojciechowska-Sej die mögliche Botschaft der Künstlerin zusammen.

Lodz in Polen - Webstuhl in Aktion in ehemaliger Textildruckerei

Ein Webstuhl in Aktion

Doch nicht nur moderne Kunst ist in der Manufaktura zu finden. Wer will, kann im Fabrikmuseum im Gebäude der ehemaligen Textildruckerei einen Webstuhl in Aktion erleben. Und im Palast von Izrael Poznański, dem Gründer und ursprünglichen Besitzer der Fabrik, die Stadtgeschichte erkunden und erahnen, wie prunkvoll die Textilfabrikanten einst lebten. „Warum soll ich in einem Stil bauen – ich kann mir alle Stile leisten“, soll Poznański als Bauherr gesagt haben, als Hilary Majewski, der Architekt des Palastes, wissen wollte, wie er den von 1888 bis 1903 errichteten Prachtbau gestalten sollte. Heute findet sich darin ein Museum zur Stadtgeschichte, in dem viel Wissenswertes über Künstler zu erfahren ist, die mit Lodz verbunden sind. Beispielsweise über den Pianisten Artur Rubinstein, der in Lodz als siebter Sohn einer Handweberfamilie geboren wurde und über den Literaturnobelpreisträger Władysław Stanisław Reymont, der zwar nicht aus Lodz stammte, aber der Textilmetropole mit dem 1897 erschienen Roman „Das gelobte Land“ ein literarisches Denkmal setzte.

Damals war Lodz eine Industriemetropole, die auf Turbo-Wachstum gepolt war. Von 1894 bis 1905 verdoppelte sich die Einwohnerzahl: von rund 170.000 auf 340.000. Gut einhundert Jahre vorher war Lodz noch ein Dorf mit weniger als 1000 Bewohnern, die Entwicklung zum Textilzentrum begann erst in der Zeit nach dem Wiener Kongress, der den Osten Polens zum Teil des Zarenreichs machte. Der russische Zar lockte Einwanderer aus Deutschland an, die hier etwa ab dem Jahr 1820 die ersten Fabriken aufbauten.

Lodz in Polen - Häuserfassaden in der Piotrkowska

Häuserfassaden in der Piotrkowska

Die besondere Historie zeigt sich auch im Stadtbild: Lodz ist nicht organisch um eine Kirche und eine Marktplatz herum gewachsen, sondern es ist eine im quadratischen Stil angelegte Fabrikstadt – mit einer kerzengeraden Prachtstraße, die noch heute das Herz der Stadt bildet. In der Piotrkowska bauten reiche Fabrikbesitzer und Kaufleute ihre Paläste, hier entstandenen elegante Hotels, wie das 1888 eröffnete Hotel Grand. Ein weiteres Hotel, das 1912 eröffnete Hotel Savoy, das etwa 150 Meter von der Piotrkowska-Straße entfernt liegt, hat der Schriftsteller Joseph Roth übrigens als Schauplatz seines ersten Romans ausgewählt.

Lodz in Polen - Rubinstein-Figur mit Klavier in der Piotrkowskastraße

Rubinstein-Figur mit Klavier

Auch heute lohnt sich ein Bummel durch die Straße, denn im Gegensatz zu Warschau ist Lodz im Zweiten Weltkrieg kaum beschädigt worden. Viele Fassaden sind saniert und erstrahlen im alten Glanz, der Besucher taucht ein in die prunkvollen Jahre der Gründerzeit. Wer zu Fuß durch die über vier Kilometer lange Piotrkowskastraße flaniert, und dort auch das Geburtshaus von Artur Rubinsein passiert, vor dem ein Klavier nebst Rubinstein-Figur aufgebaut ist, der kann den Rückweg mit der Fahrradrikscha antreten. Auf der verkehrsberuhigten Straße gibt es keine Steigungen oder Hügel, weshalb dieses Fortbewegungsmittel hier äußerst beliebt ist.

Lodz in Polen - mit der Rikscha entlang der Piotrkowska

Mit der Rikscha entlang der Piotrkowska

Nicht weit von der Rubinstein-Statue entfernt findet sich der Lodzer „Walk of Fame“, der nicht zufällig am Vorbild Hollywood orientiert ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Warschau weitgehend zerstört war, wurde Lodz die heimliche Hautstadt Polens. In dieser Zeit, konkret 1948, siedelte sich auch die Polnische Filmhochschule hier an. Was zur Folge hatte, dass zahlreiche Regisseure und Schauspieler in Lodz studiert oder doziert haben – von Roman Polanski über Andrzej Wajda bis hin zu Krzysztof Kieślowski. Polanski, der aus Krakau stammte, war von der Stadt, in der er studiert hat, nicht recht angetan. Lodz sei ein Drecksnest gewesen, geprägt von Ruß, Schmutz und Dieselgasen und völlig ohne Charme, so Polanski später. Inzwischen hat sich das gründlich geändert – ein durchaus positiver Aspekt des von Tomasz Koralweski beschriebenen Wandels von der Industriestadt zur postindustriellen Stadt.

