Ein Besuch im Keukenhof

 

Niederlande - Blumenmädchen auf Stelzen. Keukenhof, Lisse, Holland.

Blumenmädchen auf Stelzen

Blume aus dem Morgenland

Ein ganz anderer „Tulpenwahn“ als der, dem die Besucher des Keukenhofs machtlos unterliegen, war in Holland vor vierhundert Jahren ausgebrochen. Zu jener Zeit war die Tulpe ein fremdartiges, exotisches Gewächs. Eine Wildpflanze aus Zentralasien, die über das Osmanische Reich den Weg nach Europa fand. Der Humanist und Botaniker Carolus Clasius brachte 1593 die ersten Zwiebeln nach Holland, die er in Wien von Ogier Ghislain de Busbecq, dem Gesandten des Habsburger Kaisers Maximilian am Hofe von Sultan Süleyman I., erhalten hatte. An die Universität Leiden berufen, pflanzte Clasius die Exemplare im Lehrgarten „Hortus Botanicus“ an, dem ältesten botanischen Garten der Niederlande, der heute in der Altstadt zu besichtigen ist.

„Vermutlich handelte es sich um die Sorten ‚Sommerschön‘ oder ‚Tulipa Zomerschoon‘“, sagt Carla Leune, eine Hobbybotanikerin im Hortus Botanicus in Leiden. Eine Tulpe mit schöner roter Blüte und weißen Streifen, so die Tulpenkundige, die sich als Hybrid bis heute erhalten habe. Die an sich unscheinbare bescheidene Blüte in den charakteristisch kräftigen Farben entsprach ganz dem Geschmack der calvinistisch geprägten Holländer und wurde im Nu zur Modeblume der Bürger. Den Gärten ihrer Besitzer schenkte sie die Aura von Extravaganz, Exotik und Schönheit. Zumal im kargen Frühjahr, das ohnehin nie viel Farbe bot.

Niederlande - Tulpe Tulipa 'parkiet New Design' im Tulpengarten Keukenhof, Lisse, Holland

Tulpe Tulipa 'parkiet New Design'

So wurden immer neue Sorten gezüchtet. Bald entstanden faszinierende Exemplare mit geflammten, zweifarbigen Blütenblättern, die extrem gefragt waren. „Die auffälligen Muster erzeugte das Mosaikvirus“, erklärt Clara Leune, ein damals noch unbekannter Blattlausbefall. Je kränker die Zwiebeln, desto barocker und schöner entpuppten sich die Blüten. „Wenn man das geflammte Tulpenrot betrachtet, kann man die entfesselte Gier danach leicht nachvollziehen“, sagt die Blumenliebhaberin.

Doch das Virus war epidemisch und am Ende tödlich für die Zwiebel. Erst um 1920, als das Mikroskop aufkam, konnte es von der Wissenschaft identifiziert werden. Der Verkauf geflammter Tulpen wurde verboten. Heute werden sie gezüchtet.

Im Tulpenfieber

Im Holland des 17. Jahrhunderts löste die bis dahin unbekannte Blume die erste Spekulationsblase der Finanzgeschichte aus. Die Zwiebeln waren eine Rarität, zumal sie neun Monate unsichtbar unter der Erde steckte, ehe sie aufblühte. Der Erfolg war also sehr vage. Doch plötzlich wollte jeder sie haben. Ein floraler Goldrausch brach aus.

Niederlande - Tulpen im Tulpengarten Keukenhof, Lisse, Holland

Tulpen im Tulpengarten

„Die Nachfrage überstieg schnell das Angebot“, sagt Rik Frehen, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Tilburg. Wie im Rausch kauften und verkauften die Händler ein und dieselbe Zwiebel mehrmals am Tag. Die Preise explodierten – eine hässliche schrumpelige Pflanzenknolle als Spekulationsobjekt. Die Verkäufer hofften auf riesige Profite, und es wurden verrückte Preise gezahlt. „Die teuerste Tulpenzwiebel wurde zum Preis eines Hauses in der Heerengracht verkauft, der teuersten Adresse in Amsterdam“, sagt der Wissenschaftler.

Holland war seinerzeit eine aufstrebende Volkswirtschaft und im Begriff, sich als Kolonialmacht zu behaupten. Der Traum vom schnellen Reichtum kursierte, und die Kursverläufe der Versteigerungen versinnbildlichten das. Anfangs klappte die Spekulation mit der Tulpenzwiebel und machte viele Leute in kurzer Zeit unfassbar reich. Manche verzockten sich. Der Crash kam 1637. In wenigen Tagen stürzten die Kurse ins Bodenlose. Der Zauber war vorbei. Die Tulpe hatte sich jedoch einen Platz im nationalen Selbstverständnis gesichert.

Niederlande - Mädchen aus Afghanistan sucht den Duft der Tulpe. Doch Tulpen duften nicht. Keukenhof, Lisse, Holland

Mädchen aus Afghanistan sucht den Duft der Tulpe. Doch Tulpen duften nicht

 

Informationen

Anreise:

Wer mit dem Flughafen in Amsterdam-Schiphol ankommt, kann mit dem eigens für das Tulpen-Erlebnis eingerichteten Keukenhof-Express (Linie 858) fahren. Fahrdauer: ca. 35 Minuten.

Sehenswert:

Keukenhof, Stationsweg 166a, 2161 AM Lisse, Tel. 0031 252 46 55 05, www.keukenhof.nl/de, info@keukenhof.nl. Der Keukenhof ist nur acht Wochen geöffnet, ab ca. Mitte März bis Mitte Mai, täglich von 8-18 Uhr.

Hortus Botanicus, Rapenburg 73, 2311 GJ Leiden, Tel. 0031 71 527 51 44, www.hortusleiden.nl (deutsch)

Schlafen:

Grand Hotel Huis ter Duin, Noordwijk, Koningin Astrid Boulevard 5, 2202 BK Noordwijk, www.huisterduin.com. Luxushotel mit Strand vor der Haustür und Meerblick.

Villa de Beukenhof, Terweeweg 2-4, 2341 CR Oegstgeest, Tel. 0031 71 720 09 09, www.villa-beukenhof.nl. Das Anwesen Buchenhof liegt am Rande eines historischen Parks von 1926, zu dem das intime Boutiquehotel mit wenigen Zimmern gehört.

Essen & Trinken:

De Vier Seizoenen, Heereweg 224, 2161 BR Lisse, Tel. 0031 252 41 80 23, www.rdvs.nl. Im Frühjahr serviert Chefkoch Peter Rodewijk ein mehrgängiges Tulpenmenü. Die Blütenblätter entwickeln im Gaumen süßliche bis pfeffrige oder leicht bittrige Noten, ergänzen hervorragend Fleisch- und Fischgerichte.

Beachclub O, Koningin Wilhelmina Boulevard 106, 2202 GW Noordwijk, www.beachclubo.nl. Szeniges Restaurant mit ausgefallener Küche in nicht zu übertreffender Standlage.

Suzie’s en Van Aken, Geversstraat 63 A, 2341 GC Oegstgeest, Tel. 0031 71 899 35 24, www.suziesenvanaken.nl. Persönlich geführtes Restaurant mit kreativer Küche und ausgeprägtem mit Hang zu liebevoller Tisch- und Teller-Deko.

Auskunft:

Niederländisches Büro für Tourismus, Richmodstr. 6, 50667 Köln, www.holland.com, www.noordwijk.info/de/noordwijk-entdecken.

 

Website der Autorin: www.beate-schuemann.de

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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