Bloß nicht ohne Spaghetti und Schokolade!

Auf einer Fahrradreise zum Nordkap hängt viel vom Proviant ab

Text und Fotos: Angelika Wilke

Echte Nordkap-Radler lassen das mit dem gesunden Obstessen. „Unnötiger Ballast“, so tut ein Baden-Württemberger, Mitte vierzig, die zwei günstig im Dorfladen erstandenen Orangen ab. Zusammen mit seinem ebenfalls drahtigen Freund kocht er in der Campingküche im nordnorwegischen Olderfjord eine kalorienreiche Mahlzeit.

Die beiden müssen es wissen, sie sind auf Sizilien gestartet und haben den gesamten Kontinent durchradelt – bis auf ein letztes kleines Stück. Rund 130 Kilometer durch die Finnmark liegen noch vor uns bis zur Nordspitze Europas. Orangen bringen einen nicht so weit.

Mit dem Fahrrad zum Nordkap in Norwegen

Auf 123 Kilometern Länge wälzt sich der mächtige Porsangerfjord durch die Finnmark bis zur Barentssee. Die Straße verläuft oft nebenher.

Einen halben Tag lang baumelten sie, bergauf und bergab, in eine Plastiktüte verpackt, an der Radtasche – wer drei Kindern Vitaminzufuhr gepredigt hat, kann eben nicht so leicht aus seiner Haut. Nun ist der Nachwuchs volljährig, der Freiraum vorhanden. Ich war, ohne weiteres Training vorab, mit dem Vorsatz aufs Rad gestiegen, möglichst nicht verbissen auf das große Ziel zu starren – sondern Tag für Tag zu reisen, nach dem Motto: Mal gucken, wie weit ich komme.

Mit dem Fahrrad zum Nordkap in Norwegen

Ekte Geitost (echter Ziegenkäse) schmeckt deutlich besser, als er aussieht – und enthält jede Menge Kalorien!

Das hat lange funktioniert, aber allmählich scheint der Körper ausgebrannt. „Bewusst essen“, das bedeutet für Langzeit-Strampler in der Finnmark etwas komplett anderes als Zuhause.

Kalorien sind das, was zählt. Ohne Spaghetti und Schokolade kein Nordkap. Zwei Monate vorher, Ende April in Norddeutschland, saß die Radhose beim Aufstieg auf das mit 30 Kilogramm bepackte Fahrrad wie angegossen. 3250 Radkilometer später schlottert trotz reichlicher Nahrungsaufnahme sämtliche Kleidung.

Nach der Durchquerung von Polen, Baltikum, Finnland und nun Norwegen ist klar: Supermärkte gibt es überall in jedem größeren Ort. Für Radreisende fällt ein Rieseneinkauf dort natürlich aus. Ich stoppe daher häufig an einem sklep (polnisch), pood (estnisch), kauppa (finnisch), Landhandel (norwegisch) - einem Dorfladen eben, um den Proviant zu ergänzen. Oder um einfach zu gucken, weil das Angebot variiert, und ich keine landestypische Köstlichkeit verpassen möchte. Radfahren macht hungrig ... auf so einer langen Radreise wie der zum Nordkap rückt das Thema Essen an die vorderste Front. Tante-Emma-Läden rangieren vor Sehenswürdigkeiten.

Mit dem Fahrrad zum Nordkap in Norwegen

In Nordpolen existieren neben Supermärkten besonders viele kleine Läden für den täglichen Bedarf - wie hier in Masuren am Goldopiwo.

In Litauen, auf dem platten Land zwischen Šakiai und Jurbarkas, ist der Durst bei über 30°C groß. Zur Abwechslung darf es aber gerne mal etwas anderes sein als Wasser. Der Blick wandert durch die Regale des Geschäftes an der Landstraße und in die Kühltruhe. Die Verkäuferin zuckt entschuldigend mit den Schultern: Alle in Frage kommenden Getränke enthalten Alkohol. Vorwiegend Lastwagenfahrer trotten herein, tauschen leere Bierflaschen gegen volle, ein kräftiger Blonder trinkt gleich am Tresen und tut mit ein paar Wörtern Deutsch fröhlich politische Ansichten kund. Der junge Elsässer draußen im Schatten isst lieber ein Eis – er will mit seinem Drahtesel insgesamt 12 000 Kilometer weit bis nach Wladiwostok fahren.

Mit dem Fahrrad zum Nordkap in Norwegen

Gegensatz zu mir ist der Elsässer nach Wladiwostok mit leichtem Gepäck unterwegs.