Stern für Krzysztof Kieślowski auf dem Lodzer Walk of Fame

Stern für Krzysztof Kieślowski auf dem Lodzer "Walk of Fame"

Bei einem Bummel durch die Piotrkowska-Straße lohnt es sich nicht nur, den Blick auf den Boden zu richten, zu den Sternen des „Walk of Fame“, und nach oben zu den prachtvollen Jugendstil-und Neobarock-Fassaden zu schauen. Empfehlenswert ist auch ein Abstecher in die kleinen Gässchen und Seitenstraßen, in denen sich Kneipen, schräge Läden und alternativ angehauchte Kultureinrichtungen finden. Dass Lodz auf schick und urban macht, zeigen auch übergroße Wandgemälde, die von Graffiti-Künstlern aus aller Welt erstellt wurden, die von der Stadtverwaltung eigens hierzu eingeladen wurden. Eines der markantesten stellt ein hölzernes Segelschiff vor urbaner Kulisse dar – denn Lodz, der Name der Stadt, heißt übersetzt genau das: Schiff oder Boot.

Lodz in Polen - alter Projektor im Filmmuseum

Alter Projektor im Filmmuseum

Neben der Manufaktura und der Piotrkowska-Straße mitsamt ihrer Umgebung gibt es in Lodz natürlich noch weit mehr zu sehen – beispielsweise das Filmmuseum im ehemaligen Scheibler-Palast, die „Weiße Fabrik“, die einst dem Industriellen Ludwik Geyer gehörte und in der sich heute ein modernes Textilmuseum befindet, und die Pfaffenmühle, die ehedem das Reich des Industriellen Karol Scheibler war und deren Fabrikhallen inzwischen zu schicken Lofts mutiert sind. Fast wie ein architektonischer Fremdkörper wirkt hingegen der moderne Bahnhof der Stadt, der dem Berliner Hauptbahnhof nachempfunden wurde – und der immer noch eher zum Auspendeln als zum Ankommen genutzt wird.

Lodz in Polen - In der Ausstellung in der Weißen Fabrik

In der Ausstellung in der "Weißen Fabrik"

Doch Lodz, eine Stadt, in der es früher über 300 Fabriken gab und in der die Arbeitslosigkeit in den 90er Jahren auf über 25 Prozent angestiegen war, erneuert sich und befindet sich im Wandel. Ihr postindustrielles Profil muss die Stadt zwar teilweise noch finden, doch gerade deshalb gibt es hier jede Menge Raum für Kreativität. Der Bevölkerungsschwund jedenfalls scheint mittlerweile gestoppt – und für Urlauber, die sich auf neue Ziele für eine Städtereise mit den Schwerpunkten Architektur, Kunst und Kultur einlassen, ist das moderne Lodz höchst attraktiv. Also, auf geht’s Theo! Jetzt, wo Lodz keine hässliche und stinkende Industriestadt mehr ist, lohnt sich die Fahrt allemal.

Lodz in Polen

 

Informationen

Unterkunft

Filmfreunde übernachten im Stare Kino, in dem die Zimmer im Stil von Filmklassikern eingerichtet sind. Stare Kino, Piotrkowska 120, 90-006 Łódź, Tel. +48 42 207 27 27, booking@cinemahotel.pl, www.cinemahotel.pl.

Modern Wohnen hinter historischen Mauern – in etlichen ehemaligen Textilfabriken finden sich nun schicke Unterkünfte. Direkt an der Manufaktura liegt das Vienna House Andel’s, im Stadtteil Pfaffendorf kann man sich in stilvollen Lofts einmieten:

Vienna House Andel’s Lodz, ul. Ogrodowa 17. 91065 Lodz, Tel. +48 42 279 10 00, E-Mail info.andels-lodz@viennahouse.com, www.viennahouse.com

Loft Aparts, ul. Tymienieckiego 25 c, 90-350 Łódź, Tel. + 48 730 25 25 25, E-Mail info@loftaparts.pl, https://loftaparts.pl

Sehenswert

Manufaktura, Drewnowska 58, www.de.manufaktura.com. Auf dem Gelände finden sich auch:

Muzeum Sztuki (polnischer Avantgarde-Kunst des 20. Jahrhunderts), Museum of Art in Łódź- ms², ul. Ogrodowa 19, Manufaktura, Tel. +48 42 634 39 48, www.msl.org.pl

Muzeum Fabryki und Museum der Stadt Łódź, ul. Ogrodowa 15, www.muzeum-lodz.pl

Weitere Museen:

Muzeum Kinematografii w Łodzi, pl. Lecha Kaczyńskiego 1, 90-312 Łódź, Tel. +48 42 203 24 50, E-Mail muzeum@kinomuzeum.pl, www.kinomuzeum.pl

Textil-Museum in der Weissen Fabrik, Piotrkowska 282, 93-034 Łódź, Tel +48 426832684, E-Mail ctmustex@muzeumwlokiennictwa.pl, www.muzeumwlokiennictwa.pl

Infos

Lodz Tourist Information, 28 Piotrkowska Street #2U, 90-269 Lodz, Tel. +48 42 208 81 81, E-Mail it@lodz.travel, www.lodz.travel/en, www.facebook.com/itlodz

Polnisches Fremdenverkehrsamt, Hohenzollerndamm 151, 14199 Berlin, Tel. 030/21 00 92 0, E-Mail: info.de@polen.travel, www.polen.travel

 

Die Reise wurde unterstützt von der Polish Tourism Organisation und von der Lokalen Tourismusorganisation Lodz.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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