Bloß nicht ohne Spaghetti und Schokolade!

Auf einer Fahrradreise zum Nordkap hängt viel vom Proviant ab (2)

 

Mit dem Fahrrad zum Nordkap in Norwegen

Magisch-finnisch: Abendstimmung am See

In der Zeit vor und nach der Sommersonnenwende bleiben die Nächte im hohen Norden taghell - besonders praktisch beim Zelten und abendlichen Kochen. Man verliert das Zeitgefühl, plötzlich ist es schon Mitternacht, und das Plumpsklo trotzdem ohne Taschenlampe leicht zu finden.

Ungezählte, adrett rot gestrichene Bushäuschen entlang des grauen Asphaltbandes nach Norden – gut, um das Rad anzulehnen und sich zu setzen. Niemand wartet jedoch auf den Bus, denn es sind Sommerferien.

Mit dem Fahrrad zum Nordkap in Norwegen

Teil von Naomis Ferienprogramm: Sie verkauft Kuchen von zuhause aus.

Im Juli macht ihre Familie in Spanien Urlaub, für den Rest der zwei Ferienmonate muss sich die 14-jährige Naomi selbst ein Programm überlegen. Das Hobby des Teenagers aus einem kleinen Ort in der Nähe von Pudasjärvi heißt Backen. Also hat ihre Familie für Naomi eine Kuchenvitrine ausgeliehen. Der Eingangsbereich des Wohnhauses wird zum Café umfunktioniert, wo das schlanke, blonde Mädchen mit den rosa Turnschuhen Chefin ist. Dunkler Kuchenboden, rosa, fest gewordene Creme darauf, getoppt von einem Gummibärchen – das ist Kalorienzufuhr und motivierende Belohnung zugleich, wenn man mit dem Velo zum Nordkap strampelt.

Mit dem Fahrrad zum Nordkap in Norwegen

Der zum Schwimmen einladende See ist auch Mitte Juni noch eiskalt.

Ausreichend Proviant ist wichtiger als die Karte, denn nördlich der Ostsee, bereits vor dem 66. Breitengrad, ist das Straßennetz überschaubar und die Gegend hauptsächlich von Mücken, Bäumen und Rentieren besiedelt. Jenseits des riesigen Oulusees gibt es nur wenige Orte. Es bleibt massenhaft Zeit, vom Rad aus die weite Taiga mit ihren Flüssen, riesigen Seen und Bergen zu bewundern.

Auf dem Campingplatz in Rovaniemi ist jedes der fünf Kochplattengeräte von Fernradlern mit Beschlag belegt. Fast 90 Kilometer weiter südlich, in Ranua, gab es die letzte Möglichkeit sich zu verproviantieren, da erscheint die Hauptstadt Lapplands als ein Einkaufsparadies, nicht nur in Sachen Lebensmittel. Eins der raren Fachgeschäfte für Fahrräder wird ebenfalls gerne angesteuert.

Wenige Kilometer weiter, in Napapiri, folgt ein Halt ganz neuer Art: Eine dicke weiße Linie ist quer über den Teer gemalt. Das Velo sowie beide Füße passen so eben darauf – ab jetzt geht es nördlich des Polarkreises weiter.

Kindern hingegen ist der weiße Strich ziemlich egal. Auf der weiten Urlaubsfahrt in den Fahrzeugen ihrer Eltern werden sie mit einem ganz anderen Versprechen bei Laune gehalten – wenn er nicht gerade mit dem Rentierschlitten unterwegs ist, um Geschenke zu verteilen, wohnt nämlich der Weihnachtsmann in Napapiri! Diese „Tatsache“ sorgt in dem vom Tourismus geradezu aufgesaugten „Werkstatt-Dorf“ für weitaus mehr Furore als der Polarkreis.

Mit dem Fahrrad zum Nordkap in Norwegen

Dass Autofahrer ihnen den Vortritt lassen, finden Rentiere selbstverständlich.

Halbwilde Rentiere, allerdings ohne rote Nase, streifen vermehrt auf der Suche nach Schösslingen, Blättern und Flechten an der Straße entlang. Autos kümmern sie nicht weiter, Radfahrer hingegen sind hier in Lappland nach wie vor eine Rarität, sodass diese Verwandten der Hirsche nicht selten Reißaus nehmen. Bei Kälte zerstreuen sich die Tiere, deren Eigentümer häufig dem indigenen Volk der Samen angehören, weitläufig. Wird es wieder wärmer, sammeln sie sich ganz von selber auf dem heimatlichen Hof, denn mit den höheren Temperaturen rücken auch die Mücken an; denen will niemand allein ausgeliefert sein.

Bei vier Grad plus am Tag sind die Paddocks der Farmen leer. Genauso wie das ausgedehnte Areal des Wald-Campings Vajusuvanto, nördlich von Sodankylä. Ein Angler, der sich in einer der roten Holzhütten eingemietet hatte, hat genug vom permanenten Regen – er packt gerade zusammen, als ich den abgelegenen Platz endlich aufgespürt habe. Im kärglich besiedelten Lappland freue ich mich über jede Gesellschaft – einschließlich der des Platzwartes in seiner kuschelig aufgewärmten Hütte. Mir einen Schnaps anzubieten, damit hat der Mann jedoch sein Soll erfüllt. Später kräuselt sich eine dünne Rauchsäule über der Sauna am Fluss, die er für sich eingeheizt hat. Manchmal bedauere ich es, nirgendwo zuhause zu sein – mit einem Regal voller Bücher und einer gemütlichen Küche. Regen tropft unaufhaltsam von den Bäumen, als ich abends ins Zelt krieche und auch, als ich morgens aufstehe.