Das Baltikum ist über weite Strecken Pippi-Langstrumpf-Land, obwohl Südschweden, die Heimat der Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, durch die Ostsee von Litauen, Lettland und Estland getrennt ist: Bunte Holzhäuser, von Blumen und Staketenzäunen umsäumt, Weiher, aus denen unablässig lautes Froschquaken ertönt. Hitze flirrt über den Feldern, ein zerzauster Kranich stolziert ungelenk durch die Furchen. Störche senken die spitzen Schnäbel, weniger auf der Suche nach Fröschen, wie allgemein behauptet, sondern nach großen Insekten, Wühlmäusen oder Schlangen. Briefkästen an Zufahrtswegen warten auf Post für Anwesen mitten im Wald.

Schotterstraßen verbinden häufig Höfe oder Dörfer. Nach dem ersten längeren Schieben durch den mit Kieselsteinen versetzten Sand macht die eher schmale Bereifung meines Trekkingrades klar: Eine der handelsüblichen Karten mit Kennzeichnung der vertrackten Gravel roads ist ein Musthave.

Mit dem Fahrrad zum Nordkap in Norwegen

Noch viel sandiger ist es am wunderbar ursprünglichen Ostseestrand des Ferienortes Ainaži.

Inmitten einer Löwenzahnwiese liegen Kühe, die während des Wiederkäuens gleichmütig die Straße im Auge behalten. Um den Hals tragen die Damen locker eine Kette, an der sind sie angepflockt und werden bisweilen „umgesetzt“. Eine Einzäunung leisten sich baltische Bauern vor allem für Pferde.

Mit dem Fahrrad zum Nordkap in Norwegen

Landleben in Lettland

Auf dem Ostseeküstensträßchen durch das estnische Pärnumaa passiere ich eine Kirche ohne Dorf und kurz später ein Altenheim, durch dessen verwilderten Garten mit hohen, Schatten spendenden Bäumen einige Senioren ihre Rollstühle lenken. Dann bietet sich ein Tante-Emma-Laden mit angeschlossenem Café für einen Stopp an. Mit einem Eis setze ich mich auf die sonnigen Stufen, einige betagte Kundschaft verschwindet im Shop, um Wurst, Käse und das Flaschensortiment unter die Lupe zu nehmen. Aus dem Café dringt eine deutsche, bekannte Stimme ans Ohr. Wer ist das bloß, 1700 Kilometer von Zuhause entfernt? Neugierig erhebe ich mich. Tatsächlich - Angela Merkel ruft im estnischen Fernsehen dazu auf, für „unser Europa“ zu kämpfen. Sehr gerne, Frau Bundeskanzlerin, womöglich schaffe ich es ja bis ganz nach oben!

Mit dem Fahrrad zum Nordkap in Norwegen

Das Geschäft an der Straße durch den Ort Tuppurinmäki eröffneten Anis Schwiegereltern 1954.

Tief in den Wäldern Südfinnlands, zwischen Leppävirta und Vehmersalmi, liegt an einer sich förmlich bergauf, bergab rollenden Straße, Hausnummer 1696, das Geschäft von Ani Tuomainen und ihrer Familie. Eine Tankstelle, eng stehende Regale mit Waren von Überraschungseiern bis hin zu Gummistiefeln. Gebäck auf der Theke sowie ein Kaffeeautomat, dazu Tisch und Stühle für eine Rast, das Wohnhaus direkt nebenan, gegenüber der Baustoffhandel ihres Mannes. Vorratshaltung wird groß geschrieben. Von allen Seiten drängt der Wald.

Ani, vor 62 Jahren in Helsinki geboren, wirkt dennoch kein bisschen einsam. Alle naselang schauen Kunden herein, aber wiederum nicht so viele, dass die Zeit für ein Schwätzchen fehlte. Die Tochter ist auf Stippvisite aus Kuopio da, der Enkel fährt mit einem Bobbycar zwischen den Regalen herum. Zudem ergibt sich nun auch noch die Gelegenheit, Deutsch zu sprechen. Ani hat es vor ihrer Heirat im Sprachgewirr der Schweiz, wo sie in einem Restaurant arbeitete, gelernt. Obwohl nun zum Ladenschluss quasi Multitasking angesagt ist, bleibt die Inhaberin ruhig und strukturiert bei ihrer täglichen Routine - wie eigentlich alle hier. Generell ist es schwierig, in den Wäldern aufgeregte Finnen zu treffen.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Reiseveranstalter Norwegen bei schwarzaufweiss

 

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