Die Strecke von Sodankylä bis Ivalo gilt unter der sehnigen, meist männlichen Nordkap-per-Rad-Klientel, die vom Studenten- bis zum Rentenalter reicht, als härteste Distanz auf der gesamten Reise: 170 Kilometer ohne radelfreundlich verteilte Infrastruktur, aber mit Steigungen. Es empfiehlt sich, Proviant für zwei Tage einzupacken. Bei Regen lenkt zumindest mich der „Sehtest“ vom Einerlei aus Wald und grauer Chaussee ab: Weit vor mir leuchtet eins der blauen Schilder mit Entfernungsangaben. Ivalo ist ein kurzer Name, leicht zu erkennen. Ist die Zahl dahinter immer noch zweistellig? Leider eindeutig ja. Ist es eine „10“, eine „16“ oder doch eine „18“? Letzteres, natürlich. Schade.

„Ich konnte keine Nudeln mehr sehen“, meint ein Deutschrusse aus Bochum. Die Campingküche in Karasjok verfügt über einen Backofen, aus dem nahen Zentrum der norwegischen Kleinstadt hat sich der 35-Jährige eine Tiefkühlpizza geholt. Teuer und geschmacklich bescheiden. Aber seine Idee, ein Sechserpack Eier als Proviant hartzukochen, die übernehme ich gerne.

Mit dem Fahrrad zum Nordkap in Norwegen

Tief schneidet der Tufjord in die Nordkap-Insel Magerøya ein.

Und dann endlich das Nordkap. Abgesehen von einigen Inseln um Spitzbergen sowie der Erdkrümmung, ist der Blick zum 2100 Kilometer entfernten Nordpol unverstellt. - Ein strahlender Sonnentag, wann hat man das schon an diesem Felsen? Rund 300 Meter fällt die Klippe steil in die zum Europäischen Nordmeer gehörende Barentssee ab und ist eigentlich für Nebel und Sturm im Hochsommer berüchtigt. Längst nicht alle der rund 200.000 Touristen zwischen Mitte Mai und Ende Juli bekommen die Mitternachtssonne zu sehen.

Insofern ist es ein richtiges Glück, neben der 1978 aufgestellten Weltkugel ins traumhafte Blau zu gucken. - Oder etwa nicht? Neun Wochen lang war ich Richtung Norden getaktet. War glücklich auf den beinahe 3400 Kilometern und habe die Mammutdistanz an schlechten Tagen verflucht. Da stellt man sich nicht so schnell um.

Mit dem Fahrrad zum Nordkap in Norwegen

Angekommen am Nordkap

Es geht jetzt nur noch nach Süden. Oder für die schnellste Heimreise zum kleinen Flughafen bei Honningsvåg, der mit 2800 Einwohnern einzigen Kleinstadt auf der Nordkap-Insel Magerøya. Mein Gefühl von Leerlauf verschwindet rasch, denn ich habe eine Kabine auf einem der Hurtigruten-Schiffe, die in Honningsvåg anlegen, gebucht. Bei einer Anderthalb-Tage-Passage bis hinunter zu den Vesterålen ist zweimal Frühstücksbuffet inklusive. Plus ein weiches Bett.

 

Informationen

Charakter: Radwege, wie man sie von Touren in Deutschland kennt, existieren in Nordeuropa deutlich seltener, zumal dort auch weniger Fahrrad gefahren wird. Ähnliches gilt für Fahrradgeschäfte, eine Autowerkstatt ist u.U. eine Alternative. Je weiter man nach Norden kommt, desto dünner ist das Verkehrsnetz – hier lässt es sich auch auf Hauptverbindungsstraßen radeln.

Fahrrad: „Unplattbare“ Mäntel sowie nicht zu dünne Reifen am ordnungsgemäß ausgerüsteten, stabilen Reiserad halten länger durch.

Übernachten: Angebote von Hotels bis zu Campingplätzen sind vorhanden, allerdings in unterschiedlicher Dichte, z.B vermehrt an Küsten und in anderen touristischen Gegenden. In Finnland, Norwegen und Schweden ist Wildzelten nicht motorisierten Reisenden nach den Regeln des Jedermannsrechtes (www.visitnorway.de) erlaubt.

Reisezeit: Am besten radelt man zwischen Mai und September nordwärts: Die Tage sind lang, die Straßen schneefrei und die Temperaturen allermeist im Plusbereich.

Reiseveranstalter: Wer nicht so viel Zeit hat, kann die Tour buchen, z.B. bei Launer Reisen, Tel. 07964/921000, www.launer-reisen.de.

Literatur: In den CYKLOS-Radreiseführern des Wolfgang-Kettler-Verlages (www.kettler-verlag.de) finden Nordkap-Radler viele Informationen zu den an der Route liegenden Ländern. Kartenmaterial zu den jeweiligen Gebieten gibt es vor Ort an Tankstellen und im Buchhandel.

Mehr zum Thema: „Trotzdem aufbrechen. Mit Fahrrad und Zelt allein zum Nordkap und um die Ostsee“; Angelika Wilke; 360grad medien-Verlag, 224 Seiten/123 farbige Abbildungen; Taschenbuch; ISBN 978-3-947944-13-2; 16,80 Euro

Website der Autorin: www.angelika-wilke.de

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Reiseveranstalter Norwegen bei schwarzaufweiss

 

